Virtuelle Influencer: Die künstlichen Persönlichkeiten auf Instagram

ESSAY

Virtuelle Influencer: Die Roboter unter uns


Alexa Pukall
06.06.2019

Virtuelle Influencer – komplett erfundene Social-Media-Persönlichkeiten – markieren den State of the Art in Sachen digitales Marketing. Alexa Pukall über ein faszinierendes Phänomen, das Schule (und Geld) macht – und die Zukunft des Schreibens beeinflussen könnte.

Ich muss zugeben, manchmal schüttle ich über Influencer den Kopf. Wie kann ein Mensch, der sein Geld mit Videos über sein persönliches Leben verdient, ein Star sein? Wie kann jemand, der iPhone-Fotos auf Instagram hochlädt, sich ‚Model‘ nennen? Und doch ist diese bunte, laute, selbstdefinierte Welt mein Alltag, denn ich erfinde einen Influencer: eine virtuelle Person, die Menschen mit ihrem Content faszinieren und begeistern soll, ohne jemals einen Hehl daraus zu machen, dass sie nicht wirklich existiert. Eine Figur zu erschaffen, die trotz ihrer offensichtlichen Nichtmenschlichkeit glaubhaft menschliche Emotionen und Persönlichkeit vermittelt, das ist für mich die Herausforderung der Zukunft.

Das Projekt, an dem ich arbeite, steht noch am Anfang seiner Entwicklung, aber virtuelle Persönlichkeiten mischen sich schon seit einigen Jahren unter die Influencer. Die bekannteste von ihnen ist mit Abstand Lil' Miquela. Sie ist nicht die erste virtuelle Influencerin, aber die erste wirklich erfolgreiche. 1,5 Millionen Menschen verfolgen mittlerweile, wie sie während der Milan Fashion Week den Instagram-Channel von Prada übernimmt, auf Titelseiten von Zeitschriften abgebildet wird und mit realen Models knutscht. Ihre animierte Erscheinung begründet die angeblich Neunzehnjährige damit, dass sie ein Roboter sei, ebenso wie ihre ehemalige Erzfeindin und aktuell beste Freundin Bermuda.

Virtuelle Influencer: Die Roboter unter uns

Miquela auf Instagram

Auch wenn es eine fiktive Firma gibt, die die beiden angeblich gebaut hat – in Wirklichkeit stammen sie, gemeinsam mit Kumpel Blawko22, aus der Feder des Tech Start-ups Brud. Die ebenfalls sehr bekannte Shudu kann von sich behaupten, das „erste digitale Supermodel“ zu sein. Repräsentiert wird sie von der Modeling-Agentur The Diigitals, welche nur digitale Schönheiten vertritt und auch ein Alien in ihrem Line-up vorweisen kann. Erwähnenswert ist auch die Popsängerin Hatsune Miku, eine singende, tanzende Projektion mit türkisen Haaren und farblich passendem Outfit. Dank einer speziell geformten Projektionsfläche gehen sie und ihre menschlichen Tänzer unter anderem mit Musikgrößen wie Lady Gaga auf Tour.

Virtuelle Influencer: Die Roboter unter uns

Shudu auf Instagram

So etwas zu erfinden macht natürlich Spaß. Die erzählerischen Möglichkeiten sind schier uneingeschränkt. Aber warum wird man Fan von Figuren wie Miquela? Was macht ihren Reiz aus?

Es ist kein Zufall, dass diese virtuellen Persönlichkeiten gerade in der Influencer-Branche Fuß gefasst haben. In Zeiten, in denen selbst Models nicht mehr aussehen wie in ihren eigenen Fotos, entwickelt sich ein Bedürfnis nach Wahrhaftigkeit. Es geht den Fans nicht mehr primär um Talent, körperliche Schönheit oder Statussymbole, sondern um den Anschein von Authentizität. Und Influencer liefern diesen. Sie verhaspeln sich, blödeln herum, lassen ihre Kameras fallen und vergessen, was sie sagen wollten. Trotz der Kamera zwischen uns und ihnen bieten sie einen Blick, so glauben wir, hinter die Kulissen. Wir erleben eine Art Meta-Unterhaltung. Echt, aber nicht zu echt. Realität, aber bitte nicht zu viel.

