The Last Kingdom _ Bernhard Cornwell

(c) Netflix

BUCH

Die Wikinger, der Schlamm und das Leder: Warum "The Last Kingdom" als Romanreihe funktioniert - und weniger als Serie


Philipp Roskoschinski
13.05.2019

Wikinger sind populär wie nie. Jüngst ist Band 11 der Uhtred-Saga von Bernard Cornwell erschienen, die 4. Staffel der Serienadaption "The Last Kingdom" wird aktuell gedreht und VIKINGS soll ein Spin-off erhalten. Archäologe Philipp Roskoschinski über den Siegeszug der Wikinger in der Unterhaltungsindustrie - und darüber, was schiefgehen kann, wenn ein erfolgreicher historischer Roman verfilmt wird.

2004 erschien "The Last Kingdom", das erste Buch der mittlerweile elf Bände umfassenden Uhtred-Saga von Bernard Cornwell, in seiner englischen Fassung. Die ausgehenden 2000er Jahre verzeichneten ein zunehmendes Interesse an jenen historischen Romanstoffen, welche sich nicht im Hoch- und Spätmittelalter abspielen, sondern das frühe Mittelalter und insbesondere die Wikinger thematisieren.

Diese Faszination für die Wikingerzeit hält seitdem ungebrochen an. 2013 erschien die Fernsehserie VIKINGS auf dem History Channel, welche sechs Staffeln umfasst, ein Spinn-off ist bereits im Gespräch. Da verwundert es wenig, dass die extrem erfolgreiche Saga um Uhtred ebenfalls verfilmt wurde. 2015 ging sie als Serienadaption The Last Kingdom on air, die vierte Staffel wird seit April gedreht und in der deutschen Synchronisation auf Netflix laufen.

Wer ist Uhtred von Bebbanburg?

Seit mehr als vierzehn Jahren ist Uhtred prominenter Held der historischen Unterhaltungsliteratur. Doch wer ist dieser Uhtred eigentlich?

Uhtred ist ein sagenhafter Kriegsherr. Ein Mann mit überbordendem Testosteron, einem kostbaren Helm, einem Kettenpanzer und einem wilden Schlachtross. Männer folgen seinem Kommando und gemeinsam mit ihnen lehrt er dänische Wikinger das Fürchten. Und das obwohl er doch Heide ist und mit seinen Verbündeten, den christlichen Sachsen Britanniens, immer wieder aneinander gerät. Die Sachsen mögen ihn nicht so recht, diesen wilden und eigenwilligen Uhtred, der für sie Fluch und Segen zugleich ist.

Uhtred ist natürlich eine fiktive historische Persönlichkeit. Sein Schöpfer, der bekannte und viel gelesene Autor Bernard Cornwell, lässt ihn im Jahre 856 n. Chr. das Licht der Welt erblicken. Zum Zeitpunkt seiner Geburt heißt Uhtred allerdings noch Osbert, ein geläufiger Name für einen frühmittelalterlichen britannischen Sachsen. Denn um einen solchen handelt es sich bei Uhtred. Sein Vater ist ein Aldermann, ein Edler. Er herrscht über die Bebbanburg, das heutige Bamburgh Castle an der Küste der englischen Grafschaft Northumberland.

Eine schwierige Kindheit

Das Leben des späteren Uhtred verheißt wenig Gutes. Denn noch heißt er ja Osbert, nur sein Vater und sein älterer Bruder, der die Herrschaft vom Vater übernehmen soll, heißen Uhtred. Doch der ältere Bruder stirbt, getötet von den angreifenden Dänen, welche sich Land in Britannien nehmen wollen. Also tritt Osbert an Uhtreds Stelle und wird vom Vater nun selbst in Uhtred umbenannt.

