Think Ursula! Drei Ursulas reden über Le Guin, Utopia und feministische Science-Fiction

© kellepics - pixabay // Marian Wood Kolisch

ESSAY

Think Ursula! Drei Ursulas reden über Le Guin, Utopia und feministische Science-Fiction


Erstmals fand auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse eine Veranstaltung statt, welche die Science-Fiction-Literatur in den Vordergrund stellte. Namensgeberin der Podiumsdiskussion „Think Ursula” war die große und unvergessene Autorin Ursula K. Le Guin. Doch vieles blieb ungesagt. Die drei Autorinnen Judith Vogt, Theresa Hannig und Annette Juretzki verlängern das Gespräch ins Internet.

Drei Frauen, keine heißt Ursula – was soll diese Überschrift? Hintergrund ist, dass zur Frankfurter Buchmesse 2018 zum ersten Mal eine Science-Fiction-Veranstaltung stattfand, die „Think Ursula” hieß und nach der Anfang des Jahres verstorbenen Science-Fiction-Ikone Ursula K. Le Guin benannt war. Auf der Bühne saßen fünf hochkarätige Männer der deutschsprachigen (und russischen) Science Fiction von den veranstaltenden Verlagen Piper, Heyne und Fischer TOR – und Annette, Theresa und Judith, die vom Phantastik-Autoren-Verband PAN e.V. „organisiert“ worden waren und in anderen Verlagen veröffentlichen (der Titel „die drei Ursulas” ist übrigens nicht selbstverliehen, sondern stammt von Veranstalterin Katja Boehne).

Dass die Veranstaltung stattfand, war ein Meilenstein der Frankfurter Buchmesse, von dem wir hoffen, dass er sich zu einem regelmäßigen, bereichernden Programmpunkt etabliert – wir diskutierten parallel zu Bernd Höcke, und eine Zuschauerin sagte Judith im Anschluss, dass Menschen, die die Zukunft positiv beeinflussen möchten, gerne viel mehr Aufmerksamkeit erhalten sollten als rechtsradikale Redner.

Dass es einen Männerüberschuss von fünf zu drei auf der Bühne gab, wirkte jedoch bei Thema und Namen der Veranstaltung eher unfreiwillig komisch, zumal es sich bei Le Guin nicht nur um eine SF-Autorin, sondern um eine erklärte Feministin handelte. Auch der Redeanteil gestaltete sich ein wenig so, dass wir abschließend zu der Ansicht kamen, dass sehr viel ungesagt blieb – und deshalb sind wir umso glücklicher, dass wir die Gelegenheit erhalten, hier über Science Fiction, Feminismus und Ursula K. Le Guins Arbeit zu schreiben.

Le Guin ist nach wie vor ein Vorbild, eine feministische Ikone, eine Inspiration – wir erzählen, was das für uns persönlich heißt.  

Judith: Ursula Le Guin hat sich mit politischen Systemen beschäftigt, mit Hierarchien und neuen Perspektiven auf Geschlechterrollen. In Freie Geister zum Beispiel ist der Aufbruch ins Utopia bereits vollzogen worden – die anarchistische Gesellschaft auf Anarres ist bereits gegründet und krankt entgegen aller Entschlossenheit und Ideale an Bürokratie und Egoismus. Es ist keine Dystopie, es ist eine Utopie, die nicht ganz gelungen ist. Und das ist gut so – zum einen haben wir es im Moment mit einem Überschuss an Dystopien zu tun, als könnten wir als Autor*innen keine positive Zukunft, keine Perspektive mehr denken – und Le Guin hat immer perspektivisch gedacht. In ihren Essays Keine Zeit zu verlieren schildert sie, wie die Dystopien-Kultur Yin und Yang ins Ungleichgewicht bringen (Die linke Hand der Dunkelheit, die rechte Hand des Lichts, eine Philosophie, die sich durch ihre Werke zieht!). Aber auch eine Utopie braucht Drama. Ich denke, für meine Arbeit nehme ich als Impuls von Le Guin mit, dass meine Protagonist*innen durch alles Drama hindurch nach einer besseren Welt streben, nach einem Dialog, nach einer friedlichen Lösung.

