Maximal außerirdisch: Der Eurovision Song Contest – für Anfänger

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Maximal außerirdisch: Der Eurovision Song Contest – für Anfänger


Glitzernd. Trashig. Ein klitzeklein wenig überkandidelt. Der Eurovision Song Contest spaltet die Zuschauer in Jubler und Verächter. Warum sich einmal im Jahr mit einer Reihe von Bekloppten zusammensetzen, die bekloppte Songs singen und alberne Klamotten tragen? Catherynne M. Valente, Autorin des SF-Romans "Space Opera", erläutert ihre ESC-Begeisterung - natürlich anhand 12 ausgewählter Eurovision-Songs.

Eurovision oder ESC – sagt euch das was? Falls ihr damit so gar nichts anfangen könnt, dann seid ihr vielleicht aus den USA, so wie ich? Mit dem ESC verhält es sich nämlich ähnlich wie mit der Fußballweltmeisterschaft oder dem Konzept einer kostenlosen Gesundheitsversorgung. Viele Amerikaner können nicht so recht begreifen, was daran toll sein soll, auch wenn er offensichtlich außerhalb unserer Landesgrenzen total beliebt und erfolgreich ist.

Mit meiner Begeisterung für den ESC habe ich mich inzwischen schon seit gut sechs Jahren in der Öffentlichkeit zum Narren gemacht. Wie oft habe ich meine Sitznachbarn im Flugzeug zu bekehren versucht: Habt ihr schon die frohe Kunde vernommen? Der ESC ist da, um unser Leben zu bereichern und zu erhöhen! Und ich meine es absolut nicht ironisch, wenn ich dann erzähle, dass es sich um eines der faszinierendsten Phänomene handelt, die unsere Spezies je geschaffen hat. Ich liebe diese Veranstaltung so sehr und schäme mich nicht im Geringsten, das zuzugeben. Ich bin sogar ein so großer Fan, dass ich ein ganzes Buch geschrieben habe, das den ESC gewissermaßen in den Weltraum verlagert (vielleicht noch ergänzt um ein kleines bisschen Per Anhalter durch die Galaxis und Spinal Tap). Das Buch heißt Space Opera, und nicht ohne Grund passt es sehr schön zu jeder ESC-Party, denn das kann ich euch sagen, dieser herrlich verrückte Contest ist so ungefähr das Außerirdischste, das es auf der Erde gibt.

Allerdings ist es nicht ganz so einfach, diese Faszination anderen Menschen zu vermitteln. Viele entwickeln durch ihren geschäftigen, stressigen, anstrengenden Alltag eine tragische Abneigung gegen alles, das glitzernd, trashig und ein bisschen überkandidelt rüberkommt, und es kann sich als schwierig erweisen, diese Widerstände zu überwinden und Freunde und/oder Bekannte dazu zu überreden, sich mit einer Reihe von Bekloppten zusammenzusetzen, die bekloppte Songs singen und alberne Klamotten tragen, ohne sich selbst auch nur im Geringsten albern vorzukommen.

Glücklicherweise habe ich sechs Jahre Zeit gehabt, um eine Methode zu entwickeln, wie eine solche Bekehrung allen Widerständen zum Trotz gelingen kann, und die werde euch jetzt erläutern. Falls ihr noch nie vom ESC gehört habt, betrachtet diesen Text als eure Einstiegsdroge. Wenn ihr dem Virus sowieso schon erlegen seid, dann ist das hier eine Anleitung dafür, wie man Amerikaner und andere benachteiligte Menschen dazu bringen kann, sich für den Rest des Lebens jedes Jahr im Mai zusammenzurotten und Cocktails zu trinken. Falls ihr den ESC bescheuert findet, dann ist dies ein kleiner, bescheidener Hinweis darauf, dass ihr gründlich falsch liegt. 

Was ist der Eurovision Song Contest?

Reduziert man den ESC aufs Wesentliche, dann ist er im Grunde eine Mischung aus Deutschland sucht das Supertalent, der Wahl der Miss Universum und dem Ersten Weltkrieg. Die Veranstaltung wurde 1956 ins Leben gerufen, um den Kontinent nach den beiden großen Kriegen im 20. Jahrhundert wieder stärker im Frieden zu vereinen. Muss man sich mal vorstellen. Nachdem sich die führenden europäischen Nationen beinahe gegenseitig ausradiert hatten, wandten sie sich einander zu und beschlossen … nun, irgendwelche Rivalitäten ab sofort in Form eines Gesangswettbewerbs zu regeln. Wenn das nicht ein wahrer Triumph von Menschlichkeit und Zivilisation ist!

