Roll Inclusive – ein Kickstarter zu Diversity und Repräsentation

Coverdesign: Peter Hoffmann

GAMES

Roll Inclusive: ein Kickstarterprojekt für mehr Diversity und Repräsentation im Rollenspiel


Der Essayband "Roll Inclusive" enthält 17 Texte von 16 Autor*innen, die sich mit der Repräsentation im Pen&Paper-Rollenspiel, aber auch generell in der Fantasy und Science Fiction befassen. Wir haben Mit-Herausgeberin Judith Vogt gebeten, uns mehr über das Projekt zu erzählen.

Tolle Idee – aber warum das Ganze?

Also, Diversity, das hat jetzt auch Heidi Klum in GNTM entdeckt, ist ja der große Trend 2019, sie ist „in“, der neue heiße Scheiß in den Medien. Das wussten wir natürlich nicht, als wir den Band planten. Doch mehr dazu später, ich komme darauf zurück, was ich von diesem „Ansatz“ halte.

Frank, Ask und ich haben einander im Mai letzten Jahres über Twitter und Facebook gefunden – nachdem das Phantastik-Autoren-Netzwerk(PAN)-Treffen im April bereits Diversity als Leitthema hatte (der Heidi also um ein Jahr voraus!), zog die Diskussion auf den Social Media Kanälen immer weitere und weitere Kreise. Als Rollenspielautorin beschäftige ich mich häufig mit Blogartikeln zum Pen&Paper-RPG und auch themenspezifischen Spielen aus dem englischsprachigen Raum. Wie in vielen Dingen liegen wir mit der deutschsprachigen Szene noch gefühlt ein paar Jahre zurück, und Diskussionen, die in den USA vor acht oder neun Jahren geführt wurden, führen wir heute im Prinzip fast deckungsgleich.

Es ist nicht so, als wäre die Debatte in den USA mittlerweile „gelöst“ – aber mit den Gedanken rund um Marginalisierungen im Hobby sind die US-Amerikaner*innen einfach doch ein paar Jahre weiter als wir. Im Austausch um diese Themen haben Frank und ich bei Twitter zueinander gefunden, und Ask kannte ich als Redakteur des Uhrwerk-Verlags schon beruflich. Im vergangenen Mai fragte Frank mich, halb im Scherz, ob wir nicht eine Art „Diversity-Panel“ auf der FeenCon anbieten sollten – solche Diskussionspanels gibt es auf amerikanischen RPG- und Fantasy-Cons ebenfalls schon lange, häufig bereits mit spezifischeren Themen wie beispielsweise „Umgang mit körperlichen Behinderungen im Live-Rollenspiel“ oder „Themenspezifische Spiele zur Segregation von People of Color“ oder „Queeres Game-Design“.

Wir fingen erst einmal ganz vorn an und wollten in unserem Panel mit dem Publikum erörtern, was unter Diversity und guter Repräsentation zu verstehen und warum das überhaupt ein Thema in der Phantastik ist. Die FeenCon bot uns noch sehr spontan einen Slot am späteren Abend an. Trotz der späten Uhrzeit war der Raum voll und das Interesse auch von Leuten, die die Con nicht besuchen konnten, so groß, dass wir das Panel spontan mitfilmen ließen, um es anschließend auf YouTube hochzuladen. 

Diversity und Repräsentation im Rollenspiel - FeenCon 2018

Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft

Für Frank, Ask und mich war recht schnell klar, dass das keine einmalige Sache sein sollte. Ab August fingen wir an, uns zu regelmäßigen Verschwörer*innensitzungen zu treffen, und bald stand fest, dass Kathrin Dodenhoeft vom Feder&Schwert-Verlag uns bei einer Veröffentlichung zum Thema unterstützen würde. Von da an begannen wir, uns Gedanken um das Buch zu machen: Welche Themen könnten wir aufgreifen? Welche Autor*innen könnten wir dazu gewinnen, Beiträge zu schreiben? Sollte der Band theoretisch bleiben oder auch spielerisch Verwendung finden? Im Herbst stand unser Konzept, und wir begannen, Autor*innen auf bestimmte Themen anzusprechen. Die Rückmeldungen waren fast durchweg sehr positiv – und als das Projekt dann im November auch öffentlich ins „Rollen“ kam, erreichten uns bereits Nachfragen von weiteren Autor*innen mit zusätzlichen Themen, die wir als Stretchgoals in die Planung aufnehmen konnten.

