Die Zukunft des Mensch-Seins: Andreas Eschbach im Interview

INTERVIEW

Die Zukunft des Mensch-Seins: Andreas Eschbach im Interview


Mit »PERRY RHODAN – Das größte Abenteuer« nimmt sich Andreas Eschbach einer der langlebigsten Figuren des deutschen Literaturbetriebs an. Was ihn an Perry Rhodan fasziniert, das erzählt der Bestsellerautor im Interview mit Verleger Hannes Riffel.

 

HANNES RIFFEL: PERRY RHODAN ist die längste und erfolgreichste Fortsetzungsgeschichte der Welt. Das macht viele Leser*innen neugierig, aber es ist auch ein wenig beängstigend. Was muss man wissen, um PERRY RHODAN – DAS GRÖSSTE ABENTEUER zu lesen?

Andreas Eschbach: Im Grunde – nichts. Der Roman enthält ein paar Anspielungen und Vorgriffe auf Ereignisse in der Serie, funktioniert aber problemlos auch dann, wenn man sie nicht versteht.

Das gilt übrigens auch für die Heftserie selber, die in ihrer Gesamtheit, Stand heute, etwa 700 Bänden »Harry Potter« entspricht: Es gibt nur wenige, die das wirklich alles gelesen haben – habe ich auch nicht, höchstens die Hälfte. PERRY RHODAN ist in dieser Hinsicht wie der Ozean: Man muss nicht alle Weltmeere bereist haben, um an einer einzelnen Schiffsfahrt Gefallen zu finden.

Was nicht schaden kann zu wissen, ist, dass diese Riesengeschichte damit beginnt, dass Perry Rhodan als erster Mensch auf dem Mond landet und dort ein riesiges, verunglücktes Raumschiff einer fremden Spezies vorfindet, deren weit überlegene Technik er nutzt, um den eigentlichen Aufbruch der Menschheit ins All – das titelgebende »größte Abenteuer« – ins Rollen zu bringen. Was ich erzähle, ist sozusagen, wie es dazu kommen konnte, dass Perry Rhodan der erste Mensch auf dem Mond war und nicht, zum Beispiel, Neil Armstrong.

Woher stammt Ihr Interesse an PERRY RHODAN, und wie weit reicht Ihre »gemeinsame Geschichte« zurück?

Ich muss zehn oder elf Jahre alt gewesen sein, als mir ein Schulfreund das erste PERRY-RHODAN-Heft geliehen hat: Band 11, »Mutanten im Einsatz«, das weiß ich noch. Es ging um Raumschiffe und eine Festung auf einem Wüstenplaneten, um Transmitter und Menschen mit PSI-Kräften, und ich war hin und weg. Ab da war Karl May abgemeldet. Ich habe nur noch PERRY RHODAN gelesen, alle Hefte, die ich kriegen konnte, und ohne Rücksicht auf die Reihenfolge der Nummern: Es war so eine Art Puzzlespiel, im Kopf die übergreifende Handlung zusammenzusetzen; ein ganz eigener Reiz. Irgendwann habe ich dann begonnen, mein Taschengeld in die jeweils neuesten Hefte der Serie zu investieren, und das ging so weit, bis ich im Studium irgendwann kurz nach dem Band 1000 das Interesse verlor.

Aber viele, viele Jahre später geriet mir dann in einem Zeitschriftenladen wieder ein Heft in die Hände; ich kaufte es, neugierig, was sich getan haben mochte, und zack! war die alte Faszination wieder da …

Hat Ihnen die Vorstellung, das vielleicht bedeutendste Buch über eine solch legendäre Gestalt schreiben zu sollen, nicht auch die eine oder andere schlaflose Nacht bereitet? Wie sind Sie den Stoff angegangen, und was war Ihnen dabei wichtig?

Wenn ich schlaflose Nächte hatte, dann nur, weil ich es manchmal kaum erwarten konnte, weiterzuschreiben. Ich hatte ja schon einen Heftroman für die Serie geschrieben, in dem Perry Rhodan die Hauptrolle spielte – ein Jubiläumsband zudem, Band 2700 –, war also gewissermaßen bereits mit ihm vertraut.

