Wesen und Wert von Macht: Ursula K. Le Guin über Tenar, ihre erste weibliche Hauptfigur

© Charles Vess

ESSAY

Wesen und Wert von Macht: Ursula K. Le Guin über Tenar, ihre erste weibliche Hauptfigur


In »Die Gräber von Atuan«, dem zweiten Band ihrer Erdsee-Saga, macht Ursula K. Le Guin ganz bewusst ein Mädchen zur Heldin – ohne dabei in Wunschdenken zu verfallen. Das Nachwort dokumentiert ihre Überlegungen zu Macht, Phantasie und ihre Erkenntnis, dass kein Geschlecht ohne das andere sehr weit kommt.

 

Mir wird oft nicht geglaubt, wenn ich sage, dass ich, als ich den »Magier von Erdsee« schrieb, keinerlei Pläne über das eine Buch hinaus hatte. Aber es ist wahr. Ich weiß – auf der ersten Seite des ersten Buches steht, dass Ged zu einem berühmten Magier wird, den man in Liedern und Gedichten besingt, als Drachenmeister und Erzmagier von Erdsee. All das scheint Fortsetzungen zu versprechen, aber ich schrieb es lediglich, um Lesern mitzuteilen, dass dies eine Welt war, in der Magie Macht besaß, in der es Drachen gab: eine Fantasywelt. Es ist gut, so etwas von Anfang an klarzustellen. Ich schrieb es außerdem, damit die Leser (und ich) sicher sein konnten, dass dieses wenig hoffnungsvolle Kind eine Zukunft hatte.

Ich hatte zu dem Zeitpunkt nicht die geringste Vorstellung, worum es sich bei einem Drachenmeister oder einem Erzmagier handelte. Die Wörter klangen gut. Was sie bedeuteten, konnte ich später herausfinden, wenn ich es brauchte.

In dem Buch bestand meine Aufgabe darin, den jungen Ged und seinen Schatten wieder zu vereinen. Dann konnte ich ihn in seine überragende Karriere entlassen. Schließlich ist das der Punkt, an dem viele Jugendbücher enden. Die meisten Romane übers Verlieben erzählen nicht von der Ehe, und die meisten Romane übers Erwachsenwerden erzählen nicht vom Erwachsensein.

Und so hatte ich, als ich die letzten Worte des Buches schrieb – »… bevor er unbeschadet durch die Drachenflur segelte und Erreth-Akbes Ring aus den Gräbern von Atuan nach Havnor holte und schließlich nach Rokh zurückkehrte, als Erzmagier aller Inseln der Welt« – , nicht etwa eine Vorankündigung für einen Folgeband im Sinn, sondern bloß ein klangvolles Ende für die vollendete Geschichte.

Dann jedoch …

Manchmal schreibt eine Autorin sich selbst eine Botschaft, die sie erst nach gegebener Zeit zu lesen versteht.

Im Anschluss an den »Magier« schrieb ich den Science-Fiction-Roman »Die linke Hand der Dunkelheit«. Als er fertig war, dachte ich »Was nun?« und kramte in meinem Kopf herum. Dort waren Ged und seine Erdsee-Welt munter und lebendig und warteten auf weitere Erkundungen. Und es gab diese interessante Bemerkung über einen Ring, der aus den Gräbern von Atuan geholt wurde … Atuan war eine kargische Insel. Ich hatte noch nicht viel über die Karger nachgedacht. Das waren ganz andere Menschen als die Bewohner des Inselreichs. Weißhäutige Barbaren, Seeräuber, unberechenbar. Aber wenn man Karger wäre, wer wäre man dann? Wem würde man vertrauen? Wo würde man leben? Was für ein Ort war Atuan?

Dann kam der große, unerwartete Anstoß zu dem Buch: eine Autoreise ins südöstliche Oregon, unser erster Besuch in Harney County, einem einsamen Hochland mit Bergen und endlosen Beifußebenen, ungetrübtem Himmel, riesigen Weiten und Stille. Nach der Rückreise, einer zweitägigen, ermüdenden und staubigen Fahrt mit unseren drei Kindern, wusste ich, dass mein Roman in dieser Wüste spielen würde. Immer wenn wir im Auto nicht gerade Fingeralphabet spielten oder »Forty-Nine Bottles« sangen, träumte ich von meiner Geschichte. Die Landschaft hatte sie mir geschenkt. Ich bin ihr ewig dankbar.

 

Dass man mir nicht glaubt, dass ich nicht von Anfang an eine Trilogie plante, liegt daran, dass Fantasy derzeit an endemischer Trilogitis (oder der noch schwereren Form dieser Krankheit, unheilbarem Serierismus) leidet. Für diese Epidemie trägt Tolkiens »Herr der Ringe«, dessen sechs Bücher in drei Bänden und mithin als Trilogie veröffentlicht wurden, eine wesentliche Verantwortung. Vermutlich trifft auch »Erdsee« eine Schuld, obwohl am Ende ebenfalls sechs Bände daraus wurden. … Aber als ich »Die Gräber von Atuan« zu schreiben begann, empfand ich das Buch, soweit ich mich erinnere, schlicht als Folgeband.