Theresa: Bisher habe ich mich eher in den Dystopien heimisch gefühlt, weil ich dachte, nur durch den negativen Kontrast einen Aha-Effekt erzielen zu können. Durch Le Guin habe ich gelernt, dass es auch anders gehen kann. Man kann positive Visionen erschaffen, ohne Klischees zu bemühen oder in die Pathos-Falle zu tappen. Außerdem ist es immer besser, seine Gesellschaftskritik konstruktiv zu gestalten und nicht nur zu zeigen, was alles schlecht ist. Für mich wird Ursula zum immerwährenden Hintergrundrauschen meiner Arbeit werden.

Annette: Le Guin hat bewiesen, dass Utopien nicht langweilig sein müssen. Denn zugegeben, eine perfekte Welt klingt vor allem erst mal das: ziemlich öde. Aber Le Guin hat in ihren Weltenentwürfen gezeigt, dass auch, wenn alle das Richtige wollen, nicht unbedingt auch etwas Richtiges herauskommt. Wo Menschen leben, entstehen Konflikte und dies zu verneinen oder zu unterdrücken, wäre ein zutiefst dystopischer Gedanke. In Le Guins Werken werden diese Konflikte kreativer angegangen, und das ist es auch, was ich aus ihrer Arbeit für meinen eigenen Schaffensprozess mitnehme: Ein Finale muss nicht immer ein Duell zwischen Held*in und Antagonist*in sein, manchmal bedeutet ein befriedigendes Ende auch einfach, dass auch in der dunkelsten Stunde nie die Menschlichkeit verlorenging.

Ursula K. Le Guin beherrschte das Beherzigen des Augenblicks im Denken der Zukunft meisterlich – wir schildern, was wir an ihr schätzen.

Judith: Science-Fiction-Werke von Le Guin lernte ich erst recht spät kennen, in meiner immer mal wieder aufflammenden „Ich sollte mehr Klassiker lesen”-Phase. Mich begeistert vor allem Le Guins philosophische, politische und kühle Art, und wie sie innere Welten ausführlich denkt und dabei doch erkennbar Kind ihrer äußeren Welt war.

Theresa: Ich lernte Le Guin erst in der Vorbereitungsphase zu „Think Ursula” kennen und habe mich sofort in sie verliebt. Sie schreibt direkt und unmittelbar und mit einer Klarheit, die ich selten erlebt habe. Dabei hat sie so viele Ideen, wie wir gut miteinander leben können, dass man nach der Lektüre gar nicht aufhören kann, sich weiter mit ihren Ideen zu beschäftigten. You cannot unthink Ursula.

Annette: Auch ich lernte Le Guin viel zu spät kennen, nämlich erst durch die Nachrufe, die mich neugierig machen, da sie als große Utopistin angepriesen wurde, während der Mainstream eher zur Dystopie geht. Was mich bei ihr beeindruckt, ist ihre Art des Erzählens: Sie beschreibt ihre Welten so konsequent, doch überlässt die Wertung den Lesenden. Ihre Figuren haben keinen moralischen Zeigefinger, sondern überzeugen durch Taten statt Predigten und verlieren auch nicht den Glauben an das Gute, wenn sie scheitern. Ich glaube, besser kann man Menschlichkeit nicht vermitteln.

Science-Fiction wird oft als nicht ernstzunehmend abgetan – gleichzeitig behauptet Science-Fiction sich schon immer international durch seine Gedankenspiele. Wir diskutieren den Widerspruch.

Theresa: Ich bin Schriftstellerin, das sage ich voller Stolz und Leidenschaft. Wenn mich aber jemand fragt: „Und, was schreibst du so?“ und ich dann antworte „Science-Fiction“, dann weiß ich schon, wie sich das Gesicht meines Gegenübers von einem Lächeln zu einem Belächeln wandelt und das erste Interesse einem Schulterzucken weicht.

