Das sind die besten Science-Fiction-Bücher des Jahres 2018

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Das sind die besten Science-Fiction-Bücher des Jahres 2018


Unsere Top-Liste der besten Science-Fiction-Romane 2018! Zeitreise, Finanzkrise, #MeToo-Bewegung, Überwachungsstaat, Episodenroman, chinesische Ideenliteratur oder Popcorn-Krimi – dieses Jahr war in Sachen SF-Bücher für jeden was dabei.

 

Gegenwartskritisch: Eine amerikanische Familie von Lionel Shiver

Deutsch von Werner Löcher-Lawrence • Piper, Hardcover, 496 Seiten • 24 Euro

US-Bestsellerautorin Lionel Shriver lebt seit Jahren im britischen Exil. In ihrem neuen Roman projiziert sie die ökonomische und politische Schieflage der USA und des Westens auf eine nahe Zukunft. Als der hispanische US-Präsident 2029 alle Staatsschulden für nichtig erklärt, rutscht auch der Familienclan der Mandibles in die immer endzeitlicher anmutende Krise. Shriver folgt der Mandible-Sippe durch den Zerfall aller ökonomischen und gesellschaftlichen Werte. Trotz einiger etwas zu langer, zu akademischer Dialoge begeistert „Eine amerikanische Familie“ als wahnsinnig aktuelle, immens treffsichere und bezaubernd zynische SF-Satire.

Menschliche KI: Zwischen zwei Sternen von Becky Chambers

Deutsch von Karin Will • FISCHER Tor, Taschenbuch, 463 Seiten • 9,99 Euro

Im unabhängig lesbaren Sequel zu ihrem Debüt „Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten“ macht Becky Chambers aus Nebenfiguren Hauptfiguren: Eine ehemalige Raumschiff-KI muss lernen, in einem menschlichen Bodykit zurechtzukommen, ohne Aufmerksamkeit zu erregen; und eine junge Fabriksklavin aus dem Genlabor lernt von einer anderen KI auf einem Weltraum-Schrottplatz alles über das Leben. Chambers inszeniert das in kurzen Kapiteln mit Kurzgeschichten-Vibe – und hat sich nach diesem unterhaltsamen Roman voller Esprit und Tiefe endgültig als starke neue Stimme der SF etabliert.

Futuristische Episoden: Central Station von Lavie Tidhar

Deutsch von Friedriech Mader • Heyne, Taschenbuch, 352 Seiten • 9,99 Euro

In „Central Station“ geht es um einen Weltraumbahnhof im futuristischen Tel Aviv – und um die Schicksale der Menschen, Roboter, Cyborg-Veteranen, Datenvampire, digitalen Wesenheiten, Götter und Weltraumreisenden, die in Realität und Virtualität zusammentreffen. Die Kapitel von Lavie Tidhars vor Ideen überbordendem Episodenroman erschienen in ihrer ursprünglichen Form als Kurzgeschichten in amerikanischen Magazinen und Anthologien. In Buchform ergeben sie keinen stringenten, klassischen Roman, aber klassische Science Fiction und hervorragende, aktuelle Ideenliteratur. Ein Episodenroman für Liebhaber der SF-Kurzgeschichte aller Generationen, Epochen und Subgenres.

Danke: Helligkeit fällt vom Himmel von James Tiptree Jr.

Deutsch von Andrea Stumpf • Septime Verlag, Hardcover, 512 Seiten • 24,90 Euro

Jürgen Schütz und sein kleiner, aber feiner Septime Verlag schließen die Werkausgabe des Schaffens der Amerikanerin Alice B. Sheldon alias James Tiptree Jr. mit einer deutschen Romanerstveröffentlichung ab, und wir sagen: Danke für diese wunderbare Edition! Hinter ihrem männlichen Pseudonym schrieb Sheldon schließlich einige der besten Erzählungen, die das SF-Genre zu bieten hat. Ihr zweiter, letzter Roman von 1985 ist ein Spätwerk in der Fasson von „Der Zauberberg“, der engelshafte Aliens und menschliche Gier unter einer Nova-Front beleuchtet. Sinnbildlich für die Reihe allemal erwähnenswert, obwohl Einsteiger besser mit einem anderen Band anfangen.

