Wicked Queen Editions: Neuer Bücher aus der feministischen Fantasy

INTERVIEW

Wicked Queen Editions: Neue Bücher aus der feministischen Fantasy


Frauen sind in der Fantasy immer noch unterrepräsentiert und Geschlechtersterotype omnipräsent. Jüngst startete der Verlag Feder & Schwert deshalb ein neues Imprint für feministische Fantasy („Wicked Queen Editions“). Grund genug, bei Verlagsleiterin Kathrin Dodenhoeft nachzufragen, was sich die Kölner eigentlich dabei gedacht haben … 

Wicked Queen ist ein neues Imprint für feministische Fantasy. Wie seid ihr auf die Idee gekommen? Warum brauchen wir das?

Kathrin Dodenhoeft: Da muss ich ein wenig weiter ausholen. Vor nunmehr fast drei Jahren wurde Feder & Schwert ja vom Team des Uhrwerk Verlags übernommen, der bisher nur Rollenspiele veröffentlicht hatte. Wir haben natürlich erst einmal eine Bestandsaufnahme gemacht, für welche Zielgruppen Feder & Schwert eigentlich Bücher macht, und wen wir gerne noch erreichen würden. Da durch einige Erhebungen bekannt ist, dass Frauen deutlich mehr lesen als Männer, und das Programm von F&S sich zu dem Zeitpunkt doch insgesamt eher an Männer richtete, war es zunächst einmal eine Marketingentscheidung, gezielt mehr Frauen ansprechen zu wollen.

Ein zweiter Faktor ist, dass ich selbst oft Probleme hatte, Fantasy zu finden, die ich gerne lesen wollte. Natürlich ist der Markt überschwemmt mit Fantasy, die sich an Frauen richtet, aber in meiner subjektiven Wahrnehmung fällt das meiste davon unter Romantasy oder Young Adult, was leider nicht meine Genres sind. Zudem bin ich mittlerweile einfach zu alt (oder feministisch verdorben ...), als dass ich über die typischen Klischees noch hinweglesen könnte, ohne dass es mir das Leseerlebnis verdirbt, und habe zu wenig Zeit und Geduld, mich durch viele dicke Fantasy- oder Sci-Fi-Wälzer zu lesen, um *vielleicht* etwas zu finden, das mich mal nicht nervt. Mir fiel es also schwer, Bücher aus dem Phantastik-Genre zu identifizieren, die mir selbst gefallen würden (wahrscheinlich gab und gibt es sie, aber das Problem für mich war die Auffindbarkeit.) Nach einer gezielten, langen Recherche stieß ich zum Beispiel einmal auf die „Reiter-Trilogie“ von Kristen Britain, die mir auch wirklich gut gefiel – allerdings hätte ich sie spontan im Laden niemals gekauft, da die deutschen Cover eher nach „Pferdebuch“ aussehen, was mich überhaupt nicht anspricht.

Von diesen beiden Punkten ausgehend reifte die Idee sehr langsam erst einmal vor sich hin, bis ich letztes Jahr das Gefühl hatte, die Zeit ist jetzt wirklich reif und das Projekt muss einfach auf den Weg gebracht werden.

Warum brauchen wir das? Nun, ich weiß nicht, ob jeder Mensch auf dem Planeten es braucht, aber wie wir auch am überwältigend positiven Feedback gesehen haben, gibt es wohl noch mehr Menschen wie mich, die sich über eine Art Kennzeichnung („Hey! Hier keine nervigen Klischees!“) und Content-Warnungen freuen würden. Bei Fanfiction funktioniert das ja auch hervorragend, und dieser Bereich war mir eine große Inspiration.