Aus irgendeinem Grund hat es der Literaturbetrieb geschafft, ein ganzes Genre als minderwertig zu deklarieren, obwohl aus dieser Ecke Gedanken und Impulse für unsere Zukunft kommen. Natürlich gibt es Klassiker, die ebenfalls als „Literatur“ gelten und die jeder kennt – und bei denen interessanterweise niemand so richtig das Wort Science-Fiction in den Mund nimmt, obwohl es streng genommen genau das ist: Frankenstein von Mary Shelley, Der Sandmann von E.T.A. Hoffmann, Die Strafkolonie von Kafka, Schöne neue Welt von Aldous Huxley, Existieren Sie Mr. Jones? von Stanislaw Lem und 1984 von George Orwell, Freie Geister (Der Planet der Habenichtse) von Ursula K. Le Guin.

Natürlich gibt es auch aktuelle bahnbrechende Science-Fiction, aber die ist noch zu „jung“, um als Literaturklassiker wahrgenommen zu werden – was dazu führt, dass diese Werke schlecht beworben, und weder im Feuilleton noch in den restlichen Medien breitenwirksam besprochen werden. Diese Deklassierung ist in meinen Augen ein großer Fehler. Die Science-Fiction ermöglicht den Leser*innen einen unverstellten Blick auf Fragen, die nie aus der Mode kommen. Es sind Fragen, mit denen sich die Menschen in Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart ständig beschäftigen: Wie beeinflusst technologischer und gesellschaftlicher Wandel unser Denken, Fühlen und Handeln?

Annette: In meinen Augen fängt der Fehler viel früher an, nämlich bei der so strikten Unterscheidung zwischen „ernsthafter“ und Genre-Literatur. Es ist ein wenig so, als würde ein Text seine komplette Aussage verlieren, sobald ein Raumschiff darin vorkommt. Aber warum kann eine actionreiche Alien- und Roboter-Geschichte nicht auch eine gesellschaftspolitische Aussage haben? Woher kommt dieser Glaube, dass Unterhaltung automatisch nur seicht sein könnte? Eine spannende Handlung stiehlt einem Weltenbau nicht seine Seele, trägt aber vielleicht dazu bei, dass sich auch Leser*innen mit den philosophischen Ideen eines Werks auseinandersetzen, die die sogenannte „ernsthafte“ Literatur abgeschreckt hätte. Und gerade das war auch die große Kunst von Ursula K. Le Guin: die Verbindung einer interessanten Handlung mit tiefsinnigen Charakteren und einer Welt, die eine klare politische Aussage vertritt, ohne Leser*innen von oben herab zu belehren.

Judith: Der Wert von Science-Fiction wird für gewöhnlich immer am „Science”-Anteil gemessen, als sei SF nur relevant, wenn es um Naturwissenschaften oder – noch besser – Ingenieurswissenschaften geht. Wenn also der Hyperantrieb tatsächlich physikalisch korrekt ist oder die KI tatsächlich so funktionieren könnte. Aber machen wir den Wert von Le Guins Hainish-Zyklus an der Erfindung des Ansibles als Kommunikationsmethode fest? Die Welten, die in der Science-Fiction in all ihren Spielarten (vom Steampunk bis zur Space Opera) erdacht werden, erzählen von Menschen, beschäftigen sich über erdachte Spezies mit dem Menschlichen in uns selbst als Autor*innen, als Leser*innen, nähern sich über das Fremde dem Bekannten an und beleuchten es aus neuem Winkel – und erzählen, wie wir leben möchten. Welche politischen Systeme idealisieren wir, welche lehnen wir ab, welche könnten funktionieren? Zu sagen, die sogenannte „Hard Science-Fiction” sei durch ihren technischen Anspruch wertvoller als die Space Opera, würde Technik über das soziale Gefüge stellen. Wie wollen wir leben? Auf diese Frage können uns weder der Hyperraumantrieb noch das Ansible eine Antwort geben. Um Chuck Wendig zu zitieren: „Stories are like Soylent Green: Soylent green is people!“

Utopien haben kreative Kraft – ist das Weltenerfinden eine Kulturtechnik, die uns auf neue Wege bringt?

