Die Science Fiction der DDR. Ein Überblick

© phonlamaiphoto - fotolia

ESSAY

Zukunftsphantastik der einen und der anderen Art


Wo sind die Grenzen zwischen Science Fiction und einer mehr oder weniger seriösen Zukunftsforschung zu ziehen? SF-Autor und Zukunftsforscher Karlheinz Steinmüller über die Phantasien der Futurologen.

(Dieser Text erschien zuerst in der "Neuen Rundschau 1/2019: Jenseits von Raum und Zeit", erhältlich beim Fischer Verlag.)

 

»Ein intelligenzverstärkter Hamster könnte schon im Jahr 2020 einen Weltkonzern leiten.«

Auch ein Zukunftsforscher ist bisweilen verblüfft. Man sitzt nichtsahnend in einer Konferenz, und plötzlich bringt ein renommierter Kollege Prophezeiungen, die einen eher an Science Fiction als an wissenschaftliche Vorhersagen denken lassen. So jedenfalls erging es mir vor einigen Jahren auf der European Futurist Conference in Luzern, als der ehemalige Chef-Futurologe der Britischen Telekom Ian Pearson sprach, die Perspektiven von Kognitionswissenschaften und Künstlicher Intelligenz ausmalte und als Beispiel dann ebenjenen Hamster aus dem Hut holte.

Wenig später spekulierte Aubrey de Gray, ebenfalls ein Brite und seines Zeichens Alternsforscher, dass wir schon bald die »immortality escape velocity« erreicht haben würden, die »Fluchtgeschwindigkeit zur Unsterblichkeit«. Der Fortschritt der Biomedizin, so de Grey, würde in absehbarer Zeit so rasch verlaufen, dass alle Alterungsprozesse nicht einfach angehalten, sondern zurückgedreht werden könnten. »Vielleicht sitzt der erste Mensch, der einmal über tausend Jahre alt werden wird, schon unter uns.«

Zahme und wilde Zukünfte

Nein, nicht alle Futurologen verbreiten derartig phantastische Prognosen. Doch wenn sie dazu Stellung beziehen sollen, zögern sie plötzlich. Sind nicht zahllose Science-Fiction-Visionen verwirklicht worden? Bekanntlich leben wir im Zeitalter der Beschleunigung, was gestern noch unmöglich erschien, rückt heute in greifbare Nähe. Wo sind die Grenzen zwischen Science Fiction und einer mehr oder weniger seriösen Zukunftsforschung zu ziehen?

Eine schwierige Frage! Vor allem, wenn man dann selbst im Scheinwerferlicht vor einem Saal voller erwartungsfroher Menschen steht und »einen Blick weit in die Zukunft« werfen, das Publikum mit »realistischen Visionen« inspirieren soll. Nun wohl, man kann auf der seriösen Seite bleiben, von Trends und Megatrends sprechen, aber die meisten davon haben einen so langen Bart wie die gesellschaftliche Alterung und provozieren höchstens noch ein Gähnen. Was wir über die Zukunft zu wissen glauben, was sich einigermaßen wissenschaftlich belegen lässt, ist altbekannt und langweilig, und was nicht langweilt, gehört in den Bereich der Spekulation oder eben Phantasterei.

Über die Jahre habe ich eine passable Methode gefunden, mich herauszureden. Ich präsentiere mich als das, was ich bin: als einen Grenzgänger, der zur einen Hälfte Zukunftsforscher, zur anderen SF-Autor ist, also sozusagen als eine schizophrene Person. Wenn ich dann Zukunftsvisionen vorstelle, lade ich das Publikum ein, selbst zu entscheiden, welche meiner Hälften gerade zum Zug kommt.

Dennoch bin ich meist weniger waghalsig als die britischen Kollegen. Von Unsterblichkeit noch zu unseren Lebzeiten erzähle ich nichts, und wenn, dann füge ich hinzu, dass mir diese Vision aus guten Gründen ziemlich absurd erscheint.

Lieber jongliere ich mit Wild Cards – möglichen Überraschungen, unerwarteten, wenig wahrscheinlichen Ereignissen. Solche Wild Cards sind das Salz im Eintopf Zukunft, sie bringen Spannung, regen die Phantasie an. Ein Durchbruch bei kontrollierter Kernfusion etwa könnte unsere gesamte Energieversorgung über den Haufen werfen. Ein plötzlicher abrupter Klimawandel, drei, vier Grad Erwärmung innerhalb weniger Jahre, wenn große Mengen Methan aus dem Tundraboden hervorbrechen, würde unser Leben völlig umkrempeln, Verkehr, Landwirtschaft, alles wäre betroffen. Oder eine massive Sonneneruption zerstört unsere Stromnetze, oder Bitcoin löst die nationalen Währungen ab, oder nach der nächsten Gammelfleischkrise ernähren sich alle nur noch vegetarisch oder … das alles ist möglich, doch ziemlich unwahrscheinlich, eben Spekulation.

