Die Hugo Awards 1999: Das waren die Gewinner

KOLUMNE

Die Hugo Awards 1999: Das waren die Gewinner


Die Buchreihe „Die Hugo Awards 1985-2000” gibt einen Überblick über die wichtigsten Gewinner des berühmten Hugo Awards. Welche Preisträger gab es 1999?  

Die Verleihung der HUGO-Awards fand 1999 während Aussiecon III in Melbourne statt.

Toastmaster: Michael Jordan

Novel

Connie Willis: To Say Nothing of the Dog

(1998 bei Bantam Spectra; dt. Die Farben der Zeit, H 6379)

Die Hugo Awards 1999: Das waren die Gewinner
Die Hugo Awards 1999: Das waren die Gewinner
Die Hugo Awards 1999: Das waren die Gewinner

Connie Willis’ voluminöser Roman, der mit vollständigem Titel To Say Nothing of the Dog or How We Found the Bishop’s Bird Stump At Last heißt, gehört zur OXFORD TIME-TRAVEL-Serie, in der zuvor die Erzählung »Fire Watch« (Hugo 1983) und der Roman Doomsday Book (Hugo 1993) erschienen sind. Der Titel bezieht sich nicht zufällig auf den Roman Three Men in a Boat, to Say Nothing of the Dog (1889; dt. Drei Mann in einem Boot) des britischen Autors Jerome K. Jerome, sondern nimmt zahlreiche Handlungselemente und Figuren daraus auf.

Die Geschichte beginnt im Jahr 2057 an der Universität Oxford, wo sich das Institut für Zeitreisen befindet. Die äußerst wohlhabende US-amerikanische Lady Schrapnell hat sich in den Kopf gesetzt, die Coventry Cathedral originalgetreu in Oxford wieder aufbauen zu lassen, und zwar so, wie sie vor der Zerstörung durch die Nazis im Zweiten Weltkrieg aussah. Und weil »Gott im Detail steckt«, darf des Bischofs Vogeltränke, die während der Angriffe der deutschen Luftwaffe verloren ging, keinesfalls fehlen. Da es um sehr viel Geld geht, bleibt den zeitreisenden Historikern kaum etwas anderes übrig, als der energischen Lady zu Willen zu sein. Ned Henry, der Spezialist für das 20. Jahrhundert, wird in die 1940er Jahre geschickt, erleidet jedoch den »Time Lag« (Zeitkrankheit), ähnlich einem Jet Lag, und muss sich zunächst davon erholen. Eine andere Historikerin wurde bereits ins viktorianische England geschickt, doch es gibt allerlei Probleme, als sie zurückkehrt, sodass nun Ned Henry an ihrer Stelle ins Jahr 1888 reisen muss. Sein Auftrag ist nicht besonders kompliziert, sodass er sich von seiner Zeitkrankheit entsprechend erholen kann. Das allerdings in einer Epoche, in der er sich nicht besonders gut auskennt.

Er trifft dort auf Terence St. Trewes, einen jungen Oxford-Studenten, der unbedingt ein Boot mieten will, weil er hofft, seine geliebte Tossie Mering treffen zu können. Ned Henry beteiligt sich finanziell an der Miete des Bootes, und so unternehmen nun drei Männer und ein Hund, nämlich Ned, Terence, der Oxford-Professor Peddick und die Bulldogge Cyril eine Bootsreise auf der Themse von Oxford nach Muchings End – eine wundervolle Hommage an Jerome K. Jeromes Roman Three Men in a Boat.

In Muchings End angekommen trifft Ned auf seine Kontaktperson namens Verity Kindle, die von Lady Schrapnell bereits ausgeschickt wurde, um heimlich Tossie Merings Tagebuch zu lesen. Tossie ist übrigens eine Vorfahrin von Lady Schrapnell.

Als Ned versehentlich eine Katze durch die Zeit ins Jahr 2057 schickt, gerät einiges aus den Fugen, und die Vergangenheit droht verändert zu werden.

