The Future is Female – die Reihe zu Science-Fiction-Autorinnen: Catherynne M. Valente

© Winter Tashlin

BUCH

Science Fiction von Frauen #4: Catherynne M. Valente


Frauen waren, egal ob als Autorinnen oder Leserinnen, schon immer ein Teil der Science Fiction. In den letzten Jahren verschafft sich eine neue, feministische Generation von Autorinnen Gehör. Catherynne M. Valente ist eine von ihnen.

Auch Catherynne Valente ist eines der Wunderkinder, die bereits jeden großen Award des englischsprachigen Raums abgeräumt haben oder dafür nominiert waren: Sie konnte u.a. den Lambda Award für LGBT Science Fiction und Fantasy und den James-Tiptree-Award mit nach Hause nehmen (über Tiptree sprachen wir bereits ...) und steht auch in diesem Jahr wieder auf der Shortlist des Hugo-Awards.

Bunt – weird – und nicht neurotypisch

Die knapp vierzigjährige Valente sitzt nicht „nur“ am Schreibtisch und gießt ihre Gedanken in Romane – selbst Kurzgeschichten und Gedichte und Kinderbuch-Crowdfundings sind ihr nicht genug. Sie podcasted regelmäßig beim SF Squeecast (der ebenfalls Hugo-prämiert ist), bezeichnet sich als Online-Künstlerin, ist Hobby-Glasbläserin und veranstaltet Konzertlesungen und Buch-Kunst-Events mit Tänzer*innen, Akrobat*innen, Musiker*innen und Künstler*innen.

Darüber, dass ihr das nicht einfach so zufällt, redet sie in ihren Schullesungen, um Kinder zu ermutigen, die nicht neurotypisch sind, also ADS, ADHS, Depressionen etc. haben, denn Valente ist selbst neurodivergent und schreibt ihre Bücher trotz depressiver Schübe und den Konzentrationsschwierigkeiten, die ADS mit sich bringt (die Aufmerksamkeitsdefizitstörung ohne Hyperaktivität). Auch auf Twitter schreibt sie ab und an darüber, aber vor allen Dingen ist es ihr im Umgang mit Kindern und Jugendlichen wichtig, ihnen zu zeigen, dass eine solche Diagnose nicht bedeutet, dass es unmöglich ist, Romane zu schreiben oder erfolgreich zu sein. Sie sagt, dass es immer noch schwierig ist, darüber zu reden, weil Neurodivergenz für die meisten Menschen nicht nur unsichtbar, sondern sogar „nicht real“ sei – der typische Ratschlag für Menschen mit ADS sei: „Dann mach dir halt eine To-do-Liste!“

Apropos Listen

Nicht nur gegen To-do-Listen hat Valente eine Abneigung, sondern auch gegenüber Schreibratschlägen in Listenform. Deshalb hat sie hier (www.catherynnemvalente.com) selbst eine herausgegeben – klingt logisch, oder? Sie sagt darin, dass jede*r Autor*in wisse, dass man sich solche Listen getrost an den Hut schmieren könne, das Wichtigste an diesen Ratschlägen sei letztlich das Ausmaß, in denen man nicht mit ihnen übereinstimmt. Diese Liste reicht von „Schreiben macht Spaß. Wie das Erlernen einer toten Sprache, ist es zu aufreibend, erschöpfend, schwierig und erniedrigend, um sich damit zu befassen, wenn es keinen Spaß machen würde.“ über „Genre ist irrelevant. Schreib und lass andere ausknobeln, in welche Abteilung der Buchhandlung du gehörst.“ und „Es ist okay, für die Kunst zu leiden, aber mach keinen Fetisch draus.“ bis hin zu „Listen sind nutzlos. Unsere Meinungen mögen da auseinander gehen.“

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Schreiben macht doch Spaß! ESC und Hugo-Nominierung

Eines hat das Sad- und Rabid-Puppy-Gate der Hugos dieser Veranstaltung gebracht (ich schrieb im Porträt zu N.K. Jemisin bereits darüber): Die Nominierungslisten, denen die Puppies „Agenda“ vorwarfen und die sie mit ihrer Gatekeeping-Kampagne wieder in ihren Originalzustand (in dem die Nominierten vornehmlich weiß, männlich, cis, hetero waren) zurückversetzen wollten, sind divers besetzt wie nie:

