„Dieses Buch existiert leider nicht!“, oder: Schwere Zeiten für die Kleinverlage

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ESSAY

„Dieses Buch existiert leider nicht!“, oder: Schwere Zeiten für die Kleinverlage


Der Buchhandelslieferservice Libri hat zahlreiche Titel von Kleinverlagen aus dem Sortiment genommen. Warum dieses Verhalten den Verlagen und Buchhändlern dauerhaft schadet: Ein Beitrag von Buchhändler Jakob Schmidt.

Für Fans der fantastischen Genres sind sie ein Hort des Unverhofften: Kleinverlage wie Periplaneta, Feder & Schwert, die Edition Roter Drache, der Mantikore-Verlag, der Verlag Torsten Low oder Amrun. In deren Programmen findet man nicht nur SF-Romane und Fantasy-Epen, die sich nicht hinter den bei den „Großen“ erscheinenden Büchern verstecken müssen, zum Beispiel Susanne Pavlovics Feuerjäger-Reihe bei Amrun oder die Neuübersetzungen klassischer Werke von Heinlein und Haldeman bei Mantikore; hier ist auch Platz für das gegen den Strich Gebürstete – wie Carmilla DeWinters Jinntöchter bei der Edition Roter Drache – und für Kurzgeschichten-Anthologien, die gemeinhin als Kassengift gelten. Klar, nicht jeder Kleinverlagstitel ist von vornherein ein Juwel – auch hier greift Theodore Sturgeons allgemeines Gesetz, dass 90% von allem Mist ist, und in Sachen Lektorat und Gestaltung erlebt man hier sowohl positive als auch negative Überraschungen. Aber für viele Lesende – und für Buchhändler wie mich – gibt es kaum etwas Befriedigenderes, als abseits der Verlagsvorschauen von Heyne, Fischer, Piper & Co. einen Titel zu entdecken, der einen wirklich begeistert und der nicht eh schon in den Bahnhofsbuchhandlungen gestapelt liegt, weil er in irgendeinem Zusammenhang mit einer aktuellen Netflix-Serie steht. Einen Geheimtipp eben, oder überhaupt mal einen Tipp abseits der Bücher, von denen eh schon alle gehört haben.

Haben wir nicht, kriegen wir nicht

Leider müssen sich die Kleinverlage in Deutschland in letzter Zeit mit ziemlich ernsten Problemen herumschlagen – und zwar ganz abgesehen von den Schwierigkeiten, die es ohnehin schon mit sich bringt, wenn viel Arbeit auf wenige (manchmal nur zwei) Schultern verteilt ist und der Ertrag in vielen Fällen wahrscheinlich eher mehr schlecht als recht für ein Auskommen genügt.

Es fing damit an, dass der Buchgroßhändler KNV im Februar 2019 Insolvenz anmeldete. KNV ist eines der beiden großen sogenannten Barsortimente in Deutschland – Großhändler, die den Großteil deutschsprachiger Titel entweder am Lager haben oder besorgen können und in vielen Fällen zum Folgetag an den Buchhandel liefern können. Wenn ein Buchhändler euch sagt: „Ja, haben wir morgen da!“, dann bestellt er über ein Barsortiment. Damit erfüllen die Barsortimente für viele Kleinverlage eine wichtige Funktion: Sie sorgen dafür, dass ihre Bücher für Buchhändler ebenso leicht aufzufinden und zu beziehen sind wie die der großen Verlagshäuser.

Für die zahlreichen durch KNV vertriebenen Kleinverlage bedeutete die Insolvenz Zahlungsausfälle und Remissionen, also Rücksendungen von Titeln durch KNV. Inzwischen wurde KNV zwar durch das Berliner Logistikunternehmen Zeitfracht gekauft und kommt langsam wieder auf die Füße, doch der Schaden bei vielen Verlagen ist angerichtet …

Wenig später kam der nächste Tiefschlag: Das zweite große Barsortiment, Libri, hat in den letzten Wochen in großen Mengen Titel an kleine Verlage zurückgeschickt und aus dem eigenen Katalog entfernt („ausgelistet“). Grund, so erfuhr die Interessengemeinschaft unabhängiger Verlage im Börsenverein des deutschen Buchhandels, sei ein „Strategiewechsel“ und die Verkleinerung des Libri-Lagers um ca. ein Viertel – aus dieser Stellungnahme der IG erfährt man Näheres zu den Vorgängen [https://www.boersenblatt.net].

Zu den Betroffenen gehören zahlreiche Phantastik-Kleinverlage, darunter Amrun, von deren 180 Titeln Libri 62 ausgelistet hat, der Verlag Torsten Low, von dem 22 Titel gestrichen wurden und die Edition Roter Drache.

Die Streichung von Titeln aus den Barsortimenten Libri und KNV ist gerade für solche Verlage ein schwerer Schlag, denn nicht alle Verleger können den Direktvertrieb leisten, und nicht alle Buchhändler*innen machen sich die Mühe, abseits ihrer üblichen Vertriebswege Bücher zu beschaffen. Ich kann als Buchhändler ein Lied davon singen, wie mühsam es ist, bei Dutzenden von Kleinverlagen einzeln zu bestellen – wir sind für jeden solchen Titel dankbar, den wir über unser Barsortiment beziehen können.