Jedes Jahr schicken die europäischen Nationen (und ein paar, die ganz klar nicht in Europa liegen, aber netterweise trotzdem mitmachen dürfen, wie zum Beispiel Australien) einen Popsänger oder eine Gruppe in eine vorher ausgewählte Stadt, um gegen die anderen anzutreten, und zu gewinnen gibt es eigentlich weiter nichts als das Recht, das Ganze im nächsten Jahr selbst veranstalten zu dürfen, sowie vielleicht noch die Hoffnung auf einen Sommerhit. Die Kostüme sind meist ziemlich extravagant, die Songs komplett übertrieben und die Abstimmungen umstritten. Man kann seine Stimme nicht für das eigene Land abgeben, müsst ihr wissen; das wäre uncool. Also zeigen sich bei der Stimmabgabe meist bestimmte regionale Seilschaften, alte Feindschaften und die Spuren aktueller Entwicklungen, was bedeutet, dass der ESC jedes Jahr auch ziemlich stark spiegelt, was in Europa politisch gerade abgeht.

Er ist der Superbowl von Glitz und Glitter, und er ist phantastisch.

Manche lieben den ESC, andere tun so, als würden sie ihn hassen, obwohl sie ihn lieben, und manche Leute hassen ihn wirklich. Jedenfalls ist es nicht so einfach, bei diesem Thema völlig neutral zu bleiben. Aber so könnt ihr jeden Newbie davon überzeugen, dass es sich in diesem und allen folgenden Jahren lohnen wird, einen Samstag für die Show zu opfern: Sprecht ihn zunächst einmal leise und freundlich an und achtet darauf, ihn auf keinen Fall zu bedrängen. Er muss spüren, dass ihr nur sein Bestes wollt. Und dann geht ihr auf Youtube.

Kleiner Hinweis: Diese Song-Collection ist keine Liste der „besten“ Eurovision Songs der letzten 62 Jahre. Solche Listen gibt es natürlich auch. Millionenfach sogar. Es geht hier nicht um die besten Songs, obwohl einige davon ganz klar dazu zählen. Ich will hier auch nicht mit meinem ESC-Nerd-Wissen angeben (dafür könnt ihr Space Opera lesen), und es ist keine annähernd komplette Liste der größten Verrücktheiten, die je auf einer Bühne zu sehen waren. Hier geht es nur um die richtige Taktik, etwas beinahe Unverkäufliches gut zu verkaufen und Leuten, die noch keine Ahnung haben, worum es geht, den Geist des ESC zu vermitteln. Die meisten der hier genannten Titel stammen aus jüngerer Zeit, weil die klassischen Performances ziemlich nüchtern inszeniert sind und sich oft auch überlebt haben. Traditionalisten würden sicher einige Songs meiner Auswahl nicht einmal annähernd für „gut“ befinden. Aber sie vermitteln einen guten Eindruck davon, worum es geht, und was in Zukunft vom ESC erwartet werden kann – große Nummern, echte Pleiten und absolut schräges Zeug.

1. Fairytale, Alexander Rybak, Norwegen, 2009

Steigen wir am besten mit einem Song ein, der leicht und locker und so gar nicht seltsam ist. Wie könnte man diesen ernsthaften jungen Mann mit seinem breiten Lächeln und seiner Geige nicht lieben! Er nimmt doch jeden für sich ein! Na gut, schön, im Hintergrund machen irgendwelche Typen Liegestütze oder so was, aber das hier ist trotzdem die zweiprozentige Eurovision-Milch: süß, gesund und einfach lecker. Es ist buchstäblich nicht möglich, so etwas nicht zu mögen. Ein idealer Eisbrecher – unsere Freunde sollten hinsichtlich der ganzen Sache nun etwas entspannter geworden sein. Schließlich müssen sie nicht mehr befürchten, dass ihnen eine abgedrehte Musical-Version von Clockwork Orange bevorsteht. Und damit könnten wir uns an etwas Pikanteres wagen. 

2. Party For Everybody, Buranovskiye Babuschki, Russland, 2012

Äh, ja – das hier ist eine Partynummer mit Technoelementen, die von einigen 89-jährigen russischen Großmüttern gesungen wird. Die Kulisse bildet ein mittelalterlicher Backofen, und am Ende gibt’s für alle einen Keks. Nein, das ist kein seltsamer Traum, den ihr letztes Jahr nach Thanksgiving hattet. Aber ich wette, ihr könnt nicht anders, ihr werdet lächeln. Und einsehen, wie cool es ist, dass 2012 weltweit 200 Millionen Menschen auf diesen Rhythmus abgegangen sind.

