Mark Lawrence - Genres sind blöd

ESSAY

Genres sind blöd


Genre-Labels und Schubladendenken in der Auswahl von Büchern können dazu führen, dass man mitunter gute Romane verpasst. Ein Essay von Mark Lawrence (Autor von „Waffenschwestern“ und „Klingentänzer“)

Es ist offiziell. Ich kann keine Clickbait-Texte schreiben. Irgendein innerer Zwang lässt mich Aussagen sogar in der heiklen Einleitung abschwächen, während der die Leute noch auf einen Rant hoffen …

Natürlich sind Label bis zu einem gewissen Grad nützlich. Aber wie die Demokratie funktionieren sie bis zu einem gewissen Grad auch nicht. Es gibt kein perfektes System, und heute soll es um die Mängel gehen.

Ich benutze Label. Ich habe eine Vorliebe für Zombiefilme und genieße sie gern mit Bier und Erdnüssen in Griffnähe. Also habe ich gelegentlich „die besten Zombiefilme“ gegoogelt und geschaut, ob mir der eine oder andere entgangen ist.

Die Kehrseite dieser Herangehensweise ist jedoch, dass sie uns oft Sachen vorenthält, die zwar richtig gut sind, deren Brillanz sich aber nicht von einem Ein-Wort-Label einfangen lässt, und damit haben wir uns nur wegen einer banalen Kategorisierung um ihren Genuss gebracht.

Und ich sehe das derart ins Extrem getrieben …

Wenn jemand nach extrem spezifischen Elementen sucht, und ich habe Anfragen gesehen wie „sollte Zentauren und detaillierte Beschreibungen der Herstellung von Schwertern enthalten“, dann spielt die Qualität des Buches offenbar keine Rolle mehr. Gebt mir ein Buch, das dieses Label zu Recht trägt. Nicht: Gebt mir ein gutes Buch.

Ebenso befremdlich finde ich es, durch die Benutzung eines allgemeinen Labels massenweise Romane auszuschließen. Manche Leute sagen etwa „Ich lese keinen Steampunk“ oder „Wenn darin ein Luftschiff vorkommt, ohne mich“. So etwas will mir nicht in den Kopf. Es ist der Fehler des Labels, dass damit zehntausend höchst unterschiedliche Dinge unter einem Stichwort zusammengefasst und dann mit diesem einen Wort lässig verworfen werden können. Vielleicht hast du ja  mal ein Buch gelesen, das unter Label A lief, und es hat dir nicht gefallen. Vielleicht hast du auch drei gelesen. Und nun taugen alle Bücher unter Label A ebenfalls nichts?! Mein Rat: Dieses Regal lass schlicht links liegen.

Bleiben wir noch kurz bei dieser Haltung. Konkret: „Wenn darin ein Luftschiff vorkommt: ohne mich!“ Die Nutzung eines Transportmittels entscheidet die Sache? Also ist es völlig egal, wie fesselnd die Geschichte ist, wie lebendig die Hauptfigur, wie kraftvoll der Stil? Wie oft man das Buch sinken lässt, weil man erst mal durchatmen muss? Nein, darin kommt „heiße Luft in Tüten vor“. Ohne mich … !

Freie Wahl ist genau das, frei, und jeder hat absolut das Recht, sie aufgrund von unvernünftigen Erwägungen, Vorurteilen oder durch das Schütteln eines Magic-8-Balles zu treffen, wenn er das so möchte. Ich ermutige nur dazu, einen Schritt zurück vom ontologischen Rand zu machen.

Label sind zu klein für Romane. Ganz gleich, wie viele Seiten ein gutes Buch hat, es ist ein ungeheures, wucherndes Gebilde, ein Zusammenspiel von Intellekt, Dichtung, genauem Blick, Witz, Begeisterung, Vorlieben, Unglück und Fragen über Fragen. So verpasst zum Beispiel jeder, der den vorzüglichen Roman „Im Turm“ von Josiah Bancroft nicht liest, weil darin ein Luftschiff vorkommt oder ihm das Label Steampunk angeheftet werden kann, eine brillante literarische Reise.

Und damit wären wir bei mir. Jeder, der meine Arbeit einfach nur deshalb ignoriert, weil jemand anders ihr das Etikett „düster“ aufgedrückt hat und er jetzt eine seichte Geschichte voller Nihilismus und Gewalt erwartet, verwirft ebenfalls etwas, das von seinen Erwartungen mitunter deutlich abweichen dürfte.

Wenn wir Bücher mit Labeln versehen, ähnelt das dem Versuch, eine Briefmarke auf ein Containerschiff zu kleben und es damit komplett abdecken zu wollen. Während der Arbeit an einem Roman ist es mir egal, ob ich über die Linien male. Ich wandere von der Fantasy zur Science Fiction zum Horror, ich mache vielleicht sogar einen Schlenker zur Romance. Und wenn man nicht einmal innerhalb eines solchen Oberbegriffs bleiben kann, erscheint es einem umso befremdlicher, auch noch eine seiner Unterkategorien herumzutragen.

Na schön, ich geb‘s zu. Genres sind nicht blöd … Aber manchmal ist es hilfreich, über sie hinauszudenken.

 

Deutsch von Frank Böhmert

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