Birgit Will schrieb in einer Rezension: »[Der Roman] ist eine Liebeserklärung an ein vergangenes Zeitalter und gleichzeitig ein Angriff auf die Lachmuskeln des Lesers. Ob Anstandsdamen oder Wohltätigkeitsbasare, sabbernde Bulldoggen oder Zeitreise-Paradoxa – die Hindernisse, die das Universum Ned Henry in den Weg legt, sind so zahlreich, dass der Leser am Ende staunt, was für eine durchdachte Geschichte dem Verwirrspiel zugrunde liegt.«

To Say Nothing of the Dog gewann den Locus Award, war für den Nebula Award nominiert und wurde mit dem Kurd-Laßwitz-Preis als bestes ausländisches Werk ausgezeichnet.

Weitere Nominierungen:

Mary Doria Russell: Children of God

(1998 bei Villard; dt. Gottes Kinder, H 6337)

Robert Charles Wilson: Darwinia

(1998 bei Tor; dt. Darwinia, H 6412)

Bruce Sterling: Distraction

(1998 bei Bantam Spectra; dt. Brennendes Land, H 6381)

Robert J. Sawyer: Factoring Humanity

(1998 bei Tor; nicht auf Deutsch)

 

Novella

Greg Egan: »Oceanic«

(August 1998 in ASIMOV’S; dt. »Ozeanisch« in Friedel Wahren [Hrsg.]: Isaac Asimov’s Science Fiction Magazin, 54. Folge, H 6345)

Die Geschichte spielt auf dem Kolonieplaneten Verheißung, der vor Zehntausenden Jahren besiedelt wurde und der zum überwiegenden Teil aus Wasser besteht. Ein großer Teil der Menschen lebt auf schwimmenden Inseln und Booten, so auch die Familie des Erzählers Martin, der am Anfang der Geschichte zehn Jahre alt ist. Religion spielt eine sehr große Rolle; man glaubt an Beatrice, die Tochter Gottes, die aus Liebe zu den Menschen im Wasser gestorben ist. Martins älterer Bruder Daniel überredet den Jungen zu dem religiösen Ritual des »Tauchens«. Dabei wird der Junge mit Gewichten beschwert, ins tiefere Wasser hinabgelassen und erst wieder heraufgeholt, wenn seine Atemluft erschöpft ist. Martin fühlt sich erleuchtet und ist von der tiefen Liebe zu Beatrice erfüllt. Jahre später wird sein Glaube erschüttert, als seine Mutter überraschend stirbt und er lange Gespräche mit Kommilitonen an der Universität führt. Schließlich wird Martin Forscher und findet heraus, dass es in den Meeren eine Lebensform gibt, die eine Droge absondert, die Euphorie hervorruft. Die tiefen religiösen Gefühle seiner Kindheit waren also nichts weiter als durch Drogen induzierte biochemische Reaktionen: Eine Erkenntnis, die Martins Leben verändert und vielleicht auch irgendwann die Gesellschaft auf Verheißung.

Neben der Religion gibt es noch ein weiteres wichtiges Thema in der Erzählung, nämlich die Sexualität. Die Bewohner von Verheißung haben offenbar eine gegenüber den früheren Kolonisten veränderte Physiologie. Der Sexualakt ist sehr intensiv und langwierig, wobei anschließend der Mann seinen Penis verliert und sich eine Vagina bildet. Umgekehrt übernimmt die Frau den Penis, der »Brücke« genannt wird, und wird somit zum Mann. Das bedeutet, dass jeder Mensch bei jedem Sexualakt sein Geschlecht wechselt – ein typisches Thema von Greg Egan, der in seinen Werken häufig Gender-Themen in immer neuen und ungewöhnlichen Varianten aufgreift.

Der australische Autor Greg Egan (*1961) ist seit Anfang der 1990er Jahre sehr erfolgreich, besonders mit den Romanen Distress (1995; dt. Qual), Diaspora (1997; dt. Diaspora) und Teranesia (1999; dt. Teranesia). Obwohl er von 1995 bis 2008 insgesamt neunmal für den Hugo nominiert war, blieb »Oceanic« sein einziger Sieg.

