BUCH

Perry Rhodan – Die positive Utopie


Seit 3000 Wochen legendär: Perry Rhodan im Heftformat. Nach ihren Anfängen in den 60ern haben sich die Serie und auch ihr Held allerdings mehrfach gewandelt. Welche Wechselwirkungen zwischen Fiktion und Realität dabei auszumachen sind, ergründet Perry-Leser Johannes Rüster.

 

Wie einzigartig das Phänomen »Perry Rhodan« ist, lässt sich daran ermessen, dass es sich, wie Andreas Eschbach im Jahr 2011 anlässlich des fünfzigsten Jubiläums der Serie festgestellt hat, bei der Selbstbezeichnung auf dem Cover der aktuellen Heftromane als »Die größte Science-Fiction-Serie« um einen tiefstapelnden Etikettenschwindel handelt: Tatsächlich ist Perry Rhodan schon in der Hauptserie die umfangreichste Erzählung der Menschheitsgeschichte. Wenn man Eschbachs Rechnung bis zum gerade erschienenen Band 3000 verlängert, sich auf die Hauptserie beschränkt (und dabei alleine Hunderte von Taschenbüchern und Comics ignoriert), kommt man auf etwa 300.000 Manuskriptseiten, was fünfzigmal Prousts »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit« oder ungefähr 600 Bänden »Harry Potter« entspricht.

Damit ist Perry Rhodan in der Tat einzigartig – was umso erstaunlicher ist, als die Macher zu Beginn schon einen Lauf von fünfzig Bänden für ausgesprochen optimistisch gehalten hatten …

Vorspiel: Die Marktlücke

Man muss sich die Medienlandschaft des Jahres 1961 grundlegend anders als heute vorstellen: Prä-Internet, Prä-Computer, in der Breite auch Prä-Fernsehen. Mediale Events wurden im Kino geboten, für Musik, Informationen und (in Grenzen auch) serielle Erzählformate gab es Radio.

Das bedeutete, dass ein Großteil des Unterhaltungsbedürfnisses vom gedruckten Wort gestillt wurde. Dementsprechend gab es ein erheblich breiteres Leseangebot, vor allem im Bereich der Genreliteratur: Liebesromane, Krimis, Seefahrerromantik, Western – und eben auch Science Fiction wurden massenhaft und günstig, natürlich auch in erheblich unterschiedlicher Qualität auf einen Markt geworfen, der nach neuem Futter gierte.

Neben den seinerzeit florierenden privaten Leihbüchereien war der Heftroman das zentrale Medium von Gebrauchsunterhaltung, ebenfalls in erheblich unterschiedlicher Qualität.

Kurt Bernhard, seinerzeit als Cheflektor des Heyne Verlags auch für die Heftromanserien des zum Unternehmen gehörenden Moewig Verlags zuständig, witterte eine Marktlücke im Bereich der Science Fiction: Zwischen die unterschiedlichen Anthologiereihen, in denen neben deutschen Kurzromanen auch Adaptionen amerikanischer und britischer Werke erschienen, wollte er eine eigenständige Reihe mit durchgehender Handlung platzieren.

Und er konnte die beiden Autoren gewinnen, die in dieser Zeit in Fankreisen wohl zu den beliebtesten gehörten: Karl-Herbert Scheer und Walter Ernsting (bekannter unter seinem Pseudonym Clark Darlton) sollten die Serie konzipieren und die Exposés verfassen, die sicherstellen sollten, dass die von ihnen und weiteren Teamautoren zu verfassenden Episoden ineinandergriffen.

Diese Personalentscheidung erwies sich vor allem deshalb als Glücksgriff, weil sich die beiden höchst unterschiedlichen Charaktere in ihren schriftstellerischen Sensibilitäten gut ergänzten. Der technische Futurist Scheer bestand auf schlüssigem world building, entwarf mit großem Ernst und ebensolcher Pyromanie außerirdische Antriebs- wie Waffensysteme en masse. Der verspielte Humanist Ernsting lieferte den sense of wonder, malte in bester Pulp-Manier und mit viel Herz die Weiten des Universums in knalligen Farben aus.

