Die Leichen der Mädchen, oder: Fanfiction und die moderne Welt

© Rovina Cai

BUCH

Die Leichen der Mädchen, oder: Fanfiction und die moderne Welt


Fan Fiction wird oft für minderwertig erklärt und verachtet. Besonders wenn sie erotische Szenarien enthält. Das ist Schwachsinn! Fanfiction ist großartig und Teil einer jeden schriftstellerischen Entwicklung. Ein Essay von Seanan McGuire ("Der Atem einer anderen Welt").

Eine gute Freundin von mir – deren Namen ich hier nicht nenne, weil man manche Wunden nicht wieder aufreißen sollte und sie sich auch mit gutem Recht verletzt fühlt –, hat neulich gesagt: „Immer wenn ich über Fan Fiction schreibe, kriege ich Hassmails.“ Sie übertreibt nicht. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, was mit Autoren – vor allem Autorinnen, vor allem Jugendbuchautorinnen – passiert, wenn sie ihre Zeit in der Fanfic-Welt erwähnen.

Mich packte die Wut. Ihretwegen; auf die Welt; auf die Ungerechtigkeit des Ganzen. Dieser Text entstand aus meiner Wut heraus. Vieles davon ist zunächst auf meinem Twitter-Account erschienen. Inzwischen habe ich es ein bisschen erweitert, geordnet und überarbeitet. Hier, in diesem längeren Format, möchte ich aber auch ein paar Disclaimer hinzufügen.

ERSTENS: Dieser Text wurde weitgehend aus einer Perspektive von Heteronormativität verfasst: Jungen und Mädchen und Männer und Frauen. Das liegt daran, dass ich ihn anhand meiner Erfahrungen als Mitglied der Fanfic-Community schreibe und anhand meiner Erfahrungen, wie die Welt in den 1980igern, 1990igern und Anfang der 2000erjahre tickte. Transgender- und Genderfluid-Personen hat es schon immer gegeben, wir haben sie aber erst in den letzten Jahren richtig ins Gespräch einbezogen. Das bedeutet, dass mir die Erfahrung fehlt. Ich kann nur von meinem jetzigen Standpunkt aus sprechen.

ZWEITENS: Die Fanfic-Community hat gravierende, tief verwurzelte Probleme im Umgang mit farbigen Charakteren, die sie aus ihren eigenen Texten oft tilgt und somit viele farbige angehende Fanfic-Autoren verprellt. Auf ganz ähnliche Weise, aber noch heimtückischer und großflächiger können kanonische weibliche Charaktere aus der Fanfic verbannt werden. Doch auch hier spreche ich bloß aus eigener Erfahrung, ich kann mir kein umfassendes Urteil über diesen hässlichen Aspekt der Fanfic-Welt erlauben.

DRITTENS: Jungen, Männer und männliche Genderfluid-Personen schreiben durchaus auch Fanfic, und in den Erfahrungen eines homosexuellen oder nicht genderkonformen Mannes finden sich womöglich viele Frauen wieder. Ich versuche euch nicht auszublenden. Wie gesagt kann ich nur von meinem eigenen Standpunkt aus sprechen.

VIERTENS: Nicht alle Fanfic ist Pornographie. Sobald man sich das Setting (Star Trek, Star Wars, Marvel Cinematic Universe) oder Figuren (Coffeeshop-AUs, Märchen-AUs, Mashups) ausborgt, ist es Fanfic. Sex ist in vielen erfolgreichen Fanfic-Geschichten ein Aspekt, aber in diesem Satz ist das Wort „Fanfic“ eigentlich irrelevant: Sex ist in vielen erfolgreichen Geschichten ein Aspekt, Punkt.

Alle an Bord? Großartig.

Dann mal los.

Auf Einhörnern reiten

Soweit aus meinen alten Papieren ersichtlich ist – Mom hat alles aufgehoben –, habe ich ungefähr mit sechs Jahren angefangen zu schreiben. In diesen frühen Geschichten lief ich nach Ponyland, um Abenteuer mit den Ponys zu erleben und mich mit Megan herumzutreiben. Natürlich haben alle mich lieb gehabt. Ich durfte auf Einhörnern reiten. Ich habe das Flutter Valley ein Dutzend Mal gerettet. Ich kam gar nicht auf die Idee, dass jemand denken könnte, ich würde etwas Falsches tun, warum auch? Die meisten anderen Kinder dachten sich auch solche Geschichten aus; ich war ihnen bloß darin voraus, dass ich sie damals schon aufschrieb. Der Junge drei Häuser weiter hatte eine sehr enge Beziehung zu den Glücksbärchis. Seine Schwester war die beste Mechanikerin, die die Transformers je hatten.

