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BUCH

„Prepare to die!“ – Schwertkämpfe und Fechtduelle in der Phantastik


Schwertkämpfe gehören (meist) zur Fantasy wie Fischschwärme ins Aquarium. Aber Schwert ist nicht gleich Schwert, Stil ist nicht gleich Stil: Wie liest sich das in einem Buch? Wie setze ich es als Autorin um? Und warum habe ich plötzlich so viele Hobbys? Autorin Judith Vogt (aktueller Roman: "Die 13 Gezeichneten") gewährt euch einen Blick in ihre Trickkiste.

Es gibt so einige Pools, aus denen sich Fantasyautor*innen rekrutieren. Viele von ihnen studierten mal Geschichte. Viele waren oder sind in Reenactment-Vereinen oder spielen LARP. Oder sie kommen aus der Rollenspielecke. (Mehrfachnennungen möglich.)

Auch ich habe einige Jahre Kelten- und Frühmittelalter-Reenactment auf dem Buckel, und in diesem Bereich wird, wie im LARP, viel gekämpft. Oft lautstark und vor Publikum, und das hat mich schon von Kindesbeinen an sehr fasziniert. Wie korrekt das dann immer ist, variiert von Gruppe zu Gruppe, und ich bekenne mich durchaus schuldig: Ich hatte immer irgendeine Art von Schwert dabei, ich habe es immer gern geschwungen, und ich hatte keine Ahnung, was zur Hölle ich da tue.

Vor nunmehr sieben Jahren beschloss ich, mich im Rahmen einer Romanrecherche mal näher mit dem Thema HEMA – Historical European Martial Arts – zu beschäftigen, also mit der historisch-europäischen Kampfkunst der Neuzeit, auch genannt: das Fechten mit dem Langen Schwert. 

„Prepare to die!“ – von Schwertkämpfen und Fechtduellen in der Phantastik

© 2011 E. Heuer

HEMA – Kurze Ansichten zum Langen Schwert

Das Lange Schwert ist ein Anderthalbhänder, und typisch für den Sport ist nicht die „Ritterrüstung“, sondern moderne Schutzausrüstung wie eine wattierte Jacke, fette Handschuhe und eine verstärkte Stahlmaske mit Hinterkopfschutz. Kein „Ritterhelm“, weil listen up: Du möchtest kein Schwert durch die Augenschlitze bekommen! (Auch wenn wir die meisten Übungen ohne Maske durchführen, weil es um die Techniken und nicht ums Treffen geht, aber das nur so am Rande.)

Aber einmal zurück auf Anfang: HEMA ist gewissermaßen Nekromantie. Zu Beginn der Neuzeit besaß Europa eine florierende Kultur von Kampfkünsten, die viele Parallelen zu asiatischen Kampfkünsten aufwiesen: Es gab berühmte Lehrer wie Hans Talhoffer, die fast schon Guru-artigen Status hatten und die offizielle Gerichtskämpfe – also Gottesurteile – ausfochten (und für gewöhnlich gewannen). Sie bildeten Bürgerliche aus, oft ebenfalls für Gerichtskämpfe, oder auch einfach, weil es im 15./16. Jahrhundert en vogue war, sich als Bürgerlicher dem „Edlen Krieg“ zu widmen, nämlich dem Fechten mit dem Langen Schwert. Die reicheren unter diesen Schülern ließen sich das erworbene Wissen in illustrierten Fechtschriften festhalten: Codices, die uns heute noch vorliegen und in denen die Bewegungen ähnlich wie in einem heutigen Sport-Ratgeber beschrieben sind. Sogar Albrecht Dürer hat 1512 eine Fechtschrift illustriert!

Dann jedoch, anders als in Asien, starb diese Kampfkunst aus. Europa fokussierte sich mehr auf die Feuerwaffen. Und obwohl sich das Fechten mit Rapier und Degen zum Florettfechten und somit zum olympischen Sportfechten entwickelte, ist das Fechten mit dem Langen Schwert eine Kampfkunst, die sich von letzterem ziemlich unterscheidet und die leider lange tot war.