Man kann ahnen, welche persönlichen und künstlerischen Sträuße ausgefochten werden mussten, aber das Ergebnis schlug ein wie eine Bombe, der Beginn der Geschichte ist mittlerweile zu einem der großen SF-Mythen geworden.

Erster Akt: Frieden und Fortschritt

Im Handlungsjahr 1971 betritt Perry Rhodan als erster Mensch den Mond – und es kommt zum Erstkontakt mit einem havarierten Forschungsschiff der Arkoniden. Diese außerirdische Zivilisation hat ein großes Sternenreich geschaffen, das im Niedergang begriffen ist. Perry Rhodan gelingt es mit Hilfe der arkonidischen Supertechnik, eine ›Dritte Macht‹ zwischen den Blöcken des Kalten Krieges zu etablieren, so die Erde zu einen und seinerseits ins All vorzustoßen.

Viele Versatzstücke sind typisch für die Entstehungszeit nach dem Zweiten Weltkrieg: Die Sehnsucht nach Frieden, aber auch die Lust am technischen Fortschritt. Am verdichtetsten zeigt sich das wohl in der Einführung parapsychologisch begabter Charaktere nach wenigen Bänden: Als nach Hiroshima geborene ›Mutanten‹ zeugen sie von den Schrecken der Vergangenheit, als Telepathen oder Telekineten wecken sie Lust an der Zukunft.

Spätestens jetzt war den Verantwortlichen klar, dass hier ein Nerv getroffen worden war: Die Serie musste zukunftssicher gestaltet werden. Scheer und Ernsting vergrößerten das Autorenteam und ließen die zentralen Handlungsträger durch die Intervention eines ›höheren Wesens‹ (im Serienjargon als ›Superintelligenz‹ bezeichnet) ›relativ unsterblich‹ werden: Die Alterung wurde gestoppt, unverletzlich wurden sie nicht …

Zwischenspiel: Vom Fan zum Profi

An und für sich könnte die Darstellung der Serie hier enden, denn Andreas Eschbachs Roman Perry Rhodan – Das größte Abenteuer dreht sich vor allem um die Vorgeschichte, die zu diesen Ereignissen führt. Aber gleichzeitig steht der Text auf den Schultern einer wechselhaften Seriengeschichte über 3000 Wochen hinweg. Diese Zeit hat der Autor erst als Fan und dann als Profi mitbegleitet, und sie hat seine Herangehensweise an das Thema entscheidend geprägt, auch wenn man das dem Roman nur anmerkt, wenn man selbst ein ähnliches Verhältnis zu Perry Rhodan unterhält …

Zweiter Akt: Öko-SF

Unterhaltungsmedien sind immer ein Spiegel ihrer Zeit – und die Science Fiction noch vielmehr, reagiert sie doch – siehe oben! – immer auf die Ängste und Sehnsüchte ihrer Zeit. Und egal, wie weit Perry und seine wechselnden Gefährte in die Tiefen des Alls vorstießen, sie hatten immer den Zeitgeist mit an Bord. So standen in den sechziger Jahren militärisch-ideologische Konflikte im Vordergrund, der Kampf zwischen Demokratie und Totalitarismus wurde galaktisch maßstabsvergrößert – und die bundesrepublikanische Leserschaft konnte mit den Terranern auf der richtigen Seite der Geschichte stehen.

Als die Kriegsteilnehmergeneration in Leserschaft wie Autorenteam über die folgenden Jahre und Jahrzehnte allmählich abgelöst wurde, verlagerte sich in den Händen des neuen Serienlenkers Willi Voltz der Schwerpunkt auf verantwortlichen Umgang mit dem Kosmos. Pazifistische und ökologische Themen gewannen an Gewicht, Spannung wurde weniger durch handfeste Konflikte denn durch die sanftere Exploration kosmologischer, teils fast fantasyhafter Zusammenhänge erzeugt.

