Weihnachtstipps: Science-Fiction-Lesetipps aus der Buchhandlung Otherland

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Weihnachtstipps: Science-Fiction-Lesetipps aus der Buchhandlung Otherland


Jeden Monat geben euch hier die Jungs der Berliner Fantasy-und Science-Fiction-Buchhandlung Otherland allerhand Lesetipps. Hier ein paar Ideen für Geschenke aus der Science-Fiction-Literatur..

 

 

Ursula K. LeGuin - Keine Zeit verlieren. Über Alter, Kunst, Kultur und Katzen

Dieser Band, der in diesem Jahr posthum mit dem Hugo als “Best Related Work” ausgezeichnet wurde, versammelt einige der Artikel, die Ursula K. LeGuin ab 2010 auf ihrem privaten Blog (immer noch abrufbar) veröffentlichte. Wie zu erwarten, enthält das Buch Reflektionen über das Schreiben und die Literatur, über Frauen, Männer und Politik, aber auch persönlichere Einträge über das Altern und über LeGuins persönliches (menschliches und tierisches) Umfeld. Das ist zum Teil erhellend, zum Teil trivial, immer aber eloquent formuliert und engagiert, durchdacht.

Ich finde allgemein, dass es nicht jeder Blogpost gut verträgt, gedruckt zu werden, weil er beim Wechsel von einem Medium ins andere schnell seine Leichtigkeit einbüßt. Mit manchen der Texte in diesem Buch ging mir das so, und ich würde sie auch nicht zum Einstieg in LeGuins Schriften und ihre Gedankenwelt empfehlen. Für die, die mit ihrem Werk vertraut sind, ist dieses Buch der schöne Nachhall einer literarischen Stimme, von der auf Deutsch bisher noch viel zu wenig verfügbar ist. 

Dietmar Dath - Der Schnitt durch die Sonne

Ein Sonnengeschöpf in Gestalt einer Teenagerin mit Manga-Motivpulli trommelt auf teilweise recht Rabiate Weise ein Spezialistenteam zusammen: Einen reichen Feinschmecker, eine Mathematikerin, noch andere Leute, die mit Zahlen können, eine Oma mit stalinistischer Politgruppenvergangenheit … für eine Reise zur Sonne. Die ganzen Sonnenwirbel und was man da so sieht und nicht sieht, die sind nämlich eine Zivilisation. Und die hat einen Konflikt. Vielleicht brütet sie sogar einen Krieg aus. Und braucht dringend Klärungshilfe von außen.

So kann man Der Schnitt durch die Sonne auf seinen SF-Nenner bringen und an dem vorbeischreiben, was die wirklich guten Dath-Bücher so toll macht. Den so gern Dath einen auch mit Kunst-, Politik- oder Kategorientheorie oder was immer ihn sonst gerade beschäftigt vollschwallt (und er macht das ja wirklich gut!), am schönsten ist er doch immer da, wo er es einem ganz selbstverständlich und beiläufig unter der Haut seiner Figuren gemütlich macht. Die stalinistische Oma ist halt keine Karikatur, sondern eine mit Respekt vorgestellte politische Person, die nebenbei der einzige Rettungsanker für eine sich vor Liebeskummer verzehrende Enkelin ist … und bei einem anderen Protagonisten geht es darum, wie er nach dem privaten und beruflichen Absturz wieder ins Gleichgewicht - und sogar zu kurzzeitigem Glück findet - indem er die Edeka-Märkte der Gegend erforscht und in ein persönliches Wertungssystem einordnet. Ist lustig und glaubwürdig und sogar mitreißend, weil man mitansehen kann, wie der Kerl sich dabei langsam aus seinem tiefen Loch hocharbeitet.

Überhaupt ,die ganzen ersten hundert “Getting the Band together”-Seiten des Buches, in dem das eigenwillte Team zusammengeholt wird, sind eigentlich mein Lieblingsteil. Ja, danach wird’s schön kosmisch, aber was Dath am meisten kann, ist einfach sich Leute vorzustellen, die ich mir auch vorstellen kann. 

