Phantastischer Weltenbau vs. Naturwissenschaft

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ESSAY

Ist die Naturwissenschaft der natürliche Feind des Phantastischen Weltenbaus?


Magie ermöglicht in der Fantasyliteratur wundersame, verzaubernde Geschichten. Dennoch sollten sich Fantasyromane besser an ihre eigenen, selbst geschaffenen Naturgesetze halten. Ein Plädoyer für den wissenschaftlich-phantastischen Weltenbau von Christian Vogt. 

Vielleicht wird die Fantasy- von der Science-Fiction-Fangemeinde manchmal aus diesem Grund belächelt. Und auch manche SF-Geschichten, beispielsweise aus dem Sub-Genre Space Opera, werden weniger ernst genommen, sobald die vorkommenden Elemente zu phantastisch erscheinen. Das zeigt sich nicht zuletzt in den immer noch ab und an auftauchenden traditionellen Grabenkämpfen und Diskussionen zwischen Trekkies und »Warslern«, also den Liebhabern von Star Trek und Star Wars – auch wenn es da draußen angeblich irgendwo Menschen geben soll, die beides mögen.

Magische Science-Fiction

Dabei stecken auch in angeblich realistischer Science-Fiction jede Menge phantastischer Grundannahmen – auch hier wird in die magische Trickkiste gegriffen, um den Weltenbau der Geschichte, der Vision oder der handwerklichen Umsetzung unterzuordnen. Wer sieht sich nicht lieber eine Raumschlacht an, die an tollkühne Kurvenkämpfe zwischen Doppeldeckern erinnert, wenn die realistischere Alternative eine Abhandlung über Energiemanagement einer Bord-KI ist? Wer vertraut nicht auf die Wunderkiste namens Heisenbergkompensator, die verhindert, dass beim Beamen aufgrund des Unschärfeprinzips die eigenen Atome ganz und gar anders zusammengesetzt werden als zu Beginn der Reise?

Gibt es wirklich einen fundamentalen Unterschied zwischen einem Alienartefakt und einem Kultgegenstand, der von einem Dämon besessen ist? Unterscheiden sich Zauberer und Psioniker nicht eigentlich nur dem Namen nach? Wie schon Arthur C. Clarke sagte: »Jede einigermaßen fortgeschrittene Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden.«

Für mich hat sich eine Methode als besonders praktisch herausgestellt, um mein Naturwissenschaftlerherz mit meinem Weltraumjäger-Space-Opera-Fanherz zu versöhnen: Wenn sich eine offensichtliche Erklärung für ein Phänomen aufdrängt, die nicht total an den Haaren herbeigezogen ist, kann ich diese als gegeben hinnehmen (ja, selbst als Physiker!) und den Film oder den Roman weiter genießen. Ein Beispiel? Nehmen wir Bomben im Weltall (wie in einem gewissen Film gezeigt, der ein gewisses vierzig Jahre altes Fandom spaltet). Sie sind aus physikalischer Sicht völlig unproblematisch, besonders in einer Welt, in der künstliche Gravitation, Magnetschienen etc. bereits gezeigt und etabliert wurden – viel unproblematischer jedenfalls als Beamen oder die meisten anderen Elemente einer jemals auf einem Bildschirm gezeigten Raumschlacht. Wer also die Pille schlucken kann, dass sich Raumflugkämpfe wie Weltkriegs-Dogfights anfühlen, kann auch für andere Dinge Erklärungen finden, wenn er oder sie diese denn unbedingt benötigt.

Wissenschaftliche Fantasy

Dagegen erscheint die Fantasy sehr verheißungsvoll, um Geschichten zu erzählen, die nicht an die schnöden Gesetzte von Physik oder Gesellschaft gebunden sind. Ein magischer Weltenbau ermöglicht wundersame, verzaubernde Geschichten. Aber gewinnt eine Geschichte nicht an Wert, wenn sie sich irgendwie echt anfühlt? Ahnen wir nicht, wenn Geschichten uns und unsere Bereitschaft, sich auf sie einzulassen, über den Tisch ziehen wollen? Das heißt nicht, dass sich Fantasy nicht bei wundersamen und magischen Elementen bedienen sollte – schließlich definieren diese Elemente das Genre, und es wäre verrückt, sie herausnehmen oder unseren Naturgesetzen unterordnen zu wollen. Eine Fantasywelt sollte sich allerdings meiner Meinung auch im späteren Verlauf der Geschichte an die Regeln und Naturgesetze halten, die sie selbst aufgestellt hat. Verstößt eine Geschichte gegen die eigene Setzung oder werden offensichtliche Folgen aus dieser Setzung ignoriert, wird das Publikum aus der Immersion gerissen. Das ganze Schauspiel fühlt sich plötzlich falsch an, unecht und ein bisschen so, als würden die AutorInnen sich Dinge im Nachhinein zurechtbiegen.

