Mark Lawrence - Muggel und elitäres Denken in der Fantasy

ESSAY

Muggel und elitäres Denken in der Fantasy


Im Potterversum kann man entweder Magie wirken – oder nicht (sprich: man muggelt so vor sich hin). Mark Lawrence, Autor von „Waffenschwestern“ und „Klingentänzer“, hat da eindeutig andere Vorstellungen zum Magiekonzept.

Ab und zu bloggt jemand darüber, aus welchen Gründen Magie und Wissenschaft eigentlich dasselbe sind, und kommt dann zu dem Schluss, Fantasy und Science Fiction seien zwei Ausprägungen derselben Sache. Nun mögen solche Argumentationen durchaus einleuchten, sie gehen allerdings nie auf einen wesentlichen Unterschied eher soziologischer Natur ein.

Reden wir über Muggel.

Der Hauptunterschied zwischen Fantasy und Science Fiction liegt im Zugang zu der jeweiligen Pseudowissenschaft bzw. Magie. Die auf Wissenschaft basierende Technologie ist grundsätzlich für jeden erwerb- oder entdeckbar, sofern ausreichende Reserven an Geld, Wissen, Infrastruktur usw. vorhanden sind. Diese Form von „Magie“ beruht auf Gleichheit. Um einen Warpantrieb oder einen Strahler benutzen zu können, bedarf es keiner besonderen Herkunft.

Magie dagegen erfordert oft, dass man „magisch“ geboren wurde. Fantasy ist randvoll mit Auserwählten, mit einzigartigen Helden, deren Gaben es ihnen ermöglichen, den Lauf der Welt zu verändern; Praktizierende einer Magie, über die allein sie verfügen, bestenfalls noch als Angehörige einer ganzen Elite von besonderer Herkunft.

Star Trek bietet uns ein Universum voller Wunder, in dem alle Wesen das Potenzial haben, magieähnliche Technik zu erleben und zu benutzen. Harry Potter bietet uns eine Welt, in der die meisten Menschen ohne eigenes Zutun als Muggel geboren werden. Es spielt keine Rolle, ein wie gutes Herz sie haben, wie sehr sie sich anstrengen … sie werden immer Muggel bleiben. Die Wunder der Magie bleiben ihnen verschlossen. Findet euch damit ab, Muggel!

Das erscheint brutal. Es klingt nach den Klassengesellschaften von gestern. Man wird als Leibeigener geboren und ungeachtet seiner Fähigkeiten auch als solcher sterben. Wobei dieses Klassensystem bzw. elitäre Denken hier durch eine binäre genetische Gabe ersetzt wird.

Und von dieser allgemeinen Struktur ist der Großteil der Fantasy durchdrungen. Man ist von Geburt an zur Anwendung von Magie befähigt oder eben nicht.

Es gibt natürlich abgemilderte Spielarten, wo die Fähigkeit, Magie anzuwenden, mit einer normalen, auch in der wirklichen Welt wirksamen Eigenschaft verknüpft ist, etwa mit Intelligenz, und sich jeder daran versuchen kann. Wieso, fragst du dich jetzt vielleicht, macht es einen Unterschied, ob jemand aufgrund seiner mangelnden Intelligenz nicht zaubern kann oder weil er ein Muggel ist?

Es kommt eben auf die Abstufungsmöglichkeiten an. Intelligenz ist ein Spektrum und lässt sich bis zu einem gewissen Grad durch Dinge wie harte Arbeit kompensieren. Ein Muggel zu sein, ist binär. Du bist einer oder nicht. Und das ist durchaus ein gewaltiger Unterschied.

Nun liebe ich Fantasy. Ich bin absolut zufrieden, von außergewöhnlichen Individuen zu lesen, deren Kräfte Berge wegsprengen können. Ich brauche keine sozialistische Utopie der Chancengleichheit, damit ich eine Geschichte genießen kann … Ich habe Bücher über Menschen mit einer besonderen magischen Gabe geschrieben. Aber mit dem Konzept von Muggel kann ich mich einfach nicht anfreunden. Vielleicht, weil es dabei nicht um die Trennung zwischen der Masse und wenigen außergewöhnliche Individuen, sondern zwischen zwei Gesellschaften geht, den Besitzenden und den Besitzlosen, und erstere auf letztere hinunterschauen (selbst die freundlichen Zauberer, die Muggelforschung betreiben, betrachten diese offenbar immer noch als etwas Fremdes und nicht nur als Mitmenschen, bei denen halt keine Feder hochfliegt, wenn sie „Wingardium leviosa“ sagen).

Vielleicht läuft es insgesamt darauf hinaus, dass ich mich mit Helden wohler fühle als mit einer Heldenschicht, dass ich lieber mit einem überaus raren Individuum mitfiebere, das etwas kann, zu dem ich nicht in der Lage bin, als mit einer entsprechend begabten Oberschicht. Vielleicht gefällt es mir schlicht besser, wenn meine Fantasyhelden unter den Menschen leben, anstatt in magischen Geheimgesellschaften, die mich einen Muggel nennen.

 

Deutsch von Frank Böhmert

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