„Horror rüttelt alles auf“ – Interview mit Mats Strandberg

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INTERVIEW

„Horror rüttelt alles auf“ – Interview mit Mats Strandberg


Mats Strandbergs neuer Horrorroman „Das Heim“ zieht die klassischen Register des Unheimlichen. Im Interview spricht der Bestseller-Autor über die Vielfalt von Horror, das Bullerbü-Syndrom und darüber, wie er seine Figuren erarbeitet.

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TOR ONLINE: Hast du selbst Angst vor dem Alter?

Mats Strandberg: Nein, hatte ich noch nie. Meine Sorgen kreisen immer nur darum, dass meinen Angehörigen etwas Schlimmes zustößt. Doch durch die Arbeit an „Das Heim“ habe ich ein viel schöneres Bild vom Altern bekommen. Das hört sich vielleicht sonderbar an, schließlich ist es ein Horrorroman. Aber während meiner Recherche bin ich einfach vielen tollen Menschen begegnet.

Seit dein Roman „Die Überfahrt“ erschienen ist, wirst du als „der schwedische Stephen King“ bezeichnet, und du hast erzählt, dass King deine Arbeit stark beeinflusst hat. Kannst du beschreiben, was dich an King fasziniert?

Ja, das ist das schönste Kompliment, das man kriegen kann! Was mir bei King am besten gefällt, ist seine Methode, das Sozialrealistische mit dem Übernatürlichen zu vermischen. Außerdem inspiriert mich seine Erzählfreude. Kings Bücher empfangen einen immer mit offenen Armen. Sie laden zum Lesen ein und machen die Sache nicht unnötig kompliziert.

Warum schreibst du nicht „einfach nur“ Horror, sondern verwendest in deinen Büchern auch phantastische Elemente? Und warum schreibst du überhaupt Horror?

Horror mag ich am liebsten, wenn das Unbegreifliche in einen wohlbekannten Alltag hineinsickert. Es gibt einen Haufen Gründe, warum ich Horror toll finde, sowohl als Leser als auch als Autor. Aber vor allem stellt Horror einen spannenden Weg dar, Figuren zu erforschen. Horror rüttelt alles auf, und alte Regeln gelten nicht mehr. Zu wem wirst du, wenn du mit etwas Unbekanntem konfrontiert wirst? Welche moralischen Entscheidungen fällst du? Welche Gedanken über Gut und Böse, Leben und Tod zwingen sich dir auf? Aber Unheimliches mochte ich schon immer gern. Schon als Junge habe ich den kleineren Kindern Gruselgeschichten erzählt, haha.

„Das Heim“ ist viel weniger blutrünstig als „Die Überfahrt“, wo die Eingeweide übers Schiffsdeck spritzen. Nun sind es eher klassische unheimliche Ereignisse wie flackernde Lampen oder seltsame Schatten, die zu einer gruseligen Lektüre führen. Woher kommt dieser Stilwechsel?

Genau das mag ich so an Horror – es gibt so viele unterschiedliche Spielarten. Ich will mich selbst herausfordern und immer wieder neue Wege beschreiten. Nach der „Überfahrt“ hatte ich erst mal genug von Blut und Gedärmen, haha. Ich wollte lieber eine Schauergeschichte erzählen, denn das finde ich eigentlich noch unheimlicher: Du weißt schon, dieses Gefühl, dass im Dunklen irgendwas lauert und mich beobachtet … Mein nächster Horrorroman wird wahrscheinlich überhaupt keine übernatürlichen Elemente aufweisen, sondern eher vom Kettensägenmassaker und anderen Slasherfilmen inspiriert sein.

In Deutschland existiert das Phänomen des sogenannten „Bullerbü-Syndroms“: Es besagt – mehr oder weniger –, dass in unserer Vorstellung unsere nordischen Nachbarn glücklich und zufrieden in roten Holzhäusern sitzen, braungebrannte Kinder durch den Vorgarten springen und es keine größeren Sorgen gibt als die Frage, wer denn dieses Jahr die Weihnachtsplätzchen backt. Gleichzeitig sind düstere Krimis und auch Horrorromane – zum Beispiel von dir – aus Schweden unglaublich erfolgreich in Deutschland. Was hat es mit den düsteren Erzählungen aus dem Norden auf sich, dass sie so großen Anklang finden?

