Männer mit Brüsten? Wie ich als männlicher Autor Frauenfiguren schreibe

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Männer mit Brüsten? Wie ich als männlicher Autor Frauenfiguren schreibe


In „Waffenschwestern“, dem Auftakt der neuen, düsteren Fantasytrilogie bei FISCHER Tor, erleben wir aus der Sicht eines jungen Mädchens, wie es ist, zur Kriegernonne ausgebildet zu werden. Wie es ist, als Mann eine weibliche Perspektive zu schreiben, erzählt Autor Mark Lawrence.

 

Ich schreibe Fantasy, weil ich Fantasy liebe.

Ich mag allgemeine Literatur, doch ich schreibe keine.

Zum Einen habe ich meine Zweifel, ob ich der Aufgabe, Figuren überzeugend in die heutige Zeit zu stellen, gewachsen wäre. Autoren verstehen sich angeblich ganz hervorragend auf das Beobachten ihrer Mitmenschen, was sie dazu befähigt, uns die Welt durch die Augen eines jungen Mädchens oder eines Jugendlichen sehen zu lassen, aus der Perspektive einer Mittzwanzigerin der Oberschicht, die in einer Londoner Werbeagentur arbeitet, oder eines fünfzigjährigen Stadtverordneten von Birmingham, der gerade seine Ehe in den Sand setzt. Wie unterhalten sich junge Frauen im Büro? Welche Gespräche führen alte Männer im Pflegeheim? Es muss authentisch wirken, weil viele Leser damit Erfahrung haben oder sich jedenfalls eine Vorstellung davon machen.

Ich dagegen kann mir Menschen besser ausdenken als sie beobachten. Damit eigne ich mich eher für Fantasy, weil sie der Leserschaft seltener Gelegenheit gibt, mit „Das stimmt so nicht“ zu reagieren. In einer ungewöhnlichen Umgebung kann ich Menschen auf eine Weise zeichnen, die sich bereitwillig akzeptieren lässt.

Was mich zu meinem aktuellen Buch bringt, Waffenschwestern. In diesem Roman steht zum ersten Mal eine weibliche Figur im Mittelpunkt. Wenn wir Katherines Tagebucheinträge in meinem Buch König der Dunkelheit und Chellas kurze Kapitel in Kaiser der Dunkelheit außer Acht lassen, handelt es sich hier um meine erste weibliche Erzählperspektive. Damit meine ich (für Leute, die nicht selbst schreiben), dass wir die Welt aus der Sicht einer weiblichen Figur erleben, anstatt nur von außen auf eine Frauengestalt zu blicken. In Waffenschwestern wird die Geschichte nahezu vollständig (zu 99 %) aus der Perspektive eines Mädchens dargestellt, das einen Großteil seiner Zeit im Kloster verbringt, also zusammen mit weiteren Novizinnen und Nonnen.

Normalerweise habe ich nur eine Betaleserin, diesmal jedoch habe ich mehrere Menschen gebeten, das Manuskript zu lesen. Die meisten waren zufälligerweise Frauen. Ich wollte wissen, ob ihnen der Roman gefällt – was funktioniert und was nicht. Heute nun habe ich dieselben Leserinnen für diesen Artikel gefragt, ob sie die Szenen mit der Hauptfigur und ihren Freundinnen überzeugend geschrieben fanden.

Sie haben es bejaht.

Da ich keine bewussten Mühen darauf verwendet habe, die Figuren weiblich zu machen, wollte ich gern erfahren, ob diese gelungene Darstellung sich der Erzählweise oder dem Setting verdankt. Wenn ich jede Sie zu einem Er machen würde, jedes Nonnen- zu einem Mönchskloster, jede Äbtissin zu einem Abt … hätte das Ganze dann einen falschen Ton? Würden meine Jungsfiguren jetzt „mädchenhaft“ erscheinen?

Es gab einiges Hin und Her darüber, dass Mädchen und Frauen sich „eher für Beziehungen interessieren“ und „das Gesagte in einem Gespräch auf mehr Ebenen interpretieren“ würden, doch am Ende lautete die Antwort Nein – wenn ich alles austauschen würde, wären meine überzeugenden Mädchen auch überzeugende Jungen.

Und das passt dazu, wie ich an meine Figuren herangehe. Ich habe keine Ahnung, ob es grundlegende Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt oder wie ich sie gegebenenfalls darstellen sollte. Also habe ich versucht, überzeugende Menschen zu schreiben – sie in eine Umgebung und in bestimmte Situationen zu setzen und angemessen darauf reagieren zu lassen. Im Grunde habe ich das Geschlecht ignoriert und Menschen beschrieben.

Eine meiner Betaleserinnen erwähnte auf mein Nachfragen hin Robert Jordan (mit dessen Werk ich nicht vertraut bin), der ihrer Meinung nach schlecht Frauen beschrieben hat (dies aber offenbar in guten Büchern, denn sie hat eine Menge davon gelesen). Ihrem Eindruck nach ist er sich dieser Tatsache immer sehr bewusst gewesen und hat in seine Trickkiste mit „weiblichen Eigenschaften“ gegriffen, um rüberzubringen, womit wir es zu tun haben. Sie fand, dass seine alberne junge Novizin und die Jahrhunderte alte, mächtige Hexe im Grunde identisch sind, beide das stereotype Frauenportrait einer früheren Generation – überemotional und ständig am Jammern über eingebildete Demütigungen. Ich fragte, ob ich vielleicht ein ganz ähnliches Problem habe, nur umgekehrt – dass meine junge Novizin und die erfahrene Frau in Führungsposition womöglich beide von dem nüchternen, unerschütterlichen, selbstbewussten Typ sind, den wir bei Letzterer erwarten. Sie fand, dass es mir gelungen ist zu differenzieren.

Wobei ich Frauen (so hoffe ich) keinesfalls wie „Männer mit Brüsten“ beschreibe – eher stelle ich Charaktere/Menschen dar, und diese lassen sich verstehen als „Person mit [geschlechtsspezifisches Organ einsetzen]“.

Jedenfalls, um’s kurz zu machen – ich habe keine Ahnung, wie man Frauen beschreibt, also beschreibe ich stattdessen Menschen. Die Rolle und Stellung der Person mag von ihrem Geschlecht abhängen (je nach der Gesellschaft, in der sie lebt), aber die Person als solche ist einfach nur ein Mensch, und das ist alles, was ich zu beschreiben versuche.

 

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Deutsch von Frank Böhmert

 

© 2015 by Mark Lawrence

Erschienen unter dem Titel „On writing women.“ am 7. September 2015 auf www.mark---lawrence.blogspot.com

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