Foto: Sarah Reeve

INTERVIEW

"Mortal Engines"-Autor Philip Reeve im Interview: „Ich plane nie voraus …“


Seit kurzem ist auch der 2. Band der „Mortal Engines“-Buchreihe in der Neuübersetzung erhältlich. Im Interview verrät uns Autor Philip Reeve seine Gedanken über die Verfilmung von Herr-der-Ringe-Regisseur Peter Jackson, das Schreiben und den ganzen Rest. 

Mortal Engines steckt voller starker Bilder: Städte, die durch halbwegs vertraute Landschaften rollen, schwebende Lufthäfen oder Gebirgsformationen, die dem Eiswall in Das Lied von Eis und Feuer ähneln. Was glauben Sie, welches dieser Bilder war im Film wohl am schwersten umzusetzen?

Das entscheidende Bild, der Mittelpunkt des Romans, ist das zukünftige London, das als mehrstöckiges Fahrzeug wiederaufgebaut wurde und sich auf riesigen Raupenketten fortbewegt. Wenn das gut gemacht ist – und das wird es sein –, wird sich alles andere fügen.

Auf welche Bilder oder Figuren sind Sie besonders gespannt?

Abgesehen von allem, was riesengroß ist, wie den Städten oder dem Schildwall, interessiert mich besonders, wie das Luftschiff Jenny Haniver aussehen wird – es ist für die Hauptfiguren fast eine Art Zuhause, deshalb habe ich im Kopf eine Menge Zeit an Bord verbracht.

Die männliche Hauptfigur des Films, der Waisenjunge Tom Natsworthy, ist anfangs ein bisschen naiv, wenn es darum geht, was die Eroberung einer anderen Stadt für deren Einwohner bedeutet. Dann lernt er bald die andere Seite der Geschichte kennen. Trotzdem ändert er seine Ansichten nur langsam. Was denken Sie, wie sich diese Entwicklung auf Spielfilmlänge ausspielen wird?

Ich weiß nicht, ob der Tom im Film genau dieselbe Entwicklung durchmacht wie der Tom im Buch. Im Buch ist er ein bisschen vertrottelt – er hat ständig Angst, und wenn er jemandem helfen will, macht er alles nur schlimmer. Vielleicht funktioniert das in einem großen Actionfilm gar nicht, und er muss heldenhafter werden! Auf jeden Fall beginnt er seine Reise aber als guter Londoner, der alles glaubt, was er über seine Stadt beigebracht bekommen hat, und wird im Laufe seiner Abenteuer mit ein paar unbequemen Wahrheiten konfrontiert ...

In Ihrem Buch gibt es viele bemerkenswerte Figuren mit interessanten Persönlichkeiten. Gibt es außer Tom noch eine Figur, auf deren Darstellung auf der Leinwand Sie besonders gespannt sind?

Hester ist meine Lieblingsfigur im Buch. Tom träumt immer davon, mit einem schönen  Mädchen Abenteuer zu erleben, und stattdessen trifft er Hester, die gewalttätig, skrupellos, zornig, verwahrlost und schrecklich entstellt ist. Ich habe versucht, sie so wenig wie möglich einer typischen Leinwandheldin ähneln zu lassen, daher bin ich schon neugierig, was im Film aus ihr wird!

Haben Sie jemals über Ihre Traumbesetzung nachgedacht, und sind Sie mit der Auswahl der Schauspieler zufrieden?

Ich habe mir beim Schreiben tatsächlich manchmal vorgestellt, wer die Figuren spielen könnte. Das ist allerdings so lange her, dass die Schauspieler inzwischen alle zu alt sind, wenn sie überhaupt noch leben! Aber das Casting gehört zu den großen Stärken von Peter Jackson und seinem Team – in Der Herr der Ringe gab es so viele Schauspieler, auf die ich nie gekommen wäre und die sich dann als genau die richtigen herausgestellt haben –, daher bin ich sicher, dass sie phantastische Leute gefunden haben.

