Ein Essay von John Scalzi über Verrat

ESSAY

"Erzähl keinen Scheiß!" - Ein interessanter Aspekt meines Romans "Verrat" (von John Scalzi)


Unglaubliche zwei Wochen hat Bestsellerautor John Scalzi gebraucht, um "Verrat - Das Imperium der Ströme", den Nachfolgeband von "Kollaps", zu Papier zu bringen. Wie geht das? Warum geht das? Eine Antwort vom Autor höchstpersönlich. 

Neulich berichtete jemand auf Twitter über eine Podiumsdiskussion auf einer Convention, auf der sich die Teilnehmer (im Scherz) über mein Schreibtempo und meine Veröffentlichungsfrequenz geärgert hatten. Worauf ich erwiderte: »Gut, dass sie nicht wissen, dass ich Verrat in zwei Wochen geschrieben habe. Das wäre ganz und gar nicht hilfreich.«

Worauf ich mehr oder weniger die folgende Antwort von anderen Autoren auf Twitter und in E-Mails erhielt, die sich ungefähr so paraphrasieren lässt: »ERZÄHL KEINEN SCHEISS!«

Liebe Leser, was ich erzähle, ist die Scheißwahrheit!

Genau genommen wurde fast der gesamte Text von Verrat zwischen dem 4. und dem 18. Juni 2018 geschrieben, wobei ich das Buch an letztgenanntem Datum um 7.30 Uhr morgens ablieferte, nachdem ich die Nacht davor durchgearbeitet hatte. Dann versuchte ich zu schlafen, war aber zu müde dazu, weshalb ich mir Zeichentrickfilme anschaute und es zehn Minuten später wieder aufgab, weil es für mich zu kompliziert war, der Handlung zu folgen. Krissy erzählte mir, dass es nach ihrer Schätzung eine ganze Woche dauerte, bis mein Gehirn wieder mit normaler Geschwindigkeit arbeitete, und ich in dieser Zeit hauptsächlich mit ausdrucksloser Miene durchs Haus schlurfte. Diese Beschreibung kommt mir völlig zutreffend vor.

Warum habe ich das Buch in zwei Wochen geschrieben?

Aus vielen Gründen, aber der einfachste war, dass ich keine andere Wahl hatte. Für das Buch galt der 18. Juni 2018 als allerletzter Abgabetermin, und bis zum 4. Juni hatte ich noch gar nicht richtig damit angefangen, aus verschiedenen Gründen, von denen einige sinnvoll waren und andere überhaupt nicht. Und wenn ich in meiner Zeit als Journalist eins gelernt hatte, dann die Regel, dass man keine Abgabetermine platzen lässt. Das bedeutete also, dass ich das Ding in zwei Wochen schreiben musste.

Wie habe ich das Buch in zwei Wochen geschrieben?

Ich schaltete das Internet aus, versteckte mich vor den sozialen Medien, bat Krissy, mir gelegentlich Nahrung unter der Tür hindurchzuschieben, und setzte mir dann das Ziel von 8.000 Wörtern pro Tag. An manchen Tagen erreichte ich das Ziel, an manchen nicht, und am letzten Tag schrieb ich etwa 12.000 Wörter. Ich schlief nicht viel. Ich sah wie eine Vogelscheuche aus.

Allgemeiner gesagt, war ich in der Lage, einen Roman in zwei Wochen zu schreiben, weil a) meine journalistische Ausbildung mich darauf vorbereitet hatte, recht viele Wörter zu schreiben, und zwar relativ ordentlich und schnell (von der Arbeit an diesem Blog ganz zu schweigen), und weil ich b) zu diesem Zeitpunkt bereits 14 Romane geschrieben hatte, weshalb das Muskelgedächtnis sozusagen das Tippen und Formatieren übernahm.