Annette: Wer eine neue Welt erschaffen will, muss die eigene Perspektive hinter sich lassen, zumindest wenn diese Welt mehr sein soll als bloße Kulisse. Schauen wir uns doch nur in unserer realen Welt um: Nicht ein Individuum allein bestimmt einen Zeitgeist, lenkt Politik, Kultur und Gesellschaft, es ist immer ein Zusammenspiel verschiedener Bewegungen, hinter denen verschiedene Gruppierungen mit verschiedenen Zielen stehen. Manchmal wird zwar ein Mensch allein ins Rampenlicht gestellt, doch je greller die Scheinwerfer, desto vielzähliger die Schattenmänner und -frauen.

Wer also eine Welt erschaffen will, muss sich auch mit der Politik außerhalb der eigenen Filter-Bubble auseinandersetzen, muss versuchen nachzuvollziehen, warum andere Menschen andere Standpunkte vertreten. Und gleichzeitig – und das ist wohl der wichtigste Punkt – müssen die eigenen Ansichten hinterfragt werden. Erst wenn das Bauchgefühl auch im Kopf ankommt, ist der Weltenentwurf reif fürs Papier.

Somit schärft das Weltenerfinden die Kritikfähigkeit und Empathie, die in unserer heutigen Zeit vielen Menschen verloren gegangen zu sein scheint. Es hilft ein wenig, den eigenen Egoismus aufzubrechen, wenn nicht jeder Veränderung nur mit der Frage „Was nützt es mir persönlich?“ begegnet wird. Ein grundlegendes Element der Utopie ist der Optimismus: Die zukünftige Welt wird besser sein als die heutige; besser für alle Menschen, nicht nur für einige. Es wäre schön, wenn mehr Menschen auch heute bereits in der Lage wären, bei Entscheidungen, die viele betreffen, auch im Sinne dieser vielen zu entscheiden und nicht nur der wenigen, von denen sie bezahlt werden.

Judith: Das zugleich Großartige und Schreckliche am Weltenerfinden ist ja, dass wir uns nie ganz von unserer Welt lösen können. Auch große Weltenbauer konnten das nicht, die innere, selbstgebaute Welt, bleibt immer ein Teil der äußeren und verändert sich mit ihr. Trotzdem können wir Welten natürlich mehr oder weniger radikal denken, können retrospektiv „Was wäre gewesen, wenn”-Szenarien entwickeln, unsere Gegenwart in viele Varianten der Zukunft weiterspinnen oder ganz Neues schaffen, das trotzdem durch unser Empfinden unserer eigenen Zeit geprägt wird. Vielleicht ist es an der Zeit, dass Weltenerfinden und Futurismus einen ähnlichen Stellenwert erhält wie das Erforschen unserer Vergangenheit. Es gibt viele Katastrophenszenarien für unsere Zukunft – mit der Wahl von Bolsonaro in Brasilien droht Genozid an indigenen Völkern und Rodung des brasilianischen Regenwalds, der grünen Lunge des Planeten. Fällt uns angesichts dieser Dystopien auch noch Utopisches ein? Haben wir die Kraft, für Utopien einzutreten? Ich hoffe es! 

Wie lässt sich das Weltenerfinden in die Gesellschaft tragen?

Theresa: In unserem täglichen Leben sind wir es gewohnt, realistische Pläne zu schmieden, weil alles andere ineffizient oder unsinnig erscheint. So überlege ich täglich: Wann muss ich das Haus verlassen, damit ich rechtzeitig am Bahnhof bin? Wenn ich stattdessen darüber nachdenke, wie lange ich mit einem Lufttaxi brauchen würde, hilft mir das wenig, wenn im gleichen Moment der Bus vor meiner Nase wegfährt. Es scheint also keinen Sinn zu machen, sich im Alltag mit Science-Fiction zu beschäftigen, oder doch? Das Schöne am Weltenerfinden ist, dass es nicht nur auf Autor*innen und Schriftsteller*innen begrenzt ist, sondern jeder sich Gedanken darüber machen kann, wie eine andere, eine neue Welt aussehen könnte.

