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Über den Tellerrand: 10 aktuelle Krimi-Buchtipps


Auf Tor-Online.de bekommt ihr regelmäßig Buchtipps aus der Fantasy, Science Fiction und Horrorliteratur. Natürlich lesen unsere Redakteure auch über die Genregrenzen hinweg. Christian Endres hat die besten Krimis aus den aktuellen Verlagsprogrammen für euch ermittelt. 

Cops gegen Rassismus: Darktown von Thomas Mullen

Deutsch von Berni Meyer • Dumont, Hardcover, 480 Seiten • 24 Euro

Um sich die Stimmen der afroamerikanischen Gemeinde zu sichern, ernennt Atlantas Bürgermeister 1948 die ersten acht schwarzen Polizisten der Stadt. Diese historische Begebenheit macht Thomas Mullen zum Aufhänger seines Romans „Darktown“. Der exquisite Cop-Krimi aus den Südstaaten schildert die erschreckende Geschichte des Rassismus in den USA. Denn auch Mullens Streifenpolizisten sind Zielscheiben: für den Hass ihrer weißen Kollegen; und für Misstrauen und Hoffnung ihrer Nachbarn. Mullen zeigt die hässliche Fratze und die komplizierten Gesichter des damaligen Rassenhasses, während die Cops einer Verschwörung auf die Schliche kommen. Ein Kandidat für den Krimi des Jahres.

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Schottische Eskalation: Ed ist tot von Russel D McLean

Deutsch von Claudia Feldmann • Golkonda, Paperback, 280 Seiten • 12,90 Euro

Wer bei „Ed ist tot“ eine Buchhändlerinnen-Krimikomödie erwartet, wird sich wundern. Russel D McLeans Roman entpuppt sich als harter, eskalationsfreudiger Noir-Thriller mit Pageturner-Qualität. Als rasanter Reißer, wie man ihn auch in den nie feingeistigen, dafür stets packenden Bänden der „Hard Case“-Reihe finden könnte, die dem grellen amerikanischen Pulp-Krimi früherer Tage Tribut zollt – und in der auch schon Robert Bloch und Stephen King verlegt wurden. McLean ist mit seinem schottischen Pulp jedoch eher eine immer krasser und brutaler werdende Mischung aus Megan Abbott und Allan Guthrie.

Deutscher Goldstandard: Mexikoring von Simone Buchholz

Suhrkamp, Paperback, 250 Seiten • 14,95 Euro

Der neueste, achte Band über Simone Buchholz’ Ermittlerin Chastity Riley ist auch für Quereinsteiger in die Serie ein Vergnügen – und unterstreicht, dass die 1972 geborene Autorin den Goldstandard des deutschen Krimis stellt. Während es im flotten Roman um bedenkliche Clan-Subkulturen in Deutschlands Städten geht, reichert Buchholz ihr schmales Buch mit herrlich kaputten Figuren und einem gigantischen Sound an. Wirklich bemerkenswert, und da stört dann auch das überzogene Ende nicht.

Südstaaten-Meisterwerk: Joe von Larry Brown

Deutsch von Thomas Gunkel • Heyne Hardcore, Hardcover, 352 Seiten • 22 Euro

Larry Browns „Joe“, ein famoser Südstaaten-Roman aus dem Jahre 1991, behandelt Armut, Gewalt und Widersprüchlichkeit im rückständigen Süden der USA. Es geht also um den so genannten ‚White Trash‘. Dabei kommt Browns berühmtestes Buch wesentlich gefälliger daher als das Spin-off „Fay“, das Heyne merkwürdigerweise zuerst veröffentlichte. „Joe“ wurde 2014 mit Nicolas Cage verfilmt und setzt Hässliches und Schönes, Edles und Verkommenes sowie Gutes und Schlechtes in einen kraftvollen Kontrast und erinnert an die Meisterwerke von William Gay. Längst ein Südstaaten-Klassiker.

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Chinesischer Sherlock: Das Auge von Hongkong von Chan Ho-kei

Deutsch von Sabine Längsfeld • Atrium, Hardcover, 576 Seiten • 24 Euro

Gute Krimis sind oft gute Gesellschaftsstudien, ob aktuell oder historisch. Auch Chan Ho-kei inszeniert in seinem international gepriesenen Buch nicht bloß mehrere knifflige, klassisch anmutende Fälle seines genialen Inspector Kwan, des Sherlock Holmes von Hongkong. Gleichzeitig bewegt sich der 1975 geborene Ho-kei rückwärts durch die Geschichte der außergewöhnlichen Metropole und schildert mit viel Kenntnis und Fingerspitzengefühl den Wandel und die Menschen seiner Heimatstadt.