Nnedi Okorafor - Binti

Nachdem ich etwas durch Lagoon gestolpert bin, hab ich mich in Okorafors Binti verliebt - vor allem der erste Band hat es mir im Englischen angetan, Binti, die junge Himba-Frau, die aus ihrem afrikanischen Dorf zur galaktischen Universität abhaut. Mitten zwischen die Fronten zwischen Menschen und Medusen gerät. 
Das ist Science Fiction. Frisch. Ohne Drehbuch. Manchmal auch sperrig, wenn Afrofuturismus-typisch Ansätze von Magie, uralten Geheimnissen und Ritualen vorkommen. Frisch auch, weil Bintis weibliche Rolle nicht in Stereotypen hängen bleibt - sie ist weder Opfer noch Täter und trotzdem verantwortlich für ihr Handeln.
Großartiges Gesamt-Coverdesign der Okorafor-Ausgaben vom Cross-Cult-Verlag, da ist Verständnis und Liebe zum Inhalt und zur Autorin drin - und Respekt vor den Lesern. 

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Adrian Tchaikovsky - Die Kinder der Zeit

Perfekter moderner Klassiker, ein Buch und fertig: die Menschheit hat die Erde kaputt gemacht und stolpert Richtung Eden, einem terraformten Kolonieplaneten aus alten Zeiten - doch der ist inzwischen nicht mehr unbewohnt.

Das Thema ist alt, doch Tchaikovsky bringt mehr fertig, als es nur aus dem Eisschrank zu holen und aufzutauen - knackig, zügig und frisch stellt er Fragen und lässt Antworten offen, lässt Ideen kollidieren und  nach dem Knall weiter ungeklärt. Gott sei Dank nur ein Buch, und am Ende wünscht man sich, es würde eine Fortsetzung geben. 

Kim Stanley Robinson - New York 2140

Die Klimakatastrophe hat in zwei großen Wellen so richtig zugeschlagen, und zu den Städten, die dabei zumindest teilweise unter den Meeresspiegel abgesunken sind, gehört New York. Das hält die New Yorker natürlich nicht davon ab, die legendäre Metropole weiter zu bewohnen.Als Angelpunkt für seine Porträt des des abgesoffenen New York nimmt Robinson die Bewohner des halb unter Wasser stehenden Met Life Towers am Madison Square. Wie gewohnt politisch erzählt er durch sie Geschichten über Migration und Reichtumsgefälle, über Wohnraumkämpfe und Gentrifizierung, über ein irrwitziges Finanz- und Wirtschaftssystem und über sich wandelnde Ökologien. Bezeichnenderweise kann man über New York 2140 im Internet sowohl lesen, dass es Robinsons bisher pessimistischster Roman sei als auch sein optimistischster. Ich tendiere zu letzterer Einschätzung, und sei es nur, weil das Menschenbild, das Robinson mit den Figuren zeichnet, ein zutiefst humor- und hoffnungsvolles ist - mögen die Systeme, die diese Menschen sich erschaffen haben, auch noch so bescheuert sein ...

Hao Jingfang - Wandernde Himmel

Im Jahre 2096 gründet die Erde eine Marskolonie, die sich gesellschaftlich schon bald in eine völlig andere Richtung entwickelt. Hundert Jahre später wird eine Gruppe Jugendlicher zur gegenseitigen Verständigung vom Mars zur Erde gesandt …

Nachdem Cixin Liu in Deutschland eingeschlagen hat wie drei wandernde Sonnen, war es natürlich nur eine Frage relativ kurzer Zeit, bis die deutschen Verlage weitere chinesische SF-AutorInnen für sich entdecken. Von Hao Jingfang ist beim Kleinverlag Elsinor bereits die Novelle Peking falten in deutscher Übersetzung erschienen, ein kleines, nachdenkliches Social-Fiction-Werk über eine denkbar radikale Spaltung der chinesischen Gesellschaft. Mit Wandernde Himmel kommt nun ein mächtiges Werk, dessen Prämisse an Ursula K. LeGuins Klassiker The Dispossesed (dt. zuletzt als Freie Geister) erinnert. Schön, dass uns mit Hao Jingfang jetzt eine chinesische Autorin einer jüngeren Generation und mit ganz anderen inhaltlichen Schwerpunkten als Cixin Liu zugänglich wird!

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Cory Doctorow - Walkaway

Und noch einmal eine durch den Klimawandel radikal veränderte Welt ... aber Doctorow wagt das mindestens ungewöhnliche und schreibt tatsächlich von der unerwarteten - und unerwartet glaubwürdigen - Entwicklung hin zu einer gesellschaftlichen Utopie. Nachdem die Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel dank 3D-Printing und ähnlicher Technologien endlich in den Händen jeder und jedes Einzelnen liegt, entschließen sich immer mehr Menschen, die alte, kaputte Gesellschaft einfach hinter sich zu lassen .. 


Geschrieben von den Otherlandern Sarah, Jakob und Wolf.

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