Die Hugo Awards 1996: Das waren die Gewinner

KOLUMNE

Die Hugo Awards 1996: Das waren die Gewinner


Die Buchreihe „Die Hugo Awards 1985-2000” gibt einen Überblick über die wichtigsten Gewinner des berühmten Hugo Awards. Welche Preisträger gab es 1996?  

Die Verleihung der HUGO-Awards fand 1996 während der L.A.con III in Anaheim statt.

Toastmaster: Connie Willis

Novel

Neal Stephenson: The Diamond Age

(1995 bei Bantam Spectra; dt. Diamond Age – Die Grenzwelt, G 41585 und G 24802)

Die Hugo Awards 1996: Das waren die Gewinner
Die Hugo Awards 1996: Das waren die Gewinner
Die Hugo Awards 1996: Das waren die Gewinner

Stephenson entwirft eine enorm vielschichtige Zukunftsgesellschaft, die durch Nanotechnologie verändert wurde. Die Nationen in ihrer heutigen Form sind nicht mehr existent. Dank eines neuen Mediensystems, dessen Ursprung das heutige Internet sein könnte, sind finanzielle Transaktionen nicht mehr zu überwachen. Die Folge war der Zusammenbruch des Steuersystems, also der Haupteinnahmequelle der Staaten. Anarchie war zunächst die Folge, bis sich Kleinstaaten bildeten, die aus ökonomischen und religiösen Einheiten bestanden. Der Gegensatz zwischen arm und reich ist weiter gewachsen, obwohl auch die Armen über hochentwickelte Technologien verfügen. Nanocomputer sind so klein, dass man sie in einem Blatt Papier unterbringen kann. Nanotechnologische Maschinen können an öffentlichen und privaten Stellen kostenlose Nahrung und Gebrauchsgegenstände generieren. Allerdings verfügt auch jeder über Waffen, um seine Parzelle zu verteidigen. Eine der einflussreichsten Gruppierungen sind die Neoviktorianer. Sie leben nach einem strengen Sitten- und Ehrenkodex und kontrollieren einen Großteil der Weltwirtschaft. Einer der Einflussreichsten namens John Percival Hackworth lässt von seinen besten Ingenieuren ein interaktives Buch entwerfen, damit seine Enkeltochter auch Dinge lernt, die über das viktorianische Schulwissen hinausgehen. Nachdem der Chefingenieur heimlich eine Kopie für seine eigene Tochter herstellt, wird er von einer Jugendbande überfallen und ausgeraubt. Als der Räuber mit dem Buch nichts anfangen kann, schenkt er es seiner kleinen Schwester Nell, die, aus ärmlichen Verhältnissen stammend, sonst keine Schulbildung erhalten und vermutlich nicht einmal lesen lernen würde. Das Mädchen beschäftigt sich ausgiebig mit der äußerst interaktiven »Illustrierten Fibel für die junge Dame«. Somit hat der Autor auch noch die Möglichkeit, ganz nebenbei eine wunderschöne und lehrreiche Fantasygeschichte in seinen Roman einzuflechten. Als das Mädchen von einem Liebhaber ihrer schlampigen Mutter misshandelt wird, flieht sie von zu Hause und findet Unterschlupf bei den Neoviktorianern, wo sie in der Schule den letzten Schliff erhält. In zahlreichen Nebenhandlungen erhält der Leser Einblick in die politischen Entwicklungen in Nells Umfeld. Der Autor hat als Handlungsort China gewählt, wodurch er neben der allgegenwärtigen HighTech auch jede Menge fernöstliche Philosophie einflechten kann. Ein einflussreicher Chinese, der als Dr. X bekannt ist, rettet Tausende von weiblichen Säuglingen, die von armen Leuten in China ausgesetzt wurden, und es gelingt ihm, auch diese Mädchen durch die Fibel zu erziehen. Als Nell fast erwachsen ist, kommt es zum Krieg um die Vorherrschaft in China, der durch eine Armee chinesischer Mädchen mit Nell an der Spitze entschieden wird.