Weitere Nominierungen:

Catherine Asaro: »Aurora in Four Voices«

(Dezember 1998 in ANALOG; nicht auf Deutsch)

Ted Chiang: »Story of Your Life«

(1998 in Starlight 2, Tor; dt. »Geschichte deines Lebens« in Chiang: Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes, Golkonda)

Terry Bisson: »Get Me to the Church On Time«

(Mai 1998 in ASIMOV’S; dt. »Der Hochzeitstermin« in Friedel Wahren [Hrsg.]: Isaac Asimov’s Science Fiction Magazin, 54. Folge, H 6345)

Ian R. MacLeod: »The Summer Isles«

(Oktober/November 1998 in ASIMOV’S; dt. »Die Sommerinseln« in Wolfgang Jeschke [Hrsg.]: Das Wägen von Luft, H 6335)

 

Novelette

Bruce Sterling: »Taklamakan«

(Oktober/November 1998 in ASIMOV’S; dt. »Taklamakan«; in Friedel Wahren [Hrsg.]: Isaac Asimov’s Science Fiction Magazin, 54. Folge, H 6345)

Diese Geschichte erzählt von den beiden Spionen Spider Pete und Katrinko, die bis an die Zähne mit Hightech ausgerüstet in der chinesischen Wüste Taklamakan auf einen Verbindungsoffizier warten, der ihnen weitere Anweisungen geben soll. Doch das Fluggerät des Offiziers stürzt ab und der Mann stirbt, woraufhin Pete und Katrinko beschließen, die Mission trotzdem auszuführen. Mitten in der riesigen Sandwüste ist ein Geheimobjekt versteckt, und sie wollen herausfinden, worum es sich dabei handelt. Zunächst entdecken sie eine gigantische Höhle, in der sich drei riesige Türme befinden. In der Höhle wimmelt es von durch verbotene Künstliche Intelligenzen erschaffene Wartungsroboter. Über deren Herkunft drückt sich der Autor reichlich diffus aus, aber es ist von blubbernden Produktionstanks am Fuß der Höhle die Rede. Die beiden Spione dringen in einen der Türme ein und finden dort ein autark lebendes Volk von geschätzt 15.000 Menschen vor, die offenbar der Ansicht sind, sich in einem Generationenraumschiff zu befinden. Die Menschen im zweiten Turm sind weit weniger friedlich und schaffen es sogar mit Spider Petes heimlicher Hilfe, aus ihrem Gefängnis auszubrechen und den dritten Turm zu erobern, in dem jedoch alles Leben schon vor Längerem einem Feuer zum Opfer gefallen ist. Katrinko verliert bei einer halsbrecherischen Aktion ihr Leben und Pete den größten Teil der Ausrüstungsgegenstände. Durch den Ausbruch der Leute aus dem zweiten Turm sind große Mengen der Wartungsroboter vernichtet worden. Petes Hightech-Ausrüstung muss jedoch von automatischen Systemen entsprechend ausgewertet worden sein, denn es tauchen bald neue, gefährlichere Roboter auf, die alles daran setzen, aus der riesigen Höhle auszubrechen und die Außenwelt zu erobern, was fatale Folgen haben könnte.

Bruce Sterlings Erzählung ist in einer Zukunft angesiedelt, in der die Technologien sehr hoch entwickelt sind und drei Hauptmächte die Erde beherrschen, nämlich Nordamerika, Europa und Asien. Petes Entdeckung könnte zu politischen Verwicklungen führen, doch darum macht sich der recht unsympathische Protagonist wenig Gedanken.

»Taklamakan« war Sterlings zweiter Hugo nach der Novelette »Bicycle Repairman« (siehe 1997).

Weitere Nominierungen:

Kristine Kathryn Rusch: »Echea«

(Juli 1998 in ASIMOV’S; dt. »Echea« in Friedel Wahren [Hrsg.]: Isaac Asimov’s Science Fiction Magazin, 53. Folge, H 6318)

Allen Steele: »Zwarte Piet’s Tale«

(Dezember 1998 in ANALOG; nicht auf Deutsch)

Nancy Kress: »Steamship Soldier on the Information Front«

(1997 in Future Histories, Horizon House; April 1998 in ASIMOV’S; dt. »Ein Dampfschiffsoldat an der Informationsfront« in Friedel Wahren [Hrsg.]: Isaac Asimov’s Science Fiction Magazin, 54. Folge, H 6345)

