Karl May reloaded – ein Werkstattbericht

ESSAY

Karl May reloaded – ein Werkstattbericht


Thomas Le Blanc
21.02.2019

Kara Ben Nemsi trifft Kapitän Nemo: Unmöglich? Nicht in der Fantasy-Reihe »Karl Mays Magischer Orient«, die den wohlbekannten Helden in neue, genuin phantastische Abenteuer schickt. Der Herausgeber Thomas Le Blanc beschreibt in seinem Werkstattbericht diese Weiterentwicklung von Karl Mays Erbe.

Ein Autor erzählt in seinen Geschichten von Handlungen, die er allein seiner Phantasie entnimmt und die in der Wirklichkeit nie geschehen sind. Ein Fantasy-Autor geht noch einen Schritt weiter: Er erzählt von Begebenheiten, die gar nicht geschehen sein können, weil sie in einer magischen Welt angesiedelt sind, in der zauberische Dinge entgegen den realen Naturgesetzen möglich sind.

Beim Bestsellerautor Karl May war das ganz anders: Er hat zwar Handlungen aus seiner reichen Phantasie geholt und als Autor zu Papier gebracht, aber er hat behauptet, dass er kein Erzähler, sondern ein Berichterstatter sei, kein Geschichtenerfinder, sondern ein Chronist, der nur wiedergebe, was er tatsächlich erlebt habe. Und obwohl das keine harmlosen Alltagsbegebenheiten waren, sondern handfeste spannende Abenteuer in exotischen Weltgegenden, haben seine damaligen Leser des späten 19. Jahrhunderts ihm das abgekauft. Diese totale Realitätsbehauptung engte ihn jedoch ein, als er von einem Orient erzählte, der vordergründig im Osmanischen Reich mit seinen vielen Völkern und noch mehr Konflikten angesiedelt zu sein schien, in Wahrheit aber eher ein farbenprächtiger Tausendundeine-Nacht-Orient war. Er konnte deshalb den literarischen Schritt in die Fantasy nicht gehen und Dschinn und Ifrits und andere magische Wesen in seine Geschichten einbeziehen, sein Held vermochte nicht auf einem fliegenden Teppich zu reisen oder einen Unsichtbarkeitszauber über sich zu legen, und seine Gegner besaßen keine Verwandlungskraft und keinen Fesselungszauber und schon gar keine sieben Leben. Und Kara Ben Nemsis legendärer Henrystutzen wurde zwar von seinen Feinden als Zaubergewehr gefürchtet, war jedoch lediglich eine aufgebohrte Winchester.

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Der heutige Leser liebt aber das Genre Fantasy und seine in magische Welten hinüberreichenden Abenteuer. Deshalb haben sich der Bamberger Karl-May-Verlag und die Phantastische Bibliothek Wetzlar zusammengesetzt und gemeinsam eine neue Karl-May-Reihe konzipiert, in der von einer kleinen Autorengruppe die Abenteuer der vertrauten Figuren fortgesetzt werden – diesmal aber in einem magischen Orient und in moderner Sprache. Dieser »Karl May reloaded« lässt seinen Helden und Ich-Erzähler Kara Ben Nemsi und dessen Gefährten Hadschi Halef Omar in einer erneuten Orientreise erfahren, dass der den halben Balkan beherrschende Oberschurke Schut aufgrund eines magischen Kettenhemds den nur scheinbar tödlichen Sturz in die Verräterspalte überlebt hat und weiter sein Unwesen treibt. Mit diesem Setting von Alexander Röder beginnt die auf bereits sechs Romane und eine Anthologie angewachsene neue Serie »Karl Mays Magischer Orient«, und im März wird auf der Buchmesse in Leipzig der siebte Roman vorgestellt: »Der Herrscher der Tiefe«, verfasst von Jacqueline Montemurri.

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Die Serie lebt von der Mischung aus vertrautem Karl-May-Flair und moderner Fantasy, bietet farbenprächtiges Abenteuer mit orientalischer Magie sowie als literarisches Sahnehäubchen allerlei Anspielungen in unsere moderne Welt und auch gelegentlich in das Figurenarsenal anderer Autoren hinein. Da blitzt schon mal Haggard durch oder Kipling oder – im neuesten Roman – Jules Verne. Weil Karl May seinen damaligen ebenso erfolgreichen Schriftstellerkollegen Jules Verne einfach ignoriert hat, weil der ihm zu sehr Konkurrent bei der Gunst seiner Leser war, versucht auch der imaginierte Kara Ben Nemsi die von Jules Verne erzählten Abenteuer als Phantastereien abzuwerten: Er – Kara Ben Nemsi – sei als Alter Ego von Karl May deshalb der bessere Autor, weil seine Abenteuer ja tatsächlich erlebt seien. Von diesem hohen literarischen Ross muss er absteigen, als er in den Höhlen von Kreta seinen verschollenen Freund, den spleenigen Engländer Sir David Lindsay sucht, von Kapitän Nemo gefangengenommen und auf dessen legendäres U-Boot Nautilus verschleppt wird. Jacqueline Montemurris Kara Ben Nemsi darf nun erfahren, dass Nemo keine erfundene Romanfigur ist, sondern tatsächlich lebt, und dass im magischen Orient auch die Zukunftstechnologie eines U-Boot-Antriebs funktioniert.

Dieses literarische Crossover zwischen May und Verne wird mit einer köstlichen Pastiche von Bernhard Hennen abgerundet. Er hat den Epilog des Romans übernommen, in dem der Held Kara Ben Nemsi durch die Begegnung mit einem realweltlichen, aus Hannover stammenden Verne-Fan Grüße vom in die Fantasy-Welt entrückten Schriftsteller Jules Verne übermittelt bekommt – als intellektueller Spaß für alle Freunde von Abenteuerliteratur und als Bernhard Hennens liebevolle Empfehlung für diese Fantasy-Reihe.

Über den Autor

Autor Thomas Le Blanc

Thomas Le Blanc arbeitet seit fast 50 Jahren in den Genres Science Fiction und Fantasy als Autor, Journalist, Herausgeber, Verlagslektor und Reihenentwickler und ist Gründer und Leiter der Phantastischen Bibliothek Wetzlar, der weltgrößten Bibliothek für Phantastische Literatur. Er ist Herausgeber der Reihe »Karl Mays Magischer Orient« im Karl-May-Verlag.

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