Von Daredevil zu König Artus – 40 Jahre Frank Miller

© Sophy Holland

PORTRÄT

Von Daredevil zu König Artus – 40 Jahre Frank Miller


Comic-Legende Frank Miller hat im Laufe seiner langen Karriere einigen der berühmtesten Figuren der Popkultur neues Leben eingehaucht. Ein persönlicher Rückblick von Tor-Chef Hannes Riffel.

Mit Frank Miller verbinden mich dreieinhalb Jahrzehnte sehr intensive Lesebegeisterung, die auf zwei Initialzündungen zurückgehen: Anfang der 80er Jahre haben mir Millers frühe Daredevil-Ausgaben vor Augen geführt, was in Comics möglich ist, wenn die Einschränkungen des Superheldengenres gleichermaßen ernst genommen und durchbrochen werden. Und, ähem, Miller und ich haben am selben Tag Geburtstag.

Wie alles begann…

Nach einigen Gesellenstücken für Warren, DC und Marvel, nicht zuletzt zwei Ausgaben von The Spectacular Spider-Man, in denen Daredevil einen Gastauftritt hatte, übernahm Frank Miller, meist getuscht von Klaus Janson, als Zeichner mit Heft 158 (Mai 1979) die reguläre Daredevil-Serie, und mit Heft 168 (Januar 1981) begann er die Serie auch zu schreiben. Dieses Heft darf man mit Fug und Recht als Frank Millers künstlerisches Coming-out bezeichnen, denn darin betritt seine Figur Elektra erstmals die Vierfarbwelt, und der für ihn später so typische Film-Noir-Stil zeigt sich in einer frühen, aber bereits sehr überzeugenden Gestalt.

Ließ sich dieser Stil damals noch gut mit den Erwartungen einer breiten Comicleserschaft vereinbaren – Daredevil entwickelte sich von einer Serie, die fast eingestellt wurde, zu einem stabilen Erfolgstitel –, war Frank Miller nicht mehr allzu lange bereit, auf diese Einschränkungen Rücksicht zu nehmen. Nach zwei längeren Spider-Man-Sonderheften und einer stilbildenden Wolverine-Miniserie wandte er sich seinem ersten eigenständigen Projekt zu, den sechs 1983/84 erschienenen Ausgaben von Ronin, in denen seine Beschäftigung mit den großen Künstlern der japanischen Mangas deutlich sichtbar wird.

Comic-Superstar Frank Miller

Millers endgültiger Durchbruch zum Superstar gelang 1986: Batman: The Dark Knight Returns gehört wohl zu den meistgelesenen Comics weltweit und wird auch von LeserInnen geschätzt, die sich sonst mit muskelbepackten Jungs in hautengen Ganzkörperanzügen schwertun. Die von Klaus Janson getuschte und von Lynn Varley bahnbrechend kolorierte Großerzählung nutzt das Zukunftszenario einer faschistischen USA, um den Untergrundkämpfer Batman gegen den regierungstreuen Superman zu stellen. Graphisch werden hier alle Register gezogen, um mit Kleinstbildfolgen ebenso wie mit beeindruckenden Doppelseiten das Erzähltempo und die Bildrezeption zu steuern. Auf dieses Projekt trifft die überstrapazierte Behauptung zu: oft nachgeahmt und nie erreicht – definitiv eine der zehn wichtigsten Errungenschaften der Neunten Kunst.

Miller nutzte seinen neu erreichten Status, um die Möglichkeiten der Erzählform Comics weiter auszuloten. Dazu gehört seine Rückkehr zu den Figuren Daredevil und Elektra in den von Bill Sienkiewicz gezeichneten Bänden Daredevil: Love and War und Elektra: Assassin, die allerdings beide nicht an den Erfolg seines Batman-Abenteuers heranreichten. Langfristig beliebter und einflussreicher wurden zwei Handlungsbögen, die er zusammen mit Zeichner David Mazzucchelli innerhalb der regulären Heftserien von Daredevil und Batman umsetzte: Daredevil: Born Again und Batman: Year One erzählen Wendepunkte im Leben der Helden neu, und das auf so überzeugende Art und Weise, dass sich Motive und Figuren, meist ohne Quellenangaben, in den folgenden Jahrzehnten in Kinofilmen und Fernsehserien wiederfinden sollten.

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Bye Bye, Marvel – Hallo, Sin City

Anfang der 1990er Jahre verwirklichte Frank Miller ein letztes Projekt für Marvel, die von ihm geschriebene und gezeichnete und von Lynn Varley in aufwändiger Farbgebung gestaltete Experimentalerzählung Elektra Lives Again. Dieses Album weist graphisch bereits deutlich auf Millers erste eigenständige Arbeit für den unabhängigen Comicverlag Dark Horse voraus. Nachdem er sich von DC und Marvel aufgrund von Urheberrechtsstreitigkeiten getrennt hatte, startete er – neben Werken mit anderen Künstlern, wie Hard Boiled (mit Geof Darrow) und Give Me Liberty (mit Watchmen-Zeichner Dave Gibbons – die langlebige Serie Sin City, die 2005 erfolgreich von Robert Rodriguez verfilmt wurde. In krassem Schwarzweiß gehalten, treibt Miller hier seinen Noir-Stil auf die Spitze, wobei leider nicht immer klar ist, wo die Grenze zwischen ästhetisch bedingten Überspanntheiten und mangelndem politischen Gespür verlaufen, eine Frage, die bis heute die Fanlager spaltet.

Zu seinen weiteren erfolgreichen Werken zählt das 1998 erschienene historische Epos 300, in dem die Schlacht bei den Thermopylen zwischen Spartanern und Persern, vermutlich um 480 v.Chr., eindrücklich neu erzählt wird. Die Verfilmung durch Zack Snyder knapp zehn Jahre später wurde ähnlich erfolgreich und ähnlich kontrovers diskutiert. 2018 erschien mit Xerxes: The Fall of the House of Darius and the Rise of Alexander eine weitere Bearbeitung dieser geschichtlichen Zeit.

Frank Miller, Artus und Excalibur

Und damit wären wir bei einem aktuellen Projekt von Frank Miller, Cursed, das mich seit einiger Zeit umtreibt: Hier auf Tor Online wurde bereits berichtet, was hinter der neuen Netflix-Serie Cursed steckt und wie sie sich entwickelt. Zugegeben, auch ich bin gespannt, was da auf den Bildschirm gebracht wird. Aber noch mehr interessiert mich, ob es der Romanvorlage gelingt, eine ähnliche Definitionshoheit über einen weithin bekannten Stoff zu erlangen wie vor Längerem Die Nebel von Avalon von Marion Zimmer Bradley. Geschrieben hat diese moderne Fassung des Artus-Mythos Thomas Wheeler, der sich bisher als Drehbuchautor Meriten verdient hat. Frank Miller liefert dafür rund dreißig Schwarzweiß- und acht Farbbilder in seinem unnachahmlichen Stil.

Anfang der 80er Jahre hätte ich mir nie träumen lassen, dass ich einmal beruflich mit einem Werk von Frank Miller zu tun haben würde. Tja, offenbar muss man einfach nur lange genug dranbleiben. Und zugreifen, wenn sich eine solche Chance bietet ...

Über den Autor

Hannes Riffel wurde für seine Übersetzungen mehrfach mit dem Kurd-Laßwitz-Preis ausgezeichnet. Er hat den Golkonda Verlag gegründet und leitet seit Anfang 2015 den Programmbereich Fantasy & Science Fiction der S. Fischer Verlage, FISCHER Tor.

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