Wann haben Sie beschlossen, Schriftsteller zu werden?

Ich habe schon immer geschrieben, seit ich es eben konnte. Erzählungen, Comics, Theaterstücke, Sketche, Filme ... Aber dass ich auch etwas veröffentlichen wollte, kam mit Ende zwanzig, als ich mit Mortal Engines begonnen habe.

Wie lange haben Sie an dem Buch gesessen?

Jahre. Von den ersten Ideen bis zum gedruckten Buch müssen es mindestens zehn gewesen sein. Aber ich habe parallel dazu als Illustrator gearbeitet und noch alles Mögliche andere gemacht, und das Schreiben war eher ein Hobby.

Schreiben Sie nach Bauchgefühl oder planen Sie voraus?

Ich plane nie voraus, weil ich mich langweile, wenn von vornherein klar ist, worauf alles hinausläuft. Meistens weiß ich am Anfang nur, über was für eine Welt ich einen Roman schreiben möchte und in welchem Ton, und dann fange ich einfach an und lasse mich überraschen. Entsprechend oft lande ich in einer Sackgasse und entwickle jede Menge Figuren und Szenen, die ich letztendlich gar nicht gebrauchen kann, aber irgendwie trägt es doch zu dem Ganzen bei, und allmählich zeichnet sich ein Plot ab. Dann überarbeite ich und überarbeite und überarbeite, bis irgendwann das fertige Buch Gestalt annimmt.

Wie kommen Sie auf die Namen Ihrer Figuren? Und der Städte?

Ich sammle interessant klingende Wörter und bewahre sie auf, bis ich wieder einen Namen brauche. „Natsworthy“ heißt ein Ort im Dartmoor ganz in der Nähe meines Wohnorts. Mehrere Mortal-Engines-Figuren sind nach Vögeln benannt, wie Shrike zum Beispiel, und Crome verdankt seinen Namen einem Künstler aus dem neunzehnten Jahrhundert. Als ich an den ersten Fassungen saß, bin ich einmal in Brighton auf einem Friedhof spazieren gegangen und habe eine Menge gute Namen von den Grabsteinen mit nach Hause gebracht, wie Pewsey, Gench und Beecroft (der herausgekürzt wurde). Und bei den Städten heißen die meisten größeren einfach nach echten Städten. Ich fand es wichtig, dass Mortal Engines von der Zukunft unserer Welt handelt, dass es eine Verbindung zur Realität gibt. Ausgedachte Städte auf einem anderen Planeten würden mich überhaupt nicht interessieren, selbst wenn sie genauso aussehen und sich dieselbe Handlung darin abspielen würde. Deshalb gibt es London, Anchorage und so weiter. Aber es kommen auch viele kleinere Traktionsstädte vor, und von denen tragen manche ausgedachte Namen.

An welchen Ihrer Figuren hatten Sie am meisten Spaß?

An Hester, definitiv. Und Chudleigh Pomeroy, das ist Toms Vorgesetzter, ein ziemlich wichtigtuerischer Historiker. Und an dem Cyborg-Kopfgeldjäger Shrike hatte ich Spaß, aber als ich neulich mal wieder einen Blick in das Buch geworfen habe, ist mir aufgefallen, DASS ER DIE GANZE ZEIT IN GROSSBUCHSTABEN REDET – was habe ich mir dabei bloß gedacht? Ich würde es am liebsten in zukünftigen Ausgaben ändern, aber das wäre ja gemogelt!

Wenn Sie auf einer einsamen Insel gestrandet wären, welche Ihrer Figuren hätten Sie dann am liebsten dabei?

Ha, ha, keine! Na, vielleicht Tom, der ist immerhin verlässlich. Oder Anna Fang, die würde bestimmt einen Weg finden, da wegzukommen. Valentine auch, aber er würde mich vermutlich nicht mitnehmen.

Wenn Sie ein Buch über sich selbst schreiben würden, wie müsste der Titel lauten?