War das meiste davon Wunscherfüllung durch Selbsteinfügung in die Geschichte? Ja, klar. LOGISCH! Wir waren Kinder. Wir lernten, Geschichten zu erfinden, und in den besten gab es mittendrin einen Platz für uns. Wir wollten von dem Abenteuer nicht nur hören. Wir wollten es selbst erleben.

Ein paar Jahre später erzählten die meisten Jungen aus meinem Umfeld keine solchen Geschichten mehr, oder zumindest nicht uns. Sie hatten entdeckt, dass es in den meisten Medien um Jungs ging, die genau waren wie sie, was bedeutete, dass sie ohne Probleme von der Selbsteinfügung zur Projektion übergehen konnten. Die Jungen, die das nicht auf Anhieb schafften, begriffen, dass dieses Eingeständnis als Schwäche ausgelegt würde. Vielleicht haben sie sich weiter Abenteuer für Jungen ausgedacht, die ihnen selbst ähnlich waren, aber wenn, dann heimlich.

(Projektion ist ein wichtiger Schritt, um zu lernen, überzeugend zu schreiben. Wenn man die Hauptfigur nicht SEIN kann, kann man sie zum eigenen Avatar machen und die eigenen Wesenszüge in die Geschichte einbringen. Aber die Sache ist die: Es dauert, bis man gelernt hat, Avatare zu „reiten“, die man nicht als solche erkennen kann. Wenn man sich nur Avatare gibt, die wie jemand anderes aussehen, kann es passieren, dass man sich irgendwann in der Geschichte nicht mehr wiederfindet oder mühsam nach den Berührungspunkten sucht, die einem wieder Zugang verschaffen.)

Christlich, heterosexuell, gesund

Da kommt dann Die Norm ins Spiel, dieser unterkieferbetonte, scharfsichtige, heterosexuelle, weiße, körperlich gesunde, vage christliche (aber nicht zu christliche) Mann mit klarer Geschlechtsidentität. Jeder, der mit den westlichen Medien aufwächst, lernt auf irgendeine Weise Die Norm als seinen Avatar zu akzeptieren, denn historisch gesehen hatten wir keine große Wahl. Du möchtest der Held sein anstatt die Angebetete, der rauflustige Kumpan oder der Bösewicht? Halt dich an Die Norm. Lerne dich in Die Norm einzufühlen. Was anderes kriegst du nicht.

Natürlich gibt es Kinder, die wie Die Norm aussehen. Niemand bringt ihnen bei, sich in uns andere einzufühlen, und das ist ebenfalls ein Problem, und zwar eines, das sie schwer benachteiligt. Doch das führt uns von unserem heutigen Thema weg.

Zurück zur Grundschule, wo die Mädchen, die offen zugaben, sich Geschichten auszudenken, ebenfalls immer weniger wurden. Wir anderen ... Wir lernten, dass man ausgelacht wurde, wenn man sagte: „Ich hatte ein Abenteuer ...“ Wir schrieben nicht länger über uns selbst, sondern entwarfen nun Avatare, Charaktere, die uns in den Geschichten repräsentieren konnten, ohne ganz wie wir zu sein.

Bloß wurden wir für die Avatare ebenfalls ausgelacht, man kam uns mit dem ganzen Mary-Sue-Wunscherfüllungsbullshit, als wäre die Hälfte der Geschichten in den Bücherregalen nicht exakt auf die wenigen Glücklichen zugeschnitten, die Der Norm entsprachen. Wir erfanden keine weiblichen Original-Charaktere mehr. Viele von uns erfanden überhaupt keine Charaktere mehr.

Würde man uns weniger verlachen, wenn wir ausschließlich bereits existierende Charaktere als unsere Avatare benutzten? Wenn wir ausschließlich bereits existierende männliche Charaktere benutzten – Charaktere, die als Die Norm zu sehen wir alle konditioniert waren und die zu allem fähig waren, nicht nur, Der Kumpan oder Das Mädchen zu sein? Plötzlich konnten wir ALLES schreiben, WAS WIR WOLLTEN. Plötzlich waren wir GÖTTER DER FIKTIONALEN WELT, und endlich konnten wir die Geschichten erzählen, die das Fernsehen und die Bücher uns nicht liefern wollten. Unsere Geschichten wurden endlich danach beurteilt, wie sie waren, und nicht danach, was man über uns und sie zu wissen glaubte.