2012 Eurovision Song Contest: Buranovskiye Babushki - Party For Everybody

3. Hard Rock Hallelujah, Lordi, Finnland 2006

Oft kommen bei Eurovision-Auftritten traditionelle Kostüme oder Folklore zum Einsatz, und deswegen sehen wir hier jetzt eine sehr realistische Truppe von Dämonen, die Heavy Metal machen, weil sie nämlich Finnen sind und weil, wie ihr vielleicht wisst, Finnen total auf Heavy Metal stehen. So betrachtet ist das dann nämlich auch traditionelle Folklore, und Lordi sind davon abgesehen ein herrlich beeindruckendes, glitterfreies Beispiel dafür, was der ESC an abgefahrenen Kostümen, Make-up und Effekten zu bieten hat.

Und nachdem wir damit das solide Familien-Entertainment abgedeckt hätten, können wir ja auch gleich mit den ukrainischen Dragqueens weitermachen.

Wie bitte? Ja, ihr habt ganz richtig gehört.

4. Dancing Lasha Tumbai, Verka Serduchka, Ukraine 2007

Das hier ist in vieler Hinsicht eine klassische ESC-Performance. Jede Menge silberne Glitzerklamotten, ein Akkordeon-Riff, das unglaublich ins Ohr geht, komplett sinnfreie Kostüme, jede Menge verschiedene Sprachen und Verka, eine Dragqueen, die eher wie ein ganz normaler Supermarktkunde aussieht, wenn man davon absieht, dass ihr ein silberner Stern aus dem Kopf wächst. Es ist total verrückt und herrlich und fröhlich und komplett ohne jeden tieferen Sinn, was genau dem Geist des ESC entspricht.

2007 Eurovision Song Contest: Verka Serduchka - Dancing Lasha Tumbai

5. My Słowianie - We Are Slavic, Donatan & Cleo, Polen 2014

Manchmal kann der ESC auch sexy sein. Ob das hier der Fall ist, das überlasse ich euch.

Auf alle Fälle ist dieser Track ziemlich faszinierend. Dralle Ladys aus Polen tanzen in traditioneller Tracht mit Waschbrettern und Butterfässern und Eimern mit Brunnenwasser, und sie rappen, in herrliches, rotes Licht getaucht, auf Polnisch und Englisch: Es geht darum, wie großartig es ist, ein polnisches Mädchen zu sein. Bei der ganzen Nummer ist ein bisschen sehr viel plumpe Anmache im Spiel, und ein bisschen peinlich wirkt es auch, aber ich finde die Kombination aus mittelalterlichen Elementen, moderner Musik und hübschen Punkrock-Riotgrrrl-Sängerinnen unwiderstehlich. Auf seine ganz eigene Art und Weise ist es tatsächlich auch wieder ganz unschuldig. Es macht so offensiv auf sexy, dass es eher wie ein Betty-Boop-Cartoon wirkt, der uns ganz ernsthaft erklärt, welche feministischen Aspekte das Wäschewaschen vor der Erfindung der technisierten Helfershelfer hatte, bevor es dann wieder gaaanz verrucht wird.

2014 LIVE Eurovision Grand: Donatan & Cleo - My Słowianie - We Are Slavic

6. Waterline, Jedward, Irland 2012

Dieser Song ist garantiert auf keiner Best-of-ESC-Liste. Ebenso wenig wie die Künstler. Aber ich gebe offen zu: Ich stehe auf die beiden irischen Androiden. Jedward sind fürchterlich elfenhafte, eineiige Zwillinge aus Irland, die schon rein physiologisch nicht in der Lage sind, synchron zu tanzen, und nur einer von ihnen scheint einen Hauch von Ahnung davon zu haben, wie bekloppt sie auf den Rest der Welt wirken. Sie sind eine Zwei-Personen-Boyband und haben ihr Land mehr als einmal vertreten. (Nebenbei bemerkt hat kein anderes Land den ESC so oft gewonnen wie Irland. Das ging so weit, dass es sich nachteilig auf den Staatshaushalt auszuwirken begann, weil die Ausrichtung des Wettbewerbs schließlich auch ganz schön kostspielig ist. Dementsprechend hat man schon darüber spekuliert, dass Jedward eine Art Geheimwaffe darstellen, um das Haushaltsbudget zu retten.)

„Waterline“ ist ein scheußlicher Song. Aber ich muss trotzdem immer grinsen, wenn ich diese beiden Möchtegern-Legolasse vor dem Springbrunnen im Hintergrund herumhampeln sehe, wie sie völlig absurd, aber glücklich wirken und furchtbar stolz ein Herzsymbol mit den Händen formen. Beim ESC geht es schließlich nicht unbedingt darum, gut zu sein. Sondern vor allem interessant und unterhaltsam. So ein bisschen nicht von dieser Welt. Und das kriegen die zwei hervorragend hin.

