Leise Rebellion: Interview mit Bina Shah

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INTERVIEW

Leise Rebellion: Interview mit Bina Shah


Melanie Wylutzki
04.06.2019

Mit ihrer kürzlich erschienenen Dystopie „Die Geschichte der schweigenden Frauen“ spricht Autorin Bina Shah ein brisantes Thema an: Frauenrechte in der arabischen Welt. Was bedeutet es, in muslimisch geprägten Kulturen als Feministin zu leben und zu schreiben? Bina Shah im Interview ... 

Wo spielt dein aktueller Roman über Sabine und die Frauen der Panah und wie sieht die Zukunft dort aus?

Der Roman spielt in einer futuristischen Stadt im Nahen Osten: Green City. Sie ist auch gleichzeitig die Hauptstadt Südwestasiens, eine Region, die sich gebildet hat, nachdem durch einen Atomkrieg ein Großteil der weiblichen Bevölkerung in dieser Gegend ausgelöscht wurde. Die führenden Politiker der Stadt erkennen die Gefahr und reagieren mit Autoritarismus. Die überlebenden Frauen werden gezwungen, mehrere Ehemänner zu nehme und so vielen Kindern wie möglich das Leben zu schenken, sodass sich die Population wieder erholen kann. Eine Gruppe von Frauen will sich diesem Regime nicht beugen, und zieht sich in einen unterirdischen Zufluchtsort zurück, die Panah.

Wir folgen vor allem den Schicksalen dieser Frauen, insbesondere der Protagonistin Sabine, während sie die Bedingungen für ihr Überleben auf verschiedene Weise aushandeln. Sie nutzen ihre Weiblichkeit und bieten den mächtigsten Männern der Stadt Intimität als Währung, um unter extremen Umständen in einer extremen Gesellschaft ihr Überleben zu sichern.

Wir leben in einer Zeit, in der viele Menschen sich vor terroristischen Anschlägen, insbesondere den religiös (oder noch konkreter, islamisch) motivierten fürchten. Da fällt es beinahe schwer, sich eine arabische Welt vorzustellen, die zu einem großen Konglomerat zusammengewachsen ist und unter einer säkularen Regierung steht, die im Prinzip den Glauben unterdrückt, aber einige Traditionen weiterhin zulässt. Woher stammt die Idee, eine solche Gesellschaftsform zu entwickeln?

Viele Menschen wissen nicht im Detail über die Geschichte oder Geopolitik der Region, über die wir hier sprechen, Bescheid, aber genau darauf habe ich Green City aufgebaut. Ich habe mir Länder des Nahen Ostens angeschaut, in denen vom Westen unterstützte Diktatoren geherrscht haben: der Irak mit Saddam Hussein, Syrien mit Bashar al-Assad, der Iran vor der Revolution und dem letzten Schah, Libyen mit Mummar al-Gaddafi, Ägypten unter General Sisi und so weiter. All diese Diktatoren regierten rein säkular, waren teilweise sogar atheistisch. Dennoch regierten sie eine muslimische Bevölkerung, sodass die islamische Kultur und Religion das Leben der Menschen prägte, solange sie die Autorität der Regierenden nicht gefährdete. Regimekritiker wurden von der Geheimpolizei gefangen, gefoltert, verschleppt und hingerichtet, ob sie nun Kommunisten waren, der falschen Sekte angehörten oder sich einfach gegen das Regime aufgelehnt haben.

Du bist in Pakistan geboren und aufgewachsen. Eine Zeit lang hast du in den USA studiert und gelebt, bist dann aber wieder zurück in deine Heimat gegangen und lebst jetzt in Karachi. Hast du selbst Repression oder Benachteiligungen aufgrund deines Geschlechts erlebt, obwohl du ein eher liberales Umfeld hattest? 