Den Grund, warum so viele Fanfic-Autoren Frauen bzw. Mädchen sind (oder homosexuell oder Transgender oder eine Kombination davon), sehe ich ehrlich gesagt in einer Mischung aus sozialer Stigmatisierung („iih, Fanfic schreiben doch nur MÄDCHEN, das ist alles PORNO und das meiste SCHWULENPORNO“) und der Suche nach einem Weg, sich in Die Norm einzufühlen. Ich glaube auch, dass dies zur Vorherrschaft von männlichen Paaren in der Fanfic führt, selbst wenn die Autoren heterosexuell sind: indem wir nur Die Norm sind, entfernen wir uns von den „Iiih, eklige Mädchen!“-Reaktionen. Aber das ist ein anderes Thema.

ER macht LITERATUR, SIE schreibt SCHUND

Es gibt also Generationen – buchstäblich mehrere Generationen – von überwiegend weiblichen Autoren, die umringt von Fanfiction aufwachsen. Die spätestens ab der High School ihre eigenen Geschichten aufschreiben. Die einen eigenen Weg zu einem wirklich passenden Geschichtenschema suchen.

(Es gibt auch Generationen von genderqueeren und Transgender-Autoren, die sich alle auf ihre eigene Reise begeben. Meine Sexualität hatte definitiv Einfluss darauf, dass mich Fanfic anzog, denn endlich wurde ich nicht dafür verurteilt.)

Das wiederum bedeutet, dass es Generationen von Autorinnen gibt, die die strengste Schreibschule aller Zeiten durchlaufen haben, bis sie zu Profis wurden und zu publizieren begannen. Ja – die strengste. IHR GLAUBT MIR NICHT? Fanfic hat mich nicht nur das richtige Tempo gelehrt, sondern auch Dialog, Weltenbau und Struktur sowie was zu tun ist, wenn eine Deadline droht. Fanfiction hat mich gelehrt, mit Kritik umzugehen, veröffentlicht zu werden, zusammenzuarbeiten, nach einer fremden Idee zu schreiben. FANFIC HAT MICH ZU DEM GEMACHT, WAS ICH BIN.

Ein Masterstudium in Creative Writing dauert drei Jahre. Mein Weg vom Fanfic-Neuling zur veröffentlichten Autorin dauerte mehr als zehn Jahre. Das ist keine Schule mit festen Strukturen. Es gibt keinen Unterricht und keine Abschlussprüfungen; man bekommt kein Diplom. Wie schnell man lernt, hängt davon ab, wie schnell man zuhört, und man kann aufhören, sobald man glücklich und zufrieden ist. „Profi werden“ ist nicht für jeden Fanfic-Autor das Ziel und sollte es auch nicht sein; Fanfic ist in gewisser Weise ein Genre für sich, und manche Menschen, die sich in ihren Konventionen und Zwängen wohlfühlen, wären bei etwas anderem unglücklich.

Aber.

Eine nicht unerhebliche Anzahl von uns fing mit der Fanfic an, weil wir unsere Lieblingsgeschichten erleben wollten, und entdeckten dann unsere Liebe zum Geschichtenerzählen. Das wollten wir bis in alle Ewigkeit tun und vielleicht ... vielleicht  wollten wir UNSERE EIGENEN GESCHICHTEN erzählen. Vielleicht wollten wir DIE NORM VERÄNDERN. Könnt ihr euch das vorstellen? Wie gewagt! Absolventen einer Schule, die kein Geld kostet, mit einer hauptsächlich weiblichen „Schülerschaft“, die DIE NORM VERÄNDERN wollen.

Denn an dieser Stelle mache ich einen kleinen Schwenk und verrate euch ein schmutziges Geheimnis: Viele Männer schreiben auch Fanfic. Bloß nennen sie es oft anders, „Hommage“, „Gemeingut“ oder „lizensiertes Werk“, und können so ihre schlechten Seiten weiter ausleben. Was vielleicht noch wichtiger ist – alle diese Bezeichnungen sind allgemein üblich.

