Auf der Suche nach dem echten Vampir: Jonathan Maberry über die Entstehung von »V-Wars. Die Vampirkriege«

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Auf der Suche nach dem echten Vampir: Jonathan Maberry über »V-Wars. Die Vampirkriege«


Jonathan Maberry
28.08.2019

Der Vampir-Mythos gibt sehr viel mehr her als geleckte Typen mit Satin-Umhang. Jonathan Maberry, Autor von »V-Wars. Die Vampirkriege«, über das ewige Phänomen der Vampire.

Ich liebe Vampire.

Okay, ich bin Horror-Autor, also ist das vermutlich keine große Überraschung. Aber ganz im Ernst, Vampire liegen mir besonders am Herzen. Und ich mag meine Vampire am liebsten gruselig.

Als zwölfjähriges Mädchen wäre ich mit den Funkelvampiren der letzten Jahre wahrscheinlich sehr zufrieden, statt über sie die Nase zu rümpfen – immerhin sind sie für ihre Zielgruppe genau richtig. Alle Erwachsenen, die sich über sie beschweren, sollten sich noch mal genauer überlegen, für wen diese Bücher eigentlich geschrieben wurden.

Wäre ich eine Frau, würde ich vermutlich kopfüber in Paranormale Romance abtauchen. Viele meiner befreundeten Autorenkolleginnen schreiben solche Bücher, und ich habe einen ganzen Haufen davon gelesen, ohne mich davor zu fürchten, dass sie mir das Testosteron aussaugen. Zum Beispiel habe ich die gesamte Sookie Stackhouse-Serie von Charlaine Harris gelesen und liebe die darauf basierende HBO-Serie True Blood. Himmel, ich habe sogar selbst eine Kurzgeschichte geschrieben, die in der Welt von Sookie Stackhouse spielt (The Million Dollar Hunt).

Aber wie gesagt – eigentlich gehöre ich nicht wirklich zur Zielgruppe.

Dracula (1958) German Trailer

Manchmal habe ich Phasen, in denen mir witzige Vampire besonders gefallen. Streifen wie Liebe auf den ersten BissFright Night (aber bitte das Original), Vamps oder auch das zeitlose Abbott und Costello treffen Frankenstein. Und wenn ich zu meiner Komödie eine Prise Drama haben will, sehe ich mir Bloody Marie an oder eine beliebige Folge Buffy oder Angel.

Aber im Ernst … am liebsten mag ich meine Vampire gruselig. Bösartig sollen sie sein, und schwer zu erledigen.

Der Typ mit den Vampiren

Vermutlich kennt man mich allgemein am ehesten als ›den Typen mit den Zombies ‹ nach meinen Thrillern (Patient Null, Code Zero), Horror-Romanen (Dead of Night, Fall of Night), Steampunk-Zombies (Ghostwalkers: A Deadlands Novel), Kurzgeschichten (Chokepoint, The Wind Through the Fence und ein paar Dutzend weitere), Novellen (Family Business, Jack und Jill, Dark of Night), Romanen für junge Erwachsene (die fünfbändige Rot & Ruin-Serie), Sachbüchern wie Zombie CSU: The Forensics of the Living Dead, Essays (für Triumph of the Walking Dead), Dokumentationen (Zombies: A Living History auf dem History Channel) und Comics (Marvel Zombies Return, Rot & Ruin, Warrior Smart, Marvel Universe vs. The Punisher samt Fortsetzungen).

Aber angefangen habe ich als der Typ mit den Vampiren. Vampire sind meine erste große Liebe.

Jahrzehntelang war mein ungeschlagener Lieblingsfilm Hammers Dracula, und meine Privatsammlung umfasst Hunderte von Vampirfilmen. Kein Witz.

Abbot und Costello treffen Frankenstein

Mythos vs. Hollywood: Dem »echten« Vampir auf der Spur

Ein paar Sätze zu meinem Hintergrund: Über lange Strecken meines Berufsleben habe ich nichtfiktionale Texte geschrieben, vor allem Magazin-Features, Film- und Restaurantkritiken, How-to-Artikel, Reiseberichte und anderes. In fünfundzwanzig Jahren sind über zwölfhundert Artikel und dreitausend Kolumnen zustandegekommen. Mein erstes Dutzend Bücher war ebenfalls nichtfiktional – überwiegend Lehrbücher fürs College oder Sachbücher über Kampfkunst und Selbstverteidigung.