Neal Stephenson ist ein begnadeter Erzähler, der Hunderte von Geschichten in einem Buch vereinen und ein knappes Dutzend Protagonisten führen kann, ohne sich dabei zu verzetteln. Stephenson hat so viele gesellschaftliche und technische Ideen, dass andere Autoren davon für ein halbes Dutzend Romane zehren würden. The Diamond Age ist gleichzeitig ein Postcyberpunkroman und ein Bildungsroman, der nicht zuletzt wegen der visionären Darstellung neuer Technologien zusammen mit Snow Crash Stephensons Ruf als wesentliche neue Stimme in der SF festigte. Der Titel des Buches bezieht sich auf das anbrechende neue Zeitalter der Menschheit, nach der Steinzeit, der Bronzezeit und dem Eisenzeitalter.

Damien Broderick und Paul Di Filippo schreiben in ihrem Buch Science Fiction – The 101 Best Novels 1985–2010: »The Diamond Age ist tatsächlich wegweisend und auf seine spezielle Weise perfekt.«

Wolfgang Neuhaus resümiert in seinem Essay »Zukunft als Farce: Die SF-Romane von Neal Stephenson« (in Das Science Fiction Jahr 2005, Heyne): »Stephenson entwirft rasante Szenarien mit intellektuellen Einsprengseln – ein besonderes Garn, in dem er zudem sarkastische Seitenhiebe auf die amerikanische Kultur verteilt.«

Weitere Nominierungen:

Stephen Baxter: The Time Ships

(1995 bei HarperCollins; dt. Zeitschiffe, H 5295, H 13533)

David Brin: Brightness Reef

(1995 bei Bantam Spectra; dt. in zwei Teilen: Sternenriff, G 24759 und Fremder der fünf Galaxien, G 24760; auch in Brin: Sternenriff, H 31450)

Robert J. Sawyer: The Terminal Experiment

(1995 bei HarperPrism; dt. Die dritte Simulation, G 24758)

Connie Willis: Remake

(1995 bei Bantam Spectra; nicht auf Deutsch)

 

Novella

Allen Steele: »The Death of Captain Future«

(Oktober 1995 in ASIMOV’S; dt. »Der Tod von Captain Future« in Hamilton & Steele: Der Tod von Captain Future, Golkonda)

Der 1958 geborene US-amerikanische Autor Allen Steele schreibt seit 1988 Science Fiction, und seither sind in den USA rund zwei Dutzend Bücher von ihm erschienen. Vier Romane seiner NEAR SPACE-Serie, die in unserem Sonnensystem spielt, wurden Anfang der neunziger Jahre auch auf Deutsch publiziert. 1995 kam Steele auf die Idee, eine Novelle zu schreiben, die ebenfalls im Sonnensystem spielt und in Zusammenhang mit Edmond Hamiltons Serie CAPTAIN FUTURE steht.

Erzählt wird die Geschichte von Rohr Furland, der auf dem Lastfrachter Komet arbeitet. Deren Kapitän heißt Bo McKinnon, der sich selbst für Captain Future hält. Zu seinen liebsten Besitztümern gehört eine Sammlung der alten Captain Future-Pulpausgaben. Allerdings beschreibt Allan Steele den Captain als unhöflich, respektlos, arrogant, träge, schlampig, übelriechend und fett. McKinnon ist augenscheinlich davon besessen, ein Held zu sein, und hat seinen Frachter heimlich mit Atomwaffen ausgestattet, um Weltraumpiraten bekämpfen zu können.

Es gibt gleich zwei dramatische Probleme in der Geschichte. Das Schiff Katzengold meldet sich nicht mehr, und ein Asteroid befindet sich auf Kollisionskurs mit dem Mars. Die Komet ist als einziges Schiff in der Nähe. Furland geht an Bord, glücklicherweise durch einen Raumanzug geschützt, und muss feststellen, dass die Besatzung mit der Titanischen Pest infiziert war, die sie in rasende Irre verwandelt hat, worauf sie sich gegenseitig abgeschlachtet haben. McKinnon folgt Furland, allerdings ohne Raumanzug, weswegen er sich mit der Pest infiziert. Nachdem Furland auf die Komet zurückkehrt, bleibt McKinnon auf der Katzengold und überhitzt den Reaktor, wodurch nicht nur das infizierte Schiff vernichtet wird, sondern auch der Asteroid, der die Marskolonien zu zerstören droht. Obwohl Furland kräftig nachgeholfen hat, wird McKinnon als großer Held gefeiert, der sein Leben geopfert hat. ›Captain Future‹ ist also als Held gestorben.

