Margaret Atwood

(c) Jean Malek

BUCH

Science Fiction von Frauen #8: Margaret Atwood


Weiter geht es mit unserer Kolumne über großartige Frauen in der Science-Fiction-Literatur. Heute im Porträt: Margaret Atwood, die gerade für ihre Fortsetzung von „Der Report der Magd“ viel Aufmerksamkeit bekommt. 

Diese Porträt ist eine schwierige Angelegenheit: Atwood, obgleich schon seit Jahrzehnten unter anderem von Science-Fiction-Weltruhm, konnte sich nie mit dem Genre anfreunden. Ich porträtiere sie hier trotzdem und erkläre euch natürlich gern, warum!

Science Fiction versus „speculative fiction“

Margaret Atwood, die „Der Report der Magd“ bereits 1986 veröffentlichte, nannte dieses prägende Werk „speculative fiction“, weil die Geschehnisse darin tatsächlich geschehen könnten. Sie sagt dazu: „Die Science Fiction hat Monster und Raumschiffe; speculative fiction könnte hingegen tatsächlich passieren.“ Auch zu ihrer Post-Apokalypse „Oryx und Crake“ äußerte sie sich folgendermaßen: „Es ist Fakt in der Fiktion. In der Science Fiction gibt es Raketen und Chemikalien.“

Das ist natürlich – ich würde mal sagen – verhandelbar. Nicht mit Atwood selbst vielleicht, denn das haben schon ganz andere versucht, aber nehmen wir im Sinne dieser Porträtreihe einmal an, dass Science Fiction auch Post-Apokalypsen und spekulative Near-Future-Dystopien umfasst.

Atwoods Standpunkt von „Monstern und Raumschiffen“ verleugnet, was Science Fiction kann und tut, und während der Begriff immer schon schwammig war, weil er ein so großes und vielfältiges Genre beschreibt, sagt Atwoods Argument doch auch etwas über das Standing und die generelle Wahrnehmung der Science Fiction aus. Ihre Weigerung, sich selbst zu diesem Genre zu zählen, hat dann auch einige Kritiker*innen dazu bewogen, besonders in Besprechungen der exzellenten Psychostudie „Oryx and Crake“ hervorzuheben, dass Science Fiction niemals diese psychologischen Nuancen aufweisen könnte – und somit kann der Roman also keine SF sein, richtig?

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"Die Zeuginnen", die Fortsetzung von "Der Report der Magd", ist jüngst im Handel erschienen.

Dabei ist der Fall besonders bei „Oryx und Crake“ mit seinen genetischen Experimenten, seiner apokalyptischen Endzeit, seinen wilden Kreuzungen und neu gestalteten Menschen ziemlich eindeutig. „Der Report der Magd“, die als Serie verfilmte Dystopie über Unfruchtbarkeit, Tyrannei und Unterwerfung von Frauen, weist ebenfalls alle „Marker“ auf, die ihn einem Untergenre der Science Fiction zuordnen – der Social-Science-Fiction zum Beispiel oder der feministischen Science Fiction.

Selbst Ursula K. Le Guin widersprach Atwood in dem Bestreben, ihre Bücher vom Label zu befreien. Sie sagte, Atwood treffe keine gültige literarische Unterscheidung, sondern schütze ihre Werke vor literarischen Fanatikern, die Science Fiction in ein „literarisches Ghetto“ stecken wollen.

Es ist natürlich irgendwo verständlich, dass Atwood, die keinesfalls nur Science Fiction, pardon, speculative fiction schreibt, sondern auch Gegenwartsfiktion, Thriller und Lyrik, ihre Romane von diesem „Makel“ befreien will. Immerhin ein kleiner Sieg fürs Genre: Obwohl sich Atwood nicht als Science-Fiction-Autorin versteht, bezeichnet sie sich als Science-Fiction-Liebhaberin.