Ja, wir sind total fasziniert davon, dass ihr so fasziniert von uns seid. Und ich möchte gern hinzufügen, dass ich Deutschland liebe! Ich glaube, unsere große Krimi-Welle kam nach dem Mord an unserem Staatsminister Olof Palme auf. Unser nationales Trauma haben wir dadurch verarbeitet, dass wir Bücher über Polizeiermittlungen lasen und schrieben, in denen man den Mörder tatsächlich fand … Die aktuelle Horror-Welle rührt vermutlich daher, dass es derzeit eine große Unruhe in der Gesellschaft gibt, die auch verarbeitet werden muss. Hier in Schweden hat sich alles sehr schnell verändert, und ich persönlich habe zum Beispiel Angst vor den rechtsextremen Strömungen, die innerhalb weniger Jahre so stark geworden sind. Warum unsere schwedischen Geschichten im Ausland so gut funktionieren, weiß ich nicht so richtig. Vielleicht ist es genau der Kontrast zu dem Bullerbü-Bild von uns? Außerdem bin ich der Ansicht, dass wir dem Persönlichen in unseren Erzählungen viel Platz einräumen. Wir erforschen die Figuren, ihren Charakter, ihre Beziehungen und ihr Privatleben; es braucht nicht auf jeder Seite Blitze und Bomben.

Besonders stark und gelungen sind in allen deinen Romanen die Figurenzeichnungen. Die sind sehr authentisch, und man versteht immer, warum sie so handeln, wie sie handeln. Wie arbeitest du deine Figuren aus?

Erst einmal: Danke schön! Ich finde, die Figuren sind das Wichtigste in einer jeden Erzählung. Wenn man mit denen nicht mitfiebert, kommt ja gar keine Spannung auf. Ich versuche, allen meinen Figuren deutliche Beweggründe zu geben. Das muss nicht anspruchsvoller sein als „Ich will heute Abend auf der Fähre so richtig Spaß haben“, aber sie müssen etwas WOLLEN, sodass ich hoffen kann, dass es ihnen gelingt. Ich versuche Figuren zu schreiben, denen ich selbst folgen wollen würde. Ich gebe ihnen sowohl gute als auch schlechte Eigenschaften. Ich versuche sie mit Menschen zu umgeben, mit denen es spannende Begegnungen geben kann. Und ich versuche sie so gut wie möglich „kennenzulernen“, bevor ich mit dem Schreiben anfange. Zum Beispiel erstelle ich Spotify-Playlisten für sie, um mich ihnen anzunähern.

[Mats Strandbergs Playlist zu "Das Heim" – mit den Songs, die Joel und Nina wohl gehört hätten >>]

 

Gibt es einen besonderen Grund, warum ausgerechnet eine Frau – nämlich Monika – im Zentrum deines Romans steht? Oder hätte es genauso gut ein Mann sein können? Alte Frauen können ja Assoziationen mit Hexen oder der Weißen Frau wecken. War das ein Hintergedanke dabei?

Eigentlich nicht, aber du hast recht! Ich habe eher auf einen Kontrast abgezielt, so ähnlich wie beim Bullerbü-Syndrom. Alte Frauen sind ja meistens nett und backen Kuchen, und sie stammen aus einer Generation, wo Frauen nicht so viel Raum zugestanden wurde. Deswegen wird es umso unheimlicher, wenn sie sich plötzlich in etwas anderes verwandeln.

Wer ist deine Lieblingsfigur in „Das Heim“?

Das ändert sich von Tag zu Tag. Aber abgesehen von den Hauptpersonen mag ich Lillemor, die Engel liebt, unglaublich gern.

Dein nächstes Projekt ist ein Science-Fiction-Roman für Jugendliche. Kannst du uns etwas darüber erzählen?

Das Buch heißt „Slutet“ (deutsch: „Das Ende“) und handelt davon, was geschieht, wenn ein Komet auf die Erde zurast. Wir haben noch drei Monate zu leben. Was passiert jetzt? Ab wann verliert Geld seine Bedeutung? Was machen wir mit Kriminellen, wenn keine Zeit mehr für Gerichtsprozesse und Gefängnisstrafen bleibt? Wie gibt man dem Leben noch einen Sinn und mit wem will man die allerletzten Stunden verbringen? Solche Fragen tauchen auf. Das ist zwar kein Horrorroman, aber immerhin gibt es Opferzahlen von fast acht Milliarden Menschen …

Herzlichen Dank!

 

Aus dem Schwedischen von Heide Franck

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