Große Welten in kurzen Sätzen: die Micro Science Fiction von O. Westin

BUCH

Große Welten in kurzen Sätzen: die Micro Science Fiction von O. Westin


Die minimalistischen Kurzgeschichten von O. Westin bestehen nur aus wenigen Sätzen und Dialogen. Er veröffentlicht sie seit 2013 auf Twitter. Birthe Mühlhoff hat 365 ins Deutsche übertragen. Über das Lesen und Übersetzen von Micro Science Fiction.


Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte, würde ich

1. meinen Kindern sagen, dass ich sie lieb habe, und zwar jeden Tag,

2. checken, ob der Asteroidenalarm funktioniert,

3. checken, ob die Antenne vom Escapod funktioniert.

14/06/2013 11:50:28


„Ich brauche einen neuen Körper, dieser hier ist zu auffällig.“

„Warum? Es ist ein perfekter menschlicher Durchschnittskörper.“

„Sie regen sich auf, wenn sie nicht auf den ersten Blick erkennen, ob du ein Mann bist oder eine Frau.“

01/07/2014 22:04:48

Es kann sein, dass man etwas wirr im Kopf wird, wenn man versucht, das Buch an einem Stück zu lesen. So ist es mir zumindest beim Übersetzen gegangen. Ich denke, man sollte lieber nur drei oder vier Geschichten hintereinander lesen, so zwischendurch, oder abends vorm Einschlafen. Manche bestehen zwar nur aus einem einzigen Satz, aber erst wenn man sie mehrmals gelesen, kommt man ganz dahinter. Manche sind auf den ersten Blick einfach nur lustig, und auf den zweiten Blick doch sehr ernst, und bei anderen ist es andersherum.

Mit der Verlegerin Nikola Richter hatte ich kurz in Erwägung gezogen, ob man aus den Tweets von O. Westin einen Abreißkalender machen könnte. Das stellte sich als nicht praktikabel heraus, aber wir einigten uns dann auf ungefähr 365 Geschichten (von über eintausend, die uns der Autor geschickt hatte!). Das heißt, man kann das Buch auch quasi als Kalender, sogar als immerwährender Kalender verwenden und jeden Tag eine Geschichte lesen.

Für Übersetzer und Übersetzerinnen ist es etwas ungünstig, wenn ein Buch gleichzeitig in der Originalsprache und in der Übersetzung erscheint – man denkt dann beim Übersetzen: Hoffentlich gleicht das jetzt niemand ab und sucht nach Fehlern. Meine Familie fand es zum Beispiel sehr lustig, dass ich einmal den Kosenamen, mit dem eine Mutter ihren Sohn bezeichnet, mit „Obergoldschatz“ übersetzt habe. Das sagt nämlich meine Oma immer zu uns Enkeln, aber anscheinend ist es in anderen Familien nicht so üblich. Andererseits fände ich gerade das besonders schön: die Vorstellung, dass jemand auf den Geschmack kommt und sich vielleicht selbst am Übersetzen versucht. Weil die Texte so irre kurz sind, ist es fast wie Sudoku, man muss manchmal ein bisschen knobeln, um es im Deutschen ähnlich gut auf den Punkt zu bringen wie im Englischen.

 

Micro Science Fiction gibt es auf:

Facebook: http://www.facebook.com/mikrotext 
Twitter: http://twitter.com/mkrtxt 
Instagram: https://www.instagram.com/mikrotext/ 

 

Über die Autoren

O. Westin lebt in Großbritannien und arbeitet als IT-Spezialist. Seit 2013 hat er auf dem Twitter-Account @MicroSFF über 3.000 kurze Science Fiction veröffentlicht. Über 72.000 Accounts haben seine Tweets abonniert.

 

Birthe Mühlhoff, geboren 1991, kommt aus Dinslaken. Sie hat in Hamburg und Paris Philosophie studiert. Sie schreibt und übersetzt unter anderem für die Süddeutsche Zeitung, Zeit Online, Merkur, Edit, die epilog. Zuletzt gab sie mit Danilo Scholz und Svenja Bromberg den Band Euro Trash bei Merve heraus. Bei mikrotext erschien von ihr zuletzt Werbung für die Realität und ihre Übersetzung von Micro Science Fiction.

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