Wakanda aus Black Panther designt von Hannah Beachler

© Disney/Marvel

ESSAY

Schluss mit der Schwarzseherei! Warum Zukunft wieder ein positiv besetzter Begriff werden muss


Dystopische Science Fiction ist beliebt wie nie. Doch wo bleiben die positiven Visionen von unserer Zukunft? Ein Aufruf zum utopischen Denken.

In Blade Runner 2049 ist die Umwelt vergiftet. Black Mirror führt uns mit jeder neuen Folge vor Augen, welch schlimme soziale Folgen die aktuellen technologischen Entwicklungen mit sich bringen können. Selbst bei Star Trek (Discovery) gehen mittlerweile die Lichter aus – alles wird ambivalent und grimdark-düster. In Ready Player One lebt man in einer virtuellen Version der verklärten Vergangenheit, während die Welt vor die Hunde geht. In Sybille Bergs GRM Brainfuck ist die nahe Zukunft ein zu tiefst dystopischer, totalitärer Ort voller Missbrauch und Gewalt.

Bergs Buch ist großartig geschrieben, stilistisch eine Offenbarung, mit schonungslos scharfem Blick auf unsere Gesellschaft. Aber in letzter Zeit tue ich mich immer schwerer mit all diesen dystopischen Blicken auf die Zukunft. Weshalb ich das Buch auch nur in kleineren Dosen genießen konnte und über eine Woche daran gelesen haben. Es enthält mir zu viel Negativität. Das Buch als solches funktioniert super, doch wenn man viel Science Fiction liest, Serien wie Black Mirror schaut und Filme wie Blade Runner 2049, dann prasselt da schon eine geballte Ladung an pessimistischen Zukunftsvisionen auf einen ein, die mir in der Summe zu viel sind. Zumal es im Ausgleich an positiven, optimistischen Zukunftsnarrationen mangelt.

Wo sind die Hoffnung stiftenden Erzählungen?

Die meisten Tech-Gurus wie Jeff Bezos, Elon Musk oder Sergej Brin wurden durch die Science-Fiction-Bücher und -Filme ihrer Kindheit und Jugend geprägt, und arbeiten jetzt daran, das umzusetzen, wovon sie als Kinder geträumt haben (was auch die chinesische Regierung erkannt hat, zwölfter Absatz). Ob wir wollen oder nicht: Sie prägen damit maßgeblich unsere Gegenwart und Zukunft. Aber wovon träumen eigentlich die Bezos und Musks der kommenden Generationen, wenn sie nur noch Dystopien zu lesen, sehen und spielen bekommen?

Auch wenn alle oder zumindest viele heutige Entwicklungen – Klimakatastrophe und das erneute Aufkeimen faschistischer und autokratischer Regierungen in Kombination mit technologischer Totalüberwachung – für eine schwierige Zukunft sprechen, benötigen wir optimistische Erzählungen und Visionen. Täglich werden wir mit negativen Nachrichten bombardiert, während all jene Entwicklungen in der Welt, die Hoffnung geben könnten, darin untergehen. Wenn wir aber erst einmal den Glauben an eine bessere Zukunft verloren haben, wenn es keine Geschichten über Hoffnung mehr gibt, schaffen wir uns unsere eigene selbsterfüllende Prophezeiung und sind verdammt zu einer Abwärtsspirale aus schlechten Nachrichten und Entwicklungen.

Nostalgie als Flucht

Um dieser Negativität des Alltags zu entgehen, flüchten wir uns in Nostalgie, in eine Welt, die schon längst vergangen ist, und deren Zukünfte schon längst Geschichte sind. Wir begeben uns lieber in die Zukunft der Vergangenheit, die immer noch aussieht, wie das Los Angeles in Blade Runner von 1982 und die Welt aus Neuromancer von 1984, statt unsere eigenen Erzählungen der Zukunft zu schaffen. Nostalgie bringt uns aber nicht voran, sondern führt zu einer selektiven Wahrnehmung der Vergangenheit, die zuerst wie ein Kaugummi wunderbar süß schmeckt, irgendwann aber fad, hart und eklig wird.

Schon seit Mary Shelleys Frankenstein und George Orwells 1984 gelten Dystopien und andere Science-Fiction-Geschichten als Mahnungen und Warnungen vor negativen gesellschaftlichen und technologischen Entwicklungen. Während im sogenannten Golden Age of Science Fiction eine an Naivität grenzende Euphorie in Bezug auf Technologie und gesellschaftliche Entwicklungen herrschte. Zwei Extreme, zwischen denen zeitweise ein Gleichgewicht bestand, das sich inzwischen jedoch massiv auf die Seite der Dystopien verlagert hat.

