Mit der Bestimmung klarkommen: Die auserwählten Kinder in Portal Fantasy

© Rovina Cai

BUCH

Die Auserwählten. Ein Essay über Portal Fantasy


In der Portal Fantasy reisen Kinder oder Jugendliche in fremde Welten (Narnia, Hogwarts oder ein verrücktes Wunderland), um dort gegen das Böse zu kämpfen. Ein Essay von Seanan McGuire über die Auserwählten und ihre Bestimmung.     

Lasst uns über Türen reden.

Lasst uns über die Macht von etwas Verschlossenem reden, ob nun verboten oder nicht; über die geheimnisvolle Klappe mit der Leiter zum Dachboden, über die mächtige Anziehungskraft der verschlossenen Falltür in den Keller, über die unwiderstehliche Verlockung fremder Kühlschränke oder Hausapotheken. Wir wollen wissen, was sich dahinter befindet – und damit meine ich nicht, dass wir es erzählt bekommen wollen. Wir wollen es sehen. Und zwar mit eigenen Augen, ohne dass uns jemand diesen Anblick wieder wegnehmen kann. Menschen sind neugierig. Das ist eine unserer charakteristischen Eigenschaften. Wir wollen wissen.

Kindergeschichten sind voller Türen, die geradezu darum betteln, aufgemacht zu werden, und in einigen der besten und beliebtesten dieser Geschichten geht es ums Öffnen dieser Türen. Um die Reise über den Regenbogen in eine farbenprächtige magische Welt, wo die Auserwählten endlich etwas bewirken können. Um die Entdeckung einer geheimen, magischen Bestimmung, die jede Mühe lohnt.

Die wundersame Geschichte von September

Wir alle kennen diese Geschichten zur Genüge – wer das hier liest, hat beim vorigen Absatz mindestens an eine Geschichte gedacht, da gehe ich jede Wette ein, und diese Geschichten waren sicher nicht die gleichen, die ich im Kopf hatte. (Meine Geschichte über den Regenbogen war zum Beispiel die ursprüngliche Zeichentrickserie „My Little Pony“, in dem ein Bauernmädchen namens Megan wegen ihrer Klugheit, ihres Muts und ihrer opponierbaren Daumen ausgewählt wird, Ponyland zu verteidigen. Sie half den Ponys, dem Teufel eins auszuwischen.) Das auserwählte Kind reist durch die Tür in die magische Welt, kämpft gegen das Böse dort und kehrt dann nach Hause zurück, bevor seine Eltern sich Sorgen machen können.

Moment mal ... Was? Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber wenn ich als Neunjährige für eine Reise in eine Welt mit sprechenden Pferden und magischen Abenteuern auserkoren worden wäre, hätte ich ungefähr zehn Minuten lang Heimweh gehabt und mich dann sofort daran gemacht, magische Abenteuer mit sprechenden Pferden zu erleben. Irgendwann wäre mir wahrscheinlich klar geworden, wie mies es war, meine Familie im Stich zu lassen, um die Welt zu retten, aber dann wäre ich schon fast erwachsen gewesen, hätte keine Ahnung von den Menschen gehabt und wäre wahrscheinlich in Ponyland geblieben, anstatt durch meine Rückkehr allen das Leben schwer zu machen.

(Es ist vielleicht bezeichnend, dass innerhalb der Portal Fantasy mein Lieblingsbuch der letzten Jahre Catherynne Valentes hervorragendes „Die wundersame Geschichte von September, die sich ein Schiff baute und das Feenland umsegelte“ ist, worin September einen Blick auf ihre persönliche magische Welt wirft und meint: „Ja, das ist die richtige. Die nehme ich.“)

Das ist die Richtige. Die nehme ich.

Portal Fantasy ist eine einzigartig umfassende Form der Realitätsflucht. Da ist jemand genau wie ich selbst – ja, ich selbst, egal, wer ich bin, er oder sie ist genau wie ich –, der die richtige Tür aufmacht, ins richtige Kaninchenloch fällt oder das richtige Rätsel löst und mit einer Welt belohnt wird, die so perfekt zu ihm passt, dass sie auch von einem allwissenden Autor als Lernerfahrung gestaltet worden sein könnte. Kinder werden zu Helden. Menschen mit nichts bekommen alles. Und am Ende werden die Stühle auf die Tische gestellt, das Licht ausgeknipst, und alle gehen nach Hause und sagen: „Gut gemacht! Bis zum nächsten Mal.“

Aber was wird aus diesen Kindern?