Und dabei meine ich nicht Tagträumereien wie sie jeder von uns hat und die wir vor allem von Kindern kennen, wenn sie sagen: Wenn ich Königin wäre, gäbe es jeden Tag Eis!

Wie wäre es mit einem Gedankenspiel: Was wäre, wenn es (wie in Le Guins Roman Die linke Hand der Dunkelheit) nur Menschen, aber keine Männer und Frauen gäbe, wenn alle Geschlechterrollen, traditionellen Hierarchien, Klischees und Ungerechtigkeiten einfach nicht vorhanden wären? Wie würde unsere Gesellschaft funktionieren? Welche Vor- oder Nachteile hätten wir davon? Wie würde sich unser eigenes Verhalten ändern? Sich diese Fragen zu stellen, sie ehrlich zu beantworten und damit Rückschlüsse auf das eigene Leben zu ziehen, kann einen sehr befruchtenden Effekt auf den Alltag haben.
Genauso die Sache mit dem Lufttaxi: Wenn es so etwas gäbe, hätten alle Menschen ein eigenes? Müsste man ein Lufttaxi-Sharing System entwickeln oder wären die Taxis für alle Bürger kostenlos? Wie würde man Staus und Unfälle vermeiden und mit welchem Antrieb sollten sie fliegen?

Wer solche Gedanken wieder auf das alltägliche Leben überträgt wird sehen, dass es genau die Fragen sind, die uns heute schon beschäftigen und auf die uns Politik und Industrie vielfältige Antworten geben. Wenn man das Ganze in Hinblick auf die Zukunft denkt, kann man vielleicht besser vorschnelle Lösungen oder profitorientierte Angebote entlarven und gegebenenfalls ablehnen.

Auf der Podiumsdiskussion von „Think Ursula“ wurde darüber gesprochen, ob es sich vielleicht lohnen würde, in der Schule ein solches Fach des „Weltenerfindens“ einzuführen. Der Autor Andreas Brandhorst stimmte dafür und auch ich finde die Idee sehr charmant. Doch kaum habe ich diesen Gedanken gedacht, höre ich in meinem Kopf die Stimmen der üblichen Kritiker: „Die Schule hat anderes zu tun, sollen die Kinder erst Mal Rechnen und Schreiben lernen, die können ja gar nicht alle Deutsch, wir haben Lehrermangel, wer soll das bezahlen?“. Moment mal, ich bin Science-Fiction-Autorin, also nochmal von vorne: Ich erfinde einfach eine Schule, in der das gemacht wird und überlege mir die Implikationen: Wenn es also ein Schulfach „Weltenerfinden“ gäbe, könnten die Schüler die Welten und Gesellschaftsformen entwerfen, die sie für lebenswert halten – und immerhin sind die Kinder diejenigen, die eine zukünftige Welt bevölkern werden. Wer also hätte mehr Recht, eine neue Welt zu erfinden? Die Kinder würden sehen, dass keine der Welten, in denen jeder der 25 Schüler Alleinherrscher ist, Bestand hat. Sie müssten handeln und kooperieren. Sie müssten Konflikte lösen und streiten lernen, ohne sich gegenseitig zu vernichten. Vielleicht würden ihnen auch neue Wege einfallen, die uns Erwachsenen schon längst verschlossen sind, weil wir seit Jahrzehnten meinen, die Welt müsse notwendigerweise so sein, wie wir sie erleben. Am Ende eines Schuljahrs könnte jede Klasse ihren besten Gesellschaftsentwurf präsentieren. Journalisten, Politiker und Wissenschaftler wären zu Gast, um sich diese neuen Welten anzusehen, und jedes Jahr würden die originellsten, wegweisendsten und schönsten Welten in den Medien intensiv besprochen.

Und jetzt frage ich Euch, liebe Leser*innen, würdet Ihr nicht auch gerne wissen, welche Welten dabei herauskommen würden?