Auf Deutsch erschien die Novelle als Ergänzung zu den Erzählungen von Edmond Hamilton im 22. Band der CAPTAIN FUTURE-Gesamtausgabe bei Golkonda.

Weitere Nominierungen:

Ursula K. Le Guin: »A Woman’s Liberation«

(Juli 1995 in ASIMOV’S; nicht auf Deutsch)

Mike Resnick and Susan Shwartz: »Bibi«

(Dezember 1995 in ASIMOV’S; dt. »Bibi« in Friedel Wahren [Hrsg.]: Isaac Asimov’s Science Fiction Magazin, 50. Folge, H 5921)

Ursula K. Le Guin: »A Man of the People«

(April 1995 in ASIMOV’S; nicht auf Deutsch)

Nancy Kress: »Fault Lines«

(August 1995 in ASIMOV’S; dt. »Verwirrung der Gefühle« in Friedel Wahren [Hrsg.]: Isaac Asimov’s Science Fiction Magazin, 49. Folge, H 5666)

 

Novelette

James Patrick Kelly: »Think Like a Dinosaur«

(Juni 1995 in ASIMOV’S; dt. »Denken wie ein Dinosaurier« in Friedel Wahren [Hrsg.]: Isaac Asimov’s Science Fiction Magazin, 53. Folge, H 6318)

Die Geschichte spielt im späten 21. Jahrhundert. Die Menschen arbeiten mit den technisch hochentwickelten Hanen zusammen, einer reptilienartigen Spezies, die vom Erzähler Michael salopp als »Dinos« bezeichnet werden. Michael lebt auf der Tuulen-Station, die von der Hanen-Wissenschaftlerin Silloin geleitet wird. Von dieser Station aus werden menschliche Wissenschaftler per Materietransmitter zu viele Lichtjahre entfernten Planeten geschickt, um dort Forschungen zu betreiben. Michael ist eine Art technischer Assistent, der die Reisenden in Empfang nimmt und sie auf die Transmission vorbereitet. Bei der Transmission wird ein Körper gescannt, die Informationen werden durch ein künstlich erschaffenes Wurmloch übermittelt, und am Zielort wird der Körper neu aufgebaut. Um die »Harmonie« aufrecht zu erhalten, muss der »Quellkörper« vernichtet werden. Als die Biologin Kamala Shastri ihre Reise antreten soll, kommt es zu einem Zwischenfall. Zunächst wird eine fehlerhafte Transmission gemeldet, und Michael befreit Kamala aus der klaustrophobisch engen Transmitterkapsel. Als sich herausstellt, dass die Transmission doch erfolgreich war, bestehen die Dinos darauf, dass der Quellkörper beseitigt wird. Sie drohen sogar damit, weitere Transmissionen einzustellen, wenn Michael Kamala, die nun zweimal existiert, nicht beseitigt. Michael ist im Gewissenskonflikt, denn er will keinen Mord begehen. Doch schließlich gelingt es ihm, zu »denken wie ein Dinosaurier«, und er stößt Kamala zur Luftschleuse hinaus. Die Geschichte endet damit, dass Michael einige Zeit später die von ihrer Mission zurückkehrende Kamala in Empfang nimmt.

Diese Kurzgeschichte ist ein Musterbeispiel für eine hervorragend konstruierte, klassische SF-Story. Ausgehend von einer technologischen Erfindung gerät der Protagonist in ein moralisches Dilemma, in dem er eine Entscheidung fällen muss. James Patrick Kelly hat ganz zurecht den Hugo für diese auch stilistisch glänzende Erzählung erhalten.

Der US-Amerikaner James Patrick Kelly (*1951) gewann mit dieser Erzählung seinen ersten Hugo Award. Von seinen rund neunzig Erzählungen, die seit 1975 erschienen sind, wurden leider nur ein Viertel ins Deutsche übersetzt. Insgesamt wurde er von 1987 bis 2011 neunmal für den Hugo nominiert.