Greg Egan: »The Planck Dive«

(Februar 1998 in ASIMOV’S; dt. »Der Planck-Sprung« in Wolfgang Jeschke [Hrsg.]: Das Jahr der Maus, H 6320)

Ellen Klages: »Time Gypsy«

(1997 in Bending the Landscape: Science Fiction, Overlook Press; nicht auf Deutsch)

Robert Charles Wilson: »Divided by Infinity«

(Nov 1998 in Starlight 2, Tor; nicht auf Deutsch)

 

Short Story

Michael Swanwick: »The Very Pulse of the Machine«

(Februar 1998 in ASIMOV’S; dt. »Der Puls der Maschine« in Friedel Wahren [Hrsg.]: Isaac Asimov’s Science Fiction Magazin, 52. Folge, H 5989)

Die Geschichte erzählt von der ersten bemannten Mission zum Jupitermond Io. Ein Astronaut ist im Raumschiff in der Umlaufbahn geblieben, zwei Astronautinnen sind mit dem Landemodul zur Oberfläche geflogen. Die Erzählung beginnt in dem Moment, als die beiden Frauen mit einem Rover viele Meilen vom Landemodul entfernt verunglücken, wobei Juliet Burton stirbt. Die Überlebende Martha Kivelsen baut einen Schlitten zum Transport ihrer Kollegin und macht sich zu Fuß auf den Weg zurück zum Landemodul. Dabei hört sie über Funk eine Stimme, bei der sich Martha nicht sicher ist, ob es sich vielleicht nur um eine Halluzination handelt. Die Stimme rezitiert gelegentlich zusammenhanglose Zitate, wie es auch die tote Burton gern getan hatte. Zuweilen weist sie aber auch auf die Beschaffenheit der Kristalle auf der Mondoberfläche hin oder darauf, dass aufgrund der chemischen Zusammensetzung der Oberfläche geringe elektrische Ströme fließen. Offenbar ist der ganze Io eine riesige Maschine, die vor langer Zeit von fremden Wesen erschaffen wurde und nun irgendwie Zugang zum Gehirn der toten Astronautin gefunden hat. Ein Erdbeben zerstört die Landefähre, kurz bevor Martha sie erreichen kann. Daraufhin bietet die Io-Maschine ihr an, dass sie das Bewusstsein der Astronautin aufnehmen und Martha auf diese Weise auch nach ihrem physischen Tod weiterleben könnte. Martha bleibt keine andere Wahl, aber selbst am Schluss ist sie sich nicht sicher, ob sie sich die Dialoge mit der Maschine vielleicht nur eingebildet hat.

Swanwick benutzt für diese kurze Erzählungen viele traditionelle Ideen der Science Fiction, fügt sie jedoch zu einer lesenswerten und originellen Geschichte zusammen. Auf nur wenigen Seiten gibt er Einblicke in die Psyche der Astronautin und schildert ihre Selbstzweifel. Wo frühere Autoren eindimensionale Heldenfiguren geschildert hätten, erschafft Swanwick eine komplexe Persönlichkeit. Der Leser erfährt nicht, ob Martha am Ende scheitert oder tatsächlich in eine andere Existenzform übergeht.

Michael Swanwick (*1950) war in diesem Jahr mit gleich drei Kurzgeschichten für den Hugo nominiert und gewann den ersten seiner bis heute fünf Hugos.

Weitere Nominierungen:

Bruce Sterling: »Maneki Neko«

(Mai 1998 in F&SF; nicht auf Deutsch)

Michael Swanwick: »Radiant Doors«

(September 1998 in ASIMOV’S; dt. »Strahlentore« in Friedel Wahren [Hrsg.]: Isaac Asimov’s Science Fiction Magazin, 53. Folge, H 6318)

Michael Swanwick: »Wild Minds«

(Mai 1998 in ASIMOV’S; nicht auf Deutsch)

Michael A. Burstein: »Cosmic Corkscrew«

(Juni 1998 in ANALOG; nicht auf Deutsch)