In diesem Jahr (2019) sind alle Shortlist-Nominierten Frauen bis auf einen (trans) Mann. Neben Becky Chambers, die ich in dieser Reihe auch schon vorgestellt habe, ist auch Catherynne M. Valente mit ihrem Roman „Space Opera“ dabei, dessen Rahmenhandlung eine Art ESC „but in Space“ ist, ein intergalaktischer Musik-Contest namens Metagalaktischer Grand Prix, in dessen Glanz, Glitter und Abgründen, sich Vertreter*innen aller intelligenzbegabten Spezies behaupten müssen – und es geht um das Schicksal der Erde, denn die Menschen müssen in diesem Wettbewerb beweisen, dass sie intelligente Wesen sind. Gelingt ihnen dieser Beweis nicht, droht die Auslöschung. Die Menschheit muss nicht um ihr Überleben kämpfen – sie muss darum singen! Valente schreibt über Genres hinweg, bedient sich an Bekanntem, um Unerkanntes zu eröffnen und hat eine Sprachgewalt, die eine*n (mich) vor Neid erblassen lässt!

Dabei ist sie eine Vielschreiberin. Und das ist im Deutschen so ein böses Wort: Vielschreiberinnen, die nutzen sich so ab, die schreiben und veröffentlichen nur. Das kann ja nichts sein, wenn man einen, vielleicht sogar zwei Romane im Jahr herunterschreibt – so die deutsche Meinung. Der Roman muss einen rufen, die Kunst sich durch den Künstler hindurch verwirklichen – und dafür, so wird offenbar angenommen, muss ein Roman im Prinzip eine gute Weile im Autor*innenhirn „abhängen“. Dass Vielschreiberinnen mit jedem Roman, jeder Erzählung Facetten dazu gewinnen, ihren Stil finden und wieder verändern, und sich an immer wieder neue Leserschaften wenden können, wird dabei getrost ignoriert.

Valente ist so eine Alleskönnerin, die mit festgesteckter täglicher Routine und festen Wort-Zielen an ihren Projekten arbeitet und bei der trotzdem alles andere als Alltägliches herauskommt. Dennoch hat die Tatsache, dass „Space Opera“ im Grunde eine Comedy ist, sie vor eine große Herausforderung gestellt: Sie musste diesmal nicht nur herausfinden, was die richtige Art und Weise ist, etwas zu sagen – und die schönste – sondern auch, was die lustigste ist! Zudem ist ihr das Warten auf das fertige Buch schwergefallen wie nie, weil sie sich nie sicher war, ob die Leser*innen es denn auch wirklich lustig finden würden.

Der Elefant im Raum sei immer Douglas Adams, sagt sie: Egal, welche Art von Weltraum-Comedy man schreibt, sie würde an „Per Anhalter durch die Galaxis“ gemessen werden. Neben ihm könne man ohnehin nur versuchen, eine Art Bronzemedaille zu kriegen – und die Hugo-Nominierung ist doch im Prinzip schon genau das, oder?

Twitter als Ideengeber

Twitter kann gefährlich sein. Es macht, dass man seltsame Dinge tut, von denen man vorher nicht wusste, dass man sie tun wollte! (Ich kann das bestätigen: Dank Twitter hoste ich schließlich mit meiner Freundin Lena den ersten von Frauen gewuppten Rollenspielpodcast!) Auch Valente erhielt den Vorschlag per Twitter, doch mal eine Space-Version des Eurovision Song Contest zu schreiben, als sie während des ESC vor drei Jahren live tweetete (ja, obwohl sie US-Amerikanerin ist und sich somit als ESC-Konvertitin bezeichnet!). Die Idee fasste nicht nur im Konzept des Romans Fuß: Jedes Kapitel ist zudem nach einem realen ESC-Song benannt, und jeder nichtmenschliche Charaktername basiert auf den Sprachen der teilnehmenden Länder (vornehmlich aus der finnisch-ungarischen Sprachfamilie, die Valente sehr fasziniert). In „Space Opera“ gibt es für ESC-Fans mehr „Easter Eggs“, als „du aus einem Hasen herausschütteln könntest“, so Valente. 