Jede Frau in Pakistan erfährt ein unterschiedliches Maß an individueller Freiheit, abhängig davon, wie liberal oder konservativ ihre Familie ist, in welchem Teil des Landes sie lebt, und natürlich auch abhängig von ihrer eigenen Persönlichkeit – ob sie passiv die Einschränkungen akzeptiert oder sich widersetzt; wie sie sich selbst und ihre Rolle in der Gesellschaft wahrnimmt, ihre Fähigkeiten und ihr Selbstwertgefühl beeinflussen ob und wie lange sie dem Druck unserer sehr konservativen und repressiven Gesellschaft standhalten kann – und das ist eine ganz individuelle Sache. Aber die institutionelle Diskriminierung betrifft uns alle – egal ob reich oder arm, ob wir in der Stadt oder auf dem Land, auf dem Bauernhof oder in einem Bergdorf leben.

Wie beeinflusst das dein Schaffen als Autorin?

Ich nutze meinen eher liberalen Hintergrund, meinen Bildungslevel und den Status als Autorin, die dafür bekannt ist, genau diese Zustände zu erforschen, um über sie zu schreiben und Frauen wie Männern bewusst zu machen, wie gesellschaftliche Grundhaltungen uns geschlechterbasierte Restriktionen auferlegt haben, und dass wir gemeinsam eine andere und bessere Gesellschaft aufbauen können. Gleichheit ist etwas, was ich auf meinen Reisen, durch meine Erziehung und Bildung erfahren habe – und ich möchte diese Konzept weiterverbreiten, durch mein Schreiben und auch auf andere literarische, künstlerische und kulturelle Art.

Welche Rolle spielen die Männer in dem Roman?

In meinem Roman sind Männer weder die Bösewichte noch die Helden. Sie sind komplexe Figuren, genauso menschlich wie die Frauen, aber sie haben mehr Macht und damit auch mehr Verantwortung. Einige von ihnen nutzen diese Gelegenheit, um Tyrannen zu werden, andere nutzen diese Macht, um etwas Gutes zu tun oder in die Rolle des Beschützers zu schlüpfen. Ich konzentriere mich in der Geschichte auf die Männer in Green City, die sich mit den Frauen verbunden fühlen, die das System nicht gerecht finden, aber die auch in ihren eigenen Rollen gefangen und denen Konsequenzen und Strafen drohen, wenn sie vom System abweichen. Innerhalb ihrer Möglichkeiten tun sie alles, um Sabine und den Frauen der Panah zu helfen, gute Väter oder faire Ehemänner zu sein. Reuben Faro ist meine Lieblingsfigur: Er ist an einer privilegierten, machtvollen Position, findet aber kaum die Balance zwischen seinem Ehrgeiz und der ihm innewohnenden Menschlichkeit. Anders als Frauen, haben solche Männer eine Wahl: Manche treffen eine gute Entscheidung, andere eine schlechte. Weder sie noch ihre Ansichten werden von mir im Roman bevorzugt, aber aufgrund ihrer gesellschaftlichen Position, ihrem höheren Status, haben sie mehr Möglichkeiten, das System zu ändern, während Frauen es „nur“ unterlaufen können. Wenn ich nicht beide Seiten beleuchtet hätte, hätte ich die Geschichte nicht richtig erzählt.

In unserer westlichen Gesellschaft würde man von einer der führenden Feministinnen eines Landes erwarten, dass sie in einem kritischen Roman wie „Die Geschichte der schweigenden Frauen“ den moralischen Zeigefinger hebt, um ihre Position deutlich zu machen. Du verzichtest darauf, was dem Roman in einigen Rezensionen angekreidet wird. Warum? 

Gerade in meinen fiktionalen Texten verwende ich lieber feine Pinselstriche als die Brechstange. Ich wollte mit Worten ein Bild von einer widerlichen, unterdrückerischen Gesellschaft zeichnen, einer, in der Frauen keine Wahl haben, so wie ich es in misogynen Gesellschaften überall auf der Welt gesehen habe. Außerdem wollte ich Figuren entwickeln, sie in diese Gesellschaft setzen und schauen, wie sie sich darin verhalten. Welche Entscheidung treffen Frauen, wenn sie keine echte Wahl haben? Versuchen sie, eine Revolution anzufachen, oder versuchen sie, ihr Überleben bestmöglich zu sichern?

