Warum ihr keine Karte kriegt. Ein Plädoyer von Mark Lawrence

© Nick Williams // Ridderhof - pixabay

BUCH

Warum ihr in meinem Fantasyroman keine Karte kriegt. Ein Plädoyer von Mark Lawrence


Was ein richtiger Fantasyroman sein will, kommt nicht ohne ausgefeilte Karte aus – oder? Mark Lawrence, Autor der soeben erschienenen Waffenschwestern, spricht in seinem Essay ein klares Wort. 

Eine Frage aus dem Kommentarbereich meines Blogs lautete:

F: Wann zeichnen Sie eine Karte für Ihre Waffenschwestern-Trilogie? Ich brenne darauf, den ersten Band zu lesen, aber ohne Karte kann ich mich nicht dazu durchringen.

A: Habe ich nicht vor. Wenn Sie ein Buch nicht ohne Karte lesen können, dann ist das wohl keine Reihe für Sie.

Ich werde öfters gefragt: „Haben Sie die Karte vorher gezeichnet oder erst während des Schreibens?“ Und zwar regelmäßig von Leuten, die kein einziges meiner Bücher gelesen haben.

Hier wird etwas als gegeben vorausgesetzt … Fantasybücher haben Karten. Was seltsam ist, denn ich habe Hunderte (vielleicht Tausende) von Romanen ohne Karte gelesen, von denen viele in Regionen angesiedelt sind, mit denen ich nicht vertraut bin. Tatsächlich sind Karten für zahlreiche Erzählwerke irrelevant, weil diese sich darum drehen, was Menschen mit ihrem Leben anfangen. Wenn Sarah ihren Onkel in Wostok besucht, dann reicht es mir zu wissen, dass sie mehrere Stunden mit dem Zug dorthin braucht und die Wälder bei ihrer Ankunft von Schnee bedeckt sind. Ich brauche mir dazu keine Karte anzusehen. Es spielt keine Rolle.

(Achtung, es folgen minimale Spoiler für die Jorg-Trilogie und die Waffenschwestern-Trilogie!)

Die Karte für Prinz der Dunkelheit habe ich nicht vorher gezeichnet. Nicht einmal während des Schreibens. Auch nicht einen Tag, eine Woche, einen Monat oder ein Jahr, nachdem ich fertig war. Ich habe keine Karte in meinem Kopf zu Rate gezogen. Als Jorg nach Gelleth reist, hat es mir genügt zu wissen, dass seine Männer und er mehrere Tage brauchen und dabei Bergpässe überqueren müssen … oder so … Die Einzelheiten weiß ich nicht mehr. Sie waren für die Geschichte völlig unwichtig. Wichtig war allein, dass er da und da hingehen und etwas unternehmen musste.

Ich habe die Karte zu Prinz der Dunkelheit drei Jahre später gezeichnet, als mich mein Verlag darum gebeten hat. Meinetwegen, habe ich gedacht, zeichne ich halt eine Karte. Damals fand ich es lustig, Europa mit erhöhtem Meeresspiegel zu benutzen. Die Karte hat während des Schreibens überhaupt keine Rolle gespielt, also kann sie der Geschichte beim Lesen auch nichts hinzufügen außer einer Illusion von »Kontrolle«.

Warum ihr keine Karte kriegt. Ein Plädoyer von Mark Lawrence

© Mark Lawrence

Ich habe nichts gegen Karten, ich schaue nur nie drauf. Ich habe die fünf Bücher von Das Lied von Eis und Feuer zweimal gelesen. Die Karte ist mir das erste Mal beim Gucken von Game of Thrones aufgefallen. Bei einer Geschichte, die in mehreren Ländern spielt und aus der wechselnden Sicht diverser weit voneinander entfernter Figuren erzählt wird, besitzt eine Karte einen Mehrwert, und für das Schreiben eines solchen Erzählwerks würde ich auch eine Karte anlegen. Trotzdem hat mir das Lesen auch Spaß gemacht, ohne die Karte zu befragen.

Waffenschwestern spielt zum Großteil in einem Umkreis von wenigen hundert Metern. Gereist wird kaum und ohne Komplikationen. Die seltenen Verweise auf ferne Gegenden sind ähnlich unkompliziert. Die bewohnbare Welt besteht aus einer Schneise im Eis, die fünfzig Meilen breit und Zehntausende von Meilen lang ist und dem Äquator folgt. Das Reich wird nach Westen hin von einem Land hinter einer Bergregion begrenzt und nach Osten hin von einem Meer, an dessen anderem Ufer das nächste Land liegt.

Eine Karte bestünde aus einem langen, schmalen Streifen auf einer Seite, die zu 90 Prozent leer bliebe. Einzelheiten wären kaum zu erkennen, und ich hätte sie mir komplett aus den Fingern gesogen, um die Karte vollzubekommen … aus keinem anderen Grund. Alternativ würde sie ein Dutzend oder noch mehr Seiten füllen (die Schneise jetzt eine Seite hoch und viele Seiten breit), randvoll mit noch mehr überflüssigen Details, Bergen, Wäldern, Flüssen, Straßen und Städten, auf die im Roman nie Bezug genommen wird.

Darum verkneife ich mir das.

Als Kompromiss hier eine »Wortkarte«:

 

Eis

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← Westen, Sgidgrol (Berge)   das Reich   (Marnsee) Durn, Osten →

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Schokolade … nein, Moment … noch mehr Eis

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Deutsch von Frank Böhmert

 

© by Mark Lawrence. Mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Zuerst erschienen unter dem Titel »Why you’re not getting a map.« am 8. September 2017 auf www.mark---lawrence.blogspot.com

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