Das würde ich nie schreiben! Aber für ein Buch über die wunderbare Illustratorin Sarah McIntyre wüsste ich einen tollen Titel. Wir machen zusammen Bücher für ein etwas jüngeres Publikum als das von Mortal Engines, und man erkennt sie immer an ihren Hüten und bunt gemusterten Kleidern. Letzte Woche waren wir zum Emirates Literature Festival in Dubai, und alle haben sie bewundert und wollten sie fotografieren. Da haben wir beschlossen, dass ihre Autobiografie International Show-Off (Internationaler Promi) heißen müsste.

Gibt es Aspekte Ihrer Arbeit als Schriftsteller, mit denen Sie vorher nicht gerechnet haben?

Während ich an Mortal Engines gearbeitet habe, war meine einzige Sorge, ob ich einen Verlag dafür finde – es war ja ziemlich wahrscheinlich, dass es niemand wollen würde und ich nur meine Zeit verschwendet hatte. Dann wurde es doch veröffentlicht, und damit stellten sich plötzlich lauter neue Fragen – zum Beispiel, ob ich genug Ideen für eine Fortsetzung hätte. Außerdem finde ich im Nachhinein, dass ich kaum Ahnung von den geschäftlichen Aspekten hatte. Selbstvermarktung und so weiter. Das hätte ich sicher besser hinbekommen können.

Wenn Sie wählen könnten, eine der Figuren aus Ihrem Buch zu sein, welche wäre das?

In Mortal Engines möchte ich überhaupt niemand sein; diese Welt ist so voller Gefahren! In letzter Zeit schreibe ich an einer Serie namens Railhead, die praktisch das Gegenteil von Mortal Engines ist – die Bücher spielen auch wieder in der Zukunft, aber die ist dort viel hoffnungsvoller, fortschrittlicher, technisch hoch entwickelt. Da würde ich viel lieber leben.

Haben Sie einen Rat an junge Autoren?

Lest viel, und zwar nicht nur in dem Genre, in dem ihr schreiben wollt. Wer nur Fantasy liest, wird keine besonders spannenden Fantasy-Romane schreiben. Lest historische Romane und wissenschaftliche Werke und Literatur und Lyrik und Klassiker und alles, was euch in die Finger kommt – dann habt ihr viel mehr Material, aus dem ihr schöpfen könnt. Und schreibt viel. Und überarbeitet viel. Das habe ich früher nicht begriffen, aber beim Schreiben geht es ganz viel ums Überarbeiten. Das ist eigentlich wie der Schnitt beim Film!

Wie haben Sie reagiert, als herauskam, dass Peter Jackson den Film zu Ihrem Buch produzieren würde?

Mit einem lauten „Yay!“ Es war wirklich unglaublich. Aber dann passierte überhaupt nichts mehr, jahrelang, bis ich irgendwann davon ausging, dass die Sache sich erledigt hätte. Also beschäftigte ich mich mehr mit anderen Dingen und vergaß das Ganze. Erst vor zwei Jahren hieß es plötzlich, dass der Film wirklich gedreht werden soll und dass das Team in Neuseeland all diese Sachen, die ich mir vor zwanzig Jahren ausgedacht hatte, tatsächlich bauen würde. Seitdem kann ich es immer noch nicht ganz glauben.

Als die Filmrechte vergeben waren, hatten Sie da Einfluss auf die Produktion, und wurden Sie gut informiert?

Ich habe offiziell überhaupt nichts mit der Produktion zu tun – das Skript haben Peter Jackson, Fran Walsh und Philippa Boyens geschrieben –, aber ich wurde immer auf dem Laufenden gehalten und auch nach meiner Meinung gefragt. Allerdings lasse ich das Team gern einfach machen. Meine Version von Mortal Engines habe ich geschrieben, und jetzt bin ich gespannt, wie ihre aussieht!

 

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Übersetzung: Gesine Schröder

 

Das Interview führte: The Sheehab

http://www.thesheehab.com/news/the-sheehab-talks-to-philip-reeve

 

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