Annette: Tatsächlich halte ich die absurde Tagträumerei für etwas sehr Wichtiges, vor allem in einer Zeit, in der selbst die Freizeitbeschäftigung einen Nutzen erfüllen muss („Ohne Instagram-Bilderserie war es kein richtiger Urlaub!“). Warum nicht sich einfach nur für sich selbst und seine Gedanken etwas Zeit nehmen, ohne dass dabei ein vorzeigbares Ergebnis entsteht? Warum nicht den Gedanken weiterdenken, was es für eine Welt bedeuten würde, wenn jede*r täglich ein kostenloses Eis bekommen würde? Wie würde die Gesellschaft mit den gesundheitlichen Mehrkosten aufgrund von erhöhtem Kariesbefall und Übergewicht umgehen? Würde das Eis täglich mit Drohnen an jeden Haushalt geliefert oder könnte man es einfach gratis im Supermarkt mitnehmen? Wäre jedes Eis kostenlos oder nur vier Grundsorten und die Oberschicht wäre erkennbar an ihrem Marshmallow-Oreo-Mix mit Karamellsoße? Wie bekämen Eltern ihre Kinder dazu, ihre Erbsen zu essen, wenn sie doch schon satt vom Erdbeereis sind? Oder wäre das Eisessen nicht vielleicht sogar eine Pflicht, von der man sich freikaufen kann, und politisch Verfolgte schlössen sich in Untergrundgruppierungen zusammen, um Bahnschienen zu schottern, damit die Zuckertransporte nicht die Fabriken erreichen?

Selbstverständlich sind das wahnsinnig alberne Fragen, aber es macht Spaß, sie zu durchdenken. Auch wenn sie zu keinen Antworten auf das gesellschaftspolitische Zeitgeschehen führen (zumindest vordergründig), so schulen sie dennoch die Technik des Weltempfindens an sich. Und vielleicht kommt am Ende ja doch noch etwas „Produktives“ heraus: eine Satire aufs dystopische Genre.

Nehmen wir mit Science-Fiction auch eine politische Verantwortung wahr?

Theresa: Ich glaube, dass alle Menschen politische Verantwortung haben und diese auch jeden Tag ausüben. Gerade in Zeiten von Social Media hat jeder die Möglichkeit, als Multiplikator von Meinungen, Geschichten, Werten und Themen zu agieren.

Zusätzlich dazu habe ich als Autorin eine höhere Reichweite als die Privatperson Theresa Hannig. Denn im Idealfall lesen tausende Menschen meine Bücher und setzen sich so mit meiner Gedankenwelt auseinander. In diesem Fall ist es für mich wünschenswert, dass die Leute nach dem Lesen meiner Texte ihre Umwelt bewusster wahrnehmen und ihre Rolle in unserer Gesellschaft hinterfragen. Denn viele von uns leben in einer Art individueller Emigration, dem ewigen „eh“. Das äußert sich dann in solchen Sätzen (die sicherlich jeder von uns kennt):  „Es ist egal, was ich wähle, die Politik macht ja eh immer das gleiche, sollen die mich doch ruhig überwachen, ich habe ja eh nichts zu verbergen, warum soll ich Müll trennen, die schmeißen dass doch eh wieder alles zusammen, warum soll ich Bio-Produkte kaufen, das ist doch eh alles Betrug.“

Das ewige „eh“. Dagegen kämpfe ich mit meinen Texten an. Denn die Gesellschaft und die Politik sind keine Veranstaltungen, die irgendwo da draußen stattfinden. Wir sind es selbst. Ohne uns gäbe es keine Politik, keine Wirtschaft, keine Gesellschaft, keine Religion und keine Kriege. WIR als Menschen sind die einzelnen Bestandteile, durch/für/über die alles wirkt. Das ewige „eh“ verkennt diese Tatsache. Ja, jeder einzelne ist nur ein kleiner Teil. Aber: Jeder einzelne ist Teil des Ganzen, das ohne die Teile überhaupt nicht existieren würde.

