Traumwirkliches und Authentisches: Interview mit Jenny-Mai Nuyen

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INTERVIEW

Traumwirkliches und Authentisches: Interview mit Jenny-Mai Nuyen


In ihrem neuen High-Fantasy-Roman „Die Töchter von Ilian“ (erscheint heute bei FISCHER Tor) stellt Jenny-Mai Nuyen die große, alte Frage nach Gut und Böse – und entwirft eine gewaltfreie Heldengeschichte. Im Interview spricht die Autorin über die Kupferzeit, den gesellschaftlichen Sündenfall und Tetris.

Zunächst einmal ein paar Worte zu deiner Person, Jenny: Wer bist du, und was treibst du so, wenn du nicht gerade schreibst?

Gute Frage. Die Antwort ist vermutlich weder das Wasser im Fluss noch das Flussbett. Gerade mache ich ein Auslandssemester in Athen und sitze in einer sonnigen, etwas kargen Bibliothek. Ich studiere ohne Absicht, je einen Abschluss zu machen – einfach aus Interesse, wenn man das so öffentlich zugeben darf. Seit etlichen Jahren wandern meine Gedanken recht verlässlich zwischen Liebesverhältnissen, der Möglichkeit eines Gottes und Kochexperimenten umher. Aber um ehrlich zu sein, oft denke ich gar nichts und spiele Tetris.

Du hast ja schon einige überaus erfolgreiche Fantasy-Romane geschrieben (etwa »Nijura« oder »Das Drachentor«) – und zwar bereits in sehr jungem Alter, kaum achtzehn Jahre alt warst du bei deinem Debüt. Wie würdest du deine Entwicklung als Autorin beschreiben?

Ich musste das, was ich intuitiv gemacht habe, intellektuell einholen und dabei auch für eine Weile lahmlegen. Es hat auch gedauert, damit umzugehen, dass meine intimsten Gedanken und Fantasien öffentliche Produkte werden – dass ich etwas will, was ich zugleich fürchte. Authentizität ist etwas, um das ich ständig ringen muss. Das ist die größte Herausforderung für mich beim Schreiben.

Mit »Die Töchter von Ilian« kehrst du wieder in die klassische High Fantasy zurück. Was hat dich dazu bewogen? Was reizt dich an diesem Genre?

Fantasy ist für mich Heimat. Es ist das Genre, in dem ich mich am freiesten fühle, weil die Metaphern, die ich mit einer Geschichte bauen will, hier durch nichts als ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten eingeschränkt werden. Auch das Große, Dramatische und Traumwirkliche von Fantasy entspricht meiner ästhetischen Sehnsucht am meisten.

Wenn du »Die Töchter von Ilian« in einem Satz beschreiben müsstest, was würdest du sagen?

Es ist eine Geschichte über die Schwierigkeit – vielleicht die Unmöglichkeit –, gegen das Böse zu kämpfen, ohne dabei selbst die Mittel des Bösen zu ergreifen. Vor allem, weil es immer eine Frage der Perspektive zu sein scheint, was das Gute und was das Böse eigentlich ist.

Was waren deine Inspirationsquellen für »Die Töchter von Ilian«? Und hast du viel recherchiert?

Vor zwei Jahren hatte ich eine Zeit lang heftiges Interesse an prähistorischer Archäologie, speziell der Besiedelung Europas zwischen ca. 40.000 bis 5.000 v.Chr., und dieses Interesse konzentrierte sich schließlich auf die Kupferzeit. Damals fingen die Menschen erstmals an, Metall im großen Stil aus der Erde zu extrahieren – eine harte Arbeit, für die vermutlich Sklaven nötig waren. Sklaven bedeuten, es gibt eine gesellschaftliche Hierarchie. Zu dieser Zeit begann man auch Waffen herzustellen, die speziell für kriegerische Auseinandersetzung und nicht die Jagd geeignet sind. In den Anfängen einer Hochkultur steckt der gesellschaftliche Sündenfall schlechthin: die Erfindung von Krieg, um Sklaven zu gewinnen, Sklaven, um Metall zu gewinnen, und Metall, um mit Waffen den Krieg zu gewinnen. Sobald dieses System etabliert ist – ein System, das natürlich nur den Gewinnern enorme Vorteile bringt –, muss es auch eine Nostalgie nach dem Vorher geben. War die Welt früher besser? Lebten die Menschen friedlicher miteinander? Diese Fragen verfolgen den ‚zivilisierten Menschen‘.