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Starke männliche Charaktere

Darüber musste ich bei der Recherche zu Valente besonders lachen (denn ich erwähnte gerade den Podcast: In der letzten Folge haben Lena und ich darüber diskutiert, was für ein abstruses Konzept der „starke weibliche Charakter“ ist). Valente sagt, und das sei nur zum Teil ein Witz, dass es schwierig für sie gewesen sei, einen „starken männlichen Charakter“ zu schreiben. Sie habe sich dabei diese Fragen gestellt, die sie zu ihren weiblichen Charakteren auf zahllosen Panels habe beantworten müssen: Sind sie verwundbar genug? Sind sie authentisch? Würde ein Mann tatsächlich so etwas denken, oder sind das nur Mädchen mit kurzen Haaren?

Valente sagt dazu, dass sie grundsätzlich nicht daran glaubt, dass es große Unterschiede zwischen menschlichen Frauen und Männern gibt, doch dass unsere Kultur versuche, diese Unterschiede herzustellen, sodass sie sich in der Darstellung schon habe fragen müssen, ob sie dem Bild eines männlichen Protagonisten gerecht würde.

Why do you write like you’re running out of time?

(Ja, diese Zwischenüberschrift ist eine Song-Zeile.)

Valente veröffentlichte ihr erstes Buch („The Labyrinth“) mit 25 Jahren und schreibt seitdem wie der Teufel. Parallel dazu schafft sie es, zu viele Haustiere zu haben, zu gärtnern, zu häkeln und (nach eigener Aussage schlecht) Akkordeon zu spielen. Obwohl sie seit mehr als einem Jahrzehnt geradezu irrwitzig viel schreibt, sei sie sehr schlecht im Scrabble, verbreitet sie als Fun-Fact zu sich selbst. Sie schreibt nicht „nur“ Science Fiction – wie in ihren Schreibtipps bereits erwähnt, ist Genre nichts, worauf sie viele Gedanken verschwendet. Einer ihrer jüngeren Romane „Deathless“ spielt mit russischen Märchenmotiven im Zweiten Weltkrieg.

Valente sagt, dass es, egal, wie hart du arbeitest, keine Garantie auf Veröffentlichung gibt – selbst, wenn das Buch absolut außergewöhnlich und faszinierend ist, kann es sein, dass es keine Unterstützung durch Verlage und Lektor*innen und keine Leserschaft findet. Doch es gibt mehr Wege, die Bücher gehen können, und Valente beherrscht auch andere Spielarten der Veröffentlichung.

Ihr Jugendbuch „Die wundersame Geschichte von September, die sich ein Schiff baute und das Feenland umsegelte“ realisierte sie durch eine Crowdfunding-Kampagne – und als sich dann doch ein Verlag dafür interessierte, war dieses Buch der erste durch Crowdfunding entstandene Roman, der auf die New York Times-Bestsellerliste gelangte. Der Vorgänger „Fairyland“ war nur online erschienen und war das erste Buch, das den Nebula Award gewann, bevor es auf konventionellem Wege veröffentlicht wurde! (Ist es cheesy zu sagen, dass es kein Wunder ist, dass Valente sich auf Talente reimt?)

Trotz Schubladenabneigung ein paar Genregedanken

„Ich denke, dass es im Moment sehr aufregend ist, Teil des [Science-Fiction- und Fantasy-]Genres zu sein. Es gibt so eine große Bandbreite an Möglichkeiten, mehr Akzeptanz als jemals zuvor für außergewöhnliche und literarische Herangehensweisen an SFF und immer diversere Stimmen – von Frauen, People of Color und LGBT-Autor*innen. Wir erzählen unsere Geschichten und das stärkt das Genre. […] Meine eigene Arbeit ist zutiefst feministisch und steht im Spannungsfeld sowohl mit dem Guten als auch mit dem Schlechten im Genre. Ich glaube nicht, dass meine Bücher zehn Jahre, bevor ich meine Karriere begann, so gut angenommen worden wären – sie sind seltsam und komplex und oft nicht linear und ich verwende eine reiche und nicht vollständig durchschaubare Sprache. Ich beschäftige mich mit den Perspektiven, die noch keine Stimmen haben. Es gibt für sie einen Platz in dieser enormen, lebendigen und stetig wachsenden Science-Fiction- und Fantasy-Gemeinschaft.“

Das wären schöne abschließende Worte für dieses Porträt – aber passend zu dieser Woche und dem eurovisionistischen Happening lasse ich Valente noch einmal dazu zu Wort kommen: „Ich weiß jetzt offiziell viel zu viel über den Eurovision Song Contest!“ 

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