Zudem bedeutet Repräsentation etwas. Ich war und bin zwar auch Fan von Perry Rhodan, Herr der Ringe etc., und liebe meine männlichen Helden heiß und innig, das heißt aber nicht, dass das Gefühl nicht ein anderes ist, wenn ich Medien mit vielschichtigen weiblichen Charakteren lese oder ansehe. Menschen wie sich selbst repräsentiert zu sehen bedeutet SO. VIEL. Ich bin sehr froh und dankbar in einer Zeit zu leben, in der junge Mädchen Rey, Shuri und Wonder Woman als Vorbilder haben. Ich kann mir nur in der Fantasie ausmalen, welche Wirkung das auf mich als Kind oder Teenager gehabt hätte. (Und auch jetzt ist natürlich längst noch nicht alles perfekt – man denke nur an #WheresRey oder daran, dass es immer noch keinen Black-Widow-Film gibt).

Was bedeutet “Feminismus” für euch?

Das ist eine sehr schwierige Frage, da es „den Feminismus“ ja auch nicht gibt. Ich kann jetzt nur für mich sprechen, aber für mich bedeutet Feminismus Aufwachen. Ich habe wie die meisten anderen Feministinnen auch erst als Erwachsene langsam gemerkt, dass im Gegensatz dazu, was man uns als Kindern erzählt hat, Männer und Frauen doch von der Gesellschaft (noch) nicht gleich behandelt werden. Das empfinde ich als ungerecht. Feminismus ist der Versuch, daran etwas zu ändern, und aus meinem Leben nicht mehr wegzudenken. Wenn du einmal die Ungerechtigkeiten gesehen hast (oder die Klischees in Romanen, Filmen, Comics und Serien) kannst du sie nicht mehr NICHT bemerken.

Hattet ihr den Eindruck, es gibt zu wenige Bücher gibt, die die “feministischen Mindeststandards” einhalten?

Wie gesagt könnte ich gar nicht sagen, ob es zu wenige Bücher gibt, die diese einhalten – sicher gibt es sie, aber zumindest ich persönlich habe zu wenige davon gefunden. Und oft halten gerade die Bücher, die gezielt an mich als Frau vermarktet werden, diese nicht ein, was mich mit am meisten ärgert. (Nur zur Sicherheit: Selbstverständlich darf jede*r lesen was sie*er mag – nur weil ich Romantasy nicht mag, heißt das nicht, dass ich Leute verurteile, die so etwas gerne lesen – aber ich dachte mir eben, dass es bestimmt auch viele Menschen gibt, denen es so geht wie mir, und die gerne etwas anderes lesen würden.)

Auf eurer Webseite habe ich das erste Mal vom “Sexy Lamp-Test” gelesen. Was hat man sich darunter vorzustellen?

Der Sexy-Lamp-Test in einer der simpelst möglichen Tests, um festzustellen, ob ein Medienprodukt sexistische Stereotypen bedient, und klingt zwar so, als wäre er nicht ernst gemeint, aber leider gibt es doch Filme, Comics etc., die diesen Test nicht bestehen. Kurz gesagt betrachtet man bei diesem Test, ob man einen weiblichen Charakter auch mit einer sexy Lampe (oder mit einer sexy Lampe mit einem Post-It drauf) ersetzen könnte, ohne dass der Handlung groß etwas verloren gehen würde. Ich denke, mehr muss man dazu nicht sagen ...

Feministische Fantasy, an welche Autorinnen denkt ihr denn da? Gibt es eurer Ansicht nach eigentlich auch Autoren, die feministisch schreiben?

Die Klassiker sind natürlich Autorinnen wie Ursula K. LeGuin, Margaret Atwood und Angela Carter. Aktuell außerdem N.K. Jemisin, Kameron Hurley, Alice Hoffman und da gibt es sicher noch viele mehr (aber mein SUB ist leider so hoch wie ein Haus ...) Aus Deutschland: Judith C. Vogt.

Und natürlich kann es auch Autoren geben, die feministisch schreiben. Neil Gaiman oder Max Gladstone fallen mir da ein.

Da gibt es natürlich noch viele, viele mehr, aber wie gesagt, meine Leseliste ... seufz.

Was werden eure ersten Bücher sein?