Ich hole hier weit aus, aber der Bogen zum Roman ist gleich geschlagen. Also, in der Kupferzeit gab es auch mehrere Einwanderungswellen nach Europa. Jäger und Sammler und neu angekommene Ackerbauern lebten einige Jahrtausende nebeneinander, bis die ältere Kultur ziemlich plötzlich verschwand. Das alles erinnerte mich an die klassischen Völker der High Fantasy, und ich bekam immer mehr Lust, wieder einen High-Fantasy-Roman zu schreiben, um den Sündenfall literarisch greifbar zu machen, der die Entstehung einer Hochkultur auszeichnet.

Soweit ich weiß, widmest du dich zur Zeit neben dem Schreiben dem Philosophiestudium. Beeinflusst dich das in deiner Arbeit als Autorin?

Es beeinflusst mich allumfassend. Philosophische Fragen, die auf moralische Dilemmata und jene Paradoxien abzielen, die unser Dasein einklammern, haben mich immer fasziniert – wie die meisten von uns. Das Studium ist insofern hilfreich, als es mir den Verstand ein wenig bürstet und mir hilft, klarere Formulierungen für meine Gedanken zu finden. Das schlägt sich hoffentlich auch in meinem literarischen Schreiben nieder.

Der Grundgedanke in »Die Töchter von Ilian«, dass die Magie der Artefakte durch Verschenken wächst und durch Draufsitzenbleiben schwindet, ist ein ziemlich kluger Kniff, der mich sowohl verdutzt als auch begeistert hat, als ich das erste Mal davon hörte. Hat dich dieses Prinzip beim Schreiben manchmal in die Klemme gebracht, weil die klassischen Handlungsstränge immer eher auf gewaltsame Aneignung und Verteidigung von Besitz hinstreben?

Genau um diese „Klemme“ ging es mir. Geht Regierung ohne Gewalt? Kann es ein System des Vertrauens und Teilens bzw. Schenkens geben statt des Misstrauens und des Handeltreibens, bzw. Stehlens? Können die Helden der Geschichte die Welt verändern, indem sie gerade nicht kämpfen, nicht erbeuten, nicht unterdrücken? Wenn ja, wie wäre das vorstellbar? Das war die Herausforderung, die mich gereizt hat. Denn Geschichten über „Gut versus Böse“ haben den Ruf, einfach gestrickt zu sein – und oft sind sie das leider auch –, aber in Wahrheit gibt es wahrscheinlich kaum ein komplexeres Thema.

Kannst du uns etwas über die Protagonisten deines Buches erzählen? Du gehst hier, vor allem hinsichtlich der Schilderung von Frauenfiguren, eher ungewöhnliche Wege. Ganz zu schweigen von der elfischen Hauptfigur, die mir so ganz eindeutig noch nicht untergekommen ist.

Die Hauptfiguren, Walgreta und Fayanú, sind Liebende, die anfangs den Idealismus ihrer Liebe auf die ganze Welt projizieren. Da einiges schiefgeht, wandeln sich ihre Ideale: Walgreta steht mit ihrer Willensstärke und Selbstsicherheit am Ende ganz woanders als Fayanú vom Volk der Elfen, dessen dunkle Vergangenheit ihn gelehrt hat, an allem zu zweifeln.

»Die Töchter von Ilian« hat ein ziemlich klares, heftiges Finale. Wird das dein einziger Ausflug in diese Welt bleiben, oder kannst du dir vorstellen, gegebenenfalls eine Fortsetzung zu schreiben?

Ich würde unheimlich gern in die Welt von Ilian zurückkehren – es gibt einige Figuren, deren Geschichten ich im Kopf habe, und auch die größeren Zusammenhänge entwickeln sich natürlich weiter. Aber ob ich davon erzählen kann, hängt vom Erfolg der „Töchter von Ilian“ ab. Wer also will, dass es weitergeht, sollte das Buch am besten gleich fünftausend Mal kaufen. Oder alternativ jedem empfehlen, der einem über den Weg läuft.

 

Vielen Dank!

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