Robert Reed: »Whiptail«

(Oktober/November 1998 in ASIMOV’S; nicht auf Deutsch)

 

Related Book

Thomas M. Disch: The Dreams Our Stuff is Made Of: How Science Fiction Conquered the World

(1998 bei The Free Press; sieben der zehn Kapitel des Buches sind in unterschiedlichen Ausgaben von Das Science Fiction Jahr bei Heyne erschienen: »Sternschnuppenwünsche: SF als Religion« in Wolfgang Jeschke [Hrsg.]: Das Science Fiction Jahr 2001, H 6369; »Republikaner auf dem Mars: SF als Militärstrategie« in Wolfgang Jeschke [Hrsg.]: Das Science Fiction Jahr 2002, H 6389; »Edgar Allan Poe, unser peinlicher Vorfahr« in Wolfgang Jeschke & Sascha Mamczak [Hrsg.]: Das Science Fiction Jahr 2003, H 6438; »Von der Erde zum Mond – in hundertundeinem Jahr« in Wolfgang Jeschke & Sascha Mamczak [Hrsg.]: Das Science Fiction Jahr 2004, H 6450; »Das Recht zu lügen: Die gefährlichen Folgen einiger SF-›Wahrheiten‹« in Wolfgang Jeschke & Sascha Mamczak [Hrsg.]: Das Science Fiction Jahr 2005, H 52068; »Die Zukunft als Lifestyle« in Wolfgang Jeschke & Sascha Mamczak [Hrsg.]: Das Science Fiction Jahr 2006, H 52183; »Die Zukunft einer Illusion« in Wolfgang Jeschke & Sascha Mamczak [Hrsg.]: Das Science Fiction Jahr 2008, H 52436)

Bereits in seinem Vorwort geht Disch darauf ein, auf welche Weise die Science Fiction die Welt erobert hat. Terry Carr hatte in den Sechzigerjahren gesagt: »The golden age of science fiction is twelve.« Das mochte damals zutreffen, wenn Zwölfjährige die bunten SF-Magazine für sich entdeckten, doch in den Neunzigerjahren sind bereits Kleinkinder von Science Fiction in Form von Fernsehsendungen und Spielzeugen umgeben. Disch führt diese gravierenden Veränderungen nicht nur in seiner Einleitung, sondern auch in den nachfolgenden zehn Essays aus. In diesen klugen, unterhaltsamen und manchmal ironischen Texten geht es unter anderem um: die USA als Land der Lügner im Allgemeinen und einige Autoren wie zum Beispiel Whitley Strieber und bestimmte UFO-Propagandisten im Besonderen; Poe als den eigentlichen Vater der Science Fiction, im Gegensatz zur von nur wenigen gelesenen Mary Shelley, und warum uns Poe peinlich sein sollte; den Einfluss klassischer SF auf die Raumfahrt; die Naivität der SF im Umgang mit Atomkraft; die eigentliche Revolutionierung der SF durch die New Wave; Feminismus und den weiblichen Blick auf die SF; Religion und Scientology; Militarismus, die Dritte Welt und vieles mehr. Neben treffenden Analysen all dieser Themen kommen auch Dischs ganz persönliche Meinung und zahlreiche Erinnerungen an Autoren und wesentliche Werke der SF nicht zu kurz. Ein kluges Buch eines klugen Schriftstellers.

Der US-Amerikaner Thomas M. Disch (1940–2008) war Autor und Dichter, dessen Romane Camp Concentration (4 Teile: Juli bis Oktober 1967 in NEW WORLDS; dt. Camp Concentration), 334 (1972 bei MacGibbon & Kee; dt. Angoulême) und On Wings of Song (3 Teile: Februar bis April 1979 in F&SF; dt. Auf Flügeln des Gesangs) zu den Klassikern des Genres gehören und der mit über 160 Texten Bedeutendes auf dem Gebiet der Kurzgeschichte geleistet hat. Erfolgreich verfilmt wurde sein wunderschönes Märchen »Brave Little Toaster« (August 1980 in F&SF; dt. »Tapferer kleiner Toaster«).