RIP.

Bereits im 19. Jahrhundert zeigten zwar wieder einige Akademiker Interesse an den Hinterlassenschaften der frühen Neuzeit, doch erst in den 1990ern begannen Kampfsportler*innen, die Schriften und Bilder neu zu interpretieren und das Erlernte als Kampfkunst weiterzugeben. Mittlerweile ist HEMA ein weltweiter Sport mit Wettkämpfen, Vereinen, Dachverbänden etc.

Und mit YouTube-Videos. Es lebe das Internet! Ich selbst bin in keinem HEMA-Verein Mitglied, sondern treffe mich mit zwei anderen HEMA-Begeisterten, ich nenne sie hier mal Klaus und Christian, auf einer Wiese. Klaus beschäftigt sich mit dem, was wir im Training so vorhaben, indem er sich nicht mehr in seltsame Bilder und noch seltsamere, nur für frühneuzeitlich-Eingeweihte verschlüsselte Texte vertieft, sondern indem er YouTube konsultiert (danke, Klaus!). Wer sich also an das Thema noch nicht recht herangewagt hat, aber gern eine epische Fechtszene schreiben oder einfach mal in dieses HEMA hineinschauen möchte: Das Internet ist für alle da. (Vor allen Dingen für recherchierende Autor*innen!)

Stöcke und Handkanten

Das HEMA-Thema hat mich nun sieben Jahre lang nicht losgelassen, das frühneuzeitliche Fechten ist in dem ein oder anderen Roman aus meiner Feder durchaus erlesbar. Aber wenn es immer nur das Lange Schwert wäre, das in den Romanen eine Rolle spielt, wäre das auch langweilig. Also begeben sich mein schreibender sowie fechtender Gatte Christian und ich durchaus auch schon mal in andere Settings, in denen Konflikte auf andere blutige Weise beigelegt oder angeheizt werden. Und da wir einfach nicht damit leben können, das oberflächlich wischiwaschi zu beschreiben (denn geben wir es zu: Kampfszenen sind einfach zu unserem Steckenpferd geworden!), besuchen wir beispielsweise Wochenendseminare zu viktorianischem Stockkampf oder fangen dann halt mit Kung Fu an.

Jetzt stellt sich natürlich die Frage: Wie realistisch muss denn eine solche Fechtszene überhaupt sein? Hollywood-Fechtszenen sind ja auch nicht sonderlich realistisch, wozu also diese Mühe für ein so spezifisches Thema? Also erst einmal, wie oben schon erwähnt: Es macht uns einfach Spaß, so etwas am eigenen Leib zu recherchieren. Und zum anderen: Ich denke, Fantasy sollte in den Regeln der eigenen Welt plausibel sein, und da gehört der Kampfkunstaspekt dieser Welt nun einmal einfach dazu – egal, ob das Schwert in Flammen steht oder man dabei mit der Kranichkampfkunst über Wasser läuft. Aber das heißt natürlich nicht, dass man eine Schwertmeisterin nur beschreiben kann, indem man selbst zur Schwertmeisterin wird.

„Prepare to die!“ – von Schwertkämpfen und Fechtduellen in der Phantastik

© 2011 E. Heuer

How to … Ein kleiner Fechtszenen-Crashkurs

Es gibt zwei Möglichkeiten, Kampfszenen zu schreiben. (Mindestens zwei, ich erhebe hier keinen Anspruch auf Vollständigkeit!)