Weitere Nominierungen:

Mike Resnick: »When the Old Gods Die«

(April 1995 in ASIMOV’S; nicht auf Deutsch)

Allen Steele: »The Good Rat«

(Dezember 1995 in ANALOG; dt. »Die gute Ratte« in Wolfgang Jeschke [Hrsg.]: Die letzten Bastionen, H 5880)

Harry Turtledove: »Must and Shall«

(November 1995 in ASIMOV’S; nicht auf Deutsch)

Greg Egan: »Luminous«

(September 1995 in ASIMOV’S; dt. »Lichtborn« in Friedel Wahren [Hrsg.]: Isaac Asimov’s Science Fiction Magazin, 48. Folge, H 5635)

Greg Egan: »TAP«

(November 1995 in ASIMOV’S; nicht auf Deutsch)

 

Short Story

Maureen F. McHugh: »The Lincoln Train«

(April 1995 in F&SF; dt. »Der Lincoln-Zug« in Ronald M. Hahn [Hrsg.]: The Magazine of Fantasy and Science Fiction, 96. Folge: Der Lincoln-Zug, H 5892)

Die Geschichte spielt am Ende des Bürgerkrieges in den USA, nach dem Attentat auf Präsident Lincoln. Die siebzehnjährige Clara Corbett steckt mitten im Gedränge auf dem Bahnhof, von wo die weißen Sklavenhalter nach St. Louis evakuiert werden. Ihre verwirrte Mutter kommt in der Menschenmenge zu Fall und stirbt. Clara, die ihr Gepäck verloren hat, wird von einem Soldaten aufgefordert, trotzdem in den Zug zu steigen, und er beteuert, dass er sich um die verstorbene Mutter kümmert. Im Zug freundet sich Clara mit einer fremden Frau an, die ihr nach der Ankunft in St. Louis weiterhin hilft. Die Flüchtlinge konnten nur wenige Habseligkeiten mitnehmen und niemand weiß, wie ihre Zukunft aussehen wird.

Die Autorin schildert die Geschichte aus der Perspektive der jungen Frau, die nicht weiß, was um sie herum genau geschieht. Daher erhält der Leser auch keine Informationen über die vorangegangenen Ereignisse. Es gibt nur einige Andeutungen, aus denen der Leser schlussfolgern kann, dass die Verhältnisse ganz anders gelagert sind, als es die Regierung behauptet hat.

Maureen F. McHugh (*1959) gewann mit dieser Erzählung nicht nur ihren ersten Hugo, sondern ebenfalls den Locus Award und war für den Nebula Award nominiert. Die Autorin hat neben knapp fünfzig Erzählungen auch vier Romane verfasst, von denen China Mountain Zhang (1992 bei Tor; dt. ABC Zhang) der herausragendste ist.

Weitere Nominierungen:

Esther M. Friesner: »A Birthday«

(August 1995 in F&SF; nicht auf Deutsch)

Michael A. Burstein: »TeleAbsence«

(Juli 1995 in ANALOG; nicht auf Deutsch)

Tony Daniel: »Life on the Moon«

(April 1995 in ASIMOV’S; nicht auf Deutsch)

Michael Swanwick: »Walking Out«

(Februar 1995 in ASIMOV’S; dt. »Der Umzug« in Friedel Wahren [Hrsg.]: Isaac Asimov’s Science Fiction Magazin, 47. Folge, H 5481)

 

Non-Fiction Book

John Clute: Science Fiction: The Illustrated Encyclopedia

(1995 bei Dorling Kindersley; dt. Science Fiction: Die illustrierte Enzyklopädie, Heyne)