Pulp-Hommage: Noir von Christopher Moore

Deutsch von Jörn Ingwersen • Goldmann, Paperback, 416 Seiten • 17 Euro

Christopher Moore, der vor Jahren mit seiner unverfrorenen Jesus-Komödie „Die Bibel nach Biff“ für Aufsehen sorgte, bringt seine Leser aus Prinzip zum Lachen. Das ist in seinem neuen Buch „Noir“ nicht anders, das eine Hommage an Crime Noir, Hardboiled-Stoffe und Pulp-Krimis darstellt. Moore trifft durchgehend den richtigen Ton, und seine Figuren sind ebenso witzig wie sympathisch. Der beliebte US-Autor mixt sogar ein außerirdisches Geheimnis aus Roswell in seine schräge Story. Ein ganz launiger, genre-nostalgischer Pulp-Krimi.

Chefermittler: Die Verlorene von Michael Connelly

Deutsch von Sepp Leeb • Droemer, Hardcover, 448 Seiten • 22,99 Euro

„Bosch“ ist die mit Abstand beste, atmosphärische Krimi-Fernsehserie auf Amazon Prime. Umso schöner, dass die seit 1992 laufende Buchreihe des amerikanischen Bestsellerautors und Genre-Veteranen Michael Connelly derzeit eine besonders starke Phase durchläuft. In „Die Verlorene“ jagt Harry Bosch als Reserve-Cop und Privatdetektiv einen Serienvergewaltiger sowie einen Milliardenerben. Unterstützt wird er von seinem Halbbruder Haller, bekannt aus dem Film „Der Mandant“. Ein phänomenaler Polizei-Krimi. Wer noch nie ein Bosch-Buch gelesen hat, kann problemlos mit „Ehrensache“ oder „Die Verlorene“ anfangen.

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Krimi-Märchen: Gun Love von Jennifer Clement

Deutsch von N. v. Schweder-Schreiner • Suhrkamp, Hardcover, 251 Seiten • 22 Euro

Jennifer Clement siedelte ihren neuen Roman in Florida an, dem Hoheitsgebiet der schrägen Typen aus den Werken von Harry Crews und Carl Hiassen. Die junge Pearl lebt mit ihrer Mutter in einem Auto vor einem Trailerpark, bis zwielichtige Waffengeschäfte und Liebhaber ihr Leben noch weiter aus der Bahn werfen. Clements „Gun Love“ glänzt als ein modernes Märchen über das heutige Amerika, zu dem Waffen, Gewalt, Versehrtheit und Armut gehören. Traurig, aber auch schön und poetisch.

Filmreif: Safe von Ryan Gattis

Deutsch von I. Herzke & M. Kellner • Rowohlt, Hardcover, 416 Seiten • 20 Euro

Ein Gangster-Krimi über einen sterbenskranken Safeknacker, der sein letztes Ding fürs Allgemeinwohl drehen will, und über die scheidende rechte Hand eines Drogenbosses. Stark geschrieben, wenngleich etwas gefühlsduselig. „Safe“, nach „In den Straßen der Wut“ der zweite Roman von US-Autor Ryan Gattis, wird sicher ein guter Film, den man besser findet, als er es verdient. So ist es auch mit dem Buch. Trotzdem allemal was für Fans von Don Winslow und bis zum Ende lesenswert, weil die Introspektive der Kriminellen überzeugt und die coolen Szenen überwiegen. Oh, und das Hardcover sieht mit schwarzen Schnittkanten und Cover-Prägung wie ein kleiner Safe aus. Hübsch.

Krimi-Kunst: Das Mädchen mit dem Fächer von Lawrence Block (Hrsg.)

Deutsch von Frauke Czwikla • Droemer, Hardcover, 352 Seiten • 29,99 Euro

Der 1938 geborene Laurence Block darf als Riese der amerikanischen Kriminalliteratur bezeichnet werden. Nachdem er mit „Nighthawks“ bereits eine Krimi-Anthologie herausgab, in denen Stephen King und viele andere neue Kurzgeschichten zu Gemälden von Edward Hopper schrieben, liegt nun die zweite Anthologie auf Deutsch vor. Diesmal ließen sich u. a. Rambo-Schöpfer David Morrell, Joe R. Lansdale, Michael Connelly und Lee Child jedoch von verschiedenen Künstlern inspirieren, darunter van Gogh, Gauguin und Rockwell. Eine Sammlung voller Krimi-Kunst.

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