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Feministische Social Fiction: Die Gabe von Naomi Alderman

Deutsch von Sabine Thiele • Heyne, Paperback, 480 Seiten • 16,99 Euro

Gelobt von Margaret Atwood und Barack Obama: In der plakativen, aufsehenerregenden Dystopie der Britin Naomi Alderman entwickeln Frauen plötzlich die Fähigkeit, Männern mit ihren Händen heftige Stromschläge verpassen zu können. Das bleibt natürlich nicht ohne Folgen für die menschliche Gesellschaft und die Machtverhältnisse im Großen und im Kleinen. Unabhängig davon, ob einen „Die Gabe“ als Geschichte packt oder nicht, ist das Buch sicher der Science-Fiction-Roman zur #MeToo-Bewegung 2018 – und damit Social Fiction am Puls unserer Zeit.

Hellsichtig: Die erstaunliche Familie Telemachus von Daryl Gregory

Deutsch von Tobias Schnettler • Eichborn, Hardcover, 541 Seiten • 24 Euro

Nachdem er bereits mit seinem innovativen Biopunk-Roman „Afterparty“ über Drogen aus dem Chemjet-Drucker überzeugte und sogar Comics zu „Der Planet der Affen“ schrieb, legt US-Autor Daryl Gregory nun mit Trickbetrügern, Mutanten und Hellsehern nach. Seine schrullige Psi-Familie, deren Geschichte im Kalten Krieg beginnt und deren Mitglieder sich in den 90ern mit Geheimagenten und Gangstern anlegen, wächst einem schnell ans Herz. Eine TV-Serie des u. a. für dem Nebula Award nominierten Romans ist angeblich bereits in Vorbereitung.

Biopunk: Autonom von Annalee Newitz

Deutsch von Birgit Herden • FISCHER Tor, Paperback, 352 Seiten • 14,99 Euro

„Autonom“, das Romandebüt der Amerikanerin Annalee Newitz, erfreut sich Lobeshymnen von William Gibson, Cory Doctorow, Warren Ellis und Neal Stephenson, die den Erstling der Geek/Wissenschafts-Journalistin und io9-Gründerin wohlwollend abfeierten. Kein Wunder: Newitz’ Ideen zu Medizinpatenten, Technik und Biotechnologie sind wirklich gut gelungen und immens wertvoll für die Evolution von Biopunk bzw. Cyberpunk. Zumal Newitz, die mit Charlie Jane Anders liiert ist, noch einige sehr persönliche Themen im Buch verarbeitet, das von AMC als TV-Serie umgesetzt werden soll. Aus vielerlei Gründen also ein wichtiger Roman aus dem abgelaufenen Kalenderjahr.

Dystopischer Krimi: Die Banner von Haven von Carrie Vaughn

Deutsch von Gesine Schröder • Arctis, Paperback, 297 Seiten • 18 Euro

Carrie Vaughn kennt man unter anderem für ihre Urban-Fantasy-Serie „Midnight Hour“ und für ihre Kurzgeschichten, die der US-Autorin diverse Hugo-Nominierungen einbrachten. Jetzt aber veröffentlichte Vaughn mit „Die Banner von Haven“ eine mustergültige postapokalyptische Dystopie über eine entschleunigte Welt, in der das Kinderkriegen als größtes Privileg von allen gilt. Hier ermittelt die junge Gesetzeshüterin Enid in einer Dorfgemeinschaft, die durch einen Mord erschüttert wird – und findet mehr als nur den Täter. Für „Die Banner von Haven“ erhielt Vaughn dieses Jahr zurecht den Philip K. Dick Award. 

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Storys: Von der Notwendigkeit, den Weltraum zu ordnen von Pippa Goldschmidt

Deutsch von ZoëBeck • CulturBooks, Hardcover, 224 Seiten • 20 Euro

In ihren feinen Kurzgeschichten verbindet die britische Astronomin und Autorin Pippa Goldschmidt oftmals Science und Fiction. Stilistisch extrem versiert, schreibt sie vor gegenwärtigem, historischem oder dystopischem Hintergrund über Physik, Sternwarten, Programmierer, die Suffragetten-Bewegung, Hörsäle, Labore, sterbende Planeten, Forscher und vieles mehr. Zwischendurch macht sie sogar Turing, Oppenheimer und Einstein zu Handlungsträgern. Wer gute, anspruchsvolle Science-Fiction-Kurzgeschichten mag, kommt an diesem Band nicht vorbei.