Aldermann Uhtred und seinem Sohn ist allerdings keine Ruhe vergönnt. Der König von Northumbria ruft zum Kriegszug gegen die dänischen Wikinger und der Aldermann folgt diesem Ruf in die Schlacht. Die angelsächsischen Kräfte ziehen den Kürzeren und der hitzköpfige junge Uhtred, der seinem Vater entgegen dessen Anweisung in die Schlacht folgte, gerät in dänische Gefangenschaft.

Dort sitzt er nun und muss ohnmächtig mit ansehen, wie sein Onkel, der Bruder seines Vaters, die Herrschaft auf Bebbanburg übernimmt und ihn, den jungen Uhtred, um sein Geburtsrecht betrügt. Eisern entschlossen schwört Uhtred, dass er Bebbanburg wieder zurückerobern wird, koste es, was es wolle.

Bernard Cornwell hat diesen Plotstrang bewusst eingeführt. Historisch belegt ist er selbstverständlich nicht. Allerdings schadet das der erzählten Geschichte kein bisschen. Die bereits von Anfang an auf mehrere Teile angelegte Saga nutzt Uhtreds Kampf um die Rückeroberung der Bebbanburg als roter Faden, der sich durch die Geschichte zieht und sie teils auch auf angenehm unaufdringliche Art und Weise zusammenhält.

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Ein kurzer Abriss der Wikingerzeit ...

Bernard Cornwell hat in seinen Büchern vieles richtig gemacht. Er hat die Zeit und ihre Wirkung gut recherchiert. Eine Zeit, welche für den nord- und nordwesteuropäischen Raum große Umwälzungen brachte. Dänen, Norweger und Schweden waren gezwungen, ihre Siedlungsgebiete in größerer Anzahl zu verlassen um als Wikinger in Europa ihr Glück zu suchen.

Der Beginn der Wikingerzeit nach heutigem Maßstab wird in der Literatur markiert mit dem Überfall vermutlich dänischer Wikinger auf das damals prosperierende und bedeutende Kloster von Lindisfarne auf der gleichnamigen nordenglischen Insel im Jahr 793. Den heidnischen Wikingern war durchaus bewusst, dass es an den lokalen und überregionalen Religionszentren der Christen nahezu immer reiche Beute zu holen gab. Da sie den christlichen Gott nicht ernst nahmen und wohl eher als schwächlich verachteten, konnten sie sich an seinen weltlichen Dienern ohne Reue schadlos halten. Aber nicht nur der Klerus war das Ziel der Wikinger, sondern alle mehr oder weniger lohnenden Ziele in Küstennähe.

Warum die Wikinger letztendlich zwischen dem späten 8. und frühen 11. Jahrhundert so massiv expandierten, bis ihre Ära durch gefestigte Herrschaftsstrukturen und die Gründung christlicher Königreiche in Skandinavien endete, hat aus heutiger Sicht mehrere Gründe. Man kann wohl davon ausgehen, dass vor allem eine (für damalige Verhältnisse) hohe Bevölkerungsdichte dazu führte, dass gutes Acker- und Siedlungsland in den skandinavischen Stammesgebieten knapp wurde. Dazu kam die Tatsache, dass zu damaliger Zeit weite Teile Skandinaviens sehr dicht bewaldet und felsig und daher für die Landwirtschaft unbrauchbar waren. Das im Frühmittelalter in Skandinavien angewandte Erbrecht begünstigte darüber hinaus nur den Erstgeborenen. Die Nachgeborenen gingen leer aus. Sie hatten nur die Möglichkeit, auf dem Hof ihrer älteren Brüder zu arbeiten und auf deren Großzügigkeit zu vertrauen, oder sich einen anderen Hof zur Arbeit zu suchen. 