Im Gegensatz zur unillustrierten Encyclopedia of Science Fiction (siehe Hugo 1994) handelt es sich hier um ein großformatiges, kenntnisreich bebildertes Sachbuch, das Übersichten zu Themen der Science Fiction liefert und in acht Hauptkapiteln gleichzeitig ein Führer durch die Geschichte des Genres ist. Kapitel Eins (»Visionen der Zukunft«) zeigt auf Doppelseiten die zentralen Themen der SF der einzelnen Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts. Kapitel Zwei (»Historischer Kontext«) erfüllt gleich zwei Aufgaben: Clute erläutert die wichtigsten Ideen der SF wie Zeitreisen, Alternativwelten, Raumfahrt, Future Histories usw. und bildet auf nach Jahrzehnten sortierten Zeittafeln die wichtigsten Ereignisse der SF ab. Kapitel Drei zeigt und erläutert die einflussreichen Magazine und berücksichtigt dabei auch den europäischen Markt. Im vierten Kapitel werden wichtige Autoren vorgestellt, chronologisch nach ihrer bedeutendsten Schaffensphase sortiert. Neben den Angaben zu Lebensdaten, Nationalität, den Hauptwerken und einem erläuternden Text gibt es jeweils auch eine chronologische Bibliographie der Autoren. Besonders wertvoll für Sammler ist der Abdruck der Autogramme, wodurch man abgleichen kann, ob das Gekritzel in einem antiquarisch erworbenen Buch eventuell vom Verfasser des Werkes stammt. Auch in diesem Kapitel gibt es Zeittafeln, die jedem Jahr die bedeutendsten Werke, Tendenzen und Debüts zuordnen. Kapitel Fünf stellt jeweils mit Titelbild die wichtigsten Klassiker des Genres vor, und in Kapitel Sechs geht es um grafische Werke, also die großen Illustratoren und Titelbildkünstler sowie um US-amerikanische, europäische und japanische Comics. Kapitel Sieben listet schließlich chronologisch sortiert die wichtigen Filme auf und erläutert auf Doppelseiten die filmischen Höhepunkte der einzelnen Jahrzehnte. Gleiches gilt auch für das letzte Kapitel, in dem internationale Fernsehserien vorgestellt werden. Abgerundet wird das Buch durch Glossar, Stichwortverzeichnis und Danksagungen. Der Heyne-Verlag hat der deutschen Ausgabe des Buches noch sehr vorbildlich eine deutsche Bibliographie hinzugefügt; leider ist jedoch die Übersetzung misslungen.

Während die eingangs erwähnte Encyclopedia of Science Fiction sich bemüht, möglichst alle Informationen zum Genre und seinen Autoren zu liefern, so hat Clute in diesem Buch eine klug strukturierte Historie der SF geschaffen, die sich auf das Wesentliche beschränkt und die es auch weniger im Genre bewanderten Lesern erlaubt, die Höhepunkte der SF kennenzulernen.

Weitere Nominierungen:

Isaac Asimov, hrsg. von Stanley Asimov: Yours, Isaac Asimov: A Lifetime of Letters

(1995 bei Doubleday; nicht auf Deutsch)

Bob Eggleton: Alien Horizons: The Fantastic Art of Bob Eggleton

(1995 bei Dragon’s World/Paper Tiger; nicht auf Deutsch)

Cathy Burnett & Arnie Fenner (Hrsg.): Spectrum 2: The Best in Contemporary Fantastic Art

(1995 bei Underwood; nicht auf Deutsch)

Joanna Russ: To Write Like a Woman: Essays in Feminism and Science Fiction

(1995 bei Indiana University Press; nicht auf Deutsch)

 

Dramatic Presentation

BABYLON 5: »The Coming of Shadows«

(Babylonian Productions; Drehbuch J. Michael Straczynski; Regie Janet Greek; dt. »Schatten am Horizont«)

Die Fernsehserie BABYLON 5 startete 1993 fast zeitgleich mit dem STAR TREK-AblegerDEEP SPACE NINE und in beiden Serien geht es um eine Raumstation und deren Bewohner. In beiden Serien gab es zunächst Folgen, die die Zuschauer mit den Figuren und dem Handlungsort vertraut machten, die aber nicht mit einem größeren Handlungsrahmen in Zusammenhang standen. Allerdings hatte J. Michael Straczynski, der Schöpfer von BABYLON 5, von Anfang an geplant, eine epische Geschichte zu erzählen, die in der Mitte der ersten Staffel langsam in Fahrt kam. Die Raumstation Babylon 5 hat nicht nur eine große Anzahl an Bewohnern, sondern ist auch ein politisches Zentrum, in dem Botschafter die Interesse ihrer Völker vertreten und der Kommandant eine Vermittlerrolle einnimmt.

»The Coming of Shadows« ist die siebte Episode der zweiten Staffel der erfolgreichen Fernsehserie und trägt den gleichen Titel wie die gesamte Serienstaffel. Erzählt wird, wie der Imperator der Centauri die Station Babylon 5 besucht und welche Auswirkungen das auf seine politischen Gegner, insbesondere den Narn-Botschafter G’Kar hat. Es zeichnet sich ab, dass die »Schatten«, eine hochentwickelte und gefährliche Spezies, einen Krieg beginnen werden und die Existenz aller anderen Völker bedrohen.