Und als geschlechtliche Abwechslung. Ged sollte eine Rolle darin spielen, aber im Mittelpunkt der Geschichte sollte ein Mädchen stehen. Ein Mädchen, das weit entfernt von den Städten des Inselreichs lebte, in einer abgelegenen Wüstengegend. Ein Mädchen, das weder nach Macht streben noch sich darin üben konnte wie der junge Ged, sondern dem sie aufgezwungen wurde. Ein Mädchen, das nicht von einem wohlmeinenden Lehrer getauft, sondern dem der Name durch einen maskierten Scharfrichter genommen wurde.

Der junge Ged bringt sich durch Stolz und Eigensinn um die gebotene Weisheit; die junge Tenar wird mit der willkürlichen Macht einer Göttin versehen, aber hat nichts darüber erfahren, wie man sein Leben als Mensch bestreitet.

Als ich die Geschichte 1969 schrieb, kannte ich keine Heldinnen in heroischen Fantasyromanen aus jüngeren Zeiten als die von Ariost und dem Renaissanceautor Tasso. Heutzutage gibt es jede Menge, wenn ich mich auch über einige wundere. Die weiblichen Krieger derzeitiger Fantasy-Epen – gnadenlose Schwertkämpferinnen ohne jede familiäre oder sexuelle Verantwortung, die umherjagen und Bösewichte abschlachten – wollen mir weniger wie Frauen vorkommen denn wie Jungs in Frauenkörpern und männlichen Rüstungen.

Dem sei, wie es mag. Als ich das Buch schrieb, brauchte es mehr Phantasie, als mir zu Gebote stand, um eine junge weibliche Figur zu schaffen, die mit großer Macht ausgestattet war und sie ohne weiteres als ihr gutes Recht empfand. Das schien mir damals nicht plausibel. Da ich aber über die Menschen schrieb, die in den meisten Gesellschaften nicht viel Macht bekommen – Frauen – , erschien es mir vollkommen plausibel, die Heldin in eine Lage zu versetzen, die sie dazu veranlasste, das Wesen und den Wert von Macht an sich zu hinterfragen.

Das Wort »Macht« hat zweierlei Bedeutungen. Als »Macht zu« steht sie für: Stärke, Talent, Geschicklichkeit, Kunst, besonderes handwerkliches Können, Autorität durch Wissen. Als »Macht über« für: Herrschaft, Vorherrschaft, Gewalt, Sklavenhaltung, das Bestimmen über andere.

Ged wurden beide Formen der Macht geboten. Tenar nur eine.

Heroische Fantasyromane gehen auf eine archaische Welt zurück. Über diesen Archaismus hatte ich noch nicht viel nachgedacht. Meine Handlung war in einer alten Gesellschaftshierarchie angesiedelt, jener vermutlich militärisch begründeten Pyramidenstruktur, in der Befehle von oben kommen und ein einziger Machthaber an der Spitze steht. Das ist die Welt von »Macht über«, in der Frauen von jeher geringgeschätzt wurden.

In einer solchen Welt konnte ich ein Mädchen zum Mittelpunkt meiner Geschichte machen, aber ich konnte es nicht mit der Freiheit oder den Chancen ausstatten, die ein Mann hätte. Sie konnte kein Held im Sinne einer Heldengeschichte werden. Nicht einmal in einem Fantasyroman? Nein. Denn für mich ist Fantasy kein Wunschdenken, sondern eine Form des Nachdenkens, eine Art, die Wirklichkeit zu reflektieren. Schließlich ist die Wirklichkeit, in der wir leben – selbst in einer Demokratie, selbst im zweiten Jahrzehnt des einundzwanzigsten Jahrhunderts und nach vierzig Jahren feministischer Bemühungen – noch immer ein top-down Machtgefüge, das von Männern begründet und weiterhin von Männern beherrscht wird. 1969 erschien mir diese Wirklichkeit als nahezu unumstößlich.

Deshalb schenkte ich Tenar »Macht über« – eine absolute, geradezu göttliche Form der Herrschaft –, aber es war ein Geschenk, das wenig Gutes bringen konnte. Ihr war aufgetragen, die dunkle Seite der Welt kennenzulernen, so wie es Ged aufgetragen war, die Dunkelheit im eigenen Herzen zu erkunden.

Wesen und Wert von Macht: Ursula K. Le Guin über Tenar, ihre erste weibliche Hauptfigur

© Charles Vess

Im »Magier von Erdsee« wird angedeutet, dass die Karger keine Magie praktizieren, weil sie böse sei, aber einen engeren Kontakt zu den Alten Erdmächten pflegen als Geds Landsleute. Im Inselreich liegt starke, aktive Magie fast ganz in den Händen von Männern; Hexen misstraut man, unter anderem weil es keine Ausbildung für sie gibt. Und die Alten Mächte werden üblicherweise mit einem Vokabular beschrieben, wie Frauenfeinde es für Frauen verwenden: als rätselhaft, dunkel, schwach und heimtückisch.

