Cockney vs. Zombies

© Studio Canal

ESSAY

Altsein und altern im Horror


Wie das Horrorgenre in Film und Buch mit den Themen Älterwerden und Altsein umgeht, beleuchtet unser Redakteur Markus Mäurer in diesem Essay.

Der Traum von der ewigen Jugend

Das Alter - eines der ältesten Themen der Menschheit. Denn im Prinzip wird sich jeder von uns (hoffentlich) früher oder später damit auseinandersetzen müssen. Wir altern alle, ob wir wollen oder nicht. Methusalem soll laut Bibel 969 Jahre alt geworden sein, weshalb man auch von biblischem Alter spricht. Dabei lag die Lebenserwartung zu diesen vorindustriellen Zeiten deutlich niedriger als heute. Noch im Jahr 1700 lag sie bei gerade mal 30 Jahren (was vor allem der hohen Kindersterblichkeit geschuldet war). Erst ab 1750 begann sie zu steigen. Die 40-Jahre-Marke wurde 1881 überschritten, die 50 1910, die 60 1950, inzwischen liegt sie bei 76 Jahren für Männer und 81 für Frauen.


Doch ganz gleich wie alt die Menschen im Schnitt werden, sie streben danach, noch älter zu werden, ohne aber dabei altern zu müssen. Die ungarische Gräfin Elisabeth Báthory - auch als Blutgräfin bekannt - soll im 16. Jahrhundert angeblich junge Frauen auf ihr Schloss gelockt haben, um diese zu Tode zu foltern und in deren Blut zu baden, um ihre eigene Jugend zu erhalten. Historisch ist nichts davon verbürgt, zur Legendbildung trugen vor allem fiktive Werke, wie z. B. Leopold von Sacher-Masochs Ewige Jugend, bei. Seitdem gab es zahlreiche Bücher und Filme, die sich dieses Themas annahmen, selbst Wolfgang Hohlbein ging in seinem Roman Die Blutgräfin darauf ein.

Da bleibt die Frage, wie sehr der eigene Wunsch nach ewiger Jugend dafür sorgte, dass die Fantasie der Autoren hier so blutrünstige Züge annahm. Denn gerade im Horrorgenre manifestiert sich dieser Wunsch auf vielfältigste übernatürliche Weise. Wie z. B. im Vampirmythos: Wer zum Vampir wird, altert nicht mehr, muss sich aber, wie auch schon bei der Blutgräfin, von Blut ernähren, und damit vom Leben anderer. Das Streben nach Unsterblichkeit, nach ewiger Jugend, kommt also mit einem hohen Preis. Was, wenn man schon früh zum Vampir wird und körperlich auf ewig im Körper eines Kindes stecken bleibt, wie Claudia in Interview mit einem Vampir von Anne Rice?

In Oscar Wildes Roman Das Bildnis des Dorian Gray gelingt es dem namensgebenden Protagonisten, ein Bild von sich an seiner statt altern zu lassen - ein Porträt, auf dem sich der Preis widerspiegelt, den er für diesen Tausch zu zahlen hat: den Verlust jeglichen Mitgefühls, die innere Hässlichkeit und der schleichende Wahnsinn, der ihn befällt.

In der Vergangenheit war die Suche nach ewiger Jugend und Unsterblichkeit vor allem Gegenstand von Magie und Alchemie, doch nach der Aufklärung wurde sie immer stärker zum Forschungsobjekt der Wissenschaft.

Im Überraschungshorrorhit Get Out werden wissenschaftliche Methoden angewendet, um den nach Jugend dürstenden Alten junge Körper zu verleihen. Auch wenn das Hauptthema des Films eher Rassismus ist, ist die Hauptantriebskraft der Bösewicht der Neid auf die Jugend.

Gruselkabinett 117: Ewige Jugend
Die Chronik der Unsterblichen: Die Blutgräfin
Interview mit einem Vampir

Der Mythos vom Alter und die bittere Realität

In vielen Kulturen gilt das Alter als etwas Mytisches und Mystisches, als komme mit dem Alter gleichzeitig die Weisheit daher. Der Respekt vor dem Alter, vor älteren Menschen, allein um des Alters willen, ist in vielen Gesellschaften tief verwurzelt. Vermutlich, weil man es schon immer so gemacht hat und weil es wohl eher ältere Menschen waren, die diese Regeln einmal eingeführt haben.

