Zehn der schönsten Bücher von Ursula K. Le Guin

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Zehn der schönsten Bücher von Ursula K. Le Guin


Womit beginnen? Diese Frage stellt sich unausweichlich, wenn man sich dem Gesamtwerk von Ursula K. Le Guin gegenübersieht. Karen Nölle, Le-Guin-Liebhaberin und Übersetzerin von Freie Geister und der klassischen Erdsee-Trilogie, macht umsichtige Vorschläge.

Anfang der 1950er hat sie mit dem Schreiben begonnen, von 1964 an regelmäßig veröffentlicht. Bei ihrem Tod im Januar 2018 hinterließ Ursula K. Le Guin 23 Romane, zwölf Bände mit Erzählungen, elf Gedichtbände, 14 Kinderbücher, sieben Essaybände, eine Reihe Übersetzungen unter anderem des Tao-Te-King von Laotse und allerlei Weiteres. Ihre intensivste Schaffenszeit lag in den späten Sechzigern und frühen Siebzigern, danach ging es in ruhigerem Tempo weiter. Eine Top Ten oder überhaupt eine Rangliste zu erstellen ist für mich nicht möglich. Eigentlich bin ich immer vom zuletzt Gelesenen so beeindruckt, dass ich allen, die mir zuhören mögen, damit in den Ohren liege, wie kämpferisch, wie klug, wie erfinderisch die Bücher sind. Wie ernst es der Autorin mit der Freiheit ist. Hier also eine ganz subjektive Liste meiner zehn Lieblinge im Moment. Nicht alles ist übersetzt, darum von Fall zu Fall die englischen Titel.

 

1.    Die Erdsee-Bücher mit den sechs Bänden Ein Magier von Erdsee, Die Gräber von Atuan, Das fernste Ufer, Tehanu, Geschichten von Erdsee und Der andere Wind handeln von einem Inselreich, in dem Magie zum Alltag gehört und Drachen durch die Lüfte fliegen. Die drei ersten Bücher schrieb Ursula K. Le Guin in einem Zug von 1968 bis 1972. Sie wurden weltweit begeistert gelesen und haben auch nach fünfzig Jahren nichts von ihrem Zauber verloren. Darin geht es um Mut und Macht, tödliche Bedrohungen, gefährliche Abenteuer, aber weder Krieg noch Schlachtgetümmel. Was der Magier Ged, die Priesterin Tenar und der künftige König Lebannen zu bestehen haben, zielt mitten ins Leben. Und weil die Geschichten sich um zentrale Elemente von Le Guins Philosophie drehen, haben sie auch die Autorin nicht losgelassen. Sie kehrte immer wieder nach Erdsee zurück, um es weiter zu erkunden. Die Bände vier bis sechs erschienen in großen Abständen bis in ihr hohes Alter. (Deutsch von Hans-Ulrich Möhring, Karen Nölle und Sara Riffel)

2.    Noch einmal Erdsee: Tehanu. Den vierten Band der Erdsee-Serie schrieb Ursula K. Le Guin nach einer Pause von fast zwanzig Jahren. Sie hatte, nachdem der erste Band einen männlichen Helden hatte, für den zweiten eine weibliche Hauptfigur gewählt, für den dritten wieder einen Helden. Als  sie im vierten dazu ansetzte, wieder eine weibliche Figur in den Mittelpunkt zu stellen, ging ihr auf, wie wenig die klassischen Heldengeschichten für Frauenfiguren taugen. Bis sie wusste, was eine Heldin ausmachen könnte, vergingen Jahre. Herausgekommen ist ein anrührender Roman mit einem besonderen Blick auf Frauen und Männer, Drachen, Zauberer, Hexen und was das Leben von ihnen will. (Deutsch von Hans-Ulrich Möhring)

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3.    »Buffalo Gals Won’t You Come Out Tonight« ist eine Erzählung von 1987, in der sich Phantasie und Wirklichkeit auf produktive Weise reiben. Das Mädchen Myra überlebt einen Flugzeugabsturz, verliert dabei aber ein Auge. Die Tiere, Coyote, Rattle, Horse, Owl nehmen sich ihrer an und setzen ihr ein neues Auge ein. Fortan sieht sie immer zwei Welten gleichzeitig, die der Tiere, die den Menschen in einigem recht ähnlich sind, und die der Menschen, in der ein Loch klafft, dass alle Kräfte aufzusaugen droht.

4.    Das Wort für Welt ist Wald, 1972 erschienen, 1976 von Ursula K. Le Guin  mit einem ihrer hinreißenden Vorworte versehen, gehört zu den Büchern der Autorin, die von atemberaubender Aktualität sind. Wer sich nicht an die Sorgen um die schrumpfenden Ressourcen unseres Planeten in den Siebzigern erinnert, kann nur staunen, wie gut sie sich in den Typus des Waldvernichters und Welteroberers einfühlt, der auf einem (noch) herrlich bewaldeten Planeten, dessen Bevölkerung im Einklang mit der Natur lebt, Großrodungen durchsetzt. Auf Terra sind längst alle Wälder vernichtet, der Bedarf nach Holz ist groß, klar, dass im Weltraum weiter abgeholzt werden muss … (Deutsch von Gisela Stege)