Wenn eine Gesellschaft nicht „normal“ ist – wenn sie durch Krieg, Krankheit, Geburtenkontrolle, Gewalt verroht –, ist es realistisch, diese Frauen völlig nach Macht und Selbstverwirklichung strebend, voller Selbstvertrauen und Selbstachtung darzustellen, wie sie „das Patriarchat stürzen“? Oder ist es eher realistisch, sie als durch die grässlichen Umstände gehemmte und eingezwängte Individuen darzustellen, die aber doch versuchen, die eigene Menschlichkeit und Weiblichkeit zu bewahren? Ich habe mich für die zweite Variante entschieden, und obwohl ich nachvollziehen kann, dass das Ergebnis einige LeserInnen irritiert, glaube ich doch, dass eine Geschichte, in der die Fesseln gebrochen werden und am Ende ein Triumph-Gefühl vorhält, der Komplexität eines solchen Szenarios nicht gerecht wird.

Ich hoffe, dass die LeserInnen lernen, dass der Pfad zur Gleichberechtigung, zu Freiheit und Revolution eine Reise ist, ein Prozess. Das geschieht nicht schnell über Nacht, vor allem nicht, wenn eine repressive Autorität seit Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten an der Macht war. Vor dem Erfolg liegen viele Fehlstarts, viele Versuche und viele Misserfolge. Denk an den Arabischen Frühling – all die Revolutionen, all die Hoffnungen auf Frauenrechte und eine gestärkte Demokratie, nur war die Gesellschaft in der Region nicht erfolgreich. Aber es wurde in Feuer entfacht und die Flamme lodert in den Herzen der Menschen weiter.

Was bedeutet es, eine Feministin in deinem Heimatland zu sein?

Es bedeutet, eine Position zu vertreten, von der du überzeugt bist, dass sie richtig ist, aber niemand in deinem Umfeld teilt diese Meinung, weil unsere Vorurteile gegenüber Frauen so tief in uns und unserer Gesellschaft verankert sind, ebenso wie das festgefahrene Patriarchat. Selbst im Koran heißt es, dass Mann und Frau gleich sind, lediglich ihre Verantwortlichkeiten unterscheiden sich in einigen Bereichen. Aber wir ignorieren diese revolutionäre Botschaft für die verführerische Lüge, dass Männer und Frauen unterschiedliche, festgelegte Rollen und Aufgaben haben und man niemals versuchen sollte, diese aufgrund von biologischen und göttlichen Gesetzen neu zu definieren. Ich gehe gegen diese Lüge an, jeden Tag. Dafür werde ich oft belächelt, bekomme recht starken Gegenwind - aber auch die Dankbarkeit und Unterstützung von vielen Männern und Frauen, die an die Gleichberechtigung der Frauen und deren Rechte glauben.

Es gibt einige Stimmen, die bemängeln, dass in deinem Roman die aktuellen Themen Homosexualität und Trans* nicht aufgegriffen werden. 

Ich finde es schade, dass das als Schwachstelle angesehen wird. Denn statt das Konzept der Homosexualität als Identität zu verstehen, wie sie in der westlichen Welt begriffen wird, habe ich das Konzept Südasiens und des Nahen Ostens bedient, wo Homosexualität als Verhalten begriffen wird. Es gibt einige subtile Anspielungen hierauf, wenn man auf sie achtet und sie nicht schmälert, nur weil sie nicht so offensichtlich sind oder besonders hervorgehoben werden. Ich deute viele Dinge an, staffiere sie aber nicht weiter aus. An einem Ort wie Green City wird offen ausgelebte Homosexualität höchstwahrscheinlich bestraft, daher sprechen die Figuren nicht viel darüber, selbst wenn sie betroffen sind, doch die Umstände und ihre eigene Identität verbieten es.

