Neue Science-Fiction-Bücher im Januar: Lesetipps aus der Buchhandlung Otherland

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Neue Science-Fiction-Bücher im Januar: Lesetipps aus der Buchhandlung Otherland


Es gibt wieder einige frische Neuerscheinungen aus der Science Fiction. Hier sind die Buchtipps von der Berliner Fantasy-und Science-Fiction-Buchhandlung Otherland

Karin Boye - Kallocain

Karin Maria Boye war eine schwedische Schriftstellerin und Dichterin (1900-1941). Während sie in Schweden durch ihre Gedichte bekannt wurde, hat sie international mit ihrem 1940 in Schweden veröffentlicht und 1947 ins Deutsche übersetzten dystopischen Science Fiction Roman Kallocain Erfolg.

Kallocain erinnert mit seiner in zwei Staaten, den Welt- und den Universalstaat, geteilten Zukunft aus Krieg und Überwachung an 1984 oder We. Leo Kall entwickelt im Weltstaat das perfekte Wahrheitsserum Kallocain, mit dem sich Systemgegner aufspüren lassen - doch erweist sich Kallocain als zu perfekt: jeder gibt unter seinem Einfluss zu, gegen das System zu sein, wodurch er oder sie verurteilt und hingerichtet werden kann. Während Kall versucht, eine Affäre seiner Frau mit Kallocain zu beweisen, wird er vom Universalstaat gefangen genommen und verschleppt.

Kallocain ist ein Klassiker und wurde in zahllosen Auflagen in Deutschland veröffentlicht. Boye wurde stark von Jonathan Swift und der Moderne beeinflusst und liest sich auch heute aktueller den je. 

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David Mitchell - Die Knochenuhren

Wieder ein typischer Mitchell: verschieden Handlungsstränge und Zeitlinien, deren Verwobenheit sich erst nach und nach herauskristallisiert: als Holly Sykes 1984 von zuhause abhaut und auf der “Flucht” eine alte Frau trifft, die ihr einen Rat gibt, weiß sie noch nicht, dass dieser Rat Jahrzehnte später große Bedeutung für sie haben wird.
Spannend, unterhaltsam bis verwirrend, macht es wie immer in einem Mitchell-Buch irgendwann *klick* und das bisher gelesene macht Sinn ;-) 

Hans Frey - SF Personality #27: James Tiptree Jr.

Hans Frey, Autor von "Fortschritt und Fiasko: Die ersten 100 Jahre der deutschen Science Fiction", hat nach seinem SF-Personality Band zu Ballard einen weiteren geschrieben: "James Tiptree Jr. – Zwischen Entfremdung, Liebe und Tod". Historisch spannende und persönlich berührende Einblicke in das Leben und Schaffen der SF-Autorin Alice B. Sheldon alias James Tiptree Jr., deren sämtliche Erzählungen beim Septime-Verlag auf Deutsch erschienen sind (und natürlich auch im Otherland zu kaufen). 

Allen Steele - Die Rache von Captain Future

Ok, ich geb zu, ich habe es noch(!) nicht gelesen, ABER neulich kam Hardy (Kettlitz, Anm. d. TOR Redaktion) ins Otherland und hat mit davon vorgeschwärmt, sodass es jetzt oben auf meinem Stapel liegt: Allen Steele beschreibt die Geschichte davon, wie Captain Future zu Captain Future wurde, warum er den Namen hasst, wie Prof. Simon Wright zum reinen Gehirn wurde und wer Otho und Grag erschaffen hat. Nicht nur für LeserInnen der Buchreihe aus dem Hause Golkonda oder ZuschauerInnen der Anime-Serie ein Genuss. 

Der Aufstieg und Fall des D.O.D.O. von Nicole Galland und Neal Stephenson bei Amazon bestellen
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John Scalzi - Frontal

Frontal spielt in Scalzis Das Syndrom-Universum” und geht um ein Spiel namens Hilketa, bei dem die Spieler mit Hieb-und Stichwaffen aufeinander losgehen und versuchen, den Kopf des Gegners zu erbeuten, um ihn durch die Torpfosten zu kicken. Das ist jetzt weniger blutig als es klingt, denn wie wir ja alle wissen, ist die Menschheit in Scalzis Syndrom-Zukunft im Wachkoma ans Bett gefesselt und bewegt sich durch Gedankensteuerung mit Hilfe von Robotern. Also treten sich beim Hilketa Roboter die Köpfe weg. Alles gut. Bis ein Hilketa-Spieler beim Kopfverlust tatsächlich auch zuhause im Bett stirbt. Zack haben wir einen Kriminalfall, der uns auf die dunkle Seite des Hilketa-Spiels führt... 