Allein die Masse macht es: Die größte Überraschung wäre es, wenn keinerlei Überraschung eintritt. Das Spiel mit dem Unwahrscheinlichen kann einen Eindruck davon vermitteln, wie tief und grundsätzlich sich die Zukunft von unserer Gegenwart unterscheiden wird. Die Zukunft ist wild, sogar noch wilder, als unsere Phantasie sie sich auszumalen vermag.

Futurists und Zukunftshistoriker

Nun sind Vorträge allenfalls ein Nebenschauplatz für Zukunftsforscher, außer in den USA, wo sich manche futurists darauf spezialisiert haben, von steilen Thesen zu leben, die sie auf hochdotierten Keynotes präsentieren. Während deutsche Zukunftsforscher mit ernster Miene an der Industrie 4.0 herumbasteln, malen diese futurists genüsslich aus, dass schon bald Maschinen uns Menschen in punkto Intelligenz übertreffen und uns dann im besten Fall noch als Haustiere halten werden. Im prosaischen Alltag der europäischen Zukunftsforschung erarbeitet man Studien für Unternehmen oder Ministerien, systematisch, faktenbasiert, nüchtern, ohne Weltuntergang oder Utopia. Unsicherheiten werden identifiziert, Wissenslücken benannt, Annahmen klar ausgewiesen.

Wenn das so einfach wäre, wie es sich anhört! Die Zukunft ist auch für den Zukunfts-Profi reichlich unübersichtlich geworden. Schon seit einer Weile erscheint sie im Plural. »Jetzt generieren wir Zukünfte«, sagen die Kollegen und meinen Szenarien, Bilder von künftigen Möglichkeiten, von alternativen Zukunfts-Welten, die allesamt einigermaßen plausibel sein müssen.

Dabei hat die Zukunftsforschung in jüngster Zeit die Narration entdeckt: Zukunft will erzählt sein, und Zukunft wird erzählt. Erst dadurch wird sie plausibel, nachvollziehbar, verständlich. Das mehr oder weniger abstrakte, blutleere Zukunftsbild, das aus der Kombination der Annahmen hervorgeht, braucht eine Geschichte. Wenn es seine Adressaten erreichen soll, braucht es etwas Ausschmückung, zumindest eine Andeutung darüber, welcher Weg konkret in diese Zukunft führen könnte und ob wir sie willkommen heißen werden oder nicht. Selbst in dem grauesten Forschungsbericht steckt daher ein Körnchen Erzählung, ein Hauch von Fabulation. Der Zukunftsforscher wird zum Historiker, der im futurum exactum spricht, und er ist wie der Historiker gezwungen, über Darstellungsweisen, Stilmittel und implizite Perspektiven nachzudenken.

Ein wenig Phantastik ist nötig, um Künftiges möglichst plastisch und erlebbar zu fassen. Daher operieren wir in Workshops gern mit »future headlines« – Schlagzeilen aus der Zukunft. Das gut bekannte mediale Muster lädt ein, Ideen klar herauszuarbeiten und pointiert zu formulieren. Und ein wenig Satire ist oft inbegriffen, besonders beim Sammeln von Wild Cards: »Außerirdische Migranten landen vor dem Kanzleramt.« »Sibirischer Bär frisst Putin.« Sind erst einmal die Schleusen der Vorstellungskraft geöffnet, schwappt schnell eine Woge von Ideen auf die Moderationswand. Beileibe nicht alles ist brauchbar, manches bedient Klischees oder ist aus der Populärkultur entliehen, aber vieles ist fast schon genial, und bisweilen frage ich den Teilnehmer: Darf ich die Idee gegebenenfalls in einer SF-Story verwenden? Was wäre, wenn all die superklugen smarten Dinge am Ende verrückt spielen – und die Menschen dann auf dem Flohmarkt verzweifelt nach guten alten nicht-intelligenten Haushaltsgeräten suchen?