Diese Trends sind es, die virtuelle Influencer überhaupt erst möglich machen. Influencer verstehen sich bestens darauf, lustige Versprecher oder ungeplante Zwischenfälle zu nutzen, um Realismus zu erzeugen. Obwohl in YouTube-Videos wesentlich häufiger ‚rein zufällig‘ das Haustier ins Bild läuft, als statistisch möglich erscheint, handelt es sich dabei doch um ein alltägliches Ereignis, das glaubwürdig ist und macht. So können auch virtuelle Influencer durch Scheinspontanität und geplante Ungeplantheiten Nähe und Realismus vermitteln. Auch Introspektive und Weltanschauung sowie gute und schlechte Eigenschaften, die Tiefe und Glaubwürdigkeit verleihen, können durch Posts und Kommentare nach und nach entwickelt werden. Es ist schließlich nicht einfach, Charakterschwächen zu etablieren, wenn diese in Echtzeit be- und verurteilt werden. Während die Protagonisten eines Buchs auch mal Ecken und Kanten haben, falsche Entscheidungen treffen oder ihre Leser vor den Kopf stoßen dürfen, sind virtuelle Influencer in ihren Entwicklungsmöglichkeiten eingeschränkter. Sie dürfen sich selbst reflektieren, an sich zweifeln und ihre schlechten Eigenschaften ins Licht zerren – aber diese Makel müssen stets mehr Sympathie wecken als kosten. Denn durch Antipathie verlieren sie Follower, und die sind schließlich ihr Kapital.

Gleichzeitig brauchen gerade virtuelle Influencer aber auch Handlung und Entwicklung. Reale Menschen entwickeln sich von allein. Influencer-Figuren hingegen müssen neben visuell interessanten Bildern und Videos auch Geschichten liefern, um eine menschenähnliche Entwicklung vorzutäuschen und damit für ihr Publikum relevant zu bleiben. Einen solchen Handlungsstrang, mehr oder weniger gelungen, sehen wir bei Lil’ Miquela. Bevor Brud als ihr Schöpfer öffentlich wurde, postete sie zwar Bilder, schwieg sich aber zu ihrer wahren Identität aus. Erst nachdem Trump-Anhängerin und ‚Troll‘ Bermuda im Frühjahr 2018 Miquelas Instagram-Account hackte, um sie zum Reden zu zwingen, kam die ‚Wahrheit‘ heraus: Miquela ist ein Roboter. Ihr Account wurde zwar restauriert, aber die emotionale Auseinandersetzung mit ihrem nichtmenschlichen Dasein fing damit erst an.

Virtuelle Influencer: Die Roboter unter uns

Der Takeover

So weit, so spannend – bis sich dann herausstellte, dass Lil’ Miquela und Bermuda von derselben Firma gesteuert werden. Der Takeover, die Offenbarung, Miquelas Selbstzweifel ob ihrer Roboteridentität – alles inszeniert. In einem Science-Fiction-Buch mag das funktionieren, unter Miquelas Followern hingegen wurde Unmut laut. Auch im virtuellen Raum lieben wir gut erzählte Geschichten, Twists und Überraschungen, nicht aber das Gefühl, manipuliert zu werden. Wenn zwei Internetsternchen sich digital bekriegen, kann das unterhaltsam sein. Stellt sich der Streit jedoch als pure Marketingstrategie heraus, hinterlässt das einen schalen Geschmack.

Vielleicht hat Brud sich die kritischen Stimmen zu Herzen genommen, vielleicht hat das Start-up, das mittlerweile geschätzte 125 Millionen U.S.-Dollar wert ist, auch sein Ziel erreicht – in jedem Falle sind die beiden Robotermädchen seitdem untereinander friedlich und politisch liberal. Ihre Alltagsabenteuer auf Instagram, YouTube und Twitter werden von Millionen Internetnutzern verfolgt, die mal über die technische Expertise staunen, mal überrascht fragen, ob die Figuren wirklich nicht echt seien. Diese Faszination ist aktuell das primäre Verkaufsinstrument der virtuellen Influencer. Denn wenn man sich erst einmal an ihr Erscheinungsbild gewöhnt hat, ist ihr Content nicht spannender als der anderer Influencer-Accounts auch. Vielleicht sogar ein wenig langweiliger, denn während menschliche Influencer das Glamouröse und Ungewöhnliche ihres Alltags hervorheben, versuchen die virtuellen, möglichst normal und alltäglich zu wirken. Unscharfe Fotos oder Bilder, auf denen gerade jemand blinzelt – so etwas würden reale Influencer niemals auf Instagram stellen. Der Reiz liegt also nicht im Außergewöhnlichen allein, sondern darin, dass hier ein ungewöhnliches Wesen gewöhnliche Dinge tut.

