»Ich beteilige mich nicht an Kriegsspielen« – Ursula K. Le Guin über Konventionen und Originalität in »Erdsee«

© Charles Vess

ESSAY

»Ich beteilige mich nicht an Kriegsspielen« – Ursula K. Le Guin über Konventionen und Originalität in »Erdsee«


Als Ursula K. Le Guin mit ihrem Romanzyklus »Erdsee« begann, waren Magier weiße alte Männer mit langen Bärten und spitzen Hüten. Und Fantasy war sowieso nur Kinderkram. In ihrem Nachwort zu »Ein Magier von Erdsee« (Erdsee-Saga 1) erklärt sie ihre Gedanken bei der Entstehung des großen Fantasy-Klassikers.

 

E s war einmal vor langer Zeit, da fragte mich ein Verleger, ob ich nicht einen Roman für Jugendliche schreiben wolle. »O nein!«, sagte ich. »Nein, vielen Dank, aber das könnte ich nicht!«

Die Vorstellung, für ein bestimmtes Publikum oder ein bestimmtes Alter zu schreiben, schreckte mich ab. Ich hatte Fantasy und Science Fiction veröffentlicht, aber mich interessierte die Form an sich und nicht, welche Menschen die Bücher lasen und wie alt sie waren. Aber vielleicht war das eigentliche Problem, dass ich so viele Jahre lang Romane geschrieben und an Verleger geschickt hatte, um darauf zu erleben, wie sie mit einem dumpfen Geräusch wieder auf meiner Fußmatte landeten, und es mir deshalb schwerfiel zu begreifen, dass ein Verleger mich tatsächlich gebeten hatte, ein Buch zu

schreiben …

Der Verleger war Herman Schein von Parnassus Press in Berkeley, bei dem die Kinderbücher meiner Mutter erschienen. Er wollte anfangen, auch Bücher für ältere Kinder zu verlegen. Als ich »O nein!« sagte, antwortete er bloß: »Na, denken Sie darüber nach. Fantasy vielleicht – was immer Sie wollen.«

Ich dachte darüber nach. Langsam begann die Idee zu wirken. Würde es so anders sein, für Jugendliche zu schreiben, als einfach nur zu schreiben? Wieso? Auch wenn manche Erwachsene es nicht so zu sehen scheinen, sind Jugendliche vollständige Menschen. Und einige von ihnen lesen so eifrig und intensiv, als hinge ihr Leben davon ab. Vielleicht ist das bisweilen so.

Und Fantasy – reine, altmodische Fantasy, nicht mit Science Fiction vermischt – die Vorstellung gefiel mir. Ich hatte mein Leben lang von Magiern, Drachen, Verzauberungen gelesen …

Damals, 1967, waren alle Magier mehr oder weniger wie Merlin und Gandalf. Alte Männer, spitze Hüte, weiße Bärte. Aber mein Buch sollte für junge Leute sein. Nun, Merlin und Gandalf mussten auch mal jung gewesen sein, oder? Und als sie jung waren, als sie dumme Jungs waren, wie hatten sie da gelernt, zu Magiern zu werden?

Schon hatte ich mein Buch.

Nicht sofort, natürlich. Es dauert eine Weile, bis ein Roman geschrieben ist. Dieser kam jedoch recht schnell und leicht voran. Als ich anfing, hatte ich die Handlung nicht genau umrissen, aber die Geschichte war mir klar. Ich wusste, wer Sperber war, und auch grob, wie seine Entwicklung verlief – was er durchmachen musste, um ein Magier, und vor allem, um zu Ged zu werden. Beim Schreiben ging mir dann durch das, was er tat und sagte, wohin er ging und wem er dort begegnete, auf, wie es mit ihm weitergehen musste, was er als Nächstes zu tun und wohin er als Nächstes zu gehen hatte.

Doch das Wo ist im Reich reiner Phantasie genauso wichtig wie hier in der Weltlichkeit. Bevor ich zu schreiben begann, besorgte ich mir ein großes Blatt Packpapier und zeichnete die Karte. Ich zeichnete sämtliche Inseln von Erdsee, das Inselreich, die Kargadinseln, die Marken. Und ich gab ihnen Namen: Havnor, die große Insel am Nabel der Welt; Selidor im äußersten Westen, die Drachenflur und Hur-at-Hur und alle anderen. Doch richtig kennenzulernen begann ich sie erst, als ich mit Ged von Gont aufbrach. Mit ihm kam ich erstmals nach Rokh, auf die Neunzig Inseln, nach Osskil und weiter in Richtung Osten als Astowell. Und mit ihm betrat ich erstmals das dunkle, dürre Land hinter der Mauer, in das die Toten eingehen müssen. Eine Reise, die mehr als lang, seltsam und weit genug war für ein einziges Buch.