Roll Inclusive – ein Kickstarter zu Diversity und Repräsentation

Die Herausgeber: Aşkın-Hayat Doğan, Frank Reiss und Judith Vogt

Eins war uns klar:

„Roll Inclusive“ ist nicht das letzte Wort, sondern ein erster Schritt

Wir können das weite Feld Diversity nicht erschöpfend behandeln. „Roll Inclusive“ ist lückenhaft, und ich hoffe, dass sich viele Menschen dazu eingeladen fühlen, Lücken zu schließen – Texte zu schreiben, Panels zu halten, Diskussionen immer und immer wieder anzustoßen, auch, wenn Diversity nicht mehr „Trend des Jahres“ ist.

Der Band ist konzeptionell in drei Teile unterteilt: Den Anfang macht ein einleitender Teil, in dem die Autor*innen erläutern, was das Einfühlen in Rollen in unserem Hirn anstellt, was Stereotype sind, was gute Repräsentation bedeutet. Im Mittelteil werden verschiedene Perspektiven eingenommen: Wie kann die Darstellung von in der realen Gesellschaft marginalisierten Gruppen in erdachten Welten funktionieren? Und als drittes schließt sich eine Art Werkzeugkiste an: Autor*innen schreiben über Weltenbau, über das Empfinden und die Relevanz von „historischer Korrektheit“ und die sogenannten Safety Tools im Rollenspiel – abgeschlossen wird dieser Teil dann von Nano-Games, also kleinen, interessanten und unterhaltsamen Spielen, in denen beispielsweise das Brechen von Klischees eine Rolle spielt.

Als die ersten Texte eintrudelten, war uns Herausgeber*innen klar: Der Band begeistert uns. Aber wird er auch andere begeistern? Interessieren sich genug Menschen dafür, um ein Crowdfunding erfolgreich zu bestreiten? Bis zum Start des Crowdfundings war das Zähneklappern groß.

Gefundet innerhalb von sechs Stunden

Wir mussten nicht lange mit den Zähnen klappern. Sechs Stunden dauerte es, bis das Projekt auf Kickstarter die Grundsumme erreichte. Wir befinden uns jetzt in der letzten Woche des Crowdfundings, haben das Dreifache dieses Betrags erhalten und sind froh, dankbar und deutlich entspannter. Es ist großartig, so viele Leser*innen mit dem Thema zu erreichen, und wir freuen uns, dass auch eine ganze Menge zusätzlicher Stretchgoals freigeschaltet wurden: Weitere Essays unter anderem von Lars Schmeink, Laura Flöter und Kameron Hurley, zusätzliche Nano-Games und ein paar schöne Goodies. Als vermutlich letzte Stretchgoals stehen jetzt noch eine Aufhübschung des Covers und ein Essay plus Nano-Game zum Thema „Mansplaining“ in der Pipeline.

Ein paar Tage sind noch übrig – wir würden uns natürlich sehr freuen, wenn wir hier bei TOR-Online noch den*die eine*n oder andere*n auf das Projekt aufmerksam machen und vielleicht auch dafür begeistern könnten. (Außerdem habe ich das Mansplaining-Game schon testgespielt und drücke jetzt alle Daumen, dass es noch finanziert wird.)

An alle, die das hier lesen, und uns schon unterstützt haben: Vielen, vielen Dank an euch! Diversity ist kein Modethema, Heidi, sie ist unsere Lebenswirklichkeit. Wir freuen uns, dass ihr das auch so seht.

Würfelglück und sichere Reisen in phantastische Welten wünscht euch

Judith (mit Frank und Ask)

Share:   Facebook