Mark Lawrence - Nicht zu Ende gebrachte Serien – der Gegenschlag

ESSAY

Nicht zu Ende gebrachte Serien – der Gegenschlag


Fortsetzung folgt. (Nicht). Abgebrochene Buchserien und TV-Staffeln nerven. Mark Lawrence, Autor von „Klingentänzer“ (Band 2!), darüber, warum es dennoch wichtig ist, in laufende Serien einzusteigen, anstatt bingebereit auf ihren Abschluss zu warten und alles auf einmal zu konsumieren.

 

Nichts nervt mehr als nicht zu Ende gebrachte

Also eigentlich nervt vieles mehr als nicht zu Ende gebrachte Sätze oder Serien. Jedoch kann beides definitiv ärgerlich sein. Wir werden nicht gern hängen gelassen.

Es ist schon vieles darüber gesagt worden, ob ein Autor seinen Lesern das Ende einer Serie schuldet, nur weil er ihnen den Anfang verkauft hat. Darüber werde ich hier nicht sprechen. Stattdessen werde ich erörtern, wie sich die Verzögerungen bei gewissen bekannten Fantasyserien auf den Fantasybuchmarkt allgemein auswirken.

Angeregt dazu hat mich eine Bemerkung auf Goodreads: Ich fange nie, nie wieder eine Serie an, die noch nicht abgeschlossen ist.

Das ist nichts Neues. Ich habe ähnliche Äußerungen schon viele Male gelesen.

Noch einmal, was ich hier erörtere, hat nichts mit dem zu tun, was Autoren in solchen Diskussionen normalerweise aufbringen. Dass ein Buch sich verzögert, kann viele Gründe haben, die manchmal nur Kollegen nachvollziehen können und durch großen Erfolg mitunter noch verschlimmert werden.

Mich interessiert hier die Vorstellung, eine spürbare Anzahl von Lesern könnte damit ernstmachen, dass sie keine laufenden Serien mehr kaufen.

Das wäre für manche Autoren sehr unglücklich und zugleich unangebracht, weil die mit Abstand meisten Serien pünktlich oder mit vertretbarer Verzögerung abgeschlossen werden. Viele Autoren schreiben ein Buch im Jahr … Allem Neuen abzuschwören, solange es nicht komplett vorliegt, würde also die Vielen für das Pech der Wenigen bestrafen. Problematischerweise überschattet der hohe Bekanntheitsgrad dieser ausbleibenden Folgeromane die Tatsache, dass die statistische Wahrscheinlichkeit für das Nichterscheinen eines Abschlussbandes bei jeder beliebigen Serie gegen Null tendiert.

Alle Autoren, außer die wirklich extrem erfolgreichen Kollegen, sind auf Leser angewiesen, die frühzeitig in ihre Serien oder Trilogien einsteigen. Ohne gute Anfangsverkäufe kann der Rest der Serie in Gefahr geraten. Möglicherweise gibt sich der Verlag dann mit den Folgebänden weniger Mühe, was auf eine selbsterfüllende Prophezeiung des kommerziellen Scheiterns hinausläuft. Im schlimmsten Falle brechen Verlage Serien ab, womit genau das eintritt, was Leser, die diese Bücher erst später kaufen wollten, gefürchtet haben … sie haben dann verursacht, was sie vermeiden wollten … haben für das gesorgt, was sie nicht ausstehen können!

Dass Serien von Verlagen abgebrochen werden, kommt auf dem Lizenzmarkt gelegentlich vor, da die zusätzlich anfallenden Übersetzungskosten das finanzielle Risiko für den Verlag erhöhen. Wenn bei einer übersetzten Serie die ersten ein, zwei Bände nicht gut laufen … dann kommen keine weiteren mehr … was darauf hinausläuft, dass Leser Serien erst kaufen, wenn sie komplett vorliegen … und das bedeutet, dass die Verkaufszahlen schlecht sind und Serien eingestellt werden. Dieser gnadenlose Kreislauf dreht sich auf vielen Auslandsmärkten extrem schnell.

Man kann „Prinz der Dunkelheit“ auf Spanisch kaufen, aber keines der anderen beiden Bücher. Man kann „Prinz der Dunkelheit“ und „König der Dunkelheit“ auf Holländisch kaufen, aber nicht „Kaiser der Dunkelheit“. Die Trilogie wird in beiden Ländern nicht vollständig erscheinen.

Sollte die oben erwähnte Leserhaltung auf dem englischsprachigen Markt um sich greifen, wird genau dieser Kreislauf auch hier an Schwung gewinnen.

Ihn zum Stehen zu bringen, ist jedoch schwer. Bislang kam es selten zu Abbrüchen, allerdings sind die Verkaufszahlen bestimmter Serien im Bereich der epischen Fantasy weitaus höher als die der Mitbewerber, und entsprechend groß ist ihr stetig steigender Einfluss auf die Psyche und Kaufgewohnheiten der Leser.

Die große Frage ist: Trägt der Erfolg dieser Serien zugleich zu ihren Verzögerungen bei, vielleicht durch den Erwartungsdruck oder dadurch, dass sich der Alltag der betroffenen Autoren bis zur Unkenntlichkeit verändert? Oder sind nur zufälligerweise ausgerechnet unsere beliebtesten Autoren von diesem Problem betroffen?

Individuell bleibt uns nur die Entscheidung, ob wir „in Angst leben“ möchten und unsere Lektüre nur vorsichtig aus älteren, kompletten Serien wählen, oder ob wir uns davon freimachen wollen und ganz vorn dabei sind und junge Talente unterstützen, die sich gerade erst ins Getümmel werfen.

Und natürlich besteht trotz des spekulativen Negativeffekts der erwähnten Verzögerungen durchaus die Möglichkeit, dass diese Serien den anderen Autoren weit mehr genützt als geschadet haben.

 

Deutsch von Frank Böhmert

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