Diese Folge stellt aus unterschiedlichen Gründen einen Wendepunkt in der Handlung der Serie dar. Zum einen wird die Bedrohung durch die Schatten greifbarer, zum anderen zeichnet sich ab, dass einige der wichtigen handelnden Figuren deutlich vielschichtiger sind, als es zuvor den Eindruck erweckte.

Die Encyclopedia of Science Fiction bezeichnet BABYLON 5 als einen der wichtigsten Meilensteine in der Entwicklung des SF-Fernsehens und lobt die neuartige, innovative Erzählweise der Serie.

Weitere Nominierungen:

Apollo 13

(Imagine/Universal; Drehbuch William Broyles Jr. & Al Reinert; Regie Ron Howard; basiert auf dem Buch Lost Moon von Jim Lovell & Jeffrey Kluger; dt. Apollo 13)

12 Monkeys

(Atlas/Universal; Drehbuch David Webb Peoples & Janet Peoples; Regie Terry Gilliam; basiert auf dem Film La Jetee von Chris Marker; dt. 12 Monkeys)

Toy Story

(Disney/Pixar Animation; Drehbuch Joss Whedon & Andrew Stanton & Joel Cohen & Alec Sokolow; Regie John Lasseter; dt. Toy Story)

Star Trek – Deep Space Nine: »The Visitor«

(Paramount; Drehbuch Michael Taylor; Regie David Livingston; dt. »Der Besuch«)

Professional Editor

Gardner Dozois

Die Hugo Awards 1996: Das waren die Gewinner
Die Hugo Awards 1996: Das waren die Gewinner
Die Hugo Awards 1996: Das waren die Gewinner

ASIMOV’S war auch in diesem Jahr das beliebteste Magazin bei den SF-Fans. In den drei Rubriken Novella, Novelette und Short Story gab es gleich zwei Gewinner aus ASIMOV’S, nämlich Allen Steeles »The Death of Captain Future« (dt. »Der Tod von Captain Future«) und James Patrick Kellys »Think Like a Dinosaur« (dt. »Denken wie ein Dinosaurier«). Und zwölf der insgesamt sechzehn Hugo-Nominierungen in den drei Rubriken sind in ASIMOV’S erschienen, darunter so klangvolle Namen wie Ursula K. Le Guin, Mike Resnick, Nancy Kress, Greg Egan und Michael Swanwick. Da ist es nur folgerichtig, dass Gardner Dozois ein weiteres Mal den Hugo als bester professioneller Herausgeber gewonnen hat.

Darüber hinaus stellte Dozois die Anthologien Angels! und Dinosaurs II (Ace Books, gemeinsam mit Jack Dann), The Year’s Best Science Fiction: Twelfth Annual Collection (St. Martin’s Press), Killing Me Softly: Erotic Tales of Unearthly Love (HarperPrism), Isaac Asimov’s Ghosts und Isaac Asimov’s Skin Deep (Ace Books, gemeinsam mit Sheila Williams) zusammen.

Weitere Nominierungen:

Kristine Kathryn Rusch
Stanley Schmidt
Ellen Datlow
Scott Edelman

 

Professional Artist

Bob Eggleton

Eggelton erhielt in diesem Jahr seinen zweiten Hugo (siehe 1994). 1995 war ein enorm erfolgreiches Jahr für den Künstler. Dutzende älterer Titelbilder wurden für Neuauflagen verwendet, insbesondere für die NECROSCOPE-Serie von Brian Lumley. Darüber hinaus gab es dreißig neue Titelbilder von ihm, so zum Beispiel für die Bücher Bloodhype und mehrere Neuausgaben älterer Romane von Alan Dean Foster, The Time Ships von Stephen Baxter, Kaleidoscope Century von John Barnes und Legacy von Greg Bear. Ganze acht Magazintitelbilder stammen ebenfalls von Eggleton: ABSOLUTE MAGNITUDE (Frühjahr 1995), MARION ZIMMER BRADLEY’S FANTASY (Sommer 1995), ANALOG (Januar und November 1995), ASIMOV’S (Juli 1995), REALMS OF FANTASY (Oktober 1995), F&SF (Oktober/November 1995) und INTERZONE (November 1995). Ein besonderer Höhepunkt war 1995 der Bildband Alien Horizons: The Fantastic Art of Bob Eggleton, der auf 128 Seiten eine umfangreiche Werkschau des Künstlers bietet.

