Kolumne von Stephen H. Segal: Die Weisheit der Nerds: J. Robert Oppenheimer

KOLUMNE

Die Weisheit der Nerds: J. Robert Oppenheimer


Stell dir vor, du wärst kein harmloser Kulturnerd mit seiner harmlosen Weltherrschaftsphantasie (die so viele von uns hegen), sondern entscheidend an der Entwicklung einer Waffe beteiligt, die Zehntausende Menschenleben von einem Moment auf den nächsten auslöschen kann, mit Feuer, Schrecken und jeder Menge Leichen. Als Oppenheimer am 16. Juli 1945 dem Trinity-Atombombentest beiwohnte, wusste er, dass er etwas Furchterregendes erschaffen hatte, etwas von fast gottgleicher Macht  – und deshalb zitierte er Vishnu, den obersten Gott der vaishnavistischen Strömung des Hinduismus. Die Erfinder der Bombe legten Amerika eine gewaltige Macht in die Hände – und damit eine kaum fassbare Verantwortung. Science-Fiction-Autoren hatten schon seit Jahren vor einem Nuklearen Holocaust gewarnt, doch als er tatsächlich in den Bereich des Möglichen rückte, veränderte das die Welt nachhaltig. Davor saßen wir – von der Sonne aus gesehen – auf dem dritten Stein und waren immer noch Tiere. Danach hatten wir Tiere plötzlich die Fähigkeit, diesen Stein zu zertrümmern. Oppenheimer brauchte keinen Stan Lee, der ihm erzählte, dass mit dieser Macht auch eine gesteigerte Verantwortung einherging.

 

Kaum ein Zitat in der Welt der Science-Fiction ist so ausgelutscht wie Oppenheimers Satz vom „Zerstörer der Welten“. Mithalten kann da eigentlich nur noch Percy Shelleys „Seht meine Werke, Mächt’ge, und erbebt!“.


Die nächste Weisheit zur Wochenmitte gibt es wieder am kommenden Mittwoch. Dann erwartet euch eine neue nerdige Erkenntnis aus Stephen H. Segals Buch "Die Weisheit der Nerds".

 

 

Aus dem Amerikanischen von Achim Fehrenbach

 

Copyright © 2011 by Quirk Productions, Inc.
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First published in English by Quirk Books, Philadelphia, Pennsylvania.
Für den deutschen Text: © 2016 S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main

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