Beware of the Butt Invasion! Über das Werk von Chuck Tingle

BUCH

Dino-Pornos, Erotic Gay Fiction und Butt Invasion: Wer ist Chuck Tingle?


Fast hätte er einen Hugo Award für seinen Creature Porn gewonnen. Der Selfpublisher Chuck Tingle ist Kult. Gaiman, Scalzi und Rothfuss schäkern mit ihm über eine Zusammenarbeit, aber hierzulande kennt ihn kaum jemand. Wer ist dieser Chuck Tingle?

 

Ein Hugo für Creature Porn oder Erotic Gay Fiction? Fast wäre es dazu gekommen, denn für derartige Werke gab es für den amerikanischen Selfpublisher Chuck Tingle schon zwei Nominierungen – wenngleich er am Ende nicht triumphieren konnte. Kürzlich haben sogar Neil Gaiman, John Scalzi und Patrick Rothfuss fiktive Buchpläne mit dem Autor unzähliger Schund-Ebooks geschmiedet. Woher kommt das Kultphänomen Chuck Tingle?

Satirischer Blick auf erotische Fan-Fiction

Fan-Fiction gibt es wie Sand am Meer. Kaum ein erfolgreicher Kinofilm oder kaum ein Weltbestseller, dem nicht unzähligen Fortsetzungen enthusiastischer Fans folgen. Erotische Fan-Fiction gibt es fast genauso häufig, dabei haben Slash-Geschichten, die sich homosexuellen Beziehungen zwischen Figuren des zugrunde liegenden Stoffes widmen eine hohe Popularität. Die bekanntesten Slash-Geschichten dürften dabei die von Kirk und Spock aus Star Trek sein, aber auch Harry Potter oder Xena dienen als Vorlagen für diese Umsetzungen. Das Angebot beider Subgenres phantastischer Literatur ist vielfältig und reicht von handwerklich gut gemachten Geschichten in geliebten Universen bis zum größten Müll – wie in der „richtigen“ Literatur.

Ein ganz besonderer Vertreter dieser Nische ist Chuck Tingle. Dies ist das Pseudonym eines angeblich in Utah lebenden, promovierten, bisexuellen Autors (und Tae-Kwon-Do-Großmeisters), der seit 2014 mehrere hundert Kurzgeschichten verfasst hat. Diese bedienen auf den ersten Blick größtenteils vor allem den Markt der erotischen Gay Fiction, auf den zweiten Blick entpuppen sie sich allerdings vor allem als augenzwinkernde Parodie auf „schlecht geschriebene erotische Fan-Fiction“. Er nimmt die in Wort und Bild oft grauenvollen Veröffentlichungen dieses Genres satirisch aufs Korn und schreckt auch nicht davor zurück, Werke der Weltliteratur oder Prominente in seine „Butt-Pounding-Stories“ auf die Schippe zu nehmen. Dabei geriert er sich selbst als Phänomen, wie es nur einmal im Jahrzehnt auftaucht, wird von manchen schon in der Tradition von Größen wie Hunter S. Thompson gesehen und hat keine Scheu von sich als „dem größten Autor unserer Generation“ zu sprechen.

Space Raptor Butt Invasion von Chuck Tingle bei Amazon bestellen
Pounded In The Butt By My Hugo Award Loss von Chuck Tingle bei Amazon bestellen

Creature Porn und Erotic Gay Fiction

Dabei hat Tingle wie viele aufstrebende Autoren ganz normal angefangen: Er schrieb zunächst Dinosaurier-Erotik. Dies ist ein Teilbereich des Creature Porn, ein Subgenre, das Sex mit Monstern oder Außerirdischen beschreibt. Dinosaurier, Aliens oder Yeti-Figuren sind hierbei besonders beliebt. Dies bedient einerseits den Fetisch oder die Faszination für das Fremde, das Grauenhafte, aus dem sich Befriedigung ziehen lässt, schildert aber auf der anderen Seite (und problematischerweise) auch sehr oft Vergewaltigungen von zumeist besonders attraktiven Frauen durch eben diese Kreaturen. Die Grenzen zwischen ernstgemeinter, trashiger Erotik, Vergewaltigungsphantasien und satirischer Überspitzung sind dabei nicht ganz klar zu definieren.

Chuck Tingles Geschichten und das Image, das er sich gegeben hat, weisen jedoch schnell darauf hin, dass seine Publikationen nicht sonderlich ernst gemeint sind. So treffen nach Liebe/Sex dürstende Protagonist*innen in generischen oder parodistischen Settings auf stereotype Partner*innen oder humoristisch überzeichnete Kreaturen, die sich annähern und dann zumeist ein paar Butts pounden ... „Space Raptor Butt Invasion“ brachte Tingle 2016 seine erste Nominierung für den Hugo ein. Darin trifft ein einsam im All lebender Mann einen Velociraptor. Sie freunden sich an und kommen sich näher – Dino-Butt-Pounding und so, ihr wisst schon. Gewinnen konnte er den Hugo damit allerdings wie erwähnt nicht.

Hugo-Award und The Wise Man's Butt

Auch in diesem Jahr war Tingle k für einen Hugo nominiert, und als er ihn erneut nicht bekam, verarbeitete er das Ganze literarisch in „Pounded in the Butt by my Hugo Award Loss“. Darin schildert sich der Autor, wie er am Vorabend der Preisverleihung auf die zum Leben erweckte Raketenstatue des Hugo Awards trifft, sie gemeinsam ihre Selbstzweifel nach der erneuten Niederlage besiegen und danach ein ... tja ... erotisches Abenteuer miteinander erleben.

Was haben nun Rothfuss, Scalzi und Gaiman damit zu tun? Als Rothfuss 2017 auf Twitter mit einem Fan herumalberte dass der dritte Band seiner „Königsmörder-Chroniken“ ja nach der Vorlage eines Gemäldes von vor über 100 Jahren „Every Inch of Some Dude's Ass“ heißen könnte und Unterstützung von John Scalzi erhielt, machte er Chuck Tingle darauf aufmerksam, der sogleich mit einem besseren Vorschlag um die Ecke kam: „The Wise Man's Butt“ verballhornt den englischen Titel des zweiten Rothfuss-Romans „The Wise Man's Fear“. Rothfuss fand die Idee gut, forderte ein geschmackvolles und deutlich als Fantasy konnotiertes Cover, und dann passierte, was eben passiert, wenn man prominente Twitter-Kumpels hat: Neil Gaiman trat auf den Plan und schlug einen bärtigen Mann auf dem Cover vor – und Tingle lieferte!

Chuck Tingle - The Wise Man's Butt
Twitter Konversation zwischen Chuck Tingle und Neil Gaiman

Bislang gibt es das Machwerk nur als alberne Idee, aber Tingle wäre zuzutrauen, dass er tatsächlich seine ganze eigene Sicht auf Kvothes Abenteuer entwickeln und literarisch als „Butt-Pounding-Fantasy“ verarbeiten könnte – ob sich Rothfuss, Scalzi und Gaiman dann tatsächlich auch inhaltlich daran beteiligen, darf allerdings bezweifelt werden ...

 

Share:   Facebook