Weitere Nominierungen:

Michael Whelan
Don Maitz
Jim Burns
Thomas Canty

 

Original Artwork

James Gurney: Dinotopia: The World Beneath

(1995 bei Turner)

Nachdem James Gurney bereits 1993 einen Hugo für den ersten Band seiner DINOTOPIA-Serie erhalten hatte, setzte er in The World Beneath die Geschichte fort und erzählte neue Abenteuer von Arthur Denison auf Dinotopia, wieder mit wundervollen Illustrationen als opulentes Bilderbuch gestaltet.

Die Serie war so erfolgreich, dass Gurney noch die weiteren Bände First Flight (1999) und Journey to Chandara (2007) verfasste. Ab 1995 erschien eine Serie von sechzehn kurzen Romanen für Kinder, die die Figuren von Dinotopia aufgriffen, und Alan Dean Foster schrieb zwei Fantasy-Romane für Erwachsene: Dinotopia Lost (1996) und Hand of Dinotopia (1999). 2002 wurde die vierstündige Fernseh-Miniserie Dinotopia produziert, gefolgt von einer dreizehnteiligen Serie im selben Jahr. Außerdem gibt es inzwischen einen Zeichentrickfilm und fünf Computerspiele.

Weitere Nominierungen:

Cover of ANALOG, January 1995 by Bob Eggleton
Cover of F&SF, January 1995 by Gary Lippincott
Cover of F&SF, October-November 1995 by Bob Eggleton
Cover of ANALOG, March 1995 by George H. Krauter

 

Semiprozine

LOCUS (Charles N. Brown)

Nachdem LOCUS bis 1992 bereits 17 Hugos gewonnen hatte und drei Jahre aussetzen musste, hatte Charles Brown nun wieder die Gunst der Fans.

1995 erschienen wiederum zwölf Ausgaben mit 76 bis 88 Seiten. Interviewt wurden in diesem Jahr unter anderem Tad Williams, Jack McDevitt, Elizabeth Moon, Clive Barker, George R. R. Martin, Jack Womack, Pat Cadigan, John Clute, Lois McMaster Bujold, Brian Aldiss, Elizabeth Hand, Samuel R. Delany, Kevin J. Anderson und Gwyneth Jones. Fritz Leibers Kolumne »Moons & Stars & Stuff«, die von 1982 bis 1992 in LOCUS erschien, war mit dem Tod des Autors 1992 eingestellt worden. Über internationale SF berichtete man aus England, Südostasien, Australien, Kroatien, Brasilien, Neuseeland, Frankreich, Tschechien, Skandinavien, Portugal und Russland, und es gab einige Nachrufe, insbesondere auf Ian Ballantine, Roger Zelazny, Kingsley Amis und John Brunner. Die zahlreichen Buchrezensionen wurden von Faren Miller, Gary K. Wolfe, Edward Bryant, Carolyn Cushman, Russell Letson und Shira Daemon geschrieben.

Weitere Nominierungen:

SCIENCE FICTION CHRONICLE (Andrew Porter)
INTERZONE (David Pringle)
THE NEW YORK REVIEW OF SCIENCE FICTION (David Hartwell, Ariél Hamion & Tad Dembinski)
CRANK! (Bryan Cholfin)

 

Fanzine

ANSIBLE (Dave Langford)

Der dritte Hugo für ANSIBLE (siehe 1987 und 1995) bestätigte die Bedeutung Langfords als Nachrichtenzentrale des SF-Fandoms. Und ein E-Mail-Newsletter war bestens geeignet, um Nachrichten schnell überall im Fandom zu verbreiten.

Weitere Nominierungen:

MIMOSA (Dick & Nicki Lynch)
LAN’S LANTERN (George »Lan« Laskowski)
ATTITUDE (Michael Abbott, John Dallman & Pam Wells)
APPARATCHIK (Andrew Hooper & Victor Gonzalez)
FOSFAX (Timothy Lane & Elizabeth Garrott)

 

Fan Writer

Dave Langford

Langford informierte das Fandom mit ANSIBLE wie bisher regelmäßig über besondere Ereignisse und fasste die Informationen für das Magazin INTERZONE in seiner Kolumne zusammen. Für LOCUS schrieb er den Nachruf auf John Brunner und auch sonst erschienen in mehreren Fanzines seine Texte und Rezensionen.