 

Heute ist Fantasy ein Zweig der Verlagswirtschaft mit vielen Titeln, vielen Fortsetzungsbänden, ungeheuren Erfolgserwartungen und Gemeinschaftsproduktionen von Buch und Film. 1967 war sie praktisch nirgends. Kinderkram. Das einzige Fantasy-Werk für Erwachsene, von dem die meisten Leute gehört hatten, war »Der Herr der Ringe«. Es gab andere, teils ganz wundervolle, aber sie schlummerten größtenteils in kleinen Antiquariaten, in denen es nach Katzen und Moder roch. Inzwischen fehlen diese Buchläden, die Katzen, die Stockflecken, der Entdeckungskitzel. Fantasy als Fließbandware lässt mich kalt.

Aber ich freue mich, wenn sie so geschrieben ist, wie es früher war – als Literatur – , und wenn sie als solche anerkannt wird.

Als »Ein Magier von Erdsee« erschien, hatte es noch kein Buch seiner Art gegeben. Es war originell, etwas Neues. Und gleichzeitig konventionell genug, um die Rezensenten nicht zu verschrecken. Es wurde positiv aufgenommen. Der Horn Book Award des Boston Globe half ihm auf seinem Weg. Ebenso die Tatsache, dass Fantasy nicht »für« ein bestimmtes Alter geschrieben, sondern als Literatur jedem zugänglich ist, der liest. Mein Magier schaffte es nicht auf die Bestsellerlisten, aber er fand Jahr für Jahr Leser. Das Buch ist bis heute ohne Unterbrechung auf dem Markt.

Die Konventionalität wie die Originalität der Geschichte spiegeln ihre Zugehörigkeit zu einer anerkannten, von mir partiell unterwanderten Tradition, einer, mit der ich aufgewachsen bin. Es ist die Tradition der Phantastik und der Heldengeschichten, die wie ein großer Fluss aus den Quellen im Gebirge des Mythos durch die Zeiten zu uns führt – ein Zusammenfluss aus Volks- und Kunstmärchen, klassischen Epen, den Ritterromanen des Mittelalters, den Abenteuer- und Liebesgeschichten der Renaissance und der östlichen Kulturen, Balladen, viktorianischen Phantasieerzählungen, und der Phantastik des 20. Jahrhunderts wie etwa dem Artus-Zyklus von T. H. White und dem großartigen Werk Tolkiens.

Der überwiegende Teil dieser Flut wurde für Erwachsene geschrieben, doch die Literaturideologie der Moderne teilte sie ganz den Kindern zu. Und die Kinder schwammen glücklich darin herum wie in ihrem natürlichen Element, bis ein Lehrer oder Professor ihnen sagte, dass sie jetzt rauskommen und sich abtrocknen müssten, um fortan für immer Moderne zu atmen.

Der Teil der Tradition, mit dem ich am besten vertraut war, wurde im Wesentlichen in England und Nordeuropa verfasst (oder für Kinder umgeschrieben). Die Hauptfiguren waren Männer. Wenn es um Helden ging, war der Held ein weißer Mann; die meisten Dunkelhäutigen waren minderwertig oder böse. Wenn eine Frau darin vorkam, war sie ein passives Objekt der Begierde oder musste gerettet werden (eine schöne blonde Prinzessin); aktive Frauen (dunkel, Hexen) lösten gewöhnlich Zerstörung oder Tragödien aus. Aber es ging in den Geschichten nicht um die Frauen. Sie drehten sich um Männer, um das, was Männer taten und was Männern wichtig war.

In diesem Sinne war der »Magier« vollkommen konventionell. Der Held tut das, was von einem Mann erwartet wird: Er steigt mit Hilfe seiner Kraft, seiner Intelligenz und seines Mutes aus niederen Anfängen zu großem Ruhm und großer Macht auf – in einer Welt, in der Frauen zweitrangig sind, der Welt des Mannes.

In anderer Hinsicht hielt sich meine Geschichte nicht an die Tradition. Ihre subversiven Elemente erregten wenig Aufmerksamkeit, zweifellos weil ich sie absichtlich diskret handhabte. 1967 waren viele weiße Leser nicht bereit, einen dunkelhäutigen Helden zu akzeptieren. Aber sie rechneten auch gar nicht mit solchen. Ich habe es nicht eigens thematisiert, und man muss schon ein ganzes Stück gelesen haben, bis deutlich wird, dass Ged, wie die meisten der Figuren, nicht weiß ist.