Ich möchte darauf aufmerksam machen, dass jeder einzelne verantwortlich für die Politik, die Gesellschaft und die Umwelt dieses Planeten ist. Und wer dann immer noch nicht weiß, wie er das in konkretes Handeln umsetzen soll, dem kann ich Kants kategorischen Imperativ empfehlen, denn der ist eh immer sinnvoll.

Annette: Auch ich bin der Meinung, dass es so etwas wie den unpolitischen Menschen gar nicht gibt. Selbst ohne Reichweite, ja sogar ganz ohne Internet hat jeder von uns eine politische Verantwortung: Wie erziehe ich meine Kinder? Welchen Nachbarn helfe ich beim Einkauf? Und halte ich den Mund, wenn der Kollege im Pausenraum „Alle absaufen!” als alternatives Konzept der Flüchtlingspolitik vorschlägt, oder mache ich den Mund auf, auch wenn der Rest des Kollegiums mich dann vielleicht für eine naive Zicke hält? Wir treffen tagtäglich politische Entscheidungen, die auch Auswirkungen auf unsere Mitmenschen haben – und dabei ist vollkommen egal, ob wir uns überhaupt für Politik interessieren oder nicht.

Mir persönlich ist es in meinen Texten wichtig, die Gesellschaft als so bunt darzustellen, wie sie nun einmal ist, denn ich sehe Vielfalt als eine Bereicherung an. Und dazu gehört es, Ghettos aufzubrechen, denn das Leben wird erst dort wirklich spannend, wo verschiedene Kulturen und Lebensmodelle aufeinandertreffen. Ja, das führt zu Konflikten, aber hier liegt auch meine Verantwortung als Autorin: im Aufzeigen, wie wir alle zusammen gut leben können, auch wenn wir nicht immer einer Meinung sind.

Judith: Es gibt keine unpolitische Haltung. Es gibt nur den Willen, den Status Quo zu verändern oder zu erhalten. Eigentlich hat sich Science-Fiction immer schon der Veränderung verschrieben, auch für Le Guin war Veränderung, Evolution, ein wichtiges Stichwort. Aber die Stimmen waren und sind nicht vielfältig genug. Ich habe vor kurzem einen Artikel zum Thema “Mehr politische Fantasy und Science-Fiction” geschrieben. Die Reaktionen, vor allem bei Facebook, waren: “SF ist politisch, ich sehe da keinen Handlungsbedarf.” Angesichts der Tatsache, dass wir trotz all der Jahrzehnte an Star-Trek-Utopien gerade dabei sind, massive Rückschritte zu machen, uns abzuriegeln, uns zu nationalisieren, zu extremisieren, glaube ich, dass es sehr wohl Handlungsbedarf gibt. Fiktion ist wirkmächtig, aber offenbar kranken die Metaphern auf Rassismus und Kolonialismus an der eurozentristischen Sichtweise, haben sich Dystopien mit Klimawandel und Kriegen um Migration bereits abgefunden. Wollen wir kampflos aufgeben? Veränderung ist und war schon immer ein Team Effort, und die Geschichte zeigt, dass nicht einmal eine Mehrheit dafür notwendig ist: Um die Gesellschaft zu verändern, braucht es entschlossene zwanzig, dreißig Prozent. Wollen wir dieses Feld den Rechten überlassen, den Abschottern, den Geldmachern? Wenn wir an gesellschaftlichem Wandel mitwirken wollen, müssen wir auch Leuten zuhören, die nicht so aussehen wie wir-nur-in-einem-anderen-Shirt, die nicht so leben wie wir-nur-in-einem-anderen-Haus. Wir müssen über unseren bequem verlaufenden Tellerrand blicken. Und jeder Augenblick, in dem wir das tun oder nicht tun, ist politisch.

Und zuletzt ein zu kurzer Exkurs: Wo sind die Science-Fiction-Autorinnen?