Utopische Kindheit in Kanada

Margaret Atwood wurde 1939 in Kanada geboren und lebt heute in Toronto. Ihre Kindheit verbrachte sie an einem See, für jede Besorgung musste ihre Familie mit einem Boot aufbrechen. Erst mit elf besuchte Atwood ganzjährig eine Schule, und schon mit sechzehn widmete sie sich leidenschaftlich dem Schreiben. Mit zweiundzwanzig veröffentlichte sie ihren ersten Lyrikband. Noch heute prägen Wasser und Wald eine für sie gültige Utopie – und natürlich ein gerechteres Sozialsystem, eine Verringerung des CO2-Ausstoße und die Erhaltung unserer Lebensgrundlage.

Trotz der Dystopien ist Atwood Optimistin – alle Schriftsteller*innen seien im Grunde ihres Herzens optimistisch, denn sie hegen die Hoffnung, dass noch Menschen da sein werden, die ihre Werke lesen wollen. In dieser Hoffnung hat Atwood die einzige Kopie ihres Romans „Scribbler Moon“ dem norwegischen Future Library Project übergeben, das ihn erst 2114 zur Lektüre freigeben wird.

Die Macht der Magd

„Der Report der Magd“ ist wohl Atwoods berühmtestes Werk der „speculative fiction“. Seit 1986 war der Roman niemals vergriffen und ist weltweit millionenfach verkauft worden. Es ist das Buch schlechthin, wenn es um Politik geht, die sich um die Kontrolle des weiblichen Körpers und der Fortpflanzung geht – nicht umsonst protestieren Demonstrant*innen weltweit im ikonischen Magd-Kostüm „pro choice“ und für die Autonomie ihrer eigenen Körper.

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Die Magd geht um – sie ist zum geisterhaften Symbol einer Zukunft geworden, die uns in manchen Momenten nicht einmal mehr fern erscheint; zum Beispiel, wenn in US-Bundesstaaten Schwangerschaftsabbrüche zu jedem Zeitpunkt und unter allen Bedingungen unter Strafe gestellt werden. Doch machen wir uns nichts vor: Auch in Deutschland geistert die Magd durch so manche Äußerung der AfD und durch den Unwillen, Schwangerschaftsabbrüche nach wie vor nicht zu legalisieren (sondern nur unter bestimmten Umständen von Strafe zu befreien).

Die Hulu-Serie ist nur eine von vielen Medieninkarnationen des Werks, ein Film von Volker Schlöndorff und eine Oper gingen ihnen voraus. Atwood begann die Arbeit an „Der Report der Magd“ 1984 in West-Berlin, schrieb dann jedoch in Kanada und den USA weiter. Sie beendete das Buch in Alabama. (Bezeichnenderweise: Berlin, von einer Mauer umgeben und mit seiner Geschichte im Nationalsozialismus, und Alabama als „Musterstaat“ des politisch rechten Südens der USA – die Tyrannei eines totalitären Systems und der strenge Puritanismus sind die Grundpfeiler, auf denen „Der Report der Magd“ steht.)

Atwood selbst erinnert sich kaum noch an den Schreibprozess. In ihrem Tagebuch stünden Einträge wie „Ich fühle mich wie leergesaugt. Aber ich funktioniere noch.“ Beim Erscheinen 1986 sah Atwood nicht kommen, wie aktuell ihre Dystopie noch werden würde. Dabei hatte sie eine Regel, die sie beim Schreiben befolgte: Sie wollte nichts im Roman beschreiben, was Menschen nicht bereits zu einer anderen Zeit oder an einem anderen Ort getan hatten, und keine Technologie entwerfen, die nicht bereits existierte.

Auch die Bezeichnung „feministische Dystopie“ trifft ihrer Meinung nach nicht zu – denn an der Spitze ihrer Gesellschaft stehen auch machtvolle Frauen, wohingegen eine feministische Dystopie ein System beschreiben müsste, in dem Männer an der Spitze stehen und Frauen unterdrückt werden. (Auch hier wage ich zu widersprechen, was aber mit Sicherheit auch an den unterschiedlichen Feminismus-„Generationen“ liegt, denen Atwood und ich angehören: „Der Report der Magd“ beschreibt ein wirkmächtiges Patriarchat, und es ist absolut nicht unüblich, dass auch Frauen in dieser Hierarchie Macht ausüben können und auch Männer machtlos sind.)

