Leseprobe: Interstellaris – Eine astrofuturistische Vision (Amanda Wipperling)

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BUCH

Leseprobe: Interstellaris – Eine astrofuturistische Vision (Amanda Wipperling)


Ein blau schimmerndes Universum stirbt. Unbegreifliche Kreaturen singen ihre Lieder in die extraterrestrische Meeresbrandung. Insektoide Königinnen wollen mehr sein als Eierkisten für ihren Stock. Ein denkender Lurch muss widerwillig einsehen, dass es eine Welt außerhalb seines Bewusstseins gibt … Und wie steht es um uns Humanoide? Die Menschheit ist nur ein winziges Steinchen im bunten Mosaik intelligenten Lebens in unserer Galaxis, ihre Kunst womöglich Variante eines gigantischen ästhetischen Experiments. Doch – wessen Experiment? Wir wissen es nicht. Wir ahnen nur: Da draußen, jenseits der Oortschen Wolke, wartet Vertrautes und unendlich Fremdes auf uns.

In diesem ungewöhnlichen Band erwartet den Leser ein vielfältiger künstlerischer Genuss, der unterhaltend, aufzeigend, aber nicht belehrend, daherkommt. Er ist soeben im Verlag modernphantastik erschienen.

Nenu Kraa von Belor

Vor 80 Jahren

Nenu Kraa wurde als junge Königin an einen mächtigen und gewalttätigen Clan verkauft, Sie musste ihre literarischen Ambitionen verheimlichen und spielte, so lange sie auf Belor lebte, die Rolle der halb verblödeten Gebärmaschine. Als die Liga friedlicher Welten Belor übernahm, retteten ihre Inspektoren die schwer kranke und traumatisierte Königin. Nach ihrer Genesung bat sie um Asyl und fand auf Sahla eine neue Heimat.

 

Männer – Gedanken einer Königin (Tagebuchnotiz)

Ich hab sie nicht gezählt und nie angesehen, wenn sie durch die Hintertür hereinkamen. Meine Ganglien hatten mit dem, was sie taten nichts zu schaffen. Eine Königin hat keine Beziehung zu irgendwelchen Geliebten. Sie hat dem Stock zu dienen, der sie gekauft hat. Basta!

Ich habe anfangs bei den Kraamännern voll auf Feindschaft geschaltet. Sie taten mir weh und meine Zofen mussten mich immer wieder festbinden. Seit da hinten alles verhornt ist, hasse ich seltener. Ich döse, schlafe, verdaue ... bin ganz weit weg. Ich lebe in meinem eigenen männerlosen Wunderland. Ob jemand in mir herumstochert, ist mir egal.

Eigentlich sind die meisten Befruchter gar nicht so übel. Sie zirpen einen höflichen Gruß, bevor sie sich vorsichtig oder wild ans Werk machen. Reden kann man jedoch nicht mit ihnen. Ihre Interessen sind sehr einseitig. Die armen Kerle müssen danach an die Front. Über die Front weiß ich nicht viel. Die Politik machen bei den Kraa allein die Räte. Dieser Clan hält sich für was Besseres. Mein Haus ist unbedeutend. Mich haben sie nur wegen der Eierstöcke gekauft ... und das lassen sie mich spüren.

Der Krieg dauert schon viel zu lange. Unsere Soldaten sterben schneller, als neue heranwachsen können. Wer dachte, dass die Liga eine leichte Beute wäre, hat sich gründlich geirrt. Es stimmt zwar, dass sie Angriffskriege grundsätzlich ablehnt, aber wenn es um die Verteidigung geht, ziehen sie alle Register. Je näher die Front rückt, umso mehr Männer muss ich ran lassen. Der Umgang mit den jungen Helden ist alles andere als leicht. Die netten Käfermänner haben sich in brutale Machos verwandelt. Sie stürmen rudelweise meine Kammer, sehen einander beim Begatten zu, befummeln mich auf respektlose Weise und reißen dreckige Witze. Einige sind dauerhaft im Kampfmodus. Sie schlagen und beißen mich vor und während der Vereinigung ... es ist nicht auszuhalten!

Unsere Verteidigung ist völlig zusammengebrochen. Die Liga beherrscht den Orbit. Ich bin allein. Die erwachsenen Kraa sind geflohen. Nur die hungrigen Larven zirpen in ihren Waben. Ich kann ihnen nicht helfen. Wie soll ich ohne Beine und Flügel zu den Brutkammern gelangen?

Ich höre schwere Schritte draußen im Korridor. Es riecht nach Säugetieren. Eine neue Art Männer kommt in meine Kammer. Schwitzende verdreckte Humanoide. Das ist also die Ligaflotte! Was werden sie mit mir tun? Ich bin eine Quelle des Krieges. Wir Königinnen haben immer wieder nach neuen Welten geschrillt Unsere Söhne haben sie erobert. Ihre Bewohner wurden zu Nahrung verarbeitet. Wir müssen bestraft werden.

Den Ligasoldaten ist der Anblick meines nackten geschwollenen Hinterleibs sichtlich peinlich. Sie halten Abstand und vermeiden es, mich anzusehen. Nur ihr Anführer, ein großer schwarzer Mann mit schönen goldenen Augen tritt näher. Seine warmen Hände betastet mich sanft.