Fuzzy Nation? Fanfic. Wicked? Fanfic. Alle X-Men-Comics, die geschrieben wurden, seit Claremont aufgehört hat? Fanfic. Euer geliebtes Hamilton? Fanfic mit einer realen Person. Und sogar Songfic.

Wenn Männer Fanfic schreiben, wird es in den Medien für gewöhnlich als „transformativ“, „grenzüberschreitend“ und „eine neue Sicht auf eine klassische Geschichte“ bezeichnet. Wenn Frauen es tun, heißt es in denselben Medien: „Hihihi, sie hat über Schwänze geschrieben“. Ob ich die Schuld den Männern gebe, die die Geschichten schreiben? Nein, verdammt. Jeder kann erzählen, was er will. Aber wenn es immer auf „ER macht LITERATUR, SIE schreibt SCHUND“ hinausläuft, dann greifen die Leute dieses Schema begierig auf. Das ist das Narrativ, mit dem wir leben.

Fan Fiction wird niemals aussterben

Die Norm besteht heute darin, dass ein Mann, der Fanfiction schreibt, etwas Erhebendes und Verwandelndes tut, uns die Perle in der Auster zeigt, während uns die Frau lediglich die „Perle“ in der „Auster“ im viktorianischen Sinn zeigen will. DABEI GIBT ES AM VIKTORIANISCHEN SINN NICHTS AUSZUSETZEN. Doch dies ist bloß eine aktualisierte Version des Themas „Männer schreiben Literatur, Frauen schreiben Liebesgeschichten“, das es gibt, seit ich mir als kleines Mädchen heimlich die Playboys meines Stiefvaters geschnappt habe. Und das ist ein Problem. Frauen, die zugeben, dass sie Fanfic geschrieben haben (oder noch schreiben), werden immer wieder runtergemacht, weil man genau wie die Medien der Meinung ist, dass Fanfic Schund ist und die Verfasserinnen folglich auch nichts taugen.

Man benutzt es als „Erwischt!“ Ich habe selbst erlebt, wie Interviewer die Stimme senken, einem verschwörerisch nahe kommen und fragen, ob was dran ist an den Gerüchten, ich hätte früher ... solche Geschichten geschrieben. Sie sehen immer so komplett schockiert aus, wenn ich fröhlich antworte: „O ja, meine Agentin hat mich ursprünglich kontaktiert, weil sie völlig begeistert war von meinem Faith-Buffy-Porno!“ Und dann wechseln sie meistens das Thema, weil ich mich nicht schäme. Es wird erwartet, dass ich mich für meine Vergangenheit schäme. Ich soll die Schule verleugnen, in der ich gelernt habe, ein Publikum an mich zu binden; ich soll die Leichen sämtlicher Mädchen begraben, die mich zu dem gemacht haben, was ich bin. Da mache ich nicht mit.

Fanfic ist ein natürlicher menschlicher Umgang mit Geschichten. Kinder tun es, ohne den Begriff kennen. Leute, die schwören, dass sie so etwas nie tun würden, tun es in Wirklichkeit die ganze Zeit, erzählen Märchen und Shakespeare-Dramen und Familienannekdoten in neuem Licht und neuem Setting. FANFICTION WIRD NIE AUSSTERBEN. Das müssen wir akzeptieren. Fanfiction wird nie verschwinden, sonst wäre es, als würde man einen Sack Wespen durch einen Trichter saugen. Denn wir brauchen sie. Wir müssen alte Geschichten neu lesen, Die Norm updaten und yeah, auch mal einen Vampirpimmel sehen.

Wenn ihr also Leute kennt, die über Fanfic die Nase rümpfen, die ehemaligen Fanfic-Autoren gern erklären, dass ihr Original wegen seines Ausgangspunkts weniger wert ist, oder die ganz generell einfach zweibeinige Arschlöcher mit Verstopfung sind, denkt daran:

Sie irren sich. Fanfic ist wunderschön. Beim Schreiben von Fanfic lernt man wichtige Dinge übers Geschichtenschreiben. Ich habe einen Trichter und gute Verbindungen zu Wespen.

 

Schön, dass ihr bei der heutigen Folge von Seanan regt sich über irgendwas auf dabei wart, und schaltet auch das nächste Mal zu, wenn es heißt: Nein, es ist nicht alles bloß Porno, und selbst wenn, wäre es auch kein Problem.

 

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Deutsch von Ilse Layer

 

Der Originalartikel erschien bei Tor.com

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