Auch ich bin noch mit dem Dogma aufgewachsen, älteren Menschen gegenüber stets respektvoll aufzutreten, einfach weil sie alt sind. Doch wie es um diesen Respekt bestellt ist, wenn es ernst wird, sieht man daran, wie ältere Menschen, die nicht mehr in der Lage sind, eigenständig zu wohnen und/oder pflegebedürftig sind, behandelt werden. Ein Blick in die Altenheime, auf die Zustände die dort unter unserem Pflegenotstand herrschen, genügt, um zu zeigen, dass das Alter noch immer ein Thema ist, das wir am liebsten abschieben und ignorieren möchten. Die Vorstellung selbst alt zu werden, ist uns offenbar ein solcher Horror, dass wir die Problematik so stark ignorieren, dass es durch diese gesellschaftliche Ignoranz überhaupt erst zum Horror wird, in diesem Land alt zu sein.

In Mats Strandbergs Das Heim manifestiert sich der Verfall durch Demenz einer im Heim lebenden Bewohnerin durch übernatürliche, unheimliche Vorkommnisse, während sich die betroffene Mutter des Protagonisten durch die Folgen der Demenz in einem Horrorszenario wähnt, schon lange bevor der übernatürliche Schrecken losgeht und Körper und Geist sie im Stich lassen und ihre Angehörigen mit ansehen müssen, wie ein fremder Geist von ihr Besitz nimmt und den Verfall vorantreibt.

Die humorvollere Variante des Horrors im Altenheim bietet der Film Bubba Ho-Tep von Don Coscarelli, nach der gleichnamigen Kurzgeschichte von Joe R. Lansdale. Hier bekommt es jemand, der sich für den doch nicht verstorbenen Elivs Presley hält (grandios dargestellt von Bruce Campbell) in einer Seniorenresidenz passenderweise mit einer uralten Mumie zu tun, während ihm ein afroamerikanischer John F. Kennedy zur Seite steht.

Von der Weisheit des Alters

Um sich überhaupt irgendwie mit diesem drängenden Problem auseinanderzusetzen, wird es oft auf fiktive Weise in Romanen, Kurzgeschichten und Filmen verarbeitet, manchmal sogar im wahrsten Sinne des Wortes. Man denke nur an den Film Soylent Green (basierend auf dem Science-Fiction-Roman Make Room!, Make Room! von Harry Harrison), wo ältere Menschen dazu animiert werden, sich in Euthanasie-Kliniken das Leben nehmen zu lassen, und dann (ohne Wissen der Öffentlichkeit) zu Nahrung verarbeitet werden. Die Weisheit des Alters tritt hier in Form des 69-jährigen Sol auf, der einer der wenigen Menschen ist, die noch lesen können und über die Vergangenheit und die Zeit vor dem Zusammenbruch der Zivilisation Bescheid wissen. So wie heute die letzten Zeitzeugen des Holocausts langsam wegsterben, stirbt mit Sol das Wissen um die Vergangenheit, und damit die Möglichkeit, aus ihr Lehren für die Zukunft zu ziehen.

In Horrorgeschichten treten ältere Menschen häufig als beratender Sidekick auf, der über überliefertes Wissen verfügt oder sich noch an die alten Zeiten erinnert. Man denke z. B. an den älteren Nachbarn Jud Crandall in Stephen Kings Friedhof der Kuscheltiere, der dem Protagonisten von Selbigem erzählt.

Das Alter kann auch einfach ausschlaggebend dafür sein, dass sich eine Gruppe nach langer Zeit wieder triff und ihr Leben in (Grusel-)Geschichten Revue passieren lässt, wie z. B. in Peter Straubs Geisterstunde. Die Schrecken der Vergangenheit, der Jugend, die einen bis ins hohe Alter heimsuchen und dafür sorgen, dass man keinen ruhigen Lebensabend verbringen kann.