Das muss nicht unbedingt den Spaß verderben, wie man an einer der bekanntesten Jugendbuch-Fantasyserien der Welt sieht (*zwinker*), und oft stört es nicht beim ersten Genießen einer Handlung, aber vielleicht beim späteren Reflektieren des Erlebten oder beim zweiten Lesedurchgang oder Kinobesuch.

Wenn etwa ProtagonistInnen ein Zeitreise-Dings in die Hand gegeben wird, das die Geschichte um einen Twist bereichert, warum sollten diese das Zeitreise-Dings nicht nutzen, um den bösen Overlord damit in der Vergangenheit aufzuhalten, bevor er oder sie die Stachelrüstung der Unverwundbarkeit erlangt hat? Wenn ein Zauberspruch eine unendlich lange andauernde Bewegung im großen Stil ermöglicht, also ein Perpetuum Mobile, warum plagt sich dann noch ein Bauer auf dem Feld? Warum benötigt eine Schmiedin noch schlecht bezahlte Handlanger?

Wenn die Konsistenz einer Welt geopfert wird, um ein bestimmtes Bild, häufig das einer Epoche, die dem irdischen Mittelalter ähnelt, zu genügen, ist das für viele unbefriedigend. Ein massiver magischer Eingriff in die Welt aus dem Nichts widerspricht dem 1. Hauptsatz der Thermodynamik: der Erhaltung von thermischer Energie und Hubarbeit – und das fühlt sich für LeserInnen oft bewusst oder intuitiv falsch an.

Die mögliche Lösung für dieses Dilemma lässt sich umsetzen, indem Zugang zu Magie beschränkt wird und das Wirken von wundersamen Effekten in irgendeiner Form einen Preis fordert. Und genau das passiert auch im Weltenbau vieler Fantasy-Romane.

Mit gutem Beispiel voran

Ich möchte zwei Beispiele nennen, die meiner Meinung nach die Gesetze von Physik und Gesellschaft in einer Romanwelt innovativ und konsequent entwickeln.

Zum einem ist das N.K. Jemisins Zerrissene Erde. Der Kontinent, auf dem die Handlung spielt, wird von aktiver Plattentektonik derart gebeutelt, dass es jedem Geologen eine Freude sein muss – die Auswirkungen auf die Technik und Gesellschaft der Bewohner werden völlig davon bestimmt. Selbst die MagierInnen der Welt, sogenannte Orogene, passen durch ihre Kontrolle des Untergrunds in dieses Bild. Eine magische Welt mit Naturgesetzen: ein zerrissenes, aber rundes Gesamtbild.

Außerdem fällt mir noch Cixin Lius Die Drei Sonnen ein. Hier wird das volle Potenzial physikalischer Phänomene, die uns wie Magie erscheinen mögen, aber nachgewiesen sind (wie etwa die Quantenverschränkung), nicht nur angenommen, sondern aktiv zum Aufbau einer wundersamen Geschichte genutzt. Physik ist nicht nur Mittel zum Tech-Babble, sondern Kernelement. Zwar würde eine seiner wesentlichen Konzepte in der Realität selbst von Außerirdischen eher nicht umgesetzt werden können (wieder unser alter Feind, dieses verfluchte Unschärfeprinzip!) – aber wer es allzu kleinlich nimmt, sollte es vielleicht ganz lassen mit der Phantastik und der Science-Fiction.

Übrigens sei euch zum Thema »naturwissenschaftlich fundierter Weltenbau, der dennoch Spaß macht«, dieses Video ans Herz gelegt:

Weltenbau mit Bullshitting und Selbstvertrauen

Insgesamt halte ich es für erstrebenswert, eine Welt zu erschaffen, die ein zufriedenstellendes Maß an Realismus aufweist, sprich: deren Übernatürlichkeit die LeserInnen erst einmal so hinnehmen müssen, die sich aber in der weiteren Entwicklung an die eigenen Naturgesetze hält. Gleichzeitig schadet es allerdings auch nicht, wenn sich die Regeln in einem gewissen Maße der Geschichte unterordnen – wo genau dieses Maß liegt, muss dann im Endeffekt jede/r LeserIn für sich selbst entscheiden.

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