Mein erstes wirklich erfolgreiches Buch allerdings handelte von Vampiren. Im Jahr 2000 veröffentlichte ich unter dem Pseudonym Shane MacDougall The Vampire Slayers Field Guide to the Undead. Es ist eine Untersuchung bekannter Vampirmythen und –legenden aus der ganzen Welt. Ein echt dicker Schinken, türstoppertauglich mit seinen fast siebenhundert reich illustrierten Seiten. Er verkaufte sich bei Weitem besser als all meine anderen Sachbücher zusammen.

Dieses Buch habe ich geschrieben, weil ich, wie bereits gesagt, Vampire liebe. Meine Großmutter hat mir oft wunderbare und schaurige Geschichten über diese raubtierartigen Monster erzählt. Über den Aberglauben, dem man früher anhing – und den manch einer heute noch pflegt. Es gibt Hunderte solcher Vampirmythen, und wie sich herausstellte, erinnert keine davon an den ›Hollywood-Vampir‹. Nichts von wegen langen Umhängen, Angst vor Kreuzen oder Scheu vor dem Sonnenlicht. Die folkloristischen Vampire unterschieden sich in Aussehen, Kräften, Wesensarten, Schwächen, der Ursache für ihre Verwandlung und so weiter erheblich voneinander.

Ich frage mich schon sehr lange, weshalb Schriftsteller diesen tiefen, reichen Brunnen, der vor lauter kreativem Potenzial nur so sprudelt, so selten anzapfen. Stattdessen scheinen die meisten lieber denselben angeblichen Vampirmythos durchzunudeln, immer und immer wieder. Das hat mich geärgert. Und zwar immer mehr, je länger ich nach fiktionalen Geschichten suchte, denen echte folkloristische Vampir-Versionen zugrundelagen.

Und schließlich sagte mir meine Frau Sara Jo, ich solle endlich aufhören, darüber zu jammern, dass ich keinen solchen Roman finden konnte, und das verdammte Ding eben selbst schreiben.

Dann mach’s doch einfach selbst

Und genau das tat ich.

Nahm ohne jede Erfahrung die beängstigende Aufgabe in Angriff, einen Roman zu schreiben. Die Recherchen hatte ich bereits für mein Sachbuch erledigt, und in Sachen Horrorliteratur war ich ebenfalls gründlich belesen. Also probierte ich es einfach mal aus. Falls es nichts wurde, dachte ich mir, würde ich es so wenigstens endlich aus dem Kopf bekommen.

Dieses Buch wuchs sehr schnell zu etwas heran, das eindeutig eine Trilogie aus drei sehr dicken Büchern werden wollte. Die Geschichte spielte in einer geplagten kleinen Stadt im ländlichen Pennsylvania, die von mehreren unterschiedlichen Vampir-Spezies heimgesucht wurde. Und übrigens auch von Werwölfen und Geistern. Weil … warum denn nicht?

Ich fand eine Agentin, und diese Agentin verkaufte alle drei Romane an Pinnacle Books. Das haute mich aus den Socken. Nie hätte ich gedacht, dass sich irgendwer außer mir selbst und meiner ausnehmend geduldigen Frau für meine Ideen interessieren könnte. Die Bücher wurden als Pine Deep-Trilogie veröffentlicht.

Dann wurde  ich für zwei Bram-Stoker-Awards nominiert – in den Kategorien »Bester Roman« und »Bester Debütroman«. In der ersten Kategorie verlor ich gegen Stephen King, und gegen Stephen King zu verlieren ist keine Schande. Aber in der Kategorie »Bester Debütroman« gewann ich.

Und mit einem Mal nahm mein Leben eine andere Richtung. Bis zu diesem Moment hatte ich mich nicht recht entscheiden können, ob ich weitere Romane schreiben oder doch lieber zu meinen Sachbüchern zurückkehren sollte. So viel zum Thema künstlerischer Anerkennung.