7. Lautar, Pasha Parfeny, Moldawien 2012

Jedes Mal, wenn ich jemanden als neuen Jünger der heiligen ESC-Kirche gewinnen will, spiele ich das hier an, und jedes Mal meckert mein Freund, dass die Nummer scheußlich ist, dass ich der einzige Mensch auf der Welt bin, der sie gut findet, dass es so viele bessere gibt und dass wir doch lieber das Ding angucken sollen, in dem sich die Jungs aus der Türkei in ein Boot verwandeln. (Jepp, gibt’s wirklich.) Ich sage dann immer nur: „Aber dieser Songtext beinhaltet die Zeile ‚This trumpet makes you my girl‘.“ Der Song ist komplett durchgeknallt. Die Sänger haben ganz offensichtlich null Ahnung, was der englische Text bedeutet. (Früher mussten alle Beiträge in der Landessprache sein, aber inzwischen wurden die Regeln geändert, und heute singen die meisten zumindest teilweise auf Englisch – oder zumindest so etwas Ähnlichem.) Die Tänzer im Hintergrund scheinen sich entweder selbst zu schlagen oder unsichtbare, kaputte Fahrräder zu fahren. Der Leadsänger trägt eine Art Horrorfilm-Metzgerschürze über altmodischen Lederhosen, und das ganze Ding ist ein einziger wilder, hoch energetischer Autounfall aus Farben und Ton. Genau so mag ich den ESC. Oft werden nämlich die allgemein weniger beliebten Songs aus kleineren Teilnehmerstaaten meine Lieblinge, wie auch der Typ aus Weißrussland, der sich in einen Werwolf verwandelt hat (jepp, auch das gab es wirklich). Es ist wichtig zu zeigen, dass es nicht immer nur um Bühnenshows mit großem Budget geht. Manchmal macht eben doch die Trompete mich zu ihrem Mädchen.

2012 Eurovision Song Contest: Pasha Parfeny - Lăutar

8. Rise Like A Phoenix, Conchita Wurst, Österreich 2014

Und hier machen wir einen kleinen, fast unmerklichen Schnitt und wenden uns einer anderen Seite des ESC zu. Die Show kann nämlich wirklich dazu beitragen, die tiefsten, eigenen Gefühle zu erspüren. Dieser Song könnte auch aus einem Erfolgsmusical vom Broadway stammen, so gut ist er. Und dann steht da noch eine bärtige österreichische Dragqueen in einem Kleid aus geschmolzenem Gold wie angenagelt auf der Bühne, zuckt mit keiner Wimper und haut das Ding mit einer so überwältigenden Schönheit raus, dass es einem die Tränen in die Augen treibt. Es ist überhaupt nicht lächerlich, sondern einfach nur genau so, wie es sein muss, und es ist eine der großartigsten Qualitäten des ESC, dass man sich gerade noch über einen Kerl in einem riesengroßen Hamsterrad kaputtgelacht hat (jepp, gab’s wirklich), und dann von so viel Musik, Gefühl und Leidenschaft überwältigt wird. Beides ist möglich. Alles ist möglich.

9. Euphoria, Loreen, Schweden 2012

Das ist und bleibt mein liebster ESC-Song aller Zeiten. Er ist eine Klasse für sich, hebt jede Stimmung und verleiht einem das Gefühl, einfach alles schaffen zu können. Und nach einer langen Nacht mit russischen Omas und türkischen Booten und einer zyprischen Liv Tyler kam diese Schwedin einfach so auf die Bühne, vollführte barfuß im Schnee brasilianische Kampfkunst und war so schön, schlicht und ergreifend, dass mir der Atem stockte. Aber man kann nicht einfach jemandem nur diesen Song zeigen und sagen: „Siehst du, der ESC ist einfach cool!“ Auch dieser Titel hat noch mehr Power, wenn man sich vorher den ganzen herrlichen, überschäumenden Alien-Beat-Unsinn angesehen hat.