In den »Gräbern von Atuan« erscheinen die Alten Mächte, die Namenlosen, als mysteriös, bedrohlich und dennoch inaktiv. Arha / Tenar ist ihre Priesterin, die größte aller Priesterinnen, der sich angeblich selbst der Gottkönig zu fügen hat. Doch was ist ihr Reich? Ein Gefängnis in der Wüste. Von Eunuchen bewachte Frauen. Alte Grabsteine, ein halbverfallener Tempel, ein leerer Thron. Ein beängstigendes unterirdisches Labyrinth, in dem man Gefangene verhungern und verdursten lässt, in dem nur sie allein sich aufhalten und das niemals von Licht erhellt werden darf. Sie herrscht über ein dunkles, leeres, nutzloses Reich. Ihre Macht nimmt sie gefangen.

Das ist nicht die angenehme Erfüllung, die viele Romane damals den Jugendlichen boten. Es ist ein sehr düsteres Bild davon, was einem Mädchen passieren kann. Arhas Leben ist langweilig, immer gleich und, wenn man von dem Eunuchen Manan absieht, fast ohne Wärme. Das dritte Kapitel ist vielleicht die grausamste, hoffnungsloseste Passage in allen Erdsee-Büchern. Indem Arha in den Tod »ihrer« Gefangenen einwilligt, schließt sie sich selbst ins Gefängnis ein. Ihr ganzes Leben wird sich in einer Falle abspielen.

Sie kann erst entkommen, als sie Ged zu ihrem Gefangenen macht. Dann übt sie zum ersten Mal ihre »Macht zu« aus – ihre Freiheit zur eigenen Entscheidung. Sie entschließt sich, ihn leben zu lassen. Und eröffnet sich damit die Möglichkeit zu erkennen, dass sie, indem sie ihn befreit, auch sich selbst befreien kann.

Manche Leute haben die Geschichte so gelesen, als nährte sie die Vorstellung, dass eine Frau einen Mann brauche, um überhaupt etwas auszurichten (worauf einige beifällig nickten und andere murrten und schimpften). Natürlich würde Arha / Tenar feministische Idealistinnen mehr zufriedenstellen, wenn sie alles selbst zuwege brächte. Aber die Wahrheit, wie ich sie sah und im Roman niederschrieb, war, dass sie es nicht konnte. Meine Phantasie lieferte kein Szenario, in dem sie es hätte tun können, weil mein Herz mir unmissverständlich sagte, dass kein Geschlecht ohne das andere sehr weit kommt. Deswegen kann sich in meiner Geschichte weder die Frau noch der Mann ohne den jeweils anderen befreien. Nicht aus dieser Falle. Sie muss ihn und er muss sie um Hilfe bitten, und beide müssen lernen, sich aufeinander zu verlassen und gegenseitig zu vertrauen. Ein großer Lernschritt, eine neue Erkenntnis für diese beiden starken, eigensinnigen, einsamen Seelen.

Beim Wiederlesen des Buches mehr als vierzig Jahre, nachdem ich es schrieb, wundere ich mich über einiges. Es war mein erstes Buch mit einer weiblichen Hauptfigur. Tenar als Figur und die Ereignisse in der Geschichte kamen tief aus meinem Inneren, so tief, dass die unterirdische, labyrinthische Bilderwelt und eine gewisse vulkanische Qualität kaum verwunderlich sind. Aber was ist mit der Finsternis, der Grausamkeit, der Rachsucht? Schließlich hätte ich sie doch einfach entkommen lassen können. Warum habe ich die gesamte Gräberstätte durch ein Erdbeben zerstört? Die Vernichtung ihres Tempels in einem gigantischen Wutanfall ist eine Art riesiger Selbstmord der Namenlosen. Vielleicht war es die ganze primitive, verabscheuenswerte Vorstellung vom Weiblichen als dunkel, blind, schwach und böse, die dort vor meinen Augen auf einem Wüstenboden erbebte, in sich zusammenstürzte und zu Trümmern zerfiel. Und ich frohlockte über den Zerfall. Das tue ich bis heute.

Als ich Jahre später in den letzten drei Bänden von Erdsee dazu kam, die Geschichte von Tenar fortzuschreiben und erneut über die Alten Erdmächte, das Wesen der Magie und die Geschichte von Erdsee nachzudenken, konnten Tenar und ich all diese Dinge in einem anderen Licht sehen, unter einem weiteren, freundlicheren Himmel.

 

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Deutsch von Karen Nölle

 

© 2018 by Ursula K. Le Guin.
Für die deutschsprachige Ausgabe: © 2018 by S. Fischer Verlag.

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