Sie selbst sei zu sehr Optimistin, um den Roman in vollständiger Dystopie enden zu lassen – der Epilog aus „Der Report der Magd“ bietet uns noch eine zweite Zukunft, und Atwood sagt: „Wann immer mich Leute fragen, ob ich glaube, dass ‚Der Report der Magd‘ wahr wird, sage ich, dass es zwei Zukünfte in diesem Buch gibt, und wenn die erste davon wahr wird, kann auch die zweite wahr werden.“ Noch 2012 schrieb Atwood im Guardian über „Der Report der Magd“, der sie seit dreißig Jahren begleitet: „Einige Bücher suchen die Lesenden heim. Andere suchen ihre Autorin heim. ‚Der Report der Magd‘ hat beides getan.“

Viele Genres, viele Fronten, viele Bücher

Margaret Atwood kann mittlerweile auf sechzehn Romane, acht Kurzgeschichtensammlungen, acht Kinderbücher, siebzehn Lyrikbände, zehn Essaysammlungen, eine ganze Reihe Drehbücher, Graphic Novels, Briefe und aktivistische Texte zurückblicken und engagiert sich nach wie vor für Umweltschutz und Menschenrechte. Sie reist viel und schreibt überall. Jetlag reißt manchmal innere Barrieren ein, hinter denen sie Ungeahntes findet. In diesem Jahr wird Atwood achtzig Jahre alt, und wie Le Guin, die 2018 starb, hat sie im Alter ihre Sichtbarkeit nicht verloren. Ihre MaddAddam-Trilogie, deren erster Band „Oryx and Crake“ 2003 erschien und der letzte, „Die Geschichte von Zeb“, 2013, zeigt, wie ausführlich und dringlich Atwood sich mit den umweltpolitischen Problemen unserer Zeit und globalen Zusammenhängen befasst und sie in die Zukunft weiterdenkt. (Wer sich mit Atwoods Postapokalypse beschäftigen möchte: Besonders empfehlenswert ist übrigens die Hörbuchumsetzung aus dem Ronin-Verlag!) Dabei ist und bleibt sie eine Advokatin für digitale Technologien, sie, die 1984 noch „Der Report der Magd“ per Hand geschrieben hat und nun nicht nur 1,5 Millionen Twitter-Follower hat, sondern auch das Patent für einen Stift, mit dem man als Autor*in „fernsignieren“ kann!

Die schwierigste Zeit als Autorin seien ohnehin ihre „mittleren“ Jahre gewesen. Zu alt, um ein aufsteigender Stern zu sein, zu jung, um eine „ehrwürdige, großelternförmige Ikone“ zu sein. Paradoxerweise sei dies jedoch auch oft die Zeit, in denen Autor*innen ihre größten Werke schaffen. Sie sei damals immerhin nicht in Eile gewesen, „weil sie die Ziellinie, die man Tod nennt“, noch nicht vor sich gesehen habe.

Der Mensch im Zentrum

Was Atwoods Romane über die Genregrenzen hinweg auszeichnet, ist die nuancenreiche Darstellung des Menschen im Zentrum. „Wissenschaft und Technik sind es nicht, die uns irgendwo ‚hinbringen‘. Diese Dinge haben kein eigenes Leben abseits der Menschen. […] Wir sollten zuallererst unsere Wünsche und Begierden unter die Lupe nehmen. Wissenschaft und Technik sind Werkzeuge. Wir können sie nutzen, um unseren Zustand und den unseres Planeten zu verbessern, und wir können sie zur Zerstörung nutzen. […] Wir stehen am Wendepunkt: Wenn die Ozeane sterben, werden wir sterben.“