Weitere Nominierungen:

Richard A. Hauptmann: The Works of Jack Williamson: An Annotated Bibliography and Guide

(1998 bei The NESFA Press; nicht auf Deutsch)

Everett F. Bleiler: Science-Fiction: The Gernsback Years

(1998 bei Kent State University Press; nicht auf Deutsch)

Howard DeVore: Hugo, Nebula & World Fantasy Awards

(1998 bei Advent:Publishers; nicht auf Deutsch)

Cathy Fenner & Arnie Fenner (Hrsg.): Spectrum 5: The Best in Contemporary Fantastic Art

(1998 bei Underwood Books; nicht auf Deutsch)

 

Dramatic Presentation

The Truman Show

(Paramount; Drehbuch Andrew Niccol; Regie Peter Weir; dt. Die Truman Show)

Den Grimassenschneider Jim Carrey hatte man bis zu diesem Zeitpunkt bereits in knapp zwanzig Filmen sehen können, weshalb die Kinozuschauer zunächst annahmen, dass es sich bei diesem Film wieder um eine alberne Komödie handeln würde. Die Überraschung war groß, als sich herausstellte, dass The Truman Show zwar komödiantische Elemente enthält, ansonsten aber ein sehr ernstzunehmender und mitreißender Film ist.

Die Hauptfigur ist der Versicherungsangestellte Truman Burbank, der Mittelpunkt einer Fernsehshow ist, die sein Leben von Geburt an live überträgt. Dafür hat der Produzent der Show namens Christof das OmniCam-Ecosphere-Gebäude bauen lassen, in dem die Stadt Seahaven untergebracht ist, die einer US-amerikanischen Kleinstadt der 1950er Jahre gleicht. Wetter, Sternenhimmel, Sonne und Mond sind simuliert. Und die eigentliche Sensation: Truman weiß nicht, dass er nur von Schauspielern umgeben ist und jederzeit von über 5000 Kameras beobachtet wird. Als eines Tages ein Scheinwerfer vom Himmel fällt, wird er misstrauisch, und schließlich fallen ihm auch andere Unregelmäßigkeiten auf, die durch Missgeschicke in der Produktion verursacht wurden. Die Produzenten der Serie müssen nun versuchen, Truman mit allen Mitteln am Verlassen der künstlichen Kleinstadt zu hindern. Doch das gelingt nur bedingt, und am Ende verlässt Truman die künstliche Welt der Kameras. Philip K. Dick hätte an The Truman Show seine wahre Freude gehabt. Der Film war außerordentlich erfolgreich und spielte ein Vielfaches seiner Produktionskosten ein.

Interessanterweise hat der ebenfalls für den Hugo nominierte Film Pleasantville ein ähnliches Thema wie The Truman Show, denn hier werden die beiden Hauptfiguren in eine Fernsehserie versetzt, die in dem Ort Pleasantville spielt, der eine ähnlich künstliche Welt wie Seahaven darstellt.

Weitere Nominierungen:

Dark City

(New Line Cinema; Drehbuch Alex Proyas & Lem Dobbs & David S. Goyer; Story Alex Proyas; Regie Alex Proyas; dt. Dark City)

Pleasantville

(New Line Cinema; Drehbuch Gary Ross; Regie Gary Ross; dt. Pleasantville – Zu schön um wahr zu sein)

Babylon 5: »Sleeping in Light«

(Babylonian Productions; Drehbuch J. Michael Straczynski; Regie J. Michael Straczynski; dt. »Der Weg ins Licht«)

Star Trek: Insurrection

(Paramount; Drehbuch Michael Piller; Story Rick Berman & Michael Piller; Regie Jonathan Frakes; dt. Star Trek: Der Aufstand)

Professional Editor

Gardner Dozois

Die Hugo Awards 1999: Das waren die Gewinner
Die Hugo Awards 1999: Das waren die Gewinner
Die Hugo Awards 1999: Das waren die Gewinner

Ein weiterer Triumph für Gardner Dozois, denn alle drei Gewinner der Rubriken ›Novella‹, ›Novelette‹ und ›Short Story‹ sind in dem von ihm herausgegebenen Magazin ASIMOV’S erschienen: Greg Egans »Oceanic« (dt. »Ozeanisch«), Bruce Sterlings »Taklamakan« (dt. »Taklamakan«) und Michael Swanwicks »The Very Pulse of the Machine« (dt. »Der Puls der Maschine«). Und sieben weitere Erzählungen schafften es auf die Shortlists: Terry Bissons »Get Me to the Church On Time« (dt. »Der Hochzeitstermin«), Ian R. MacLeods »The Summer Isles« (dt. »Die Sommerinseln«), Kristine Kathryn Ruschs »Echea« (dt. »Echea«), Greg Egans »The Planck Dive« (dt. »Der Planck-Sprung«), Michael Swanwicks »Radiant Doors« (dt. »Strahlentore«) und »Wild Minds« sowie Robert Reeds »Whiptail«.

Neben ASIMOV’S stellte Gardner Dozois wieder einige Anthologien zusammen: The Year’s Best Science Fiction: Fifteenth Annual Collection (St. Martin’s Press), Nanotech, Clones! und Immortals (Ace Books, gemeinsam mit Jack Dann), Isaac Asimov’s Camelot, Isaac Asimov’s Christmas und Isaac Asimov’s Detectives (Ace Books, gemeinsam mit Sheila Williams) und Roads Not Taken: Tales of Alternate History (Del Rey/Ballantine, gemeinsam mit Stanley Schmidt).

Weitere Nominierungen:

Patrick Nielsen Hayden
David G. Hartwell
Stanley Schmidt
Gordon Van Gelder
Scott Edelman

 

Professional Artist

Bob Eggleton

Eggleton war nach wie vor kreativ, arbeitete jedoch weniger als in den Jahren zuvor für Buchverlage. Immerhin erschienen noch mehr als ein Dutzend Titelbilder, jedoch kaum für SF-Romane, sondern vielmehr für Horror- und Fantasy-Titel. Aber allein die Bilder auf den führenden SF-Magazinen, die von ihm stammen, sind einen zweiten Blick wert: AMAZING STORIES (Sommer 1998), ANALOG (Juli/August 1998), ASIMOV’S (Juli und Dezember 1998) und THE MAGAZINE OF FANTASY & SCIENCE FICTION (Mai 1998).

Weitere Nominierungen:

Jim Burns
Michael Whelan
Don Maitz
Nick Stathopoulos
Donato Giancola

 

Semiprozine

LOCUS (Charles N. Brown)

1998 erschienen zwölf Ausgaben mit einem Umfang von 72 bis 88 Seiten. Interviewt wurden in dem Jahr Robin Hobb, Sarah Zettel, Vonda N. McIntyre, Vincent Di Fate, Tim Powers, Michael Swanwick, Tanith Lee, Robert Reed, Peter F. Hamilton, Joan Aiken, S. P. Somtow, Stephen Baxter, Tricia Sullivan, James Morrow, Paul J. McAuley, Sheri S. Tepper, Allen Steele, Nelson Bond, P. D. Cacek, Lucy Taylor, Peter Straub und Charles L. Harness. Neben den aktuellen Marktberichten aus den USA gab es Informationen über SF in England, Deutschland, Polen, Tschechien, Kuba, Äthiopien, Indonesien, Brasilien, Argentinien, Irland, Bulgarien, Kasachstan, Russland, Kanada, Japan, Schweden, Brasilien, Südafrika und Australien. Die Buchrezensionen wurden von Faren Miller, Gary K. Wolfe, Edward Bryant, Carolyn Cushman, Mark R. Kelly und Russell Letson geschrieben.

Weitere Nominierungen:

INTERZONE (David Pringle)
THE NEW YORK REVIEW OF SCIENCE FICTION (Kathryn Cramer, Ariel Haméon, David G. Hartwell & Kevin Maroney)
SCIENCE FICTION CHRONICLE (Andrew I. Porter)
SPECULATIONS (Kent Brewster)

 

Fanzine

ANSIBLE (Dave Langford)

Nach einer längeren Pause wurde ANSIBLE zum vierten Mal mit dem Hugo ausgezeichnet, was der Newsletter nicht nur seiner Aktualität, sondern auch der anhaltenden Beliebtheit von Dave Langford als Autor zu verdanken hatte.

Weitere Nominierungen:

FILE 770 (Mike Glyer)
MIMOSA (Nicki & Richard Lynch)
THYME (Alan Stewart)
PLOKTA (Allison Scott & Steve Davies)
TANGENT (David Truesdale)

 

Fan Writer

Dave Langford

1999 gab es erneut einen Doppelsieg für Langford, da er für das beste Fanzine und als bester Fanautor ausgezeichnet wurde. Neben seinen sonstigen Aktivitäten, die wir bereits aus den vorangegangenen Jahren kennen, erschien auch die Artikelsammlung Pieces of Langford (1998 bei John & Eve Harvey) als Fanpublikation, in der Langfords Kolumnen aus dem Magazin SFX aus den Jahren 1995 bis 1997 vereint wurden.

Weitere Nominierungen:

Maureen Kincaid Speller
Mike Glyer
Evelyn Leeper
Bob Devney

 

Fan Artist

Ian Gunn

Der australische Fan Ian Gunn (1958–1998) gründete 1981 den Hitch Hikers Guide to the Galaxy Fanclub, war viele Jahre Präsident des SF-Clubs in Melbourne und gab die Fanzines ARTYCHOKE, SON OF SILLY ILLOS und STUNGUNN heraus.

Er hat für seine künstlerischen Arbeiten viele Preise gewonnen, unter anderem war er zwanzigmal für den australischen Ditmar Award nominiert und hat ihn achtmal gewonnen – und das nicht nur als ›Fan Artist‹, sondern auch als ›Fan Writer‹. Für den Hugo wurde er ab 1996 viermal nominiert. Leider ist er bereits 1998 verstorben, sodass er die Hugoverleihung nicht mehr erlebt hat.

Weitere Nominierungen:

Teddy Harvia
Joe Mayhew
Brad Foster
Freddie Baer
D. West

 

Campbell Award

Nalo Hopkinson

Die in Jamaika geborene Nalo Hopkinson (*1960) zog Mitte der siebziger Jahre nach Kanada und lebt heute in den USA. Sie debütierte mit der Erzählung »A Habit of Waste« (1996 in FIREWEED #53). Bereits ihre dritte Story schaffte es in eine Anthologie von Ellen Datlow, »Riding the Red« (1997 in Black Swan, White Raven, Avon). Ihr erster Roman Brown Girl in the Ring (1998 bei Aspect/Warner Books) sorgte für viel Aufmerksamkeit. Sie wurde nicht nur mit dem Campbell Award ausgezeichnet, sondern gewann auch den Locus Award (›Best First Novel‹) und wurde für mehrere andere Preise nominiert.

Seither erschienen zwei Dutzend Erzählungen, die in den beiden Büchern Skin Folk (2001 bei Aspect/Warner Books) und Report from Planet Midnight (2012 bei PM Press) gesammelt vorliegen. Von 2000 bis 2013 erschienen fünf weitere Romane, die für zahlreiche Preise nominiert wurden. Mit The New Moon’s Arms (2007 bei Warner Books) gewann sie den Sunburst Award und den Prix Aurora (die beiden wichtigsten kanadischen SF-Preise), und für Sister Mine (2013 bei Grand Central Publishing) wurde sie mit dem Andre Norton Award ausgezeichnet. Die Themen der Romane und Erzählungen sind häufig von den karibischen Wurzeln der Autorin beeinflusst.

Bis auf einen Sachtext in PANDORA 2 (Shayol) wurde bisher noch nichts von ihr ins Deutsche übersetzt.

Weitere Nominierungen:

Kage Baker
Julie E. Czerneda
Susan R. Matthews
James Van Pelt

 

 

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Hardy Kettlitz hat in seinem Buch „Hugo Awards 1985-2000” (erschienen 2016 bei Golkonda) die Gewinner des berühmten Hugo Awards – einem der wichtigsten Science-Fiction-Preise der Welt – zusammengetragen und erklärt, warum die Preisträger zu Gewinnern wurden. Genau diesen Überblick über die Geschichte der Science Fiction möchten wir mit euch teilen. 

 

© 2016 by Hardy Kettlitz

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