Außerdem, und das ist bei meiner Behauptung, ich hätte das Buch in zwei Wochen geschrieben, tatsächlich wichtig, sollte ich es eher so formulieren, dass ich es in zwei Wochen getippt habe. Das Schreiben des Buches – mir überlegen, wer was mit wem macht und wie und warum und wann – hatte zu diesem Zeitpunkt bereits seit knapp achtzehn Monaten in meinem Kopf stattgefunden. Als ich mich hinsetzte, um daraus ein Textdokument zu machen, war der Großteil der Geschichte und der Struktur bereits ausgearbeitet. Es gab ein paar Überraschungen, während ich schrieb, ein paar Sachen passierten, die ich nicht geplant hatte, die sich jedoch als äußerst nützlich erwiesen, wofür ich mein Gehirn verantwortlich mache, das sich bestimmte Sachen auf einer unbewussten Ebene ausdenkt und sie auftauchen lässt, wenn ich sie brauche. Gut gemacht, Gehirn! Tut mir leid, dass ich dich während des Schreibprozesses missbraucht habe!

(Ach ja, und bevor Sie fragen: Ich habe pharmazeutisch sauber gearbeitet und habe meinem Körper nichts Stärkeres als Coke Zero zugeführt. Aber ich hatte in der Tat eine Menge Coke Zero im Körper.)

Auch wenn ich während dieser zwei Wochen hauptsächlich getippt habe, ist die Erfahrung, so etwas zu tun, ehrlich gesagt einfach nur etwas verdammt Schreckliches und Übles, was mir gar nicht gefällt. Ich meine, es ist gut zu wissen, dass ich einen Roman – und nicht nur einen Roman, sondern einen guten Roman, der bei Kritikern und Lesern gut ankommt und sich richtig gut verkauft! – in nur zwei Wochen schreiben kann, wenn es sein muss. Es ist gut zu wissen, dass die Fähigkeit vorhanden ist, schnell, sauber und stimmig schreiben zu können. Aber gleichzeitig möchte ich so etwas nie wieder tun müssen. Klar, es ist lustig, jetzt so salopp darüber zu reden und auf Twitter Witze darüber abzufeuern, als wäre es keine große Sache. Aber es war mit Schmerzen verbunden, körperlich sowie geistig, sowohl während des Schreibens als auch unmittelbar danach. Ich bin fast 50. So einen Scheiß kann ich nicht regelmäßig machen.

Noch genauer gesagt, ich möchte es nicht nur nie wieder tun, weil es schrecklich für mich ist, sondern weil es nicht fair gegenüber den anderen Leuten ist, die mit meinen Büchern arbeiten. Die gesamte Produktion von Verrat knirschte, weil ich den Roman buchstäblich in letzter Minute ablieferte. Alle Beteiligten gingen als Sieger aus dem folgenden Wettrennen hervor, und das Buch kam zum vorgesehenen Termin heraus, und es sieht gut aus und liest sich gut. Aber ich will nicht gezwungen sein, den üblichen Ablauf zum »Knirschen« zu bringen. Ich möchte nicht das Problemkind sein.

Deshalb (und aus anderen Gründen) wird 2019 kein weiteres Buch von mir bei Tor (gemeint ist der US-amerikanische Verlag, Anm. der Redaktion) erscheinen. Ich werde 2019 ein Buch für Tor schreiben (mit ziemlicher Sicherheit den nächsten Band der Ströme-Reihe), aber es wird erst 2020 erscheinen, weshalb die Produktion nett und normal ablaufen wird, was auch für jedes weitere Buch gelten wird. Ich bereue es nicht, dass ich 2018 zwei Bücher herausgebracht habe – beide haben sich kritisch und kommerziell gut gemacht –, aber ein besserer Ablauf der Produktion wird auch für alle anderen Leute angenehmer sein.

Also, ja: Ich habe Verrat in zwei Wochen geschrieben. Ich bin froh, diese Erfahrung gemacht zu haben! Aber ich möchte sie nicht noch einmal machen, wenn das für alle Beteiligten in Ordnung ist.

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Aus dem amerikanischen Englisch von Bernhard Kempen. Erstmals erschienen am 3.12.2018 unter dem Titel »An Interesting Fact About The Consuming Fire« auf dem Blog des Autors Whatever [https://whatever.scalzi.com/2018/12/03/an-interesting-fact-about-the-consuming-fire/] (c) 2018 by John Scalzi, Mit freundlicher Genehmigung des Autors und der Ethan Ellenberg Literary Agancy; (c) der Übersetzung 2018 by S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

 

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