Was geschieht mit den Auserwählten, wenn sie herausfinden, dass sie keine lebenslangen Gefährten, sondern eher wie Weihnachtswelpen sind, die man im Stich lässt, sobald sie nicht mehr klein und süß sind? Was geschieht mit den Auserwählten, die nicht über das hinwegkommen, was sie gesehen und getan haben und was man ihnen abverlangt hat? Das Unrealistische an Narnia war für mich nicht, dass der Zugang in einem Kleiderschrank versteckt war, sondern dass lediglich Susan sich irgendwann von einer Welt abwandte, von der sie so umfassend und gnadenlos abgelehnt worden war.

Aber. Aber.

Wenn jede Portal Fantasy mit unserer Welt beginnt – nicht nur für die Dorothys und die Pevensies und die Wendys, sondern auch für die Megans und die Sarah Williams und die Kinder aus der Zeichentrickserie Im Land der fantastischen Drachen –, mit wie vielen traumatisierten früheren „Auserwählten“ haben wir es dann zu tun? Es gibt einen xkcd-Comic-Strip, der das Problem auf den Punkt bringt: „Entweder tue ich mein Leben lang so, als wäre es nicht passiert, oder alle, die mir am Herzen liegen, halten mich für verrückt.“ Wie schaffen sie es, damit klarzukommen?

Das wollte ich wissen. Sobald ich mich ernsthaft auf das Thema eingelassen hatte, ließ es mich nicht mehr los. Ich habe jede Menge Therapien gemacht, und zum Heilungsprozess gehört, sich mit Menschen mit ähnlichen Erfahrungen zu umgeben, denn das verleiht ihnen ein Gespür dafür, was man selbst durchmacht. Da lag die Idee nahe, einen Haufen solche Leute in einer Geschichte zusammenzupacken und zu beobachten, was passiert. Bloß setzte sich Daryl Gregory hin und schrieb „Uns geht’s allen total gut“, das (a) großartig ist und (b) eine spezielle Form der Gruppentherapie thematisiert, das ging also schon mal nicht. Shit.

Wo sonst findet man junge Menschen mit ähnlichen Erfahrungen? In Feriencamps ... und Schulen. Besonders in Internaten.

Der Atem einer anderen Welt

Hereinspaziert in Eleanor Wests Schule für Kinder auf Abwegen (und ihre Partnerschule, über die in zukünftigen Bänden mehr zu erfahren sein wird). Eleanor war ebenfalls eine Auserwählte; sie weiß, wie weh es tut, wenn die Tür zuschlägt, wenn die Wolken zurückkommen und der Regenbogen verschwindet. Sie weiß, wie man denjenigen hilft, die ihre magische Welt verloren haben, vielleicht für immer, und sie macht es sich zur Lebensaufgabe, ihren Schmerz zu lindern, zumindest bis sie in ihre eigene Welt zurückfindet. Denn darum geht es in ihrer Schule: einen Weg zu finden, damit zu leben, und den Weg zurück nach Hause zu finden.

In „Der Atem einer anderen Welt“ geht es um Türen. Türen, die wir öffnen; Türen, die wir schließen; Türen, die wir im Traum sehen und nie wieder finden zu können glauben. Es geht um die Dinge, die wir mit anderen teilen, die Dinge, die wir nicht teilen können und wie beides miteinander zusammenhängt. Aber hauptsächlich geht es um mich, die Sechsjährige, die staunend zusah, wie vor einem Mädchen, das genau wie ich war – genau wie ich –, ein blauer Kasten auftauchte und ihr die ganze Welt eröffnete. Es geht um ein blondes Mädchen, das von einem rosa Pegasos über den Regenbogen getragen wird, und eine Jugendliche, die bereit ist, ihren kleinen Bruder dem Koboldkönig zu opfern. Es geht um meine Freunde aus der Kindheit, um ihre Geschichten, um die Verbindung zu ihnen, jetzt, da wir alle ein bisschen älter und weiser und verlorener sind.

Türen sind wichtig.

Was wir dahinter vorfinden, ist noch wichtiger.

 

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Deutsch von Ilse Layer

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