Der erste Titel der Reihe wird „Gunnie Rose“ von Charlaine Harris sein (Alternativweltgeschichte im Wilden Westen mit Magie). Danach folgen zwei Titel von Alice Hoffman (die eher dem magischen Realismus zuzuordnen sind) und einer von Patrice Sarath (Gunpowder-Fantasy/Alternativweltgeschichte).

Gibt es innerhalb der Fantasy bestimmte Subgenres, die sich besonders für feministische Titel eignen – oder im Gegenteil überhaupt nicht?

Nein, meiner Ansicht nach nicht. Man kann in jedem Genre feministisch schreiben oder auch nicht (und, nur um das im Kopf zu behalten: „feministisch“ schreiben heißt hier gerade nur, dass weibliche Charaktere mit eigener Agenda darin vorkommen, die sich nicht von ihrem Love Interest in die Ecke stellen lassen).

Und was ist eigentlich mit feministischer Science Fiction? Fühlt ihr euch zuständig?

Natürlich. Die Science-Fiction ist bei Feder & Schwert aktuell noch etwas unterentwickelt, aber da arbeiten wir dran.

Wie seht ihr das: Hat sich auf Verlagsseite in den letzten Jahren was geändert? Wird in der Phantastik bewusster mit Themen wie Gender oder Race umgegangen als beispielsweise in den Nuller Jahren?

Ich denke es verändert sich etwas, ja. Aber es geht sehr langsam; gerade auf der Ebene der großen Verlage sehe ich da gerade noch nicht viel Veränderung. Aber einen zu schnellen Wandel kann man vermutlich nicht erwarten, Hauptsache es verändert sich überhaupt etwas.

Manchmal bekommt man den Eindruck, die amerikanische Diskussion ist ein wenig weiter als hier. Beobachtet ihr einen Unterschied zwischen dem englisch- und dem deutschsprachigen Buchmarkt hinsichtlich des Themas Gendersensibilität?

Das ist wirklich schwer zu beurteilen, da der deutsche Buchmarkt ja schon riesig ist, vom US-amerikanischen ganz zu schweigen. Aber ja, ich denke, generell ist das Thema Diversity in den USA schon wesentlich präsenter, und nicht nur im Bereich Gender, sondern auch im Bereich Rassismus. Davor verschließen die Deutschen immer noch gerne die Augen.

Gab es schon erste Reaktionen aus dem Buchhandel oder von Verlagskollegen?

Da der Buchhandel (außer dem Otherland in Berlin und wenigen weiteren Ausnahmen) uns leider kaum wahrnimmt, aus der Richtung leider nein. Von anderen Kleinverlagskolleg*innen haben wir sehr positives Feedback bekommen, was uns riesig gefreut hat.

Wie geht es weiter mit Feder & Schwert? Habt ihr noch andere große Pläne?

Nichts Geringeres als die Weltherrschaft!!! ;-) Nein, ernsthaft: In diesem Jahr wird einiges passieren, neben dem Start von Wicked Queen Editions haben wir zum Beispiel auch unser Logo überarbeitet, was in Kürze öffentlich gemacht werden wird. Feder & Schwert bekommt zu seinem dreißigsten Geburtstag also einen neuen Look verpasst. Ansonsten sind unsere Pläne nur das, was alle anderen Kleinverleger*innen auch tun: Tolle Bücher machen, bekannter werden, Leser*innen gewinnen und glücklich machen (und im Idealfall sogar vielleicht die*den eine*n oder andere*n Buchhändler*in).

Über Kathrin Dodenhoeft

Autorin Kathrin Dodenhoeft

Kathrin Dodenhoeft ist mit Astrid Lindgren, Perry Rhodan und Star Wars aufgewachsen und fand ihren beruflichen Einstieg in die Verlagswelt als Redakteurin und Lektorin beim Uhrwerk Verlag, einem Kölner Verlag für Rollenspiele. Seit der Uhrwerk Verlag 2016 Feder & Schwert übernahm, lenkt sie als Verlagsleiterin die Geschicke des Kleinverlags für Phantastik.

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