Schreiben nach Regeln – oder auch nicht

ESSAY

Schreiben nach Regeln – oder auch nicht


Übung, Talent, Glück? An welche Kniffe, Tricks oder gar Schreibregeln soll man sich als junge*r Fantasyautor*in halten? Ein paar Gedanken (und Schreibtipps) von Mark Lawrence , Autor von „Waffenschwestern“ und „Klingentänzer“.

 

Schreiben ist eine dieser Tätigkeiten, von denen man nicht weiß, wie sie gehen. Oder ich es jedenfalls nicht weiß.

Dem Klischee zufolge ist es wie Radfahren. Eine Fähigkeit, die man sich nicht zeigen lassen kann, sondern selber draufschaffen muss, und nach einer längeren Pause traut man es sich nicht mehr zu … aber wenn man es dann versucht, kann man es doch. Hurra! Schau, Mama! Ich fahre! Ich fahre!

Das Problem ist, wenn du von einer plötzlichen Selbstvertrauenskrise hinsichtlich deiner Radfahrfähigkeiten erwischt wirst … wenn du zwar weißt, dass du mal Radfahren konntest, aber jetzt unsicher bist, wie das noch mal genau ging, und darum denkst, dass du es vielleicht nicht mehr drauf hast … dann geh einfach raus und versuch‘s. Such dir eine ruhige Straße. Niemand wird dich sehen. Und Bingo, zehn Minuten später ist dein Vertrauen in die Fähigkeit, dich in der Senkrechten fortzubewegen, ohne über den Asphalt zu schrammen, wiederhergestellt.

Schreiben ist wie Radfahren, nur dass dir massenhaft Leute dabei zusehen (wenn sie kein Interesse haben, machst du etwas falsch). Außerdem weiß ein gedruckter Autor erst ungefähr ein Jahr, nachdem er in die Pedale getreten ist, ob er fährt oder umkippt. Und wenn du runterfällst … bist du tot. Oder es ist jedenfalls das Ende deiner Karriere.

Pat Rothfuss meinte neulich, eine der tollen Sachen an Kurzgeschichten ist (aus Schriftstellersicht), dass sie dir gestatten, zu scheitern. In einer Kurzgeschichte kannst du experimentieren, und wenn sie nicht funktioniert, hast du nur die Tage verloren, die es gebraucht hat, sie zu schreiben, und nicht das Jahr, das ein Buch vielleicht erfordert. Außerdem hat man (und das ist meine Ergänzung), da die Leserschaft für Kurzprosa viel kleiner ist als für Romane und sie auch nicht so viel Zeit investieren muss, nicht gleich sein Publikum verloren (oder jedenfalls keinen so großen Teil).

Das Ein-Roman-pro-Jahr-Modell verzeiht Fehler natürlich weit weniger. Produziere ein Buch, das nicht auffällt – das nicht von Lesern gefeiert wird … nur ein solches Buch, und es dürfte der Anfang vom Ende sein. Produziere ein Buch, das wirklich Mist ist, und es ist aus und vorbei, Mann. Am besten steigst du sicherheitshalber gleich in eine Rakete und jagst den Planeten aus dem Orbit hoch.

Also, da wir gerade übers Fahrradfahren und/oder Bücherschreiben reden. Beides Dinge, von denen wir nicht wirklich wissen, wie wir es anstellen. Schauen wir uns mal die Technik an.

Zunächst fällt auf, dass es ziemlich wenig Bücher darüber gibt, wie man Fahrrad fährt. Kapitel 1: Immer schön in die Pedale treten. Kapitel 2: Was man macht, wenn man zur Seite kippt. Kapitel 3: bla bla. Es gibt jedoch viele Bücher darüber, wie man schreibt. Sie bieten ein bisschen Aufmunterung angesichts der einschüchternden Tätigkeit, „es aufs Papier zu bringen“, nützen unterm Strich aber vielleicht genauso wenig.

Im Folgenden meine Gedanken dazu, „wie man nicht runterfällt“.

Verglichen mit vielen anderen Leuten in der Forschung gehe ich weder methodisch noch gründlich vor. Die Art abstrakter Mathematik, die ich mir zur Lösung von Problemen ansehe, ihr Kodieren zu Algorithmen und die interaktive Entwicklung im Abgleich mit den Daten, lädt typischerweise nicht dazu ein, intuitiv vorzugehen. Irgendwie habe ich mir offenbar jedoch den Ruf erworben, mich zu Lösungen vorzufühlen und dann die Belege zu entwickeln, die das Faktum stützen.

Beim Schreiben befinde ich mich vermutlich an demselben leicht abenteuerlichen/minderseriösen Ende des Spektrums.

Ich bin mal zu einem Kurs im kreativen Schreiben gegangen. Dreizehn Abende, einmal die Woche in einem Containerbau auf dem Parkplatz einer örtlichen Hochschule. Das erwies sich als sehr nützlich, weil es mich dazu gebracht hat, über den Vorgang und die Kunst des Schreibens nachzudenken, vor allem jedoch über den Leser.

Ich habe mal ein Buch über das Schreiben gelesen. Es hieß Das Leben und das Schreiben, und ich habe es sehr genossen – vor allem, weil Stephen King darin alle möglichen Anekdoten über das Leben, aber nur wenig über das Schreiben erzählt.

Ich bekomme mit, dass viele Autorinnen und Autoren über das Schreiben bloggen. Manche haben sich fast ein zweites Standbein damit geschaffen. Und die Sache ist die: Damit man viel über das Schreiben zu sagen haben kann, muss man (außer man schlägt den autobiografischen/anekdotischen Weg Kings ein) wirklich der „Mechanikerschule“ angehören, wie ich es nenne. Das bedeutet nicht, dass das eigene Schreiben dann in irgendeiner Hinsicht mechanisch gerät, sondern nur, dass man den Schreibprozess in viele einzelne Teile zergliedert und für jedes Teil Regeln/Methoden/Übungen/usw. aufstellt.

Viele Nachwuchsautoren werden von dieser Herangehensweise angezogen, weil sie ihnen etwas gibt, an das sie sich halten können. Schreiben kann auf jemanden, der zum ersten Mal zur Feder greift, sehr einschüchternd wirken. Eine Anleitung zu haben, kann sehr beruhigend sein.

Drei oft gesehene Säulen der Schreibtipps lauten:

  1. Schreibe jeden Tag. Setze dir eine Wortzahl zum Ziel.
  2. Plane deine Geschichte. Mach dir Notizen zu deinen Figuren. Plotte einen Weg.
  3. Deine erste Fassung wird nichts taugen. Überarbeite, überarbeite, überarbeite!

Das sind alles gute Tipps. Ich will sie nicht infrage stellen. Ich möchte nur darauf hinweisen, dass Schreiben keine Wissenschaft ist und dass jeder andere Erfahrungen damit machen wird. Meine Erfahrung besagt:

  1. Ich schreibe nicht jeden Tag, nicht mal jede Woche. Ich behalte nicht meine Wortzahl im Auge.
  2. Ich plane meine Geschichte nicht. Ich fange einfach an zu tippen und schaue, wohin ich komme. Meistens habe ich keine Ahnung, was die nächste Seite bringen wird, geschweige denn das nächste Kapitel.
  3. Meine erste Fassung taugt vielleicht nichts, aber es ist die einzige, die ich schreibe. Mit viel Abstand überprüfe ich sie auf Tippfehler, ersetze das eine oder andere Adjektiv und schicke sie ab. Ich habe schon versucht zu überarbeiten, doch es kommt mir so vor, als würde ich mich im Kreis drehen. Ich sehe mich nicht in der Lage zu beurteilen, ob Version 2 oder 3 besser ist als Version 1. Also erspare ich mir die Mühe.

Meine Herangehensweise mag unprofessionell erscheinen (ist sie) und schlampig obendrein (ist sie auch), und bevor ich verlegt wurde, durfte ich mir regelmäßig anhören, dass ich das Ganze falsch anginge. Aber der Punkt ist: Es gibt keine „richtige“ Herangehensweise. Die Bücher, die ich schreibe, bedeuten mir etwas – es steckt Herz und Leidenschaft darin –, und diese Emotion kommt eindeutig bei vielen Leuten an, die meine Bücher lesen. Es gibt kein richtig und falsch. Die Tipps, die man bekommt, sind einen Versuch wert, aber wenn sie nicht passen … weg damit. Der einzige Test, ob deine Herangehensweise funktioniert, besteht darin, ob deine Leser mehr lesen wollen.

Ich bekomme aus Schreibzirkeln auch viel von Folgendem mit:

  • Die Wichtigkeit des Netzwerkens
  • Die Kunst des Pitchens
  • Die magischen Geheimnisse des Begleitschreibens
  • Wie man an eine Buchmesse herangeht
  • Wie man einen Agenten findet

Das alles ist sicher hilfreich, und es lohnt sich bestimmt, sich darüber schlau zu machen. Aber – es sind keine Gesetze – es geht nicht nur so.

Ich habe meine Geschichte geschrieben. Ich habe sie ohne viel Überlegen an eine kleine Zahl Agenten geschickt, von denen ich vorher noch nie gehört hatte und deren Kontaktdaten auf einer Liste im Internet standen. Ich war noch nie auf einer Buchmesse gewesen. Ich habe kurz vor dem Rausschicken der Mails ein Deckblatt zusammengestoppelt.

Ich erzähle das nur, um deutlich zu machen, dass es keine Regeln gibt. Man kann Erfolg haben (oder versagen), egal wie man es anstellt. Es gibt hier kein Spiel, das gegen einen läuft, keine Szene, in die man reinkommen muss, keinen geheimen Handschlag, keine Formel.

Jemand hat mich mal um fünf Schreibtipps gebeten. Ich habe ihm folgende gegeben:

 

  1. Schreibe nicht, weil du etwas Bestimmtes sein möchtest oder erreichen möchtest. Schreib, weil du das jetzt gerade, in diesem Moment, musst. Für die Minuten oder Stunden, in denen du schreibst, sollte das da vor dir das wichtigste Stück Erzählung sein, das du je geschrieben hast.
  2. Sei ehrlich, richte dich an dich selbst, schreib, als wärest du der Einzige, der es je lesen wird – riskiere Spott und Unverständnis.
  3. Schließe dich einer Gruppe an, in der man sich gegenseitig kritisiert, und entwickle ein gerade so dickes Fell, dass dir gegensätzliche Meinungen nicht mehr weh tun, du aber noch in der Lage bist, stets wiederkehrende Lektionen anzunehmen.
  4. Betrachte deine Arbeit sowohl als Ganzes wie im Kleinen. Die Story ist wichtig, der Plot, das Ensemble, aber jede einzelne Zeile ebenso. Es liegt eine Kraft in der Sprache, die sich in praktisch jedem Satz dazu nutzen lässt, den Leser voranzutreiben.
  5. Wenn dein Schreiben dich nicht bewegt, dann bewegt es auch niemand anderen. Es ist unglaublich schwer, starke Emotionen in die Köpfe anderer Leute zu verpflanzen, einfach indem man in bestimmter Reihenfolge Plastiktasten drückt. Wenn dein Schreiben dann, zusätzlich zu dieser Schwierigkeit, noch nicht einmal dir wichtig ist … tja, sagen wir einfach, das kann kein gutes Ende nehmen!

 

Zuletzt hängt eben alles an Übung, Talent, Glück.

 

Deutsch von Frank Böhmert

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