Für viele kleinere Verlage bedeutet die Auslistung bei Libri nicht nur, dass sie nicht mehr in Buchhandlungen ausliegen, sondern auch, dass ihre Titel in an Libri angebundenen Onlineshops als endgültig vergriffen auftauchen oder auch einfach gar nicht mehr (bei KNV ist das immerhin anders, dort tragen sie den Vermerk „führen wir nicht“). „Seit der Aufräumaktion bei Libri häufen sich hier im Büro die Anfragen, ob und wann dieser oder jener Titel nachgedruckt wird“, erklärt Holger Kliemannel von der Edition Roter Drache. Der Eindruck, dass eigentlich lieferbare Bücher nicht mehr zu bekommen sind, ist natürlich fatal.

Hinzu kommen die Remissionen durch KNV im Zuge des Insolvenzverfahrens und durch Libri im Zuge des „Strategiewechsels“ – in beiden Fällen mussten Kleinverlage Rückzahlungen erbringen. Jürgen Eglseer vom Amrun-Verlag drückt es so aus: „Die KNV-Remissionen haben mich das Weihnachtsgeschäft gekostet, die Libri-Remissionen dann die restlichen Rücklagen.“ Amrun wird sich daher beispielsweise auf der nächsten Leipziger Buchmesse nur einen kleinen Stand leisten können. Holger Kliemannel beziffert die Kosten, die der Edition Roter Drache durch die jüngsten KNV- und Libri-Remissionen entstanden sind, auf ca. 18.000 Euro. Der Mantikore-Verlag bekam vor allem die KNV-Insolvenz zu spüren, kam bei den Libri-Remissionen aber glimpflich davon.

Das kleine Sterben

Man kann lange rätseln, was Libri zu dieser Aktion getrieben hat – im Gegensatz zu KNV ohne erkennbare Not. Die Vermutung, dass Libri gerne viele Kleinverleger in das eigene Books-on-Demand-Programm hineindrängen will, ist nicht ganz abwegig … In jedem Fall trifft sie viele Kleinverleger in ohnehin schon schwierigen Zeiten. So gab Anfang Juni der Feder&Schwert-Verlag die Insolvenz bekannt. Der Inhaber des Pen&Paper-Rollenspielverlags Uhrwerk hatte den bereits kränkelnden Feder & Schwert 2016 gekauft. Mit den ersten drei Romanen von Charlaine Harris’ True Blood-Reihe und mit Jim Butchers Dresden Files hat Feder&Schwert zwei Phantastik-Renner im Programm, die aber auf Dauer offenbar nicht ausgereicht haben, um den Verlag finanziell über Wasser zu halten. Es bleibt die schwache Hoffnung, dass Feder & Schwert auf kleiner Flamme weitermachen kann …

Im Juli wurde dann der Golkonda-Verlag in ein Insolvenzverfahren hineingezogen. Hier verhalten sich die Dinge etwas komplizierter – der renommierte unabhängige Kleinverlag wurde 2016 von seinem Gründer Hannes Riffel verkauft und als unabhängiger Teil des Europa-Verlags weitergeführt. Im Juli 2019 fusionierte man ihn dann mit einem bereits insolventen anderen Verlag unter dem gleichen Dach, um letzteren aus der Bredouille zu holen … Ein ziemlich unglücklicher Vorgang für die Fans von und Mitarbeiter bei Golkonda, der zeigt, dass eine Professionalisierung auch nicht unbedingt die Antwort auf alle Probleme eines Kleinverlags ist. Ob und in welcher Form Golkonda gerettet werden kann, steht noch in den Sternen. Immerhin, zumindest ein Teil des Golkonda-Verlags wird überleben: Hardy Kettlitz wird ab 1. Januar 2020 das Golkonda-Imprint Memoranda als eigenständigen Verlag weiterführen.

Kann ich doch auch selber!

Nun gut, aber wozu brauchen wir die Kleinverlage überhaupt? So manche Autor*innen stellen fest, dass sie als Selfpublisher ein größeres Publikum erreichen können als bei einem kleinen (oder auch großen) Verlag. Die Fülle an Selfpublishing-Titeln und die enorme Dynamik der Szene sprechen für sich – da werden Autorennewsletter verschickt, Bestseller im Monatstakt rausgehauen, und so manche bestreiten mit Selfpublishing bereits erfolgreich ihren Lebensunterhalt. Und den meisten Leser*innen ist es mit Recht egal, ob das, was ihnen gefällt, von den Autor*innen selbst oder von einem Verlag veröffentlicht wird.

Allerdings sind eben auch vor allem diejenigen Selfpublisher erfolgreich, die über Organisationstalent verfügen, sich erfolgreich online ins Rampenlicht stellen und einen regelmäßigen Ausstoß haben, mit dem sie ihre Fans bei der Stange halten. Für alle, die das nicht leisten wollen oder können und die mit ihren vielleicht nicht ganz so marktgängigen Texten bei den großen Verlagen keine Chance haben, sind Kleinverlage, die sich um Gestaltung und Vertrieb kümmern, nach wie vor das Tor zu den Leser*innen. Und auch ein Verlagslektorat ist eine nicht zu unterschätzende Leistung. Im besten Falle ist gerade der Kleinverlag mit relativ wenig Titeln dazu bereit, sich intensiv mit jedem Buch auseinanderzusetzen und dabei im Blick zu behalten, was seine Autor*innen wollen, anstatt auf Marktsegmente zu schielen.