Viel zu oft wird die Wikingerzeit nur auf den Aspekt der Plünderungen reduziert. Der Hauptgrund der Wikingerzüge war allerdings die Nahme von Land, eigenem Land, zum Siedeln und zur Errichtung eines eigenen Hofes, weit weg von den vom Schicksal begünstigten Erstgeborenen. Und wo man gutes Land vorfand, dort blieb man. So siedelten Dänen und Norweger nach harten Eroberungskämpfen in England und Irland, während sich Schweden in den weiten slawischen Landstrichen des heutigen Russlands niederließen. Auch Inseln und Inselgruppen wie Island, die Färöer- und die Orkney-Inseln wurden durch Wikinger in Besitz genommen.

 

Ebenfalls prägend für Europa war die Besiedelung der Normandie, die der vielleicht dänische, vielleicht auch norwegische Heerführer Rollo im Jahre 911 vom westfränkischen König Karl dem Einfältigen als Lehen zugesprochen bekam. Dieses geschah als Lösegeldzahlung (oder Danegeld, wie es damals hieß), um die unmittelbar bevorstehende Plünderung der Stadt Paris abzuwenden. Unter vor allem dänischer Zuwanderung und Vermischung mit der einheimischen Bevölkerung entstand das Herzogtum der Normandie, von welchem aus Herzog Wilhelm II. (der Eroberer) im Jahre 1066 aufbrach und in der Schlacht von Hastings den angelsächsischen König Harald II. (Harold Godwinson) besiegte, um hernach als König Wilhelm I. über England zu herrschen.

... und wie sich Geschichte mit dem Romanstoff verbindet

Dies interessiert unseren Uhtred aber noch nicht. Er lebt in einer Zeit, als die Dänen sich anschicken, ganz Britannien zu erobern. Die angelsächsischen Königreiche fallen eines nach dem anderen unter dem Ansturm der Wikinger. Nur Wessex hält stand – Das letzte Königreich.

Uhtred dient dem westsächsischen König. Obwohl er bei einem Dänen aufwuchs. Obwohl er dort zum Heiden wurde und die Christen verabscheut. Dieses Plotelement wirkt zwar etwas deplatziert – ein christlicher Angelsachse, der während seiner Zeit als Gefangener bei den heidnischen Dänen deren Glauben annahm. Doch muss man Bernard Cornwell dieses etwas aufgesetzte Element nachsehen. Es ist fast schon ein narrativer Zwang, dass der Hauptheld zur Wikingerzeit ein Heide ist und sich im Spannungsfeld mit den Christen bewegt. Es wäre sonst nur sehr schwer möglich gewesen, diesen Glaubenszwist beleuchtend zu erzählen und dennoch gleichzeitig die Geschichte aus dem Blickwinkel des christlichen Wessex zu verfolgen.

Insgesamt brilliert Bernard Cornwell bei der Darstellung des späten neunten Jahrhunderts. Er versteht es meisterhaft, historische Fakten, historische Wahrscheinlichkeiten und fiktive Erzählung zu einem spannenden Plot zu verweben, der nie langweilig und nur selten übermäßig pathetisch wirkt. Wie für Bernard Cornwell üblich, wird sehr viel Wert auf Details gelegt. Die Zeichnung der Charaktere gelingt gut, wird allerdings auf das Notwendige beschränkt. Viel intensiver und teilweise mit archäologischer Detailverliebtheit wird die Alltagswelt geschildert, Gegenstände, Waffen, kleine Gedanken der Protagonisten über sich und ihre Welt. Dies verleiht den Büchern ein Gefühl von lebendiger Authentizität der Zeit, welches auch fachkundige Leser in seinen Bann zieht.

The Last Kingdom: die Serienadaption enttäuscht

Es wäre schön, könnte dieses durchgängige Lob der literarischen Vorlage bei der Verfilmung des Stoffes fortgesetzt werden. Mit Spannung wurde die Serie The Last Kingdom erwartet. Bernard Cornwell sollte in den Dreh federführend involviert sein. Sowieso herrschte unter den Fans der filmischen Darstellung der Wikingerzeit ein gespannter Disput. VIKINGS hatte sich zwar eine große Fangemeinde erspielt, aber auch viele Wikingerinteressierte enttäuscht. Fantasiekostüme, erzählerisch anspruchslose Plots voller historischer Fehler und der übermäßige Gebrauch von Schlamm und Leder gefielen nicht Jedem. So bangte und hoffte die Fraktion der Enttäuschten der ersten Folge von The Last Kingdom entgegen.