Weitere Nominierungen:

Sharon Farber
Evelyn C. Leeper
Andy Hooper
Joseph T. Major

 

Fan Artist

William Rotsler

William Rotsler (1926–1997), der sich als Zeichner immer Bill Rotsler nannte, war insgesamt zweiundzwanzig Mal für den Hugo nominiert und hat ihn vier Mal gewonnen (siehe auch 1975, 1979 und 1997). Obwohl er auch als Autor tätig war, zeichnete er vor allem Cartoons und gelegentlich auch Titelbilder für LOCUS.

Weitere Nominierungen:

Teddy Harvia
Joe Mayhew
Peggy Ranson
Ian Gunn

 

Campbell Award

David Feintuch

Der US-Amerikaner David Feintuch (1944–2006) war Rechtsanwalt und Antiquitätenhändler, bevor er im Alter von fünfzig Jahren seinen ersten Roman veröffentlichte. Dabei handelte es sich um den ersten NICK SEAFORT-Roman, einen Military-SF-Roman, der sich an C. S. Foresters HORATIO HORNBLOWER-Serie orientierte: Midshipman’s Hope (1994 bei Aspect/Warner Books; dt. Sternenkadett Nick Seafort). Im nächsten Jahr erschienen gleich zwei Fortsetzungen: Challenger’s Hope (1995 bei Aspect/Warner Books; dt. Commander Nick Seafort) und Prisoner’s Hope (1995 bei Aspect/Warner Books; dt. Captain Nick Seafort).

Insgesamt umfasst die SEAFORT-Serie sieben Bände (bis 2001) und erzählt die Laufbahn des Titelhelden vom Kadetten bis zum Admiral.

Zu einer zweiten Serie – diesmal Fantasy – gehören die KING RODRIGO-Bücher: The Still (1997 bei Aspect/Warner Books; dt. Der Spiegel von Caledon) und The King (2002 bei Ace Books). Kurzgeschichten hat Feintuch nicht veröffentlicht.

Weitere Nominierungen:

Felicity Savage
Michael A. Burstein
Sharon Shinn
Tricia Sullivan

 

Special Committee Award

William Rotsler for his service to Los Angeles fandom

Im Fandom war William Rotsler (1926–1997) bereits seit den späten 1940er Jahren aktiv, schon 1946 zeichnete er Coverillustrationen für Fanzines, zum Beispiel THE ACOLYTE #14. Er gab eine Reihe von Fanzines heraus (KTEIC MAGAZINE, MASQUE, TAPEBOOK, THE TATTOOED DRAGON und VOYAGE) und war Mitglied mehrerer APAs.

Ab 1958 gab er das pornografische Magazin ADAM  FILM QQUARTERLY heraus und war in der Pornobranche zunächst als Fotograf, später bis 1969 als Autor, Regisseur und Darsteller bei rund zwei Dutzend Softpornos tätig.

1995 gab Rotsler das Buch Science Fictionisms mit Zitaten von berühmten SF-Autoren wie Ray Bradbury, Robert A. Heinlein, Ursula K. Le Guin und vielen anderen heraus. Drei seiner Romane sind auch ins Deutsche übersetzt worden, nämlich Patron of the Arts (1974 bei Ballantine; dt. Ein Patron der Künste), To the Land of the Electric Angel (1976 bei Ballantine; dt. Ins Land des elektrischen Engels) und Shiva Descending (zusammen mit Gregory Benford, 1980 bei Avon; dt. Schiwas feuriger Atem bzw. Wenn der Himmel auf die Erde stürzt). Doch trotz gut einem Dutzend weiterer professioneller Romanveröffentlichungen bleibt Rotsler hauptsächlich wegen seiner Zeichnungen und Fanzines im Gedächtnis der Fans.

 

 

__

Hardy Kettlitz hat in seinem Buch „Hugo Awards 1985-2000” (erschienen 2016 bei Golkonda) die Gewinner des berühmten Hugo Awards – einem der wichtigsten Science-Fiction-Preise der Welt – zusammengetragen und erklärt, warum die Preisträger zu Gewinnern wurden. Genau diesen Überblick über die Geschichte der Science Fiction möchten wir mit euch teilen. 

 

© 2016 by Hardy Kettlitz

Share:   Facebook