Dem Buchhandel sollte das Wohlergehen der Kleinverlage ohnehin am Herzen liegen – denn aus der gewaltigen Menge der Selfpublisher eine vernünftige Auswahl für das eigene Sortiment zu treffen, ist schlicht unmöglich, ganz abgesehen von den komplizierten oder gar nicht erst vorhandenen Bestelloptionen für Händler*innen. Allein die Aussage, dass auch ein Verlag sich hinter ein Buch stellt und Mühen und Risiken auf sich nimmt, um es an die Leserschaft zu bringen, ist ja schon eine Menge wert. Fielen die Kleinverlage weg, dann würden die Sortimente der Buchhandlungen sicher ein gutes Stück identischer aussehen …

Wie kann es weitergehen?

Wenn die Kleinverlage sich immer weniger auf die Barsortimente verlassen können, wird ihnen nichts übrigbleiben, als stärker auf den Selbstvertrieb an Buchhandel und Endkunden zu setzen – und natürlich auf die großen Onlinehändler. Leider reicht das nicht immer: Kathrin Dodenhoeft von Feder& Schwert weist beispielsweise darauf hin, dass mit Ausnahme der erfolgreichen Dresden-Files-Reihe die Barsortimente ohnehin in den letzten Jahren kaum Titel abgenommen haben und man vor allem auf den Verkauf über den eigenen Online-Shop gesetzt habe, was aber letztendlich nicht genügte, um den Verlag vor der Insolvenz zu retten. Entscheidend, so Dodenhoeft, sei für den Direktverkauf die Präsenz in sozialen Medien und der Aufbau einer festen Fangemeinde – und beides sei Feder&Schwert nicht in ausreichendem Maße gelungen.

Dass es für Kleinverlage durchaus sinnvoll sein kann, auf den Direktvertrieb zu setzen, findet Holger Kliemannel von der Edition Roter Drache und sagt: „Der Direktvertrieb ist in den letzten Jahren bei uns enorm gestiegen, was uns in dieser Situation gerade sehr hilft. Wir müssen und sollten enger mit dem Buchhändler zusammenarbeiten und die Barsortimente weitgehend außen vor lassen.“ Nicolai Bonczyk würde ebenfalls gerne mehr direkt mit Buchhändlern arbeiten, sieht die Lage bei den Barsortimenten für seinen Mantikore-Verlag aber derzeit nicht so kritisch.

Memoranda-Herausgeber (und ab 2020 -Verleger) Hardy Kettlitz sieht seine Perspektive ebenfalls abseits der Barsortimente. Zum 1. Januar 2020 wird er sich mit seiner Memoranda-Reihe von Golkonda verabschieden und sie unter eigener Regie fortführen. Dabei will er sich auf die Community der SF-Fans konzentrieren, denen seine Arbeit als Herausgeber der Werke von Angela und Karlheinz Steinmüller und zahlreicher Sekundärwerke zur SF ohnehin schon ein Begriff ist. Die, so Kettlitz, wird er ohnehin am besten über den Direktvertrieb und über ausgewählte Buchhandlungen bedienen können.

Für den Buchhandel ist es natürlich erst einmal lästig, wenn man Bestellungen nicht mehr im selben Ausmaß über Barsortimente bündeln kann – und wenn dann ein Kunde nur ein einziges Buch eines Verlages bestellen will, steht der Aufwand oft in keinem Verhältnis mehr zum Ertrag. Andererseits ist der direkte Kontakt zwischen Buchhandel und Kleinverlag für beide Seiten gewinnbringend und bietet den Buchhändler*innen einen Anstoß, das eigene Sortiment bewusster zu gestalten und Schwerpunkte zu setzen.

Trotzdem: Man muss sich nicht jeden Mist, der passiert, zur Chance schönreden. Rauswürfe aus dem Libri-Sortiment sind nicht nur punktuell eine große und in einigen Fällen existenzbedrohende Belastung für Kleinverlage, sie schaden ihnen und den Buchhändlern auch dauerhaft. Wenn ihr also in Zukunft in einer Buchhandlung gesagt bekommt, dass ein Buch beispielsweise aus einem kleinen Verlag vergriffen sei oder gar nicht existiere, bestellt es nicht aus lauter Ärger über den Buchhandel einfach beim üblichen Onlinehändler, sondern vergewissert euch erst einmal, ob ihr es nicht auch direkt beim Verlag bekommen könnt – der kann die Marge, die dann bei ihm hängen bleibt, sicher gebrauchen! Und vielleicht gebt ihr mit euren Nachfragen ja auch der einen oder anderen Buchhandlung den nötigen Anstoß, sich mal wieder abseits der ausgetretenen Pfade umzuschauen.

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