Quelle: Jagd mit Pfeil und Bogen auf Wasservögel
['Mit dem Pfeil ...' (1) S. 47, Abb. 51], www.landschaftsmuseum.de/

ESSAY

Die prähistorische Inspiration zu den Töchtern von Ilian


Mit ihrem neuen Roman Die Töchter von Ilian knüpft Jenny-Mai Nuyen an ihre großen Fantasy-Romane Nijura – Das Erbe der Elfenkrone und Das Drachentor an – und geht doch völlig neue Wege. Was sie dazu inspiriert hat, erzählt uns Jenny auf Tor Online.

Woher kommen wir? Wer waren unsere Vorfahren? Wie entstand die Weltordnung, in der wir uns heute bewegen? Diese Fragen sind so alt wie die Menschheit, und der vielstimmige Chor der Wissenschaften, Religionen und Künste antwortet.

Vor dem Schreiben der Töchter von Ilian trieb mich die Suche nach Anfängen um. Ich wollte verstehen, wie die Struktur entstand, die alle sogenannten »Hochkulturen« auszeichnet: das Oben und Unten der Gesellschaft, welche Männer und Frauen in Mächtige und Machtlose, Reiche und Arme, Besitzer und Besitz unterteilt. Die Vorstellung, dass sich dieses Oben und Unten irgendwie entwickelte, setzt schon voraus, dass es einmal anders war. Gab es diese egalitäre Vergangenheit in der Menschheitsgeschichte wirklich? Ist ein Miteinander ohne Machtstrukturen möglich? Wie sähe so eine Gesellschaft aus, die nicht auf Unterdrückung beruht? Ihr Prinzip dürfte jedenfalls nicht, wie unser heutiges, Raub und Handel sein, sondern Schenken und Teilen.

Ein paar Monate lang habe ich mich in der Bibliothek meiner Uni im prähistorischen Bereich festgelesen. Insbesondere die Kupferzeit in Europa wurde meine Fundgrube für die Fragen, die mich beschäftigten, und die geistige Nahrung für die Töchter von Ilian. Im Roman habe ich die Zickzackspur der archäologischen Funde zu träumerischen Pfaden ausgebaut, um unsere Ahnen nicht in Bruchstücken, sondern im Licht des Mythischen zu zeichnen. Dennoch stütze ich mich auf wissenschaftliche Theorien, die ich hier nennen möchte.

In der Archäologie ist man sich weitgehend einig, dass die ersten modernen Menschen vor etwa 40.000 Jahren in Europa erschienen und auf Cousins und Cousinen stießen, die als ›Neandertaler‹ zusammengefasst werden. Es kam zu Vermischungen, so dass bis heute alle aus Afrika emigrierten Populationen genetische Spuren von Neandertalern aufweisen. Mehr hat von unseren alten Verwandten nicht überdauert (wenn man den Legenden von Yetis etc. keinen Glauben schenkt).

Nach dem Ende der letzten Eiszeit erfuhr der Kontinent immer neue Einwanderungswellen. Zu den Jägern und Sammlern – in diesem Roman als die Alten, Elden oder Elfen bezeichnet – gesellten sich vor 10.000 Jahren Ackerbauern, die ihre Siedlungen in der Nähe von Flüssen und Seen errichteten. Ich habe sie die Menschenvölker des Seenlands getauft. Die Überreste ihrer Häuser, Gräber und Kunstwerke legen nahe, dass sie in kleinen, egalitären Gesellschaften lebten, und es gibt keine Hinweise, dass ein Geschlecht dem anderen unterworfen war.

Viele Jahrtausende teilten die Jäger und Sammler das Land mit den Ackerbauern, ohne dass es zu einer Verschmelzung der Völker kam. Es scheint, ihre Weltsichten lagen zu weit auseinander, um glückliche Ehen zu schließen. Noch heute findet man in einigen Regionen Bauern und sammelnde Jäger, die miteinander höchstens gelegentlichen Handel treiben.

Wer aber sind unsere Vorfahren, die alten Jäger oder die neuen Bauern? Analysen unseres Erbgutes ergeben: beide ein bisschen. Höchstwahrscheinlich stammen wir jedoch hauptsächlich von dritten Einwanderern ab. Sie kamen vor 7000 bis 4000 Jahren aus den östlichen Steppen, brachten domestizierte Schafe, Ziegen, Pferde und Kühe mit – und die einzigartige Fähigkeit, Milch auch im Erwachsenenalter zu verdauen. Vielleicht sprachen sie eine Ursprache, auf die alle indogermanischen Sprachen zurückzuführen sind.

Auch wenn die Idee eines indogermanischen Urvolkes umstritten ist, kann uns die linguistische Forschung einiges über die Kultur unserer Sprachvorfahren verraten. Dass etwa das Wort ›Pflug‹ in allen indogermanischen Sprachen klanglich verwandt ist, weist darauf hin, dass unsere Ahnen Felder bestellten. Die Ableitung des lateinischen Wortes für ›Geld‹ von ›Vieh‹ offenbart, dass diese Bauern auch Tiere besaßen und Reichtum an deren Menge bemessen wurde. Genauere Untersuchungen legen eine hierarchische und patriarchalische Gesellschaftsordnung bloß.

Etwa zeitgleich mit den Viehzüchtern verbreiteten sich sogenannte Kreisgrabenanlagen, über deren religiöse und soziale Bedeutung heute wild spekuliert wird. Ältere Kulte, von denen wir nur noch Steingräber und Höhlenmalereien kennen, wurden aufgegeben oder verdrängt. Vermutlich hat friedlicher Austausch ebenso wie Gewalt dazu geführt.

Gewalt könnte auch den Untergang prähistorischer Kulturen im Balkan- und im Alpenraum verursacht haben, die schon vor 5000 Jahren Kupferminen betrieben und Siedlungen für mehrere Tausend Einwohner bauten. Ich habe mir erlaubt, verschiedene Kupferkulturen zu einem Volk der Zwerge zusammenzufassen. Von ihrem Ende und vom Ende der Elfen wollte ich mit den Töchtern von Ilian erzählen. Denn es ist zugleich der Anfang unserer Geschichte ...

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