5.    Die linke Hand der Dunkelheit wurde mit Preisen überhäuft. Für Ursula K. Le Guin war dieser Roman der große Durchbruch und ist ihr wohl originellstes Buch. 1969 erschienen, kommt die Geschichte für manche heutige Leser ungewohnt langsam in Gang. Aber ist es nicht auch gut, dass außergewöhnliche Geschichten sich in einem eigenen Tempo entfalten, damit man Zeit hat, sich auf das Besondere einzustimmen? Ein Gesandter bereist auf einem Planeten, auf dem immer Winter herrscht, zwei verfeindete Länder, die ihm in Vielem, vor allem aber darin fremd sind, dass die Menschen ihr Geschlecht nur während ihrer fruchtbaren Zeit ausbilden. Während dieser Phase, Kemmer genannt, können alle Mann oder Frau, Vater oder Mutter werden, und dazwischen gibt es lange Zeiten, in denen das Geschlecht keine Rolle spielt. Kein Wunder, dass die Liebe unter diesen Umständen ganz eigene Formen annimmt. (Deutsch von Gisela Stege)

6.    Freie Geister, englischer Titel The Dispossessed, ist eine zwiespältige Utopie, die auf zwei Himmelskörpern spielt, Urras und Anarres. Auf Urras herrschen erde-ähnliche Zustände — Kapitalismus, Ausbeutung, Stellvertreterkriege, bunte Üppigkeit —, auf dem kargen Anarres haben Anarchisten eine von Besitzdenken befreite Gesellschaft errichtet, die leider dem Bürokratismus verfällt. Zwischen die Mühlen dieser beiden gerät Shevek, ein anarresischer Physiker, dessen neue Theorie eine Kommunikation zwischen den Welten ohne Zeitverzug ermöglichen wird. Wie Le Guin den Menschen Shevek entwirft, wie sie die Vernunftgesellschaft schildert und mit welcher Klarheit sie »unsere« Genussgesellschaft in den Blick nimmt, ist für  mich ganz große Literatur, und nicht nur für mich. Freie Geister ist ein internationaler Klassiker geworden. (Deutsch von Karen Nölle)

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7.    Keine Zeit verlieren ist das letzte noch zu Lebzeiten entstandene Buch von Ursula K. Le Guin. Es enthält Blogbeiträge, die sie seit 2010 veröffentlicht hat, kurze, meinungsstarke Betrachtungen über das Altwerden, über Katzen, Politik, Bücher und den Literaturbetrieb. Sie vermitteln einen Eindruck von der Person hinter den Büchern und dem Humor einer Frau, die die Stärke besitzt, sich dem Ernst des Lebens auszusetzen. Wunderbar ihr Spaß am Sartre-Preis für die Ablehnung eines Literaturpreises; meine liebsten Texte sind: »Es muss nicht so sein, wie es ist«, »Über Wut« und die herrliche Tirade gegen das Überhandnehmen des Wörtchens fuck. (Deutsch von Anne-Marie Wachs)

8.    A Wave in the Mind, Language of the Night, Dancing at the Edge of the World sind Essaybände, in denen ich immer wieder blättere. Ursula K. Le Guin hat sich regelmäßig über das eigene Schreiben, die Werke anderer, die seltsamen Wege des Literaturbetriebs, der so darauf besteht, Science Fiction in die Genre-Ecke zu stellen und sie und ihre Kollegen nicht ernst zu nehmen geäußert und die Texte anschließend zu Bänden zusammengefasst. Sie geben Einblick in das Denken und das Wissen einer ungewöhnlichen, kämpferischen, unbestechlichen Frau.

9.    Always Coming Home, eine Gesellschaftskritik ganz eigener Art, halb Erzählung, halb ethnographischer Bericht, beginnt mit dem frappierenden Satz »The people in this book might be going to have lived a long long time from now in Northern California«. Man versteht ihn: Die Menschen in diesem Buch könnten eines fernen künftigen Tages irgendwann in Nordkalifornien gelebt haben. Aber der deutsche Satz zergeht längst nicht so auf der Zunge wie das Original und knüpft den Knoten, der den Inhalt des ganzen Buches in diesem einen Satz vorausnimmt, weniger elegant. Das Buch spielt lange nach dem Zusammenbruch der heutigen Gesellschaft und handelt von den Kesh, die wie ihre Nachbarvölker bemüht sind, im Einklang mit der Natur zu leben, statt sie sich zu unterwerfen. Wie sie das anstellen, erforscht die Ethnografin im zweiten Teil. Ursula K. Le Guin hat sogar die Musik dieser Menschen erfunden und bei Lesungen mit Musikern aufgeführt.

10.     Lao Tzu, The Tao Te Ching. A Book About the Way and the Power of the Way, neu ins Englische übersetzt von Ursula K. Le Guin. Wer Le Guin liest, stößt überall darauf, wie durchdacht und gefühlsgesättigt ihre Kritik an der Art ist, wie die heutigen Gesellschaften und die Menschen darin mit der Natur und mit einander umgehen. Dass sie nicht auf politischer Ebene zum Angriff rüstet, sondern tiefer geht, verleiht ihrer Kritik die Schärfe und den Wert. Die alten chinesischen Weisheitslehren waren ihr wichtige Begleiter, und so hat sie sich nach Jahrzehnten der Beschäftigung an die Übersetzung des Daodejing gewagt — und uns damit eine der Quellen ihres Denkens zum Geschenk gemacht.

 

Die Liste ließe sich fortsetzen. Meine Empfehlung lautet: Selber lesen!

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