Nicole Galland und Neal Stephenson - Der Aufstieg und Fall des D.O.D.O.

D.O.D.O. steht für das “Department of Diachronic Operations” und repräsentiert eine Organisation, die mithilfe von Zeitreise Magie zurück in die Welt bringen will. Aha … klingt irgendwie gar nicht nach Stephenson, der nach Snow Crash und Diamond Age irgendwie immer ernster wurde, fast verkrampft. Umso mehr spürt man den Einfluss von Nicole Galland, einer Autorin historischer Romane, die bereits Erfahrung bei der Zusammenarbeit mit Stephenson hat.Der ganze Klamauk um die Hexen, die versuchen, Magie zurückzubringen und dabei eine Art militärische Operation in Bürokratie ersticken, ist bei allem Kopfschütteln jedenfalls erfrischend. D.O.D.O. lohnt sich, weil alles drin ist, was Spaß macht: Magie, Wissenschaft, Zeitreise, Geschichte, Abenteuer, Intrigen und dunkle Geheimnisse. So sieht’s aus, wenn Neal Stephenson mal Spaß hat ;-) 

Jasper Fforde - Eiswelt

Winter is coming … oder so, jedenfalls auf der Eiswelt von Jasper Fforde, in der 4 Monate im Jahr alles unter Schnee und Eis begraben wird und auch die Menschen in Winterschlaf verfallen, nachdem sie sich fett gefressen und sich Ganzkörperbehaarung zugelegt haben - alle ausser den Winterconsulen, die über die Schläfer wachen. So weit, so gut.

Klares Setting.  Und jetzt kommt der Jasper Fforde-Faktor: nichts ist, was es scheint, und als Charlie Worthings Traum, ein Hilfskonsul zu werden, Wirklichkeit wird, stolpert er direkt in einen abgefahrenen Alptraum.

Eiswelt braucht ein bisschen, um in Fahrt zu kommen, aber dann packt er beim Lesen voll zu. Winter is coming, und Lesen vertreibt die Zeit! 

Wolf Welling - Die Wächterin

Auf der Flucht vor einer toxischen Beziehung hat Ayra sich für dreißig Jahre als Wächterin auf einem menschenleeren Wüstenplaneten verdingt - Gesellschaft leisten ihr dort nur der einem alten Freund nachempfundene Androide Robbie und die zwölf kleinen, feisten Putten, die sie umflattern und umschmusen. Doch kurz vor Ende von Ayras dreißig Jahre Schicht legen diese gutartigen Geschöpfe mit einem Mal eine subtile Feindseligkeit an den Tag - und Ayra wird von bizarren Erlebnissen heimgesucht, die irgendwie in Verbindung mit ihrer Vergangenheit auf der Erde zu stehen scheinen …

Die Wächterin ist ein wunderbar ökonomisch erzählter SF-Krimi auf zwei Handlungsebenen. Eine schildert die karge, immer wieder von Bizarrem durchschossene Einsamkeit von Ayras Wacht, die andere ihr Leben auf der Erde als angepasstes Rädchen im Getriebe ihrer Werbefirma - und als Partnerin der narzisstischen Miriana in einer zunehmend schädlichen Beziehung. Zum Ende hin gibt es zugegebenermaßen ein paar Missklänge - beispielsweise eine interessante Figur, die sich mit einem Mal zur bloßen Karikatur wandelt, und eine nicht so besonders neue SF-Idee, die der Roman nicht mit Leben füllen kann. Aber alles davor und darum herum macht die Lektüre von die Wächterin packend und lohnend. Das gilt insbesondere für die bizarre Welt des “Schlosses”, in dem Ayra auf dem Wüstenplaneten lebt, und die bösartig-infantilen Putten. Auf der Erde zeichnet der Roman das verstörende Bild einer Gesellschaft, in der die meisten Menschen sich aus freien Stücken allen Interessen ihrer Arbeitgeber unterordnen. Die Hauptfigur Ayra ist dabei eher konformistisch, rebellische Positionen kommen über ihre recht gegensätzlichen und nicht immer positiv gezeichneten Partner Robert und Miriana ins Spiel. Hier und da reibe ich mich zwar an der impliziten Gesellschaftskritik, die ich im Endeffekt als ziemlich konservativ empfinde - macht aber nix, werden andere anders sehen, und dass das meinem Lesegenuss keinen Abbruch getan hat, ist eigentlich das höchste Lob für die erzählerischen Qualitäten dieses Buchs. 


Geschrieben von den Otherlandern Wolf und Jakob.

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