Männer mit Brüsten? Wie ich als männlicher Autor Frauenfiguren schreibe

INTERVIEW

Kriegerinnen, Attentäterinnen und Zauberinnen: Interview mit Mark Lawrence ("Waffenschwestern")


In Waffenschwestern, dem düsteren Auftaktband von Mark Lawrence’ neuer Fantasy-Trilogie, werden junge Mädchen zu Kriegerinnen ausgebildet. Wir haben mit dem Autor über sein Buch gesprochen.

Wie lautet dein Pitch für "Waffenschwestern" – in einem Satz?

Mark Lawrence: Ich pitche meine Bücher grundsätzlich nicht, aber ein Tweet, den ich gesehen habe, fasst das Ganze witzig zusammen: lesbische Killernonnen.

Bei dem Versuch, das Setting von "Waffenschwestern" und das Kloster zur süßen Gnade zu beschreiben, kam jemand auf Folgendes: »Hildegard von Bingen trifft Beatrix Kiddo aus ›Kill Bill.‹«. Klingt knackig, aber stimmst du dem zu? Und was genau fasziniert dich an Klöstern beziehungsweise Nonnen?

Ich muss zugeben, dass ich »Hildegard von Bingen« erst einmal gegoogelt habe. Der Spruch fasst das Buch vermutlich so gut zusammen, wie es in neun Wörtern eben geht. Also nicht besonders gut. Andererseits ist der Versuch mit seinen neun Wörtern ebenso gelungen wie der erwähnte Tweet mit seinen zweien.

Ich glaube nicht, dass mich irgendetwas an Klöstern oder Nonnen tatsächlich fasziniert; ehrlich gesagt finde ich sie eher langweilig. Mich faszinieren Geschichten, und die können aus allen möglichen Keimen erwachsen. Schulen, Trainingslager, Klöster und so weiter bieten ein halbgeschlossenes Setting, das zugleich vertraut ist und Möglichkeiten schafft. Es gibt in Waffenschwestern zwar auch Nonnen, die sich in Gebet und Kontemplation versenken, doch die meisten Schwestern, denen wir begegnen, sind Kriegerinnen, Attentäterinnen und Zauberinnen.

Reden wir einmal über das Untergenre der »gritty« oder »grimdark« Fantasy. Die meisten Menschen wissen, was damit gemeint ist (oder bilden es sich jedenfalls ein), aber eigentlich ist es schwer zu definieren: Schreibst du Grimdark-Geschichten?

Wie ihr schon sagtet, ist die Definition sehr vage, aber meine Umfrage vor einiger Zeit zeigt deutlich, dass meine früheren Bücher eher zum Genre Grimdark gehörten als jetzt die Waffenschwestern.

Für "Waffenschwestern" hast du eine weibliche Hauptfigur gewählt (und ihr zahlreiche andere Frauenfiguren zur Seite gestellt). Wolltest du das einfach mal ausprobieren? Ist es dir schwerer gefallen als das Schreiben aus männlicher Perspektive?

Für mich steigen Geschichten aus dem Nichts auf, sie wachsen und nehmen Gestalt an. Da gibt es vor der eigentlichen Arbeit keine Entwurfsphase, in der Fraueninhalte festgelegt werden. Für mich sind das keine bewussten Entscheidungen.

Ich schreibe meine Figuren ohne jeden Gedanken an ihr Geschlecht. Jede ist eine Person, die sich durch ihre Handlungen und eine Reihe von Eigenschaften und Neigungen definiert. Von daher: Nein, die Schwierigkeit ist exakt dieselbe wie beim Schreiben einer überzeugenden Männerfigur, weil ich mir über ihr Geschlecht kein einziges Mal den Kopf zerbreche.

Deine Figuren sind oft sehr jung – und doch schreibst du nicht für Jugendliche. Deine Bücher sind voller Gewalt und haben die Anmutung von epischer Fantasy. Hast du nie mit dem Gedanken gespielt, einmal ein »richtiges« Jugendbuch zu schreiben?