»Ich bin Thalno aus dem Hause Boras von Heyla. Wir bringen Sie auf unser Lazarettschiff. Sie haben nichts zu befürchten.«

Im selben Augenblick werden meine Gefühle ohne mein Zutun auf Freundschaft umgepolt. Ich verliere mich immer tiefer in den goldenen Augen des Heylaners. Das ist doch total verrückt!

Ganz vorsichtige schreite ich einen breiten, hellen Korridor entlang. Ich habe neue Beine und Flügel bekommen. Rotbraun schimmernde Flügeldecken ... ich bin nicht mehr nackt. Schade nur, dass ich zu schwer zum Fliegen bin. Die Ärzte schlugen vor, einen Teil meiner Eier zu entfernen, aber ich weiß nicht recht. Was bin ich, wenn ich keine Königin mehr bin?

»Ein Individuum«, sagt mein schwarzer Freund.

Das ist alles so kompliziert. Ich möchte kein Individuum auf Belor sein. Da wäre ich eine Außenseiterin.“

»Du könntest Asyl beantragen.«

»Bei dir?«

»Nein, dafür ist Admiral Koolmak vom Planeten Heyla zuständig.«

Den habe ich nur einmal von weitem gesehen ... ein eiskalter fürchterlicher Eisenfresser. Mein Schalter springt sofort auf Feindschaft um. Thalno versucht, mich zu beruhigen.

»Koolmak ist nicht so, wie du denkst. Rede mit ihm, bevor du ihn verurteilst.«

Der Eisenfresser besucht mich tatsächlich in meinem Krankenzimmer. Noch ein humanoider Mann! Er wirkt aus der Nähe irgendwie attraktiv, obwohl er sich nicht die geringste Mühe gibt, mir zu gefallen.

»Sie haben ein Anliegen?«, fragt er während seine kalten hellen Augen mich intensiv mustern.

Ich fühle mich wie eine missgestaltete Larve, die man gleich in den nächsten Zerhacker werfen wird.

»Ich hab meine Zeit nicht beim Pokern gewonnen«, schnauzt der Admiral. »Was ist los? Raus mit der Sprache!« Einen Moment glitzert Zorn in seinen Augen. In der Iris schwimmt eine Art silberner Staub. Das sieht geheimnisvoll aus.

»Nun sag schon was! Ich darf dich nicht beeinflussen. Belor würde sofort rumzicken und mir Manipulation vorschmeißen.«

Der Mann will mir etwas sagen, was meiner Regierung nicht gefallen würde. Er hat nichts gegen mich persönlich.

»Ich fürchte mich sehr vor dem mächtigen Haus Kraa und bitte die Liga friedlicher Welten um Asyl.«

Jetzt ist es heraus.

»Genehmigt!«, sagt Koolmak gelassen.

Der Heylaner nimmt meine Fühler in beide Hände und streichelt sie ausgiebig. Er weiß verdammt gut, was einer Käferfrau gefällt. Schade, dass diese faszinierenden männlichen Individuen so völlig inkompatibel sind!

 

Weg mit der Liga!

Die Königin wird geputzt.

Morgen wird der Stock

inspiziert.

 

Heiler der Liga,

Bürokraten der Liga,

Polizisten der Liga,

Reporter der Liga!

 

Alle fragen nach der Königin.

Nach dem Glück Ihrer bein- und

flügellosen Hoheit.

 

»Wirst du gut gefüttert?«

»Wird deine Kloake

regelmäßig gefettet?«

»Wie viele Soldaten

empfängst du täglich?«

»Stündlich?«

»Pro Minute?«

»Was machst du

in den Pausen dazwischen?«

»Gibt es überhaupt Pausen?«

»Darfst du ins Datennetz?«

 

Meine Wächterinnen

halten wie immer Spritzen

mit schnellem Gift bereit.

 

»Du altes halb vertrocknetes Aas!«,

flüstern sie.

»Wage es ja nicht!«

»Wenn du dich bei diesen

scheiß Humanoiden

beschwerst!«

»Ja, dann wirst du dir wünschen,

es hätte dich kein Kraa erkannt

und gekauft.«

 

»Sag diesen Säugern jetzt

was du willst.«

 

Die Königin schweigt.

Dann zirpt sie kaum hörbar:

 

»Ich brauche die Liga nicht.«

 

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© by Amanda Wipperling. Mit freundlicher Genehmigung.

Erschienen in: Amanda Wipperling: Interstellaris. Eine astrofuturistische Vision. Verlag modernphantastik 2018

Über die Autorin

Autorin: Amanda Wipperling

Amanda Wipperling, eigentlich Anneliese Wipperling (*1947 in Brandenburg a.d. Havel), schreibt seit über vierzig Jahren Lyrik, Prosa, Romane und Kurzgeschichten. Sie ist von Beruf studierte Diplomchemikerin, hat viele Jahre bei der Bahn gearbeitet und ist heute Rentnerin. Sie kann auf mehrere Veröffentlichungen in diversen Kleinverlagen verweisen. Ihre Werke entstehen oft in Zusammenarbeit mit ihrer Tochter Adriana Wipperling. Zur Zeit schließt das Autorinnenduo einen Roman im Genre Regional-SF ab. Wenn ihre Katzen es zeitlich erlauben, beschäftigt sie sich mit Star Trek, Babylon 5 und surft durchs Internet.

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