Virtuelle Influencer: Die Roboter unter uns

Miquela und ihre Freundin Bermuda

Als Entwickler solcher Figuren erkennt man das Dilemma: Virtuelle Influencer müssen überzeugendere Menschen sein als Menschen selbst. Denn nicht zuletzt ist die lauteste und verständlichste Kritik an virtuellen Influencern, dass sie eben keine Menschen sind. Dass sie keine menschlichen Bindungen eingehen können. Und dennoch haben Miquela und ihre Freunde Persönlichkeiten, Beziehungen und Hobbys. Sie streiten sich mit ihren Freunden, gehen baden und sammeln Müll von der Straße. Sie singen Lieder über Herzschmerz und Trennungen, machen Witze und reden ihren Followern gut zu, wenn diese unglücklich sind. Vielleicht kann Lil’ Miquela sich nicht emotional an ihre Follower binden, diese binden sich aber definitiv emotional an sie.

Virtuelle Influencer: Die Roboter unter uns

Miquela beim Essen

Was geschieht also, wenn diese Art von Interaktion normal geworden ist? Werden wir dann von Robotern regiert? Leben wir bald in der Matrix?

Die Antwort lautet eindeutig nein. Hinter jeder virtuellen Persönlichkeit, von Lil’ Miquela bis Hatsune Miku, stehen Menschen; mal ein Individuum, mal ein Team. Virtuelle Influencer sind keine künstlichen Intelligenzen, sondern Kunstfiguren, die ausschließlich von Menschen kontrolliert werden – auch nicht anders als eine Disney-Prinzessin, die man erst auf der Leinwand und dann, von trainierten Darstellerinnen gespielt, bei Disneyland bestaunen darf. Kein aktuell existierender virtueller Influencer kann eigenständig auftreten, posten oder Fragen beantworten. Auch wenn manche ihrer Bilder glauben lassen, dass es sich hier um echte Menschen handelt oder handeln könnte, sind wir von eigenmächtigen Roboterwesen noch weit entfernt.

Dennoch gewinnen virtuelle Influencer beständig an Relevanz. Neben Brud und The Diigitals haben nun auch namhafte Marken wie Adidas, Louis Vuitton und Balmain ihre eigenen digitalen Werbepartner. Und in Zukunft werden sich nicht nur Start-ups und Marktgiganten virtueller Models bedienen können. Es sind bereits Softwarevorlagen in Entwicklung, die jedem Interessenten einen eigenen Influencer-Avatar ermöglichen.

Was bedeutet das für uns, als deren Entwickler? Ungeahnte Möglichkeiten. Für Autoren erschließt sich hier eine ganz neue Branche, mit der noch vor wenigen Jahren niemand gerechnet hätte. Denn schöne Bilder ohne Substanz, ohne Engagement, sind fürs Publikum nicht mehr spannend, technologische Weiterentwicklung jedoch sehr. Und auch die Geschichten, die wir erzählen, entwickeln sich weiter – von abgeschlossenen Werken zu interaktiven Erfahrungen, von Büchern und Zeitschriften zu multimedialen Gesamterlebnissen. Von liebevoll erschaffenen, menschlich überzeugenden Charakteren auf Papier hin zu liebevoll erschaffenen, menschlich überzeugenden Charakteren im Netz. Jeder Tag birgt neues Potential. Auch wenn ich manchmal über Influencer den Kopf schüttle – ich bin sehr gespannt, wo sie uns noch hinführen.

Über die Autorin

Autorin Alexa Pukall

Alexa Pukall musste ihre ersten Geschichten ihren Eltern diktieren, weil sie noch nicht auf die Schule ging und Schreiben noch nicht gelernt hatte. Viele Jahre Schreiberfahrung und ein Creative Writing-Studium in den USA später verfasst sie Kurzgeschichten, Romane, Web-Inhalte und Hörbücher auf Deutsch und Englisch. Ihre bevorzugten, aber nicht einzigen Genres sind Magischer Realismus, Science Fiction und Dystopien. Gelegentlich gerät (meist auf Anfrage) auch mal „was Fröhliches“ dazwischen.

Mehr auf www.alexapukall.com

 

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