Judith: In diesem Jahr hat Chimamanda Ngozi Adichie die Keynote zur Frankfurter Buchmesse gehalten. Ich hatte kurz zuvor ihren TED-Talk The danger of a single story gehört (https://www.youtube.com/watch?v=D9Ihs241zeg – große Empfehlung!), in dem sie auf die Gefahr einer Einzelgeschichte als stellvertretend für eine ganze Gruppe hinweist. Auch Le Guin ist so eine single story, wenn auch im positiven Sinne. Sie war und ist auch heute noch retrospektiv gesehen DIE große, feministische Science-Fiction-Autorin, aber allzu häufig wird auch der Fehler gemacht, sie in eine Heldengalerie mit 15, 25, 35 männlichen Autoren zu stellen und zu sagen: „Ich weiß gar nicht, was ihr habt – da ist doch die wichtige weibliche Stimme, ganz prominent!”

Nicht nur die Science-Fiction braucht diversere Perspektiven, unsere Zukunft braucht sie! Wir kochen die „weibliche Science-Fiction”, falls es so etwas denn gibt, auf Le Guin zusammen, aber wir sollten bewusst und kritisch unseren Lesestapel, unser Bücherregal beäugen und uns die Frage stellen, ob wir genügend Stimmen gehört haben in unserem Leben. Gerade im deutschsprachigen Raum gibt es offenbar keine erfolgreichen SF-Autorinnen, und auch international muss man nachdenken, um auf eine Handvoll Namen zu kommen. Letztlich stammt die Überzahl der von den großen Verlagen gepushten Titel aus der Feder weißer, amerikanischer Männer. Muss das so bleiben?

Welchen Schluss die Verlage aus der Repräsentation auf der „Think Ursula“-Bühne ziehen, bleibt letztlich ihnen selbst überlassen. Die Perspektiven von Frauen, People of Color und Autor*innen, die nicht in Mitteleuropa oder den USA leben, befinden sich zumeist an den Rändern des Buchmarkts und es ist auch uns als Leser*innen überlassen, sie in die Mitte zu befördern. 

Über die Autorinnen

Judith Vogt, aufgewachsen in einem Hundert-Seelen-Dorf in der Nordeifel und gelernte Buchhändlerin, steht seit 2010 als Schriftstellerin am anderen Ende der Buchnahrungskette. Für „Die zerbrochene Puppe“ erhielt sie 2013 mit ihrem Mann, dem Physiker Christian Vogt, den Deutschen Phantastik Preis, die Fortführung „Die verlorene Puppe“ war für den Seraph 2017 nominiert. Sie lebt in Aachen und schreibt Romane, Rollenspieltexte, journalistische Artikel und Übersetzungen in ihrem Lieblingsgenre Phantastik und SF. 

Theresa Hannig wurde 1984 in München geboren. Sie studierte Politikwissenschaft, Philosophie und VWL an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Sie arbeitete als Softwareentwicklerin, SAP Beraterin, Projektmanagerin von Solaranlagen und Lichtdesignerin. Im Jahr 2016 gewann sie mit ihrem Manuskript Die Optimierer den 1. Stefan-Lübbe-Preis, woraufhin der Roman im September 2017 bei Bastei Lübbe veröffentlicht wurde. Im März 2018 gewann Sie mit Die Optimierer den Seraph 2018 für das beste Debüt. Theresa Hannig lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in der Nähe von München.

Annette Juretzki wurde 1984 in Polen geboren, ist in Niedersachsen aufgewachsen und nach einem ausgiebigen Schwenker Richtung Bremen letztlich in Osnabrück gelandet. Auf dieser Reise lernte sie nicht nur erfolgreich Lesen und Schreiben, sondern baute auch eine leidenschaftliche Hassliebe zu ihrem Computer auf und fand durchs Pen&Paper-Rollenspiel den Mann fürs Leben, der so hartgesotten ist, dass er tatsächlich jede ihrer Geschichten liest. Außerdem studierte sie Religionswissenschaften, denn so ein Diplom kann man immer mal gebrauchen. 2017 erschien mit dem Science-Fiction-Roman "Sternenbrand 1: Blind" ihr Debüt im Traumtänzer-Verlag, einer Space Opera um queere Aliens, uralte Geheimnisse und PewPew.

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