2012 Eurovision Song Contest: Loreen - Euphoria

10. 1944, Jamala, Ukraine 2016

Aber es geht nicht immer nur um Glitter, liebe Freunde. Im Herzen des ESC wohnen auch Dunkelheit und Ernst. Schließlich wurde der Wettbewerb vor einem ernsten Hintergrund aus der Taufe gehoben, und er fand weiter statt, obwohl in es den sechzig Jahren seit seiner Gründung durchaus wieder Kriege auf dem europäischen Kontinent gab. Nicht einmal Mord und Totschlag konnten ihm Einhalt gebieten, und so war er auch 2016 da, als die Ukraine mit einem Song gewann, dessen Titel „1944“ sich auf die Deportationen vieler Ukrainer durch Stalins Truppen bezieht. So kurz nach der erneuten Invasion der Russen auf der Krim-Halbinsel bekam dieser Song eine besondere Dimension – aber man konnte trotzdem dazu tanzen.

Ja. Zehn Minuten zuvor haben wir noch bei einem Kerl mitgewippt, der einen Stern aus Alufolie auf dem Kopf trug, und jetzt ist es auf einmal verdammt ernst. So ist es nun einmal beim ESC. Hier wird alles, was Menschlichkeit bedeutet, in eine knallbunte Discokugel-Verpackung gesteckt, und das ist nicht immer leicht zu schlucken. Aber genau deswegen ist es ja so brillant.

Russland ließ sich im Folgejahr beim Wettbewerb übrigens nicht einmal mehr blicken.

11. Heroes, Måns Zelmerlöw, Schweden 2015

Okay. Das war jetzt ziemlich heavy. Dann doch jetzt schnell wieder ein fröhlicher Song, um die Stimmung zu heben.

Die technischen Effekte sind hier unglaublich, die Abstimmung zwischen Künstler und Animation ist das genaue Gegenteil von Jedward. Es ist schlicht ein großartiger Song, großartig präsentiert, und für ESC-Verhältnisse geradezu bestechend normal. Ein guter Titel, um sich von den Skurrilitäten zu erholen, und einer, den ich über die Jahre so sehr lieben gelernt habe, dass er jetzt aus meinen Playlists nicht mehr wegzudenken ist. 

Eurovision 2015: Måns Zelmerlöw - Heroes

12. Love Love Peace Peace, Eurovision, Eurovision 2016

Heutzutage sind sich fast alle einig, dass es einer der großartigsten Momente in der ESC-Geschichte war, als sich die Eurovision selbst auf die Schippe nahm: In dieser Performance aus Lied und Tanz trifft Eurovision gewissermaßen auf Weird Al Yankovic. Zu einer dynamischen, lockeren Melodie werden sowohl die schrägsten ESC-Momente wie auch die Geheimformel zum Sieg durch den Kakao gezogen. Auf der Bühne tummeln sich viele der echten Künstler und Gewinner sowie eine Menge Requisiten aus dem Jepp-gab’s-wirklich-Bereich, von denen euer Neubekehrter am Ende dieser Reise durch die ESC-Vergangenheit auch schon einige erkennen sollte. Es ist der perfekte Abschluss dieser kleinen Einführung.

Wobei … Halt, da wäre noch was.

Ihr solltet eurem (sicherlich gespannt lauschenden) Publikum auf jeden Fall noch verraten, dass es, wenn es sich den diesjährigen ESC ansieht, vielleicht nicht genau so sein wird. In letzter Zeit hat viel Ernsthaftigkeit in dem Wettbewerb Einzug gehalten. 2017 gewann zum Beispiel ein Typ mit Herrendutt und schwarzem Anzug, der eine ganz ernste Ballade vortrug; das ist im Augenblick offenbar der neuste Trend. Schließlich ist die ganze Weltlage im Augenblick etwas angespannt, und entsprechend wird es auch beim ESC ein bisschen finsterer (obwohl das, was beim ESC als finster durchgeht, überall sonst vermutlich als karnevalsbunt bezeichnet würde).

Diese Phase wird vorübergehen, sobald jemand in einem riesigen Dämonen-Outfit oder mit Dubstep am Butterfass gewinnt. Das ist ja das Schöne daran. Beim ESC fängt sich der Zeitgeist in herrlich kitschiger Weihnachtsdeko. Und Tradition landet in einem etwas anrüchigen Nightclub ohne Notausgang. ESC, das sind wir alle, wo wir sind, wo wir waren und wohin wir gehen. Es ist der Schnappschuss eines Spiegels, in dem wir uns selbst betrachten, so herrlich albern und erstaunlich und abgedroschen und überirdisch und wunderschön und blöd, der immer weiter in die Zukunft strahlt.

Also, bis zum nächsten ESC – alle Jahre wieder!

 

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Deutsch von Kirsten Borchardt

 

Erstmals erschienen am 9. Mai 2018 unter dem Titel „How to Win Friends and Convince People to Watch Eurovision“ auf boingboing.net/2018/05/09/how-to-win-friends-and-convinc.html

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