Aberglaube oder Wissenschaft

In meinem vierten Roman allerdings ging es nicht um Vampire. Patient Null ist ein seltsamer Wissenschafts-Thriller, in dem Spezialagenten, Terroristen und eine Zombie-Epidemie aufeinandertreffen. Mit diesem Buch begann die erfolgreiche Joe Ledger-Serie. Band 10, Deep Silence, erschien 2018; die Filmrechte sind verkauft. Ich sollte vielleicht erwähnen, dass im vierten Band, Assassins Code, Vampire auftauchen. Diese speziellen Blutsauger sind allerdings nicht übernatürlichen Ursprungs: Als Erklärung für ihre Verwandlung dienen genetische Veränderungen und – vorsätzlich oder nicht – verfälschte historische Überlieferungen.

Da ich auch Comics schreibe, machte ich für Dark Horse eine kleine Vampir-Miniserie. Bad Blood gehört wohl zum Finstersten, was ich je geschrieben habe. Es geht um einen tödlich an Leukämie erkrankten jungen Mann, der vom König der Vampire angegriffen wird. Wegen der Chemotherapie befindet sich in seinem Blut ein übler Drogencocktail, und der Vampirkönig wird krank. Daraufhin fragen sich alle anderen Vampire – die sich seit über einem Jahrhundert verborgen halten –, ob womöglich das Blut der Menschen giftig für sie geworden ist. Bad Blood gewann den Bram-Stoker-Award als »Bester Comic«.

Seitdem habe ich über alle möglichen Monster geschrieben, einschließlich Werwölfe (The Wolfman), Geister, Aliens, Geheimbünde und mehr.

Aber immer wieder kehre ich zu zwei Arten von Monstern zurück: Zombies und Vampiren.

Immer wieder beschäftigte ich mich mit der Frage, wie man die Existenz solcher Wesen wissenschaftlich erklären könnte. In Patient Null, Dead of Night und Rot & Ruin habe ich unterschiedliche Szenarien entworfen, in denen es um Transgenetik, Virologie und Parasitologie geht. Ein Netzwerk ausgezeichneter Wissenschaftler hilft mir dabei, den wissenschaftlichen Aspekt so plausibel zu gestalten, wie die Geschichte es irgend erlaubt. Und der ist plausibler, als man im ersten Augenblick annehmen möchte. So plausibel, um ehrlich zu sein, dass mir manchmal ganz schön unbehaglich zumute ist.

Das Gleiche gilt für die Vampire.

Klar, die Blutsauger aus den Pine Deep-Romanen sind übernatürlichen Ursprungs. In Assassins Code hingegen sind sie es nicht. Und erst recht nicht in V-Wars.

Die Grundidee von V-Wars: Virus trifft auf Folklore

V-Wars war das erste Projekt, bei dem ich als Herausgeber tätig war. Vor einigen Jahren rief IDW, der Comicbuch-Verlag, eine Prosa-Reihe ins Leben. Nachdem ich einen Kurzroman zu GI Joe: Tales from the Cobra Wars beigesteuert habe (herausgegeben von Max Brooks), baten mich die Prachtmenschen von IDW, mir ein Thema auszusuchen – für ein Buch, für das ich als Herausgeber und Mitautor verantwortlich zeichnen sollte. Ich entwarf ein Shared-World-Konzept, und sie waren Feuer und Flamme.

Die Grundidee lautete wie folgt: Die schmelzenden Polkappen geben ein Virus frei, das einige inaktive Gene aktiviert (sogenannte Junk-DNA). Vor langer Zeit einmal waren diese Gene für das Vampirismus-Phänomen verantwortlich, aber im Lauf der Jahrhunderte wurden die Vampire ausgerottet. Diese Gene sind rezessiv – bis das Virus auf den Plan tritt. Jetzt aber durchläuft ein Teil der Weltbevölkerung eine genetische Wandlung – sie werden zu Vampiren. Und zwar verwandeln sich diese Infizierten in Vampire, wie man sie in der Folklore der ethnischen Gruppen kennt, denen sie entstammen (eine Idee, die schon in den Pine Deep-Romanen auftaucht). Wir bekommen es mit chinesischen Vampiren zu tun, mit vampirischen Native Americans, Wiedergängern aus Großbritannien und vielen anderen.