Meta-Zeitreise: Die beste meiner Welten von Elan Mastai

Deutsch von Rainer Schmidt • Goldmann, Hardcover, 480 Seiten • 20,99 Euro

Elan Mastai, kanadischer Drehbuchautor von Filmen wie „The F-Word“ und „Der Samariter“, verbindet in seinem Debüt als Romancier die typischen Mechanismen von Zeitreise- und Alternativweltgeschichte. Das Ergebnis ist ein unterhaltsamer, überzeugender, sympathischer und megasüffiger Science-Fiction-Pageturner mit Meta-Aspekten, dessen Filmrechte wenig überraschend bereits verkauf wurden.

Cyberpunk-Crime: Frontal von John Scalzi

Deutsch von Bernhard Kempen • Fischer TOR, Paperback, 368 Seiten • 14,99 Euro

In seinem Cyberpunk-Cop-Krimi, der eine korrupte Kampfroboter-Avatar-Sportliga, Bewusstseins-Digitalisierung und virtuelle Realitäten abhandelt, interpretiert John Scalzi das „Surrogates“-Thema auf unterhaltsame Art und Weise. Das liest man spätestens nach der Worldbuilding-Phase richtig gern und zügig als ordentlichen Popcorn-Krimi für Zwischendurch weg wie nix. Der amerikanische Bestsellerautor inszeniert also wieder einmal extrem zugängliche Science-Fiction, die wirklich jeder lesen und mögen kann. Anders gesagt: Eine sichere Bank, was Mainstream-SF angeht. Trotz alledem könnte Mr. Scalzi mal wieder einen richtig großen Wurf gebrauchen.

Zukunftsthriller: Ewiges Leben von Andreas Brandhorst

Piper, Paperback, 704 Seiten • 16,99 Euro

Es ist schon imposant, mit welcher Regelmäßigkeit Andreas Brandhorst einen Science-Fiction-Schmöker nach dem nächsten raushaut – und die Qualität hochhält. Der neueste Roman von Brandhorst, den viele vielleicht auch als Übersetzer Terry Pratchetts kennen mögen, untersucht als gehaltvoller SF-Thriller viele Elemente unserer aktuellen Gegenwart und unserer wahrscheinlichen Zukunft. Angesichts des Umfangs muss man allerdings etwas mehr Zeit mitbringen. 

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SF aus China: Wandernde Himmel von Hao Jingfang

Deutsch von Marc Hermann • Rowohlt Polaris, Paperback, 750 Seiten • 16,99 Euro

Die Aussage, dass die moderne chinesische SF mehr zu bieten hat als Cixin Liu, soll den internationalen Bestseller-Autor keineswegs herabsetzen, sondern auf die Bandbreite hinter ihm verweisen. Etwa auf Hao Jingfang, die für ihre Novelle „Peking falten“ den Hugo erhielt. Bei „Wandernde Himmel“ handelt es sich um den ersten Roman von ihr, der ins Deutsche übersetzt wird: Ein ruhiges, kluges Gedankenexperiment über einen besiedelten Mars, einen Kalten Krieg mit der Erde und verschiedene soziale und ökonomische Ideologien. Actionfans wird das nicht reichen, alle anderen dürfen sich zum Nachdenken anregen lassen.

Tierisch gut: Reise ins Innere der Stadt von Shaun Tan

Deutsch von Eike Schönfeld • Aladin, Paperback, 288 Seiten • 28 Euro

Der Australier Shaun Tan kann es als Autor, Zeichner, Skulpteur und Filmemacher. Nach z. B. seinem SF-Comic „Ein schönes Land“ über Migration und seiner Arbeit als Konzeptkünstler für „Wall•E“ schrieb und illustrierte Tan zuletzt eine Kurzgeschichtensammlung, in der er von Mondfischen am Himmel, Pferdeseelen, der Zivilisation der Lungenfische und einem Hochhausstockwerk für Krokodile erzählt. Seine überschwängliche Mischung aus SF, magischem Realismus und Tierfantasy entzückt garantiert jeden Fan von Ray Bradbury oder Neil Gaiman – und die Mondfische schweben durch die beste SF-Story des Jahres.