Ich habe keine Ahnung, was ein »richtiges« Jugendbuch sein soll. Als ich einmal gefragt habe, ob es weniger Gewalt, weniger Sex oder weniger komplexe Themen beinhalten würde, ist mir von Jugendbuchlesern ein entschiedenes »Nein« entgegengeschallt. Ich schreibe die Bücher, die ich gern lesen möchte. Ich bin ein Erwachsener, also gefallen meine Bücher vor allem Erwachsenen. Ich glaube, wenn ich ein Buch schreiben würde, das ich nicht würde lesen wollen, käme nichts sonderlich Gutes dabei heraus.

Du neigst unverschämterweise dazu, Genres zu vermengen, und machst Dinge, an denen sich Leser lupenreiner Fantasy manchmal stören: In deiner Jorg-Trilogie zum Beispiel stößt die Hauptfigur auf eine Pistole, und auch in "Waffenschwestern" finden sich eindeutige Science-Fiction-Motive. Hältst du Kategorien wie »Fantasy« und »SF« für überflüssig?

Kategorien taugen als nützliche Schilder in Buchläden, damit die Leute das Regal finden, das sie suchen. Aber wenn ich ein Buch schreibe, dann schreibe ich, was immer ich will. Dann konsultiere ich nicht irgendeinen Satz von Regeln, die ein Genre definieren (nicht dass es solche Regeln überhaupt gäbe). Wer nicht zu einem Buch greift, um sich von seinem Inhalt überraschen zu lassen, sollte vermutlich einen anderen Autor lesen.

Du bist nicht nur Autor, sondern auch Mathematiker. Arbeitest du deshalb regelmäßig mit Umfragen, die verschiedene Aspekte des Schreibens, der Leserschaft und der Literatur in Zahlen ausdrücken – wie dein Diagramm über die Anzahl der Bücher, die Autoren geschrieben haben, bevor ihr erster Roman veröffentlicht wurde?

Ich war zwanzig Jahre lang in der Forschung tätig, da liegt es in meiner Natur, herauszufinden, wie Sachen funktionieren. Ich sammle gern Daten und schaue, was sich aus ihnen ableiten lässt. Die Beziehung, die ich zwischen der Anzahl von Goodreads-Bewertungen eines aktuellen Fantasybuchs und seinen Verkäufen im englischen Sprachraum nachweisen konnte, wäre ein gutes Beispiel. Mich interessieren die nichtlinearen Mechanismen des Erfolgs. Mich interessiert, wie Bücher in verschiedenen Ländern abschneiden. Lässt es sich auf nationale Geschmäcker zurückführen, auf die Übersetzung, das Marketing? Oder läuft es auf ein Auswürfeln hinaus, was darauf hindeuten würde, dass der Erfolg in jedem gegebenen Land allein aufgrund des Flügelschlags einiger Schmetterlinge sehr unterschiedlich ausfallen könnte. Meine erste Trilogie hat sich im Englischen mehr als eine Million mal verkauft, in Deutschland mit einem winzigen Bruchteil dessen, in Brasilien sehr gut, schlecht in Holland, anständig in Ungarn und so weiter. Ich kenne andere Autoren (Peter V. Brett zum Beispiel), deren Erfolg in Deutschland ihre (im Falle von PVB ebenfalls beachtlichen) Verkäufe im Englischen glatt in den Schatten stellt.

Letzte Frage: Woran schreibst du gerade? Arbeitest du an etwas, über das du uns schon ein wenig verraten möchtest – vielleicht am "Dritten Buch des Ahnen"?

Das Dritte Buch des Ahnen heißt im Original Holy Sister und wurde 2016 fertiggestellt. Seitdem habe ich vier Bücher fertiggestellt und von vier weiteren auch schon beachtliche Teile geschrieben. Im Augenblick bin ich etwa beim zweiten Drittel des letzten Bandes einer SF-Trilogie angelangt, die nächstes Jahr erscheinen soll.

 

Vielen Dank!

 

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Deutsch von Frank Böhmert

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