1.       mit dem Schwerpunkt auf der Innenschau des Charakters oder

2.       mit dem Schwerpunkt auf cineastischen Beschreibungen

Jede Fechtszene wird immer beides aufweisen können, aber die Anteile gestalten sich unterschiedlich: Die Protagonistin wird sich bewusst, was alles auf dem Spiel steht, während Hiebe auf sie einprasseln, die entweder mit Verve beschrieben sind oder eher eine Metapher bleiben, frei nach: „Er deckte sie mit einem Hagel aus Schlägen ein.“ Das verbindende Element beider „Fechtszenenbeschreibungsstile“ sollte nicht sein, dass technisch beschrieben wird, aus welcher Richtung nun der nächste Hieb kommt und mit welcher Parade er geblockt wird (gähn!). Und auch nicht, dass wir ausschließlich in den Gedanken der Heldin bleiben (denn dann ist irgendwann nicht mehr spürbar, dass gerade Action passiert), sondern dass der Kampf im besten Fall für die Handlung relevant ist. Er sollte etwas über die beteiligten Charaktere aussagen, subjektiv sein, um Leser*innen hineinzuziehen, er sollte spannend und einfallsreich erzählt sein – die Szenerie, die Umstehenden, die Beteiligung auch nicht-kämpfender Personen, das können alles Dinge sein, die sich interessant durchmischen lassen.

Ein bisschen Anatomie

Sowohl das Schwert (oder die entsprechend beteiligte Waffe) als auch die Kämpfenden sind dabei anatomische Voraussetzungen unterworfen.

Um zu verdeutlichen, was ich meine, hier ein kleiner Exkurs über das Lange Schwert: Es besteht, wie die meisten Schwerter, aus Klinge und Gehilz. Die Klinge besteht aus dem Ort (der Spitze), aus der Stärke und der Schwäche. Die Stärke ist die Hälfte der Klinge, die sich näher am Gehilz befindet: Sie ist einfach durch Hebelkraft – nun ja – stärker. Näher am Ort ist die Klinge schwach, kann also leichter vom Gegner kontrolliert werden. Der Ort ist spitz, das heißt, mit einer solchen Waffe, einem leichten und ausbalancierten High-Tech-Produkt des 16. Jahrhunderts, kann man stechen, schlagen und schneiden. Und die Teile des Gehilzes lassen sich ebenfalls einsetzen: Das Gehilz besteht aus Knauf, Griff und Parierstange, und mindestens Knauf und Parierstange können gut austeilen, wenn der Kampf zum Handgemenge wird. Das alles kann man beherzigen, um eine Kampfszene abwechslungsreich zu gestalten.

Und auch der Mensch, der das Schwert führt, hat natürlich eine Anatomie. Zwei Fechter stehen in einer gewissen Distanz zueinander: Die Schwerter sind schließlich um die ein Meter zwanzig lang. Um zu überlegen, was zwei Gegner mit Waffen der Länge anrichten können und was nicht, kann es oft helfen, mit einem willigen Opfer und zwei Besenstielen nachzuprüfen, wie nah man sich kommt und was dabei passieren kann. Und das bringt mich übrigens auf eins meiner Fechtszenen-Pet-Peeves, passt auf:

Weil der Gegner keine Ehre kannte, trat er Protagonist XY in die Weichteile, noch bevor dieser zum Hieb ausgeholt hatte.

„Prepare to die!“ – von Schwertkämpfen und Fechtduellen in der Phantastik

Meine Pet Peeves in Fechtszenen

Hört zu: Die Waffen sind etwa einen Meter zwanzig lang. Beide Waffen. Die Fechter stehen zu Beginn eines Kampfes so weit entfernt, dass sie klassischerweise einen Schritt tun müssen, um den anderen mit der Schwäche an der Schulter zu treffen. Wenn sie mit weniger Distanz dastehen würden, wären sie einander schon an die Gurgel gegangen. Das ist letztlich, ja, auch in fiktiven Fechtszenen, eine Art Sicherheitsabstand. Auf geringere Distanz wären Schwerter von der Länge auch furchtbar unhandlich, da käme dann eher wieder der Knauf ins Spiel.