Riesenroboter: Giants – Die letzte Schlacht von Sylvain Neuvel

Deutsch von Marcel Häußler • Heyne, Paperback, 368 Seiten • 14,99 Euro

„Giants – Die letzte Schlacht“ ist zwar das Finale von Sylvain Neuvels Riesenroboter-Trilogie, doch holt der Kanadier auf den ersten paar Seiten jeden Neuleser und jeden vergesslichen Vielleser ab. Danach erzählt er, was vier Menschen auf dem Planeten der Roboterschöpfer erleben, und was für eine chaotische Erde sie bei ihrer Rückkehr erwartet. Dass Neuvel die Kapitel in dialoglastigen Gesprächsprotokollen und Tagebucheinträgen darreicht, ist nach wie vor erfrischend und unterhaltsam. 

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Brandaktuell: NSA – Nationales Sicherheits-Amt von Andreas Eschbach

Bastei Lübbe, Hardcover, 800 Seiten • 22,90 Euro

Bevor er Anfang 2019 die Anfänge von Perry Rhodan enthüllen wird, klotzte Starautor Andreas Eschbach Ende 2018 noch einmal so richtig. In „NSA“ gibt er dem Dritten Reich schon Computer samt Sozialen Netzwerken und allem Schnickschnack – und steigert die totale Überwachung ins Unermessliche. Ein gut greifbares, entsprechend verpacktes Alternate-History-Setting, das die Gegenwart kommentiert. Klassische SF für jedermann – und natürlich für den Bestseller-Tisch in der Buchhandlung und für den Wunschzettel und die Geschenkeliste.

Charmante Alternativwelt: Eiswelt von Jasper Fforde

Deutsch von Kirsten Borchardt • Heyne, Paperback, 656 Seiten • 14,99 Euro

Der britische Autor Jasper Fforde ist der Meister der abstrusen, aber charmanten und zudem massentauglichen Spiegelwelt. Mit den „Thursday Nex“-Romanen um „Der Fall Jane Eyre“ schaffte er es auf die Bestsellerlisten, jetzt ist er nach einer dreijährigen Schreibblockade zurück. „Eiswelt“ überzeugt als winterfester Einzelband mit frischen Ideen und schrägem Humor. Fans von Terry Pratchett und Douglas Adams, ausnahmsweise darf man das sagen, werden an der Seite der Waliser Winterkonsuln, die im Hammerwinter mit zombieähnlichen Nachwandlern und finsteren Geheimnissen und klarkommen müssen, viel Freude haben.

Letzte Weisheiten: Keine Zeit verlieren von Ursula K. Le Guin

Deutsch von Anne-Marie Wachs • Golkonda, Paperback, 256 Seiten • 18 Euro

Die Anfang 2018 verstorbene Ursula K. Le Guin war eine Ausnahmeerscheinung – und als kluge, unermüdliche Altmeisterin bis zum Schluss aktiv. Ab ihrem 81. Geburtstag fütterte sie z. B. ihren Blog mit Gedanken, Weisheiten, Essays, Naturbeobachtungen, Gedichten, Reden und Knittelversen für ihre Katze. Keine Zeit verlieren. Über Alter, Kunst, Kultur und Katzen versammelt ihre weisesten und wichtigsten Blog-Posts, die seit Erscheinen des Bandes im englischen Original Ende 2017 teilweise offline sind.

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Auf der Beobachtungsliste für diesen Artikel standen noch „Der Aufstieg und Fall des D.O.D.O“, der neue Roman von Neal „Amalthea“ Stephenson (Goldmann), und „Adjustment Day – Tag der Abrechnung“, eine Dystopie von Charlie „Fight Club“ Palahniuk (Festa). Beide für Anfang Dezember angekündigten Bücher konnten aufgrund des Redaktionsschlusses leider nicht mehr gesichtet und berücksichtigt werden, sollen hier aber wenigstens noch als anschauenswert vermerkt sein.

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