Auch was Gleichberechtigung angeht, sieht Atwood stets den Menschen im Zentrum. Sie mag es nicht, Aussagen über speziell geschlechterverteilte Macht zu treffen – beispielsweise darüber, wer größere Chancen auf Veröffentlichung hat. Sie sagt, das sei nicht möglich, da Autorinnen unterschiedlicher kultureller Hintergründe ganz unterschiedliche Möglichkeiten haben, Bücher zu veröffentlichen. Manchmal gelingt es Atwood trotz ihres jahrzehntelangen Engagements nicht, allgemeine Strukturen sichtbar zu machen, was sich auch in ihrer Zurückhaltung zeigt, „Der Report der Magd“ als feministische Fiktion zu bezeichnen. Sicherlich ist sie damit einfach Zeitzeugin des sich wandelnden Verständnisses von Feminismus zwischen dem sogenannten „second“ und „third wave feminism“.

„Bad Feminist“

Atwood wetzte das Messer ihrer scharfzüngigen Tweets und Texte an der #metoo-Bewegung. Auf eine Anschuldigung folge in der #metoo-Ära sofort eine Vorverurteilung, sagte sie, und unterzeichnete im November 2016 eine Petition, der zufolge die Kündigung eines Autors und Professors der University of British Columbia rückgängig gemacht werden sollte, der wegen sexueller Nötigung und sexuellem Missbrauch angeklagt war. Viele waren entsetzt, ihren Namen auf der Petition zu finden, woraufhin Atwood einen langen Text schrieb, in dem sie leicht amüsiert feststellte, dass ausgerechnet sie nun offenbar als schlechte Feministin dastehe. Nach ihren feministischen Grundsätzen gefragt, pflegt sie meist zu antworten, dass sie einem einfachen Grundsatz folge: „Frauenrechte sind Menschenrechte, denn Frauen sind Menschen. Es ist kein schwieriges Konzept.“

Womit sie natürlich recht hat – doch wie so viele einflussreiche weiße Feministinnen lässt sie damit auch wirkmächtige Strukturen außer Acht und sieht nicht, was ausgerechnet ihre Unterschrift unter einem Brief, der einen möglichen Sexualstraftäter unterstützt, für eine Strahlkraft hat in einer Zeit, in der viele Überlebende sexueller Gewalt das Vertrauen in eine verlässliche, neutrale Jurisdiktion verloren haben. Im Essay, den sie daraufhin verfasste, sah sie #metoo nicht nur als Symptom eines kaputten Systems, sondern fürchtete sogar, dass (von ihr spöttisch sogenannte) „gute Feministinnen“ danach streben würden, dieses System der Rechtsprechung abzuschaffen. Aus dem offenen Brief sprechen ihre verletzten Gefühle sehr deutlich und zusätzlich dazu eine Unlust, die eigene Haltung zu reflektieren – und leider auch die ein wenig spöttische Herablassung von ihr, der alten Feministin, gegenüber den so ungnädigen jungen Feminist*innen, deren lautstark geäußerte Enttäuschung lediglich die Bewegung spalten würde (leider ein gern von allen Seiten geäußertes Argument, um Feminist*innen die Glaubwürdigkeit zu entziehen).

Atwood erweist sich in dieser Beziehung vielleicht nicht als „schlechte Feministin“, doch als eine jener weißen, cis, hetero Feministinnen, die sich darauf berufen können, dass wir doch alle davon geeint sind, Menschen zu sein, statt anzuerkennen, dass es Machtstrukturen gibt, die eine solche Einigung sehr erschweren und dass diese vor allem auf die Menschen wirken, die eben nicht weiß, cis, hetero sind.

Atwood eine Aktivistin, die viele Paradigmenwechsel in ihrem Leben gesehen hat. Als Kind in den Vierzigern konnte sie bereits miterleben, wie einfach Systeme sich erheben und wieder fallen. Bei der momentan stärker werdenden Intoleranz und dem Angriff auf Bürgerrechte und Freiheiten hofft sie darauf, dass Schriftsteller*innen davon Zeugnis ablegen werden: „Werden ihre Botschaften unterdrückt und versteckt werden? Werden sie Jahrhunderte später in alten Häusern gefunden werden, eingemauert hinter einer Wand? Lasst uns hoffen, dass es nicht dazu kommt. Ich vertraue darauf.“

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