Also. Es ist unmöglich, aus einer solchen Distanz in die Weichteile zu treten. Es ist möglich, wenn man schon verkeilt dasteht und der Kampf in vollem Gange ist. Aber wenn in einem Buch ein Fechtduell damit eröffnet wird, dass ein Duellant dem anderen in die Eier tritt, dann werfe ich das Buch in die Ecke. (Sorry, „Schwerter und Schwindler“.) Auch ein Tritt zum Kopf funktioniert nicht. Beine < Schwert.

Ebenso steht es um das legendäre Drüberspringen/Drunterducken. Normalerweise werden Hiebe diagonal geführt, Ducken ist also einfach, na ja, in etwa so effektiv wie Stehenbleiben. Und was das Drüberspringen angeht: Dann hat der Gegner also auf deine Schienbeine geschlagen und ist ein Idiot. Geh einfach einen Schritt zurück und hau ihm deine Klinge auf den Scheitel, du hast unter diesen Umständen garantiert die höhere Reichweite, und er steht ziemlich dämlich da mit Augenmerk auf deine Füße.

Aber ich will euch auch nicht den Spaß verderben: Ich bin großer Fan von Flickflacks durch Opernlogen oder dem klassischen Schwingen am Kronleuchter.

Eines meiner weiteren Pet Peeves (ich könnte hier noch sehr lange fortfahren) ist übrigens das Trope „Der Muskelprotz ist der bedrohlichere Schwertkämpfer“. Im Schwertkampf braucht man keine Nehmerqualitäten. Wer getroffen ist, ist getroffen, und es ist anzunehmen, dass Treffer damals, da sie vor allem auf Kopf, Hals, Schulter, Oberkörper abzielten, sehr schmerzhaft bis sehr tödlich waren, egal, ob der oder die Getroffene nun dick oder dünn, sportlich oder unsportlich war. Das heißt: Letztlich würden, eine gewisse Grundfitness vorausgesetzt, bei einem realen Fechtkampf mit scharfen Waffen immer die Nerven und die Technik entscheiden. Jemand, der mit wuchtigen Schlägen im „Vor“ bleibt, den anderen also nach hinten treibt, ist dabei natürlich trotzdem im Vorteil – aber Schläge mit Waffen, die so scharf sind wie ein geschliffener Anderthalbhänder … Glaubt mir, einer Halsschlagader ist es völlig wurscht, wie muskulös der*die Gegner*in ist. Nur einen sauberen Hieb sollte er*sie führen können, das ist in diesem Fall sehr viel wichtiger.

Cineastik versus Realismus

Aber an einer Stelle bin ich ganz klar Cineastin: Reale Kämpfe dauern Sekunden. Das ist oft für einen Roman zu kurz. Es sollte genug Zeit bleiben, dass der Kampf hin- und herwogt, dass Teppiche unter Füßen weggerissen werden und auf Mauerkronen gesprungen wird. Und, das Wichtigste: Die Protagonist*innen sollten Gelegenheit haben, dabei Dialoge zu führen. Coole One-Liner, abgrundtiefe Schmähungen, Verwandtschaftsbezeugungen („Ich bin dein Vater!“) und Racheschwüre („Mein Name ist Inigo Montoya und du hast meinen Vater getötet!“) haben definitiv Platz und Berechtigung in einem guten Duell.

Falls ihr also der schreibenden Zunft angehört: Es macht durchaus Spaß, sich Wissen über Kampfkunst anzueignen. Ob tatsächlich mit Körpereinsatz (Wochenendseminare lassen sich von der Steuer absetzen!) oder per YouTube-Video, ist dabei sicherlich Geschmackssache, aber vielleicht konnte ich ja die*den eine*n oder andere*n in Versuchung führen?

Und wenn ihr Fechtszenen lieber lest als selbst schreibt: Kommentiert gerne, welche Szenen euch begeistert haben, welche euch in Erinnerung bleiben – und wie ihr es mit dem Empfinden von Realismus haltet!

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