Der große Moment kam und die dänischen Drachenschiffe glitten über das Meer vor Bebbanburg. Ein erleichtertes Aufatmen begleitete ihr Auftauchen, verwandelte sich aber alsbald in ein erschrecktes Einatmen, als die Kamera die Schiffe näher betrachtete und die übliche Ansammlung von ledernen Kostümabsurditäten des historischen Schlamm-und-Leder-Filmgenres enthüllte, inklusive ledernen Armschienen und Schwertscheiden auf dem Rücken. Nein, hier waren keine authentisch gekleideten Wikinger zu erwarten. Und auch die Angelsachsen zeigten sich mehr filmstereotyp als historisch.

Fazit: Ein unnötiger VIKINGS-Klon

Konnte es noch schlimmer werden? Es konnte. Als die Angelsachsen am Beginn des Plots gegen die Dänen aufmarschierten, selbstverständlich auf einem sehr schlammigen Feld, brannten vor dem dänischen Heer die Bäume. Nein, nicht der Wald. Einzelne dünne Bäume, welche sich dem schlammenden Tod entgegenstemmten, waren in Flammen aufgegangen. Ohne die Benutzung von Brandbeschleuniger eine Unmöglichkeit. Diese Einstellung ist mittlerweile ikonisch für abstruse Szenen im modernen Historienfilm. 

Und es kam, wie es kommen musste. Schlammige Komparsen treffen unter dem hochtaktischen Schlachtruf „Tötet sie alle!“ aufeinander und performen todesmutige Kämpfe. Die Dänen sind selbstverständlich siegreich und lassen sich um Bebbanburg herum nieder, welches aufgrund seiner Lage von ihnen nicht eingenommen werden kann. 

Trailer: The Last Kingdom - Staffel 3

Die historische Szenerie zeigt sich von nun an analog History Channels VIKINGS. Überwürfe aus ungegerbten Fellen und Lederklamotten, welche selbst ein Altsteinzeitler als schlecht gearbeitet zurückgewiesen hätte, kleiden die mutigen Nordmänner. Die barbarische Atmosphäre des modernen Schlamm-und-Leder-Genres wird fast schon akribisch zelebriert.

Das ist auch das Fazit, welches bleibt. Aus einem hervorragenden Romanstoff entstand eine Serie, welche, ganz anders als Bernard Cornwell in seiner literarischen Vorlage, in ihrer historischen Inszenierung alle Erkenntnisse der modernen Archäologie und Geschichtswissenschaft außer Acht lässt. Erbärmliche Requisite, falsche Darstellungen skandinavischer Sachkultur, skandinavischen Wissensstandes und skandinavischer Sozialkultur der frühen Wikingerzeit werden bewusst in Kauf genommen, um dem herrschenden filmerzählerischen Standard zu entsprechen. Eine wirklich großartige Chance wurde vertan. Umso schmerzhafter, da eine erneute Verfilmung des Stoffes mit der jetzt erfolgten Produktion in weite Ferne gerückt ist.

Insofern – Fernseher ausschalten und die Nase ins Buch stecken. Es lohnt sich!

Über den Autor


Philipp Roskoschinski ist prähistorischer Archäologe. Er beschäftigt sich seit über 15 Jahren u.a. mit der Rekonstruktion von Geschichte und von Kampfesweisen mit historischen Waffen. Seine Firma Kaptorga (www.kaptorga.de) arbeitet an der bildlichen Darstellung von Geschichte - für Spielfilm, TV, Dokumentationen und Fotoshootings

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