Läuft alles gut, werden am Ende »narrative Szenarien« verfasst. Narrativ, das bedeutet mit handelnden Personen – personas in der Sprache der Marketingleute, meist Typen von Konsumenten, Charaktermasken. Dass Narrative eine packende Handlung, Spannung, Widerspruch, Konflikte, Kämpfe brauchen, hat sich bislang in der Gemeinde der Zukunftsforscher noch nicht sehr weit herumgesprochen. Die gute alte Vorzeigehandlung im Stil klassischer Utopien dominiert. Die Funktionen eines Assistenzroboters müssen vorgeführt werden; technische Macken oder eine Auseinandersetzung unter den Nutzern oder gar den Robotern stünden dem nur im Wege. Also wird eher aufgezählt als erzählt. Und die Pappkameraden von personas hören geduldig zu. – Jedenfalls meistens.

Der Stau, nicht das Automobil

Wenn Zukunftsforscher beschreiben, wie ein Smart Home die allmorgendlichen Routinen erleichtert, Jalousien selbsttätig schließt, Energie spart und stets die richtige Musik auflegt, dann malen sich SF-Autoren lieber aus, wie so ein intelligentes Haus seine Bewohner schurigelt, sie mit unnötigen Dienstleistungen nervt und zum Schluss die Raumheizung hochdreht und die menschlichen Parasiten grillt.

Science Fiction tritt hier in die Rolle einer bisweilen ironischen oder sarkastischen, auf jeden Fall aber unterhaltsamen Technikfolgenabschätzung. Wie hat einst der Autor Fred Pohl bemerkt: »Eine gute SF-Story sollte nicht das Automobil, sondern den Stau vorhersagen.”

Science Fiction bringt ihre Stärke als Literatur ein, sie setzt Personen mit ihren Eigenheiten und Emotionen in eine konkret ausgemalte Zukunftswelt mit vielen anschaulichen und relevanten Details. Statt Abstraktion phantastisch verfremdeter Alltag. Wo der Zukunftsforscher, zumal im Bereich der Innovation, ernsthaft eruiert, welche ökologisch nachhaltigen, ethisch vertretbaren und sozial akzeptablen Anwendungsmöglichkeiten eine neue Technologie eröffnet, fragt sich der SF-Autor, am besten mit einem Gläschen Rotwein in der Hand: Was ist das Schlimmste, das man mit dieser wundervollen neuen Technik anstellen kann? Eine Technik ohne Macken, ohne Nebenwirkungen, ohne Missbrauch gibt es nicht – und gerade die dunkle Seite der Technik liefert faszinierende Ideen für eine spannende, dramatische Handlung. Hier also eine glattgebügelte Technikvision, da heftige Aktion, womöglich regelrechte Dystopie.

Wahrscheinlich haben SF-Autoren einfach den realistischeren Blick auf Mensch und Technik, und womöglich wählen sie damit sogar den leichteren Weg. Eine außer Rand und Band geratene Technik zu schildern, ist kaum schwieriger, als Beziehungsprobleme zwischen Menschen dramatisch auf die Spitze zu treiben. – Vielleicht weil es auch Beziehungsprobleme sind: solche zwischen Mensch und Technik? Aber die Zukunft ist verquer, viel verquerer als auch die rotweinseligsten Phantasien von SF-Autoren. Sie spottet jedes Realismus, jeder Plausibilität. Die absonderlichen Wendungen, die die Politik nehmen könnte, die vertrackten Umschwünge in der Gesellschaft sind viel schwieriger ins Visier zu nehmen und zu beschreiben als ein Super-GAU oder Angriffe von Außerirdischen. Oft spielen sich gerade die wirkungsvollsten Entwicklungen sozusagen hinter unserem Rücken, dem Rücken der Beteiligten ab. – Und als Zukunftsforscher wie als SF-Autor gelingt es mir einfach nicht, mich schnell genug umzudrehen, um das zu sehen, was sich da hinter meinem Rücken gerade tut. Die Gesellschaft ist schon wieder eine Runde weiter.

Im Trichter und in der Luft darüber

Zukunftsforschung wie Science Fiction arbeiten mit Gedankenexperimenten, nur unter unterschiedlichen Umständen. Kreativität und Phantasie sind in beiden Fällen nötig, methodisch kontrolliert hier, auf die Dramatik orientiert da. Beide gehen von der Welt aus, so wie wir sie zu kennen meinen, und modifizieren sie, führen zusätzliche Annahmen ein, sei es über Innovationen, über politische Umbrüche, ökologische Krisen oder andere radikale Veränderungen. Man bastelt an der Kulisse, in der man dann Handlungen in Szene setzt, spielt mit Alternativen zum Hier und Heute.