Um diese Welt zu entwickeln, habe ich mich mit sieben schreibenden Kollegen zusammengetan. Sie sind handverlesen; ich habe Autoren ausgesucht, deren Stil zu diesem Setting passt und die trotzdem ganz eigene Stimmen haben. Jede Erzählung ist in einer bestimmten Phase des Ausbruchs angesiedelt. In V-Wars sind schaurige Geschichten aus der Feder von Nancy Holder, John Everson, James A. Moore, Scott Nicholson, Gregory Frost, Keith R.A. DeCandido und Yvonne Navarro versammelt. Ich selbst habe eine mehrteilige Geschichte namens Junk beigesteuert, die den Rahmen der anderen Erzählungen bildet. Und die Einleitung stammt von Dacre Stoker, dem Großneffen von Bram Stoker! Ich meine … das ist doch echt vampirische Coolness.

IDW veröffentlichte den ersten Band vor einigen Jahren als Hardcover, und die Verlagsleitung erkundigte sich umgehend, ob ich Lust hätte, weitere Bände und einen Comic herauszubringen.

Wer würde dazu Nein sagen?

"V-Wars - Die Vampirkriege" von Jonathan Maberry

Das Virus breitet sich aus

Mittlerweile gibt es vier Bände dieses Projekts.

V-Wars ist das reinste Vampir-Blutbad. Clever und beängstigend.

Drei Erzählstränge sind in Comic-Form erschienen, illustriert von dem wunderbaren Alan Robinson und mit umwerfenden Covern von Ryan Brown. Der erste Erzählstrang findet sich in V-Wars – Die blutrote Königin, die beiden anderen in V-Wars: Das Monster in uns.

Aber V-Wars wächst immer noch weiter. Inzwischen hat IDW Games ein Brettspiel herausgebracht, in Zusammenarbeit mit dem preisgekrönten Spielentwickler Rob Daviau.

Und jetzt wird aus V-Wars eine Netflix-Serie. Das Drehbuch für den atemberaubenden Pilotfilm hat Tom Schlattmann geschrieben, der ehemalige Headwriter für Dexter.

 

Also … jepp … V-Wars.

 

Komplex, divers, politisch

Was macht die Reihe so spannend? Das ist einfach zu beantworten … Die Spannbreite möglicher Geschichten in diesem Universum ist schier unendlich. Wir bekommen es mit lupenreinem Horror zu tun, mit Politik, Genderfragen, Rassenkonflikten, religiösen Konflikten, Schattenregierungen und nationalem wie internationalem Terrorismus. Das Setting gestattet es den Autoren, sich der Geschichte aus den unterschiedlichsten Perspektiven anzunähern. Die Bücher haben keine bestimmte soziale oder politische Agenda – die V-Wars-Autoren vertreten eine große Bandbreite zwischen dem rechten und dem linken Spektrum. Diese breit gefächerten Sichtweisen spiegeln sich auch in den Erzählungen wider. Und die Protagonisten, ob Mensch oder Vampir, sind nicht von Natur aus gut oder böse. Manche Vampire sind nett, einige Menschen hingegen richtig üble Typen. Sie alle folgen ihrer eigenen Natur, geleitet von ihren politischen und religiösen Überzeugungen, ihrer Herkunft, ihrem kulturellen Hintergrund und ihrem eigenen Willen. Es ist eine komplexe Serie, und die Leser haben sehr intensiv darauf reagiert.

Nehmen die nationalen und globalen Ereignisse Einfluss auf die Geschichte? Ja, natürlich. Ergreifen die Bücher Partei? Nein, das ist Sache des Lesers.

Sind die Vampire gruselig? Viele von ihnen ja. Nicht alle, aber die meisten. Auf jeden Fall ausreichend viele, um meiner lebenslangen Liebe zu finsteren Monstern Rechnung zu tragen. Und zu den Menschen, die gegen diese Monster kämpfen.

 

Also … Vampire?

Ja, ich liebe Vampire.

Ich liebe alle Arten von Vampiren.

 

Na los, versuchen Sie es mal mit einem der V-Wars-Bände oder den Comics. Oder mit dem Spiel. Auf welchem Weg auch immer Sie diese Welt betreten: Halten Sie sich nicht zurück und beißen Sie fest hinein.

 

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Deutsch von Maike Hallmann

 

© 2015 by Jonathan Maberry.

Erstmals erschienen unter dem Titel »V-Wars: On Writing The Vampire Wars« am 19. Dezember 2015 auf https://litpick.com/content/v-wars-writing-vampire-wars-jonathan-maberry. Mit freundlicher Genehmigung.

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