Videoessay über den Einfluss von Blade Runner und Neuromancer

Hat 1984 die Totalüberwachung verhindert?

Es hat sich gezeigt, dass alle Warnungen und Mahnungen umsonst waren. 1984 mit seinem Diktum "Big Brother is watching you" hat sich trotzdem erfüllt, und droht, noch extremere Formen anzunehmen als von Orwell befürchtet. Stichwort: Social Scoring in China.

Wir brauchen also einen neuen Ansatz. Einen, in dem die Zukunft wieder positiv besetzt ist; der inspiriert und nicht Angst verbreitet. Alles Wissen über die weiteren negativen Entwicklungen ist vorhanden. Was jetzt not tut, sind keine Warnungen, sondern die Antizipation möglicher Wege, die an diesen negativen Entwicklungen vorbeiführen. Geschichten, die uns hinausführen aus unserem dystopischen Labyrinth, in dem wir uns im Kreis drehen, ohne einen Ausweg zu sehen oder auch nur danach zu suchen.

Wir müssen uns über dieses Labyrinth erheben, unsere ikarischen Freiheiten wiederentdecken und das Ganze überblicken. Aber auch im Kleinen mögliche Lösungen anbieten. Nicht nur in technologischer Sicht, sondern auch gesellschaftlich. Damit sind aber keine fertigen Utopien gemeint. Utopien sind langweilig, ihnen fehlt es an Spannung und Konflikten. Das Star Trek der Next Generation zeigt eine vermeintlich utopische Gesellschaft auf der Erde und in der Sternenflotte, doch unter der Oberfläche, nicht nur in den unendlichen Weiten des Alls, schwelen weiterhin Konflikte, für die Lösungen gebraucht werden. Und der Reiz der Serie besteht genau darin, solche Lösungswege aufzuzeigen. Die Utopie mag langweilig sein, doch der Weg dahin kann sehr spannend sein.

Superhelden sind ein solcher Weg nicht, es sind nur Märchen von Übermenschen, Superwesen und reichen Technikgenies, die sich über die Masse der Menschen erheben und allein die Menschheit retten können. Wo sind die Geschichten von einfachen Menschen, die scheinbar unlösbare Probleme überwinden, indem sie sich mit anderen zusammentun? Nichts gegen Superhelden an sich, Superman wurde von zwei jüdischen Autoren von eher schwächlicher Konstitution erschaffen, als Projektion der eigenen Sehnsüchte, aber heutzutage stehen sie eher für ein Denken, das allzu schlichte Antworten auf komplizierte Fragen gibt. Mich wundert es im Grunde nicht, dass der Erfolg der Superheldenfilme mit einem Erstarken der Populisten und Autokraten einhergeht. Man kann auch aus den richtigen Gründen das Falsche tun.

Differenzierter Videoessay zur Frage, ob Superhelden Faschisten sind

Geschichten der Hoffnung?

Aber das ist natürlich zu einseitig, besonders wenn man daran denkt, wie gerade im Superheldengenre das Bild des weißen, männlichen Superhelden aufgebrochen wird. Wonder Woman ist ein Symbol des Empowerments für zahllose junge Frauen und Mädchen, und Black Panther für die schwarze Bevölkerung. Es sind Schritte in die richtige Richtung. Mehr Repräsentation von (vermeintlichen) Minderheiten in Zukunftserzählungen kann nicht falsch sein. Aber es kann auch nicht alles sein.

Liebe Science-Fiction-AutorInnen, LektorInnen, Film- und SpielemacherInnen, wir brauchen wieder mehr Erzählungen, in denen die Zukunft ein Ort der Vielfalt und er Hoffnung ist. Geschichten, die die alten Erzählmuster vom weißen männlichen Helden aufbrechen und die Gesamtheit unserer Gesellschaft widerspiegeln. Und Geschichten, die für intelligente Lösungen für komplexe Probleme plädieren, dabei aber stets kritisch, spannend und unterhaltsam bleiben.

P.S. Alles, was ich hier geschrieben habe, und noch viel mehr, hat Monika Bielskyte in ihrem Vortrag Design Is [Protopian] viel eloquenter und überzeugender formuliert. Schaut ihn euch an.

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