Der Neid der Alten

Eines der immer wiederkehrenden Themen in Horrorgeschichten ist der angebliche Neid der Alten nach Jugend (siehe Get Out) und damit sind nicht Lovecrafts Großen Alten gemeint, sondern die Geister im Alter Verstorbener, die sich eben nicht mit der eigenen Vergänglichkeit abfinden können, die selbst als Geister noch in unserer Welt verharren und den Jungen das Leben schwer machen oder schon zu Lebzeiten zu solchen Geistern werden, die nach neuen Körpern suchen. Wie z. B. in Der verbotene Schlüssel, wo ein älteres Dienstbotenpaar mittels Hoodoo-Magie die Körper mit zwei Kindern tauscht. Oder im Film Die Frau in Schwarz (nach dem gleichnamigen Buch von Susan Hill), wo ein älterer Geist zu Beginn des 20. Jahrhunderts grausame Rache an den Kindern eines kleinen Dorfes nimmt.

Auch Gentrifikation ist ein Thema, von dem ältere Menschen insbesondere betroffen sind, wenn sie z. B. nach teils 50 Jahren und mehr in der gleichen Wohnung im hohen Alter aus dieser vertrieben werden sollen, weil der Vermieter sie renovieren und zu höheren Preisen an zahlungskräftigere Mieter vermieten möchte. In der schwarzen Tragikkomödie Die Straße des Bösen von 1974 greift eine von Gentrifizierung bedrohte Rentnergruppe zu extremen Maßnahmen mit blutigen Folgen.

Konstruktive Ansätze

Der entspanntere und konstruktivere Ansatz ist es, einfach ältere Menschen öfters zu Protagonisten und HeldInnen der Geschichten zu machen, damit auch jüngere Leser Empathie für die Nachteile und Notwendigkeiten entwickeln, die das Alter so mit sich bringt, aber auch mitbekommen, dass es gar nicht so schlimm ist und es Vorteile haben kann, nicht ewig jung zu sein.

In Stephen Kings Roman Insomnia geht es um den 70-jährigen Ralph Roberts, der nach dem Tod seiner Frau an Schlaflosigkeit leidet. Das Wissen um die eigene Vergänglichkeit und jener, die man liebt, manifestiert sich hier in Form einer Todesuhr, die Ralph ticken hört. Einsamkeit und eine andere Sicht auf die Dinge, die mit dem Alter entwickelt, werden hier mittels phantastischer, gruseliger Themen verarbeitet.

Man kann das Älterwerden aber auch mit Humor nehmen. Im britischen Film Cockney vs. Zombies kämpft eine rüstige und waffentechnisch aufgerüstete Rentnertruppe gegen eine fußlahme und gehirntechnisch abgerüstete Zombiehorde. Zombies don’t run - weshalb sie damit einen auch gagtechnisch perfekten Gegenpart für die von den Folgen des Alters gebeutelte Gruppe darstellen, die dieses Manko mit Erfahrung und Gewitztheit wieder wettmacht.

"Cockney vs. Zombie" - Trailer

Fazit

In Horrorgeschichten geht es vor allem um die Angst vor dem Fremden, dem Unbekannten und Unerwarteten. Und solange wir jung sind, ist uns nichts so fern und fremd wie das Alter. Aus der Unbekümmertheit des Gefühls, ewig Jung zu sein, wird mit den Jahren die schleichende Sorge, dass dem doch nicht so sein könnte. Dass wir doch irgendwann alt werden. Uns wird bewusst, wir müssen eines Tages sterben und der weg dorthin könnte zu einer Herausforderung werden. Wir sehen ältere Menschen und denken nicht mehr "kann mir nicht passieren", sondern: "Könnte ich es einmal sein?". Der Prozess des Alterns bleibt uns fremd, doch der Schrecken davor nimmt zu. Die Angst, nicht mehr Herrin über den eigenen Körper oder gar den eigenen Geist zu sein. Oder sich auf die Hilfe anderer verlassen zu müssen.

Horrorliteratur und -filme können uns dabei helfen, reale Ängste besser zu verarbeiten. Es gibt Studien, die zeigen, dass dies schon für Kinder gilt, die Gruselgeschichten lesen und durch diese simulierten Schrecken für die spätere Verarbeitung realer Probleme trainieren. Und so können wir uns auch mit dem vermeintlichen Schrecken des Alterns auseinandersetzen, indem wir uns ihm in Form von Horrorgeschichten nähern, deren starken übernatürlichen Metaphern oft für reale Probleme stehen und uns diese auf fiktive Weise unterhaltsam und damit wirkungsvoller näherbringen.

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