Mein Ziel war, möglichst viel von dem, was die Heftserie schon über Rhodans Kindheit und Jugend behauptet hat, organisch in eine Erzählung einzubetten, die die Entwicklung der Persönlichkeit nachvollziehbar macht, als die man ihn kennt, und nebenher die Geschichte der bemannten Raumfahrt und der Jahrzehnte, in denen sie stattfand, noch einmal Revue passieren zu lassen – ehe ich dann irgendwann aus unserer Welt in die Rhodans abbiege, versteht sich.

Ihr erster Roman ist vor über zwanzig Jahren erschienen, seither haben Sie sich zu einem der erfolgreichsten deutschsprachigen Autoren gemausert. Was treibt Sie an, jedes Jahr aufs Neue zur Tastatur zu greifen?

Wohl, weil mein Ideenbuch noch so schrecklich dick ist und ich selber, anders als Perry Rhodan, immer älter werde und sehe, dass ich auch bei äußerster Anstrengung nur noch einen winzigen Teil davon in Romane werde verwandeln können. Zudem ist es so, dass ich, wie meine Frau es nennt, »unleidig werde«, wenn ich nicht gerade an einem Roman arbeite.

Ihre Romane spielen oft im Grenzgebiet von Gegenwart und Zukunft, von Alltags- und Zukunftstechnologie. Was reizt Sie an solchen Themen?

Auf einem französischen Literaturfestival, auf dem ich zu Gast war, hat jemand einmal gesagt, das Thema all meiner Bücher sei »l'avenir de l'humanité«, was es auf Französisch besonders gut trifft, denn das kann sowohl »die Zukunft der Menschheit« wie auch »die Zukunft des Mensch-Seins« heißen: Wir Menschen sind eine Spezies, die ohne Technologie nicht denkbar ist, deswegen bedeuten technologische Veränderungen auch, dass wir uns verändern – und mich interessiert eben, wie das dann genau aussehen wird, inwieweit es zu unserem Vorteil oder zu unserem Nachteil sein wird. Und das interessiert mich schon aus dem simplen Grund, dass die Zukunft die Zeit ist, in der ich den Rest meines Lebens verbringen werde.

Science-Fiction-Literatur wird im deutschsprachigen Raum noch immer von vielen nicht ernst genommen. Auch wenn auf Ihren Büchern nur selten »SF« steht, haben Sie mit diesem Label kein Problem. Woher, meinen Sie, kommt dieses Misstrauen und Unverständnis, und wäre es nicht längst an der Zeit, es hinter sich zu lassen?

Ich weiß nicht, ob ich der Richtige bin, diese Frage zu beantworten, denn was Genres anbelangt, höre ich seit meinem ersten Roman die Klage, man wisse nicht, wo man das, was ich schreibe, denn nun einsortieren solle – seien »Die Haarteppichknüpfer« nun Fantasy oder Science Fiction? Oder der »Herr aller Dinge«: Ja, die Erzählung sei in sich geschlossen, aber wandere sie nicht doch durch mindestens fünf verschiedene Genres? Und so weiter. Deswegen überlasse ich das mit den Genres gerne den Verlagen und dem Buchhandel.

Generell beobachte ich aber, dass der Science Fiction mit größerer Skepsis begegnet wird als dem Kriminalroman. Ich vermute, diese Skepsis macht sich an der »Science« fest, an der Wissenschaft also, die vielen wohl unheimlich zu sein scheint.

PERRY RHODAN ist eine der großen Heldenfiguren der deutschsprachigen Abenteuerliteratur und als solche nicht unproblematisch. Wie sind Sie das angegangen?

Wie ich so etwas immer angehe: indem ich mich frage: »Wie wäre es wirklich?« In diesem Fall eben: Wie wäre es wirklich gewesen, wenn sich unsere Welt tatsächlich zu der Welt entwickelt hätte, die in PERRY RHODAN geschildert wird? Wobei das natürlich nicht in unserem Belieben stand, da, wie gesagt, die Notlandung eines außerirdischen Raumschiffs im Februar 1971 auf dem Mond eine entscheidende Rolle spielt.

Aber ich muss sagen, dass die historischen Fakten sich oft verblüffend gut in meine Erzählung einpassen ließen. Man sollte vielleicht wirklich mal nachschauen, ob nicht doch ein fremdes Raumschiff am lunaren Südpol herumliegt.

Vielen Dank!

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