Die Hautfarbe seiner Landsleute, der Bewohner des Inselreichs, variiert zwischen Kupfer- und Kaffeebraun, das in den Ost- und Südmarken mehr zu Schwarz tendiert. Die Hellhäutigen unter ihnen haben Vorfahren aus dem hohen Norden oder den Kargadinseln. Die kargischen Angreifer im ersten Kapitel sind weiß. Serret, die Ged als Mädchen und als Frau hintergeht, ist weiß. Ged ist kupferbraun, und sein Freund Vetsch ist schwarz. Ich widersetzte mich der rassistischen Tradition, aber ich tat es leise, und es blieb fast unbemerkt.

Leider hatte ich damals nicht die Macht, mich gegen die schlichte Weigerung vieler Verlage zur Wehr zu setzen, Menschen dunkler Hautfarbe auf einen Buchumschlag zu setzen. Und so blieb über viele spätere blütenweiße Geds hinweg Ruth Robbins Bild für die erste Ausgabe – das schöne, starke Profil eines jungen Mannes mit kupferbrauner Haut – für mich das einzige richtige Titelbild des Buches.

Auch darin, was Helden und Bösewichte ausmacht, ging meine Geschichte eigene Wege und wich von der Tradition ab. In Heldengeschichten und Fantasyabenteuern liegt der rechtschaffene Held traditionell im Krieg mit ruchlosen Feinden und trägt (meistens) den Sieg davon. Diese Konvention war und ist so dominant, dass sie stillschweigend als selbstverständlich gilt: In heroischen Fantasyromanen kämpfen »natürlich« die Guten gegen die Bösen, und es herrscht Krieg.

In Erdsee jedoch gibt es keine Kriege. Keine Soldaten, keine Heere, keine Schlachten. Keinen Militarismus, wie er aus der Artus-Sage und anderen Quellen übernommen wurde und inzwischen unter dem Einfluss der Fantasy-Kriegsspiele fast zwingend geworden ist.

Ich denke nicht so und habe noch nie so gedacht; mein Denken dreht sich nicht um Krieg. Meine Phantasie weigert sich, die vielen Elemente, die zu einer Abenteuergeschichte gehören und sie aufregend machen – Gefahr, Wagnisse, Herausforderungen, Mut – , auf Schlachtfelder zu beschränken. Ein Held, dessen Heldentum darin besteht, andere umzubringen, ist für mich uninteressant, und ich verabscheue die hormonellen Kriegsorgien unserer visuellen Medien, das mechanische Gemetzel endloser Bataillone schwarzgekleideter, gelbzähniger, rotäugiger Dämonen.

Krieg als moralische Metapher ist beschränkt, einschränkend und gefährlich. Durch eine Reduktion von Handlungsoptionen auf »Krieg gegen« was auch immer teilt man die Welt in Ich und Wir (gut) und Sie oder Es (schlecht) und reduziert die ethische Komplexität und den moralischen Reichtum unseres Lebens auf ja / nein, an / aus. Das ist kindisch, irreführend und entwürdigend. Es entzieht Geschichten jede andere Lösung als Gewalt und bietet dem Leser nichts als infantile Vergewisserung. Die Helden solcher Fantasyromane verhalten sich allzu oft genauso wie die Bösewichte und üben hirnlose Gewalt aus, mit dem einzigen Unterschied, dass der Held auf der »richtigen« Seite steht und deswegen gewinnen wird. Recht schafft Macht.

Oder schafft Macht Recht?

Wenn Krieg das einzige Spiel ist, das gespielt wird, ja. Dann schafft Macht Recht. Und deshalb beteilige ich mich nicht an Kriegsspielen.

Um zu dem Mann zu werden, der in ihm steckt, muss Ged herausfinden, wer und was sein wahrer Feind ist. Er muss herausfinden, was es heißt, er selbst zu sein. Das erfordert keinen Krieg, sondern eine Suche und eine Entdeckung. Die Suche führt ihn durch tödliche Gefahren, Verlust und Leiden. Die Entdeckung bringt ihm den Sieg, die Art von Sieg, die nicht das Ende einer Schlacht, sondern der Anfang eines Lebens ist.

 

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Deutsch von Karen Nölle

 

© 2018 by Ursula K. Le Guin.
Für die deutschsprachige Ausgabe: © 2018 by S. Fischer Verlag.

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