Interview mit „Erdsee“-Illustrator Charles Vess

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INTERVIEW

Interview mit „Erdsee“-Illustrator Charles Vess


Illustrator Charles Vess ist ein echter Ausnahmekünstler. Nun hat er die Luxusausgabe von Ursula K. Le Guins klassischem Erdsee-Zyklus bebildert. Im Interview erzählt er über seine Begegnungen mit der Grand Dame der Phantastik.

Auf seinen Bildern erweckt Charles Vess seit Jahren Fantasie und Folklore zum Leben. Der Amerikaner fängt die Magie von Träumen ein und macht Feenland genauso zu seiner Bühne wie Märchen und Sagen. Comics, Illustrationen, Cover: Vess ist ein echter Ausnahmekünstler. Nun hat er die Luxusausgabe von Ursula K. Le Guins klassischem Erdsee-Zyklus bebildert, die bei Fischer TOR auf Deutsch erschienen ist. Die Inselwelt der Magier, Drachen, Priesterinnen und machtvollen Namen debütierte 1964 in einer Kurzgeschichte, zwischen 1968 und 2001 folgten fünf Romane und diverse Erzählungen. Im nachfolgenden Interview spricht Charles Vess über seinen ersten Besuch in Le Guins Welt, seinen regen Austausch mit der Grand Dame der Phantastik und ihre speziellen Drachen. 

Hallo Charles. Erinnerst du dich noch, wann du erstmals etwas von Ursula K. Le Guin gelesen hast?

Charles Vess: 1970 hatte ich an der Universität einen Kurs über Kinderliteratur. Der Magier der Erdsee war Teil der Lektüre für diesen Kurs. Ich war sofort gebannt von sowohl Ursula Le Guins Stil als auch von den Themen, die sie erkundete. Darauf brennend, mehr zu lesen, schnappte ich mir die ersten Ausgaben von Die Gräber von Atuan und Das ferne Ufer, die ich sah. Über die Jahre habe ich alle Bücher immer wieder gelesen. Je älter ich wurde, desto besser und tiefer wurden die Romane, was mich noch mehr beeindruckte. So sehr, dass ich nicht einmal mit ihr reden konnte, als ich endlich auf einer Convention war, die sie als Gast besuchte. Ich dachte mir: „Was soll ich ihr sagen? Meine Güte, Ms. Le Guin, Sie sind so eine tolle Autorin“? Spul zehn Jahre oder so vor, als ich einen Anruf von Redakteur Joe Monti erhalte, der mich fragt, ob ich eine Erdsee-Sammlung mit allen Texten illustrieren will. Natürlich ergriff ich die Gelegenheit. Es gab nur einen Haken. Ursula wollte mit mir reden. Sie kannte meine Kunst, doch sie wollte wissen, ob sie mich als Person mochte, bevor ich unterschrieb. Huch! Ich bereitete mich ein Wochenende voller Nervosität auf unser Telefonat vor, aber nach ein paar Minuten waren alle Ängste weggewaschen. Sie war warmherzig und witzig, und man konnte gut mit ihr reden, obwohl sie sehr eigensinnig war. Nach vier Jahren fast permanenter Kommunikation und Arbeit an all den Illustrationen, denke ich, kann man sagen, dass wir gute Freunde geworden sind. Ihr Tod schockierte mich und machte mich sehr traurig.

War es hart, bei all dem guten Material nur eine bestimmte Anzahl Szenen zum Illustrieren herauszupicken?

Ja, war es. Ich könnte bis zum heutigen Tag weitere wundervolle, atmosphärische Szenen zeichnen, doch dann würde ich ihre einsichtsvollen Anmerkungen vermissen. Alles im Buch wurde vor ihrem Tod gezeichnet und von meiner De-Facto-Art-Direktorin Ms. Le Guin abgesegnet. Das ist eine große Erleichterung für mich.

Wie schwer war es, das Aussehen der Hauptfiguren festzulegen?

Ich habe die bewusste Entscheidung getroffen, keine Portraits oder Naheinstellungen zu machen. Mein Gedanke war, dass Millionen von Menschen diese Bücher gelesen haben und sie alle ihren eigenen Ged oder ihre eigene Tenar in ihr geistiges Auge eingeprägt haben. In meinen Bildern konzentrierte ich mich größtenteils auf Landschaften und Stimmungen, in denen die Charaktere als kleine Figuren von der See und dem Land in den Schatten gestellt werden. Doch dann waren da noch die Drachen. Ursula war äußerst wählerisch, was sie anging. Zu Beginn des Projekts schickten wir fast ein Jahr lang Skizzen und Kommentare hin und her, wobei wir uns langsam einer finalen Vision davon näherten, wie ihre Drachen aussahen. Es war ein langer Prozess, aber er zementierte unsere Zusammenarbeit für das gesamte Projekt.

In Ihren Blog berichtete Le Guin einmal, dass sie dir den Grundriss eines Gebäudes skizzierte ...

Eines Tages fragte ich mich, wie genau das Heim von Ged und Tenar aussah. Das war reine Neugierde, da ich nie davon ausging, dass ich es im Detail zeichnen würde. Ich schickte Ursula eine kleine, grobe Skizze, und zu meiner Überraschungen antwortete sie direkt. Am nächsten Tag tauchte der Grundriss in meinen E-Mails auf. Als man nach ihrem Tod in ihren Unterlagen eine unveröffentlichte Kurzgeschichte fand, erfuhr ich, dass sie damals zur selben Zeit die allerletzte Geschichte von Ged geschrieben hatte, die in genau diesem Cottage spielt.

Wie sehr hängen deine Bilder von guter Prosa und guten Geschichten ab?

Ich bin nun seit über 40 Jahren professioneller Illustrator und weiß, dass deine Bilder und deine Kunst umso besser werden, je besser das Geschriebene ist. Großartiges Geschichten holen Dinge aus dir als Künstler heraus, von denen du vielleicht gar nicht weißt, dass sie da sind.

Verspürt ein erfahrener Künstler Druck, wenn er ein Werk wie "Erdsee" bebildert?

Der Druck, einen modernen Klassiker zu illustrieren, der immer da war, ist immer zu spüren. Ich hoffe, dass jeder so mit dem Ergebnis zufrieden sein wird, wie Ursula es war.

Gibt es ein anderes großes Werk der Fantasy, das du gern illustrieren würdest? Oder denkst du, dass jeder Meister nur einen Klassiker bebildern sollte, so wie Lee und Howe den "Herrn der Ringe", und du nun eben "Erdsee"?

Ich glaube nicht an künstliche Grenzen oder Mauern, deshalb will ich nicht auf die Garnitur einer einzelnen Fantasiewelt beschränkt sein. Es gibt immer eine fiktive Welt jenseits der, die wir bereits kennen oder gerade erkunden. Ich freue mich im Moment auf die Arbeit an einigen meiner eigenen, von mir geschriebenen und gezeichneten Geschichten. Und es gibt mehr Klassiker der Fantasy, an die ich gern Hand anlegen würde, vor allem Lords Dunsanys Die Königstochter aus Elfenland.

 

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Dieses Interview erschien ursprünglich im GEEK!-Magazin bei Panini. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung.

  

Illustrationen © Charles Vess, aus »Erdsee« von Ursula K. Le Guin, FISCHER Tor, Frankfurt am Main, 2018.

Autorenfoto Charles Vess: Charles Vess 2013 in seinem Studio/Foto by Wikipedia

 

 

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