In der Zukunftsforschung hat sich für das Spektrum der möglichen alternativen Zukünfte die Darstellung als »Zukunftstrichter« eingebürgert. Der Trichter, auf Papier gemalt, beginnt links mit dem Punkt, der die Gegenwart markiert und meist mit einer Jahreszahl versehen wird. Je weiter man, der Zeitachse folgend, nach rechts fortschreitet, desto mehr klaffen die Arme des Trichters auf – die möglichen Zukünfte sollten zwischen ihnen, im Inneren des Trichters zu finden sein. Doch schon der Ausgangspunkt ist fraglich: Jeder von uns hat, wie es scheint, seine eigene Gegenwart, seine spezifische Perspektive, lebt in einer eigenen Welt, der eigenen Filter-Blase; der Trichter ist nur die Verlängerung der Blase in Richtung auf die Zukunft. Die Erfahrung hat mir gezeigt, dass die künftige Realität fast immer außerhalb des so schön gemalten Trichters liegt – wohl irgendwo in der Luft weit über dem Papier.

Der Science Fiction gebührt die Lufthoheit. Sie kann sich frei schwebend über den futurologischen Szenarien bewegen, denn sie ist nicht an den Papierboden der angeblichen Realitätsnähe, an Plausibilität und Wahrscheinlichkeit und vor allem nicht an politische Korrektheit gefesselt. Aber nutzen die Autoren diesen Freiraum wirklich aus? Manches Science-Fiction-Werk vermittelt sogar den Eindruck einer längst aus der Mode gekommenen Zukunft, etwa wenn gigantische Raumschiffe durch das All schießen, sich die Offiziere gegenseitig mit »Sir« anreden und die Dienstgrade noch immer von der britischen Marine stammen. Hornblower im Weltraum, gut, das hat auch seinen Reiz, und wer Weltraumschlachten liebt, wird hier bedient …

Auch Romane über Klone, die zum Ausschlachten gezüchtet werden, wurden schon so oft selbst geklont, dass das Motiv abgenutzt ist und die Bücher überholt wirken. Erzählungen von zeitreisenden Liebhabern steht dies wohl auch in Bälde bevor. Früher hätte ich nie geglaubt, dass es einmal auch SF-Schmonzetten geben würde, doch der Markt schluckt vieles und vielerlei. Was einst als innovatives Gedankenexperiment im weiten Luftraum der Phantasie begann, ist zu marktgängiger Dutzendware geworden und im schlimmsten Fall in den Trichter abgestürzt. Aber wer sagt, dass Phantastik immer phantasievoll sein muss? Manche Leser bevorzugen Bekanntes.

Nein, Science Fiction ist keine Zukunftsforschung mit literarischen Mitteln. Kein einziger Autor, den ich kenne, würde sich für irgendeine Art Prognostik vereinnahmen lassen. Was mich allerdings nicht hindert, ab und zu Science Fiction futurologisch auszuschlachten. Bisweilen preise ich auch Zukunftsforschung als »Science Fiction mit anderen Mitteln« an. Ja, aber doch mit eingeschränkten Mitteln. Bei Auftragsforschung für Unternehmen und Ministerien kann man sich keine überschießende Phantastik erlauben und schon gar keine radikalen politischen oder gesellschaftlichen Visionen. Wer Großbanken und globale Konzerne abschaffen will, muss wohl oder übel SF schreiben.

Echte Phantastik – gleich ob Science Fiction oder Fantasy – hat stets einen anarchistischen Anstrich: Grundlegend andere Welten sind vorstellbar und daher zumindest ansatzweise auch im Hier und Jetzt möglich. Was ist, muss nicht so sein. Phantastik hilft dem Leser, aus dem Gehäuse der alltäglichen Wirklichkeit auszubrechen, sie stellt die Dinge, so wie sie sind, in Frage und hilft im besten Fall die Enge des Existierenden zu überwinden. Ray Bradbury formulierte es einmal so: »Wir (SF-Autoren) beschreiben die Zukunft nicht, wir versuchen sie zu verhindern.« Im Vergleich zur literarischen Phantastik sind die Phantasien der Zukunftsforscher nirgendwo radikal genug.

Wenn es auch den Hamster als Konzernvorstand auf absehbare Zeit nicht geben wird, lohnt es sich vielleicht doch einmal über intelligenzverstärkte Papageien zu spekulieren, die ohne Mühe den Turing-Test bestehen und sich für ihre einfallslosen menschlichen Herrchen und Frauchen ab und zu schöne Science-Fiction-Geschichten ausdenken.

Share:   Facebook