Dritter Akt: Kampf gegen die Diktatur

Auch dieser Ansatz führte beizeiten zu Ermüdungserscheinungen, des einen sense of wonder wurde des anderen Esoterik. Daher begann auch hier irgendwann das Pendel wieder zurückzuschwingen: Unter dem Eindruck von politischem Tauwetter, von Mauerfall und Wiedervereinigung schüttelte die Heftserie den erdrückend gewordenen kosmischen Überbau ein wenig ab und besann sich wieder auf handfestere Abenteuer. Ein größerer Zeitsprung in der Handlung läutete den letztlich erfolgreichen Kampf gegen eine galaktische Diktatur nebst anschließenden Aufbauanstrengungen ein. Wie in der Realität wurde auch diese Entwicklung nicht von einer paradiesischen Friedenszeit gekrönt, sondern mündete eher in politisch zersplitterten und ideologisch unübersichtlichen Verhältnissen.

Die Wechselwirkungen zwischen Fiktion und Realität ließen sich hier beliebig weiter beschreiben, auch der bloße Hinweis, dass sich Trends innerhalb der phantastischen Literatur genauso über fast sechzig Jahre Erscheinungs- und gut dreitausend Jahre Handlungszeit nachzeichnen lassen, muss an dieser Stelle genügen. In der aktuellen, auf Heft 3000 hinführenden Handlung spielen mehrfach fake news eine wichtige Rolle, zerbrechen alte Allianzen, werden politisch rückwärtsgewandte Ideologien, Führerphantasien und Rassismus zur Gefahr, wird die Frage nach dem Menschsein anhand von Nanotechnologie durchdekliniert und die eigene Serienvergangenheit mit einem großen Schuss Ironie reflektiert. Kurz: Perry Rhodan ist in der Postmoderne angekommen, ohne an Zugänglichkeit und Unterhaltsamkeit zu verlieren.

Finale und Reprise: Die positive Utopie

Von dieser Entwicklung sind die Protagonisten selbstverständlich nicht ausgenommen. Perry Rhodan selbst wandelt sich vom galaktischen Staatenlenker allmählich zum grüblerischen Abenteurer im Dienst höherer Mächte und schließlich zum immerjungen elder statesman mit großer Demut vor dem Schicksal: Jede Zeit hat ihren Perry Rhodan, in Heftromanen, Taschenbüchern, Buchausgaben, Hörspielen, Comics und Computerspielen.

 

Und im Roman von Andreas Eschbach.

Natürlich greift Eschbach chronologisch weit zurück. Er beginnt im Prinzip mit der Familiengeschichte der Großvätergeneration, führt über Perrys Jugend- und Wanderjahre hin zur sagenhaften Mondlandung und endet mit dem Aufbruch zu den Sternen, also im einstelligen Bereich der Heftromane.

So macht er den Roman für Fans wie Nichtkenner höchst spannend: Erstere genießen, wie der Autor die wenigen Schlaglichter in Rhodans Jugend, die in der Serie verstreut aufgeblitzt sind, harmonisiert und die Geschichte ins vertraute Ziel bringt. Letztere können den Roman völlig unbelastet von Vorkenntnis als einen klassischen Schmöker lesen, der von einem historischen Roman erst zu einer faszinierenden Alternativweltgeschichte wird und schließlich als klassische, leicht dieselpunkige Space Opera endet.

Aber egal, ob man den Roman auf das Was oder das Wie hin liest: In beiden Fällen ist sein Protagonist ist ganz klar von dieser Welt. Ein komplexer Charakter, hin- und hergerissen zwischen Leben und Aufgabe, begabt und doch voller Zweifel, ein Anführer ohne verführerisches Charisma.

Nicht zuletzt deshalb ist Eschbachs Roman letztlich eine positive Utopie – und das mag auch ein Grund für den dauerhaften Erfolg von Perry Rhodan sein: Am Anfang des Wegs zu den Sternen steht ein Mensch.

Über den Autor

Johannes Rüster

Johannes Rüster (Dr. phil., *1976) ist Anglist und Theologe. Er lebt in Nürnberg, arbeitet als Lehrer, Dozent und Journalist und forscht, wenn er Zeit hat, unter anderem zu Schnittstellen von Phantastik und Religion, zur Kinder- und Jugendliteratur und sich daraus ergebendem didaktischem Potenzial.

Seine letzten einschlägigen längeren Veröffentlichungen sind zur Kritik des Transhumanismus (2018) sowie zum Thema Science Fiction und rechte Populärkultur (2016) erschienen.

Share:   Facebook