Das ist ein ganz typisches, ja endemisches Verhalten in Ländern wie Pakistan, Iran oder Saudi-Arabien, obwohl wir genau wissen, dass es homosexuelle Menschen gibt – und oft mit einer starken Unterdrückung leben müssen. Sie befinden sich noch mitten in dem Prozess, sich zu organisieren, ihre Stimme zu finden. Als ich das Buch 2014 bis 2016 geschrieben habe, wusste ich noch recht wenig über die aktuellen Entwicklungen, und ich wollte keine Grenze überschreiten und auch keine homosexuelle oder trans* Figur schreiben, nur um eine Quote zu erfüllen. Aber natürlich würde ich für eine Geschichte, die eine lesbische, schwule, asexuelle, bi oder trans* Figur braucht, genau diese auch schreiben. Und habe das auch schon getan.

Vor vielen Jahren habe ich die Kurzgeschichte „Blessings“ über eine Transfrau in Pakistan geschrieben, die man dort als Khwaja Sira bezeichnet. Sie findet ein elternloses Kind, schließt es in ihr Herz und will sich fortan um es kümmern. Das war lange bevor der Kampf um die Rechte für Trans* in dieser Region begonnen hat. Und trotzdem gibt es in Südasien schon sehr lange eine Trans*-Community mit ihren ganz eigenen Regeln und Verhaltenskodizes. Meine Kunst ist gänzlich in Pakistan, in Südasien, in der muslimischen Kultur und dem Nahen Osten verwurzelt. Und das ist manchmal schwierig oder herausfordernd für westliche LeserInnen. Sie müssen mehr arbeiten, wenn sie meine Romane lesen. Aber ist es nicht letztlich genau das, weshalb wir Literatur aus anderen Ländern und Kulturen lesen – um einander besser kennenzulernen?

Werden wir je erfahren, wie es mit Sabine und Julien weitergeht, nachdem sie in die Wüste geflohen sind?

Ich stelle mir dieselbe Frage. Gibt es mehr zu sagen über Sabine und Julien, über die anderen Figuren? Wir werden sehen.

Darum geht's in "Die Geschichte der schweigenden Frauen"

Green City – eine moderne Hightech-Metropole und gleichzeitig Hauptstadt von Südwest-Asien. Aber der Schein trügt: Kriege, Krankheiten, pränatale Geschlechtsauswahl haben die Zahl der Frauen extrem minimiert, sodass die Regierung die weibliche Bevölkerung dazu verpflichtet, mehrere Ehemänner gleichzeitig zu haben, um so viel Nachwuchs wie möglich mit diesen zu zeugen und den Fortbestand der Menschheit sich sichern.

Doch es gibt Frauen, die Widerstand leisten, Frauen, die sich im Untergrund zu einem Kollektiv zusammengeschlossen haben, Frauen, die sich weigern, Teil dieses Systems zu sein. In ihren nächtlichen Diensten bieten sie etwas an, das sich niemand erkaufen kann: Intimität ohne Sex.

Über die Autorin

Autorin Bina Shah

© Amean Jan

Bina Shah studierte am Wellesley College und der Harvard Graduate School of Education. Heute lebt die Autorin und Feministin in Karachi, Pakistan, von wo aus sie sich für Frauenrechte in muslimischen Ländern einsetzt. Sie schreibt regelmäßig Artikel für The New York Times, Al Jazeera, The Huffington Post und ist regelmäßiger Gast bei der BBC. Bisher sind fünf Romane und zwei Erzählungsbände von ihr erschienen, „Die Geschichte der schweigenden Frauen“ ist der erste Roman, der auf Deutsch von ihr erschienen ist.

Mehr über die Autorin:

Blog: https://thefeministani.com/

Website: http://www.binashah.net/

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