Frank Heibert: Wenn wir alle eine Hälfte bekommen

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ESSAY

Wenn wir alle eine Hälfte bekommen: Unser Leben in den Wäldern


Frank Heibert
23.02.2019

Dystopien als literarischer Trend beschäftigen uns seit einigen Jahren nachhaltig und sind auch auf Tor Online des Öfteren Thema. Frank Heibert, Literaturübersetzer von Rang, erzählt uns, warum er sich für die literarische Dystopie Unser Leben in den Wäldern von Marie Darrieussecq begeistert und worin die Herausforderung bei der Übertragung aus dem Französischen ins Deutsche bestand.

 

Zukunftswelten haben die Französin Marie Darrieussecq schon immer interessiert. Ihr erster Roman Schweinerei (1996) handelt von einer Frau, die erzählt, wie sie sich rätselhafterweise in ein Schwein verwandelt, Schwein oder Nicht-Schwein, das ist hier die Frage. Die repressive, raubtierkapitalistische Gesellschaft, in der sich das abspielt, verschwindet als eine unhinterfragbare Selbstverständlichkeit beinahe hinter ihrer körperlichen Selbstwahrnehmung und köstlich naiven Verwunderung; am Ende flüchtet sie mit ihrem allmonatlich anstrengenden Partner, einem Werwolf (»Ich fraß die Pizza, er den Boten«), in die Wälder. Und genau dort befindet sich die Ich-Erzählerin ihres gerade erschienen neuen Romans Unser Leben in den Wäldern, inmitten einer Rebellengruppe, und fragt sich, ganz ähnlich, was in ihrer Welt eigentlich los ist. An die Stelle des witzigen Ungestüms von damals ist schwarzhumorige Verzweiflung getreten, denn die Zukunftsgesellschaft springt so brutal mit ihren Menschen um, so folgerichtig nach ihrer eigenen Profitlogik, dass einem schwindlig wird.

Hier sind alle immer »verbunden«, immer online qua implantiertem Chip und stets kontrolliert durch die jede Handlung, jede Äußerung, jeden Gedanken auswertende Datenverarbeitung und die im Alltag allgegenwärtigen Dienstroboter. Der Staat bietet seinen Bürgern, je nach Generation, verschiedene Möglichkeiten, ihren Körper bei Erkrankungen durch Ersatzorgane zu »reparieren« – die älteren haben geklonte Herzen und Lungen in »Krügen« gelagert, die jüngeren haben gleich komplette Klone, ihre »Hälften«, die in »Erholungszentren« gepflegt und im Dauerschlaf gehalten werden, bis zur nächsten Organentnahme. Marie, die Erzählerin, hat schon eine Lunge und eine Niere von ihrer Hälfte. Dass es diese Hälfte gibt, weiß sie seit früher Kindheit, und es hat sie so sehr beschäftigt, dass sie als Jugendliche die Besuchserlaubnis erkämpfte, eine Art Beziehung zu ihr aufbaute und später, im Zuge ihrer Verarbeitung dieser Fixierung, gleich selber Psychotherapeutin wurde. Bei ihrem Rückblick aus dem Wald-Exil – wo auch die befreiten Hälften der Rebellen leben, so gut es geht, »Zimperliese« nennt Marie ihre inzwischen – berichtet sie auch mit trockenem Spott aus ihrem früheren Berufsalltag (die Autorin weiß, wovon sie spricht, sie hat jahrelang nebenbei als Psychoanalytikerin gearbeitet).

Übersetzer Frank Heibert

Frisch ans Werk: Übersetzer Frank Heibert bei der Arbeit (Foto: privat)

Dass sich hinter dem Organaustausch ein noch grausigerer Umgang des Staates mit seinen Bürgern verbirgt, erfährt (und erzählt) Marie erst spät, das sorgt für einen starken Spannungsbogen. Der Weg in die Wälder ist nur konsequent. Darrieussecq dreht die Ideen und die Motivik von Ray Bradburys Fahrenheit 451 ein paar Stufen weiter, das Idyll existiert bei ihr allerdings ganz woanders.

Dieses Buch zu übersetzen war ein großes Vergnügen, so finster das Lebensgefühl in dieser Welt auch ist – denn das Hineinschlüpfen in die Perspektive der Ich-Erzählerin ist, wie immer, Grundvoraussetzung für den Vorgang des Übersetzens. Ich fühle mich in die Gegebenheiten und Phänomene dieser Zukunft ein, sachlich und sprachlich, in all das, was selbstverständlich ist für die Erzählerin und unerhört, schockierend für uns, die LeserInnen. Da geht es nicht nur um Wortschöpfungen im Neusprech dieser Gesellschaft; die Erzählerin Marie ist, wie ihre Autorin, eine abgefeimte Sprachspielerin und reflektiert oft über Wörter und Formulierungen. Etwa wenn es um den »Klicker« geht; das ist ein Beruf, in dem der Großcomputer des Systems mit typisch menschlichen Assoziationen gefüttert wird. Einer dieser Klicker ist erst Maries Patient und dann ihr Retter, der Rebell, der sie in die Wälder bringt (eine knochentrockene, anrührende kleine Liebesgeschichte in der dystopischen Hoffnungslosigkeit). Eine ebenso große Rolle spielt die Sprache bei der Frage, wie sich der Großcomputer und die Roboter irritieren lassen, durch zu viele Metaphern nämlich, das verwirrt sie. In den letzten Resten der sprachlichen Vieldeutigkeit liegt der Schlüssel für die Freiheit, auch wenn die Wälder mit größter Wahrscheinlichkeit eine Sackgasse darstellen. Darrieussecq liefert hier einen schönen beiläufigen Kommentar zu allen Befürchtungen, dass von Menschen geschriebene und übersetzte Literatur irgendwann von Schreibprogrammen übernommen werden könnte; denn alles, was die Literatur ausmacht, übersteigt die emsig-empirischen, zu doppelbödigem oder ironischem Denken unfähigen Roboterhirne.

Ein kleines, dichtes Buch, das mit Eleganz und Witz einige der erschreckendsten Fragen, die die technologische Entwicklung aufwirft, in den Blick nimmt und erzählt, was all das mit uns anstellen und uns abfordern wird, psychisch und philosophisch. Trotz der Düsternis kann man sich oft köstlich amüsieren – auch wenn einem das Lachen bald im Hals steckenbleibt.

 

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Marie Darrieussecq: Unser Leben in den Wäldern. Aus dem Französischen von Frank Heibert. Secession Verlag. Gebunden, 110 Seiten. 18 €.

 

Marie Darrieussecq: Schweinerei. Aus dem Französischen von Frank Heibert. Wagenbach Verlag. Taschenbuch, 160 Seiten. 12 €.

 

 

Erstveröffentlichung

© 2019 by Frank Heibert

Mit freundlicher Genehmigung

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