ESSAY

Wir, die Mäzene: Wie gut funktioniert Patreon für deutschsprachige AutorInnen?


In den USA bei Künsterlnnen etabliert, fristet hierzulande die Crowdfundingplattform Patreon noch ein Nischendasein. Kann sie auch für deutschsprachige Fantasy- und SF-AutorInnen ein Zusatzeinkommen bieten? Markus Mäurer hat sich Patreon einmal angeschaut ...

Ein Buchmarkt in der Krise

Der Buchmarkt befindet sich in der Krise. Das behaupten viele seiner Akteure schon, seit es einen nennenswerten Buchmarkt gibt, aktuell kommt die Krise aber spürbar in den Verlagen und bei den AutorInnen an. In Ausgabe 135 der Federwelt sind es nicht wenige, die von schrumpfenden Vorschüssen und gestrichenem Werbebudget berichten, oder gar davon, nur noch als Abschreibtitel behandelt zu werden.

Schon vor der aktuellen Krise (6 Millionen BuchkäuferInnen weniger seit 2010, aber bei gleichbleibendem Umsatz, auch wenn der Börsenverein des Deutschen Buchhandels aktuell einen Wendepunkt sieht) war es für AutorInnen schwer, vom Schreiben zu leben, wenn man nicht gerade ein Bestsellerautor ist, und davon gibt es nur wenige. Was in den Verkaufszahlen darunter rangiert, wird als Midlist bezeichnet. MidlistautorInnen verkaufen sich gut genug, um von Verlagen regelmäßig verlegt zu werden, aber nicht so gut, dass die Sektkorken knallen. Wer z. B. einen Vorschuss von 5.000 Euro für ein Buch bekommt, muss schon mindestens zwei pro Jahr schreiben, um überhaupt über die Runden zu kommen, meist laufen noch weitere Projekte nebenher, wie z. B. das Übersetzen von Büchern.

Wenn jetzt diese knappen Margen noch weiter schrumpfen, die Zeit zum Schreiben aber auch immer knapper wird, weil man das Marketing, für das eigentlich der Verlag zuständig ist, selbst übernehmen muss - eine Präsenz in den sozialen Netzwerken wird von vielen erwartet -, müssen sich die AutorInnen, die sich eigentlich voll aufs Schreiben konzentrieren möchten, etwas einfallen lassen. Wenn von den Verlagen nicht mehr genügend Honorar bei der Autorin ankommt, muss sie sich direkt an ihre Fans/LeserInnen wenden. Oft sind die AutorInnen in der Verwertungskette der Bücher (von Literaturagenturen und Verlagen über freie GrafikerInnen bis zum Buchhandel) die Einzigen, die nicht von ihrer Arbeit leben können.

Patreon in den USA

In den USA hat sich Patreon schon seit einigen Jahren bei AutorInnen als Einnahmequelle etabliert, bei uns schwappt es so langsam rüber (bisher gibt es noch keine deutsche Version der Seite). Anders als bei Crowdfundingplattformen wie Kickstarter werden hier keine konkreten Projekte vom Schwarm finanziert, sondern die Autorin bzw. der Autor selbst. Wer sie, ihn oder * gerne liest, kann ihm/ihr einfach Geld überweisen, wie es einst Mäzene oder Gönner bei Künstlern getan haben. Mit den Einnahmen daraus wird praktisch Schreibzeit finanziert.

Und auf Patreon findet man nicht nur Selfpublisher, sondern auch etablierte, preisgekrönte AutorInnen, die bei großen Verlagen erscheinen. N. K. Jemisin (Zerrissene Erde) z. B., die 2016 ihre Festanstellung gekündigt hat, um sich ganz aufs Schreiben zu konzentrieren, und seitdem drei Hugo Awards in Folge für den besten Roman abgeräumt hat. Inzwischen wirbt sie nicht mehr für weitere Patrons (also zahlende/spenden Patrone), da sie mit 5.000 Dollar im Monat, die sie durch 1.400 Patrons erhält, auskommt. Sie hat es also tatsächlich geschafft, ein Vollzeiteinkommen über Patreon zu erreichen, das es ihr ermöglicht, sich ganz aufs Schreiben zu konzentrieren.

An dieser Stelle sollte ich noch erwähnen, dass (Midlist-) AutorInnen in den USA im Vergleich zu Deutschland wohl deutlich höhere Vorschüsse erhalten, dafür aber auch deutlich höhere Lebenshaltungskosten haben dürften. Dort gibt es keine Künstlersozialkasse, die bei uns z. B. den Arbeitergeberanteil an Krankenkassen und weiteren Sozialbeiträgen übernimmt. Oft haben US-AutorInnen gar keine Krankenversicherung, weil sie sich diese einfach nicht leisten können.

Jemisin erklärt, warum sich ihre Schreibarbeit (damals an der Broken-Earth-Trilogie) mit einem Vollzeitjob nicht mehr vereinbaren lies, ihr diese Doppelbelastung auf die Gesundheit ging und zu Verzögerungen beim Erscheinen des nächsten Bandes sorgte. Sie gibt ihr Ziel vor: 2.000 Dollar monatlich durch Patreon; und erklärt, wie sie auf diesen Betrag kommt: 1.600 Dollar Miete in New York plus 400 Dollar für eine Krankenversicherung durch die Freelancer Union. Ein Ziel, das sie, dank ihrer tollen Bücher und der wachsenden Fangemeinde deutlich überschritten hat. Für ihre Patrons gibt es neben dem Wissen, das ihr nächstes Buch pünktlich erscheinen kann, Kurzgeschichten und Vorabkapitel aus in Arbeit befindlicher Manuskripte.

Aber es gibt unterschiedliche Konzepte, wie man Patreon handhabt. Bei Jemisin zahlen ihre Patrons monatlich. Bei Kameron Hurley z. B. pro Kurzgeschichte. Was bedeutet, dass sie für jede neue Kurzgeschichte bei 1.033 Patrons 4.165 Dollar erhält. Was deutlich über dem Honorar liegt, was englischsprachige Kurzgeschichtenmagazine zahlen. Da erhält man maximal einen dreistelligen Betrag. Hurely hat weiterhin eine Festanstellung und kommt deswegen nicht so oft zum Schreiben.

Deutschsprachige AutorInnen bei Patreon

In Deutschland schreiben die meisten AutorInnen entweder nebenberuflich, oder halten sich noch mit anderen Freelancer-Jobs wie Redaktionsarbeit und dem Übersetzen von Büchern über Wasser. Da das alles nicht gut bezahlt wird, entdecken immer mehr deutschsprachige AutorInnen Patreon für sich. So zum Beispiel das Autorinnengespann Judith und Christian Vogt.

Ihre ersten Bücher veröffentlichten sie in Kleinverlagen wie Fantasy Productions, Ulisses sowie Feder und Schwert. 2018 erschien mit Die 13 Gezeichneten ihr erster Roman bei einem großen Publikumsverlag, bei Bastei Lübbe, wo auch Judiths Soloroman Roma Nova erschien und gerade die Fortsetzung Die 13 Gezeichneten – Die verkehrte Stadt. Im Oktober veröffentlicht Knaur ihren Roman Wasteland. Christian Vogt ist Physiker, Judith gelernte Buchhändlerin und hat sich vor einiger Zeit als Freiberuflerin selbstständig gemacht, was bedeutet, dass sie neben ihren eigenen Büchern auch Romane aus dem Warhammer-Universum ins Deutsche übersetzt. Ist man alleinstehend als Freiberufler tätig, kann man mit seinen Honoraren durchaus gut über die Runden kommen. Hat man aber Familie, wird es eng.

In ihrem Artikel Patreon als „Grundeinkommen“? beschreibt Judith, dass es sich nicht um ein "bedingungsloses Grundeinkommen handelt", "Ein Patreon ist eine Verpflichtung, der nachgekommen werden muss – denn Patrons können ihr „Abo“ im Prinzip jederzeit kündigen. Zudem verirrt sich niemand „einfach so“ auf eine Patreon-Seite und wirft dort monatlich Geld drauf. Für einen gut laufenden Patreon muss also gearbeitet und geworben werden".

Die Vögte sind seit kurzer Zeit dabei, da sie die Veränderungen auf dem Buchmarkt aus erster Hand aufmerksam beobachten, und merken, wie schwer sich die traditionellen Verlage mit dem digitalen Wandeln, dem veränderten Leseverhalten und der Konkurrenz durch Netflix und Co. tun. Sie sehen Patreon als eine Möglichkeit, sich von den bisherigen Abhängigkeiten zumindest ein wenig zu lösen und sich etwas Freiraum zu schaffen. Dabei haben sie aber ganz bescheidene Ziele, aktuell liegen diese bei 300 Dollar pro Monat (ca. 260 Euro), von denen sie bisher 207 mit 48 Patrons erreicht haben.

Schon deutlich etablierter auf Patreon ist Christian von Aster, dessen monatliches Einkommen dort aktuell bei 1.513 Dollar liegt. Der umtriebige Autor hat zuletzt einige Romane wie Das eherne Buch oder Der Orkfresser bei Klett Cotta veröffentlicht, bringt aber auch regelmäßig Anthologien heraus und schreibt Sach- und Kinderbücher. Wer ihn mal live erlebt hat, weiß, was für eine unterhaltsame Rampensau er ist und damit die besten Voraussetzungen, neben seiner guten Vernetzung in der Szene, mitbringt.

Das ist nicht jedermanns und fraus Sache. Wer lieber allein im stillen Kämmerlein schreibt und den Kontakt zu seinen LeserInnen und das Netzwerken scheut, könnte es mit Patreon schwer haben. Und je bekannter man schon ist, desto größer sind die Chancen auf einen Erfolg auf Patreon. Die Musikerin Amanda Palmer hat z. B. knapp über 15.000 Patreons, veröffentlicht aber nicht die Höhe ihrer Einnahmen. Da der Mindestbetrag für Patrons bei 1 Dollar liegt, kann man sich aber ausrechnen, wie hoch sie mindestens sein müssen. Unter den erfolgreichsten Patreons finden sich auch viele Podcasts und Projekte, an denen mehrere Personen beteiligt sind. Wie z. B. der Gamingpodcast Auf ein Bier von Andre Peschke und Jochen Gebauer, der mit 2.960 Patrons auf 15.000 Dollar pro Monat kommt.

Die meisten PhantastikautorInnen, die ich entdeckt habe, wie z. B. Anja Bagus, Janika Hoffmann, Claudia Rapp, Laura Dümpelfeld, Lena Falkenhagen oder Sachsa Dinse stehen noch ganz am Anfang, was das Einkommen durch Patreon angeht, doch wenn man als Freiberufler oder nebenberuflich mit knappen Budget kalkulieren muss, kann jeder noch so kleine Betrag hilfreich sein. Und wenn es nur reicht, um die Reisekosten zu Cons oder Ähnliches zu decken.

Es scheint mir hilfreich zu sein, wenn man noch Angebote hat, die über das reine Schreiben hinausgehen, wie einen Podcast oder einen Youtube-Kanal. Letzteres betreibt z. B. Liza Grimm, die immerhin schon auf stolze 29 Patrons kommt. Bild und Ton bringen einen den Fans einfach noch eine Ecke näher und wirken persönlicher als rein schriftliche Texte.

Doch Patreon bietet nicht nur den AutorInnen von Kurzgeschichten und Romanen eine Möglichkeit, ihre Schreibzeit und die laufenden Kosten zu finanzieren, sondern auch Projekten, denen aufgrund ihres Nischendaseins eine anderweitige Finanzierung kaum möglich ist. Der Kunsthistoriker Dominic Riemenschneider z. B. betreibt unter dem Titel Art History Fantastics ein Projekt, bei dem er Kunst, Architektur und soziale Entwicklungen wie Religion in phantastischen Werken (Filme, Bücher usw.) mit realen Kunstwerken, Architektur und unserer Geschichte in Form von Artikeln und Videos vergleicht. Dazu hat er sich genaue Finanzierungsziele gesetzt und erklärt auch, was er beim Erreichen der jeweiligen Ziele machen wird. Sind z. B. 150 Dollar erreicht, gibt es unter dem Titel Art of the Week wöchentlich ein Kunstwerk aus einem phantastischen Werk, das vorgestellt wird. Momentan ist er bei 50 Dollar.

Fazit

Schreiben war schon immer ein Beruf, mit dem es schwer ist, einen ausreichenden Lebensunterhalt zu verdienen. In der Phantastik war es aufgrund des Nischendaseins noch mal deutlich schwieriger, auch wenn sich im Zuge des Völkerfantasybooms in den Nullerjahren einiges für deutschsprachige AutorInnen getan hat. Doch der Boom ist vorbei und die Buchbranche steckt genreübergreifend in der Krise, und es wird wieder schwieriger für Phantastikautorinnen, vom Schreiben leben zu können. Patreon bietet zumindest eine mögliche Alternative. Ein zusätzliches Einkommen zu generieren, bringt aber auch einiges an zusätzlicher Arbeit mit sich. Wie schon im Verlagswesen werden es auch hier nur wenige schaffen, auf ein ausreichendes regelmäßiges Einkommen zu kommen, aber wenn dies zusätzlich zu den Honoraren geschieht, kann schon was zusammenkommen. Als Grundeinkommen scheint es mir momentan für 99% aller AutorInnen unrealistisch, aber es könnte zumindest ein nettes Zubrot bieten. Hier muss jeder abwägen, ob die Einnahmen durch etwaige Patrons den Aufwand an zusätzlichem Material, das man für seine Patrons schafft, in einem akzeptablen Verhältnis stehen.

Auf Twitter gibt es unter dem Hashtag #patreonde eine Auflistung mit vielen deutschsprachigen Autorinnen, die auf Patreon vertreten sind.

Nachtrag: Nach einigen Hinweisen sollte ich noch darauf eingehen, dass die Einnahmen durch Patreon als durch eine Website generierte Einnahmen gelten könnten, und man deswegen ein Gewerbe anmelden muss (siehe diesen Rechtshinweis für Youtuber). Steuerlich dürften die Meisten nicht in einen relevanten Bereich kommen (siehe ebenfalls das verlinkte Video). Es sei auch noch erwähnt, dass man hier natürlich von den Launen eines US-Unternehmens abhängig ist, das ebenso willkürlich Konten sperren könnte, wie Youtube oder Facebook. Da es keinen deutschen Ableger gibt, herrscht auch eine gewisse Rechtsunsicherheit. Man sollte sich auf keinen Fall allein auf diese Einnahmen